Lebensdaten
1842 bis 1912
Geburtsort
(Hohenstein-)Ernsthal bei Chemnitz
Sterbeort
Radebeul bei Dresden
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118818651 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • May, Karl
  • Diaz de LaEscosura, Ramon
  • Diaz de la Escosura, Ramon
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Zitierweise

May, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118818651.html [20.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich August Krätschmar, seit 1836 M. (1810-88), Zeug- u. Leinewebermeister in E., S d. Webers Christian Friedrich in Hohenstein u. d. Joh. Christiane Kretzschmar;
    M Christiane Wilhelmine (1817–85), Hebamme, T d. Webers Christian Friedrich Weise in Hohenstein u. d. Christiane Friederike Günther;
    1) Ernstthal 1880 ( 1903) Emma (1856–1917), unehel. T d. Emma Ernestine Pollmer, 2) Radebeul 1903 Klara (1864–1944), Wwe d. Richard Plöhn (1853–1901), Gründer u. Teilh. d. Fa. Plöhn & Hopf (Äther u. Öle), T d. Schloßkastellans Heinrich Beibler in Dessau u. d. Wilhelmine Höhne; kinderlos.

  • Leben

    Die abenteuerlichen Reiseerzählungen M.s sind im Laufe ihrer hundertjährigen Wirkungsgeschichte in den Kreis der anerkannten literarischen Werke aufgenommen worden. Schriftsteller, Philosophen und Politiker haben den ebenso bekannten wie wegen der hemmungslosen Idealisierung seiner eigenen Person und der mangelhaften literarischen Qualität seiner Werke umstrittenen Erfolgsschriftsteller zitierfähig gemacht.

    Aufschlußreichstes und zuweilen unkritisch übernommenes Zeugnis der Persönlichkeit M.s ist die Autobiographie „Mein Leben und|Streben“ (I, 1910, ein 2. Bd. ist nie erschienen), die unter dem Eindruck schwindender öffentlicher Anerkennung – Kulturreformer wie H. Wolgast warfen M. vor, mit (unsittlichem) Schund die deutsche Jugend zu verderben – verfaßt worden ist. Seit 1896, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, hatte sich der Autor als authentischer Held seiner Romane ausgegeben und auf Kostümphotos als Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi posiert. Da sich dieser Schein wegen gerichtlicher Auseinandersetzungen und Pressekampagnen nicht aufrechterhalten ließ, verteidigte sich M. autobiographisch, indem er seinen Lebenslauf als Bedingung für sein Werk setzte und Anspruch auf psychologisches Verständnis erhob. In der Autobiographie erklärt er, eine zeitweilige Erblindung in früher Kindheit sowie die ausführlichen Märchenerzählungen seiner Großmutter seien bestimmend gewesen für die spätere Fabulierlust. Beide Inspirationsquellen sind allerdings nur durch den Autobiographen bezeugt. Als Determinante der Entwicklung seiner Phantasie hatte er bereits 1899 die abenteuerlichen Erzählungen eines Paten, des Ernstthaler Schmiedemeisters Christian Weißpflog (1819–94) genannt. Daneben gibt M. in der Rückschau die Bekanntschaft mit der zeitgenössischen Unterhaltungs- und Trivialliteratur in der Leihbibliothek als den Grund für seine zeitlebens mehr oder minder offenkundige Verwechslung von Leben und Roman an und bezeichnet es als das entscheidende Versäumnis seiner Eltern, diese Schundlektüre nicht verhindert zu haben. Auch mit dem Hinweis auf die herrschende Armut und Arbeitslosigkeit im erzgebirgischen Webermilieu sucht er seine Entwicklung verständlich zu machen. Daß es M. dennoch möglich wurde, seit 1856 ein Lehrerseminar in Waldenburg zu besuchen, verdankte er vor allem einer kleinen Erbschaft, mit der die Mutter eine Hebammenausbildung finanzieren und so seit 1846 die wirtschaftliche Situation verbessern konnte.

    Die Zeit zwischen 1862 und 1874 charakterisiert M. als abgründige, für seine Entwicklung notwendige Periode eines Kampfes mit sich selbst. Wegen Veruntreuung 1860 der Lehranstalt verwiesen, hatte M. 1861 am Lehrerseminar in Plauen die Befähigung zum Hilfslehrer erhalten. Seine erste Anstellung an einer Armenschule in Glauchau im Okt. 1861 verlor er nach 14 Tagen, nachdem sein Hauswirt ihn unsittlichen Verhaltens gegenüber seiner Frau bezichtigt hatte. Seine schon im folgenden November angetretene Tätigkeit an zwei Fabrikschulen in Altchemnitz schloß noch im Dezember mit einer Verhaftung wegen angeblichen Diebstahls; er wurde ohne wirkliche Beweise verurteilt und verbüßte im Herbst 1862 eine sechswöchige Haftstrafe. Es folgte der endgültige Entzug der Lehrerlaubnis im Juni 1863. M. geriet nun bald tatsächlich auf Abwege. Wegen Diebstahls, Betrugsdelikten und Widersetzung verbrachte er bis 1874 insgesamt siebeneinhalb Jahre im Zuchthaus und in Gefängnissen. In den folgenden 30 Jahren konnte er diese Erlebnisse vor der Öffentlichkeit vertuschen. Die nach der Entlassung aus dem Zuchthaus Waldheim 1874 einsetzende Schreibarbeit greift die kriminellen Akte allerdings immer wieder auf, wandelt und stilisiert sie, bis das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein, der Selbstgerechtigkeit des alternden „Edelmenschen“ gewichen ist. „Die Miasmen einer vergifteten Kinder- und Jugendzeit“ abgelegt und nur mehr nach dem Edelmenschentum gestrebt zu haben, so interpretierte er sich 1910.

    M.s Dichtung ist mit Recht nach Freud als „Wunscherfüllung“ gedeutet worden. Das kompensatorische Moment zeigt sich vor allem an dem stereotypen, märchengleichen Sieg des guten Deutschen über die böse Welt. Schauplatz dieses phantasievoll variierten moralischen Kampfs war zunächst das heimische Erzgebirge. „Die Rose von Ernstthal“ (1875, in: Deutsche Novellenflora) war die erste unter M.s Namen veröffentlichte Erzählung. Redakteursverträge bei den Verlagen Münchmeyer (seit 1875) und Radelli (1878), die Trivial- und Unterhaltungszeitschriften verlegten, bestätigten M. in seinen Vorstellungen. Auch beim Pustet-Verlag in Regensburg, der seit 1874 den „Deutschen Hausschatz“ als kath. Gegenstück zur „Gartenlaube“ herausgab, traf M. auf Interesse. Er erhielt Ende 1879 einen festen Mitarbeitervertrag für das Familienblatt und schrieb die umfangreichen „Reiseerinnerungen aus dem Türkenreiche“ „Giölgeda Padishanün“ (1881) samt Fortsetzungen (aus denen später der Roman „Durch die Wüste“ hervorging). Kurz darauf schloß M., ohne die bestehenden Vertragsverpflichtungen lösen zu wollen, einen Lieferungsvertrag mit seinem Hausfreund, dem Kolportagehersteller H. G. Münchmeyer in Dresden ab. Fünf Romane, d. h. insgesamt 513 Hefte mit 12 390 Seiten, erschienen zwischen 1882 und 1886. Zu ihnen zählen „Das Waldröschen“ (veröffentlicht unter dem Pseudonym „Capitain Ramon Diaz de la Escosura“), „Die Liebe des Ulanen“ (als einziger unter M.s Namen erschienen), „Der verlorene Sohn“, „Deutsche|Herzen - Deutsche Helden“ sowie „Der Weg zum Glück“. Gerade diese Romane waren es, die M. um die Jahrhundertwende den Vorwurf eines unsittlichen Schundschriftstellers einbrachten. Zwar wurde dem Autor 1909 gerichtlich bestätigt, fünf Prozent seiner Texte seien durch Verlegerhand geändert worden, doch sein grundsätzlicher Versuch, die Urheberschaft zu dementieren, mißlang.

    Die wachsende Resonanz auf die in Zeitschriften veröffentlichten Abenteuergeschichten mit Seriencharakter und exotischem Flair veranlaßte den Freiburger Verleger Fehsenfeld zu einer Buchausgabe der Reiseromane und -erzählungen (Ausgabe letzter Hand, 1892–1910). Die 33 Bände in gediegener grün-goldener Aufmachung erreichten bis zu M.s Tod eine Gesamtauflage von ca. 1,5 Millionen; sie greifen zum Teil Gestalten, Motive, Episoden und Formulierungen aus früheren Werken auf, zum Teil wurden sie eigens für diese Ausgabe verfaßt. Zu den Reiseerzählungen, die M.s Popularität noch heute bestimmen, gehören „Giölgeda Padishanün“ (Im Schatten des Großherrn, in der Ausgabe letzter Hand als Bd. 1-6, 1892 f., u. d. T. „Durch Wüste und Harem“, seit 51896 „Durch die Wüste“ usw.) und „Winnetou“ (Bd. 1-3, 1893, Bd. 4, 1910). Als „Kara Ben Nemsi“ für den orientalischen, als „Old Shatterhand“ für den amerikan. Bereich inszenierte M. sich ausgiebig als welterfahrenen Helden.

    Was die sogenannten Kolportageprodukte von den exotischen Reiseerzählungen unterscheidet, ist weder die Verwendung der Welt als Schauplatz moralischer Siege noch ein „Verzicht auf das weibliche Element“ (Arno Schmidt). Der wesentliche Unterschied liegt vielmehr in drei Faktoren: 1. wechselt der Erzähler von der dritten zur ersten Person; dieser Wechsel steigert die Glaubwürdigkeit des Erzählten und ermöglicht ihre Inanspruchnahme durch den Erzähler (1896 wurde die Fehsenfeld-Ausgabe von „Reiseromane“ in „Reiseerzählungen“ umbenannt). 2. werden die stets deutschen Helden von den Motiven der Rache und der persönlichen Betroffenheit befreit, das Gute als ein fragloses, auf eine Person konzentriertes Prinzip dargestellt; 3. wird zur Beglaubigung des Helden und seiner abstrakten Absicht, Recht und Ordnung im Land der Skipetaren oder im Wilden Westen durchzusetzen, von M. das Grundmotiv Tourismus in seine Erzählungen eingeführt; als durchschnittlicher Reisender vorgestellt, kann Kara Ben Nemsi Land und Leute kennenlernen (Namen, Stadtbeschreibungen und Landschaftsschilderungen sind z. T. wörtlich aus Lexika und Reiseberichten entnommen), ohne daß die erzählte moralische Mission den Charakter eines subjektiven Einfalls erhält und dadurch willkürlich erscheint.

    Das durch eine „Villa Shatterhand“ in Radebeul bei Dresden, durch einen falschen Doktortitel und durch Werbeprospekte inszenierte Image M.s wurde ironischerweise zu einem Zeitpunkt zerstört, als er seine Phantasiereisen realiter nachzuholen suchte: Am 26.3.1899 reiste M. für 16 Monate in den Orient (amerikan. Boden betrat er zum ersten Mal 1908). Unter dem Eindruck der Prozesse und des öffentlichen Vorwurfs der Hochstapelei bekannte sich der alternde M. in seiner Autobiographie zu seinen Werken als Märchen und Symbolromanen. Um das so erfolgsträchtige moralische Prinzip in ein symbolisch gemeintes Menschheitsbild umzudeuten und sich des Anspruchs auf wahrhaftige Mitteilungen eines Weltreisenden zu begeben, bedurfte es keiner grundsätzlichen Änderung in der literarischen Arbeitsweise: Das bewährte Personal, das allwissende und allmächtige „Ich“ und seine Dienerschaft, paßt sich als Weltanschauungsträger ebensogut in eine geographisch bestimmbare wie in eine weltentlegene Wunderwelt ein.

    Die Symbolromane erfreuen sich unter den Forschern besonderer Schätzung, seit Arno Schmidt „Ardistan und Dschinnistan“ (1909) und Bd. III u. IV des vierbändigen Werks „Im Reiche des silbernen Löwen“ (1902-03) der Beachtung wert fand. M.s Versuch, in diesen Werken durch in Phantasieländern angesiedelte, verklärte Frauenfiguren und gnomen- oder riesenhafte Wundergestalten sowie mit Hilfe moralisierender Vorträge eine Zweiseelentheorie vorzustellen, nach der eine niedere Sphäre der Gewalt der Erlösung durch eine höhere edlen Menschentums bedarf, bietet sich aufgrund des Fortfalls der realitätsbetonenden touristischen Momente zur Deutung an. Der Autor selbst allerdings verstand seine nunmehr als Seelenlandschaften aufzufassenden Reiseromane als leicht verständliche Bilder, an deren moralischer Botschaft nichts Mystisches sei. Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Interpretationen von Arno Schmidt und Hans Jürgen Syberberg (biographische Verfilmung, 1974) als übersteigerte Varianten. Große Beachtung fand die 1982 in der DDR eingeleitete Wende in der Beurteilung M.s. Der bis dahin ungedruckte und wegen seines Nationalismus und kriminellen Lebenswandels verfemte Autor erfuhr mit Dokumentationen, der Einrichtung eines Museums in Radebeul|(1985) sowie der Drucklegung von zwei Bänden „Winnetou“ eine offizielle Anerkennung.

  • Werke

    Ausgg.: Ges. Reiseromane (ab 1896: Reiseerzählungen), 33 Bde., 1892-1910 (Freiburger Ausg., Neudr. 1982–84);
    Ges. Werke, 65 Bde., hrsg. v. E. A. Schmid, 1913-45 (Radebeuler Ausg.);
    Ges. Werke, 74 Bde., hrsg. v. E. A. Schmid u. Roland Schmid, 1961 ff. (Bamberger Ausg.);
    Reiseerzz. in Einzelausgg., 74 Bde., 1976 ff.;
    Werke, hrsg. v. H. Wiedenroth u. H. Wollschläger, Hist.-krit. Ausg. f. d. K.-M.-Gedächtnis-Stiftung, 1987 ff.

  • Literatur

    Bibliogr.: G. v. Wilpert, Literatur in Bildern u. A. Gühring, Erstausgg. dt. Dichtung 1600-1960, 1967;
    J. Wehnert, Zur abenteuerl. Textgesch. K. M.s, in: Helmut Schmiedt (Hrsg.), K. M., Materialienbd., s. u., S. 339-61 (Bibliogr. d. Erstdrucke u. Erstaufl.);
    P. Hainer, Ill. K.-M.-Bibliogr., unter Mitwirkung v. G. Klußmeier, 1989. – Einzeldarst.: M. Dittrich, K. M. u. s. Schrr., 1904;
    A. Droop, K. M., Eine Analyse s. Reiseerzz., 1909;
    H. Stolte, Der Volksschriftsteller K. M., Diss. Jena 1936;
    E. Kainz, Problem d. Massenwirkung K. M.s, Diss. Wien 1949 (ungedr.);
    V. Böhm, K. M. u. d. Geheimnis s. Erfolges, 1955;
    Arno Schmidt, Sitara u. d. Weg dorthin, Eine Studie üb. Wesen, Werk u. Wirkung K. M.s, 1963;
    H. Wollschläger, K. M. in Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten, 1965 (Neufassung u. d. T.: K. M., Grundriß e. gebrochenen Lebens, 1976, W-Verz., L, P);
    G. Oel-Willenborg, Von dt. Helden, Eine Inhaltsanalyse d. K.-M.-Romane, 1973;
    G. Klußmeier u. H. Paul, K. M., Biogr. in Dokumenten u. Bildern, 1978 (P);
    Helmut Schmiedt, K. M., Stud. z. Leben, Werk u. Wirkung e. Erfolgsschriftstellers, 1979;
    ders. (Hrsg.), K. M., Materialienbd., 1983 (W-Verz., L);
    Ch. Lorenz, K. M.s zeitgeschichtl. Kolportageromane, 1981;
    A. Deeken, „Seine Majestät das Ich“, Zum Abenteuertourismus K. M.s, 1983;
    H. Eggebrecht (Hrsg.), K. M. d. sächs. Phantast, Stud. z. Leben u. Werk, 1987. – Periodika: K.-M.-Jb. 1918–33, 1978 f.;
    Mitt. d. K.-M.-Ges., 1969 ff.;
    Jb. d. K.-M.-Ges., hrsg. v. C. Roxin, H. Stolte, H. Wollschläger, 1970 ff. (Bibliogr.).BJ 18 (u. Tl.);
    Kosch, Lit.-Lex.3 (ausführl. W-Verz., L);
    Hdb. d. K.-M.-Forschung, hrsg. v. G. Ueding in Zusammenarb. mit R. Tschapke, 1987. – W. Huschke, K. M., Fam.kreis u. Vorfahren, in: Mitteldt. Fam.kde. 3, 1972, S. 305-12.

  • Autor/in

    Annette Deeken
  • Empfohlene Zitierweise

    Deeken, Annette, "May, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 519-522 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118818651.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA