Lebensdaten
1873 bis 1948
Geburtsort
Konstantinopel
Sterbeort
Ohlstadt (Oberbayern)
Beruf/Funktion
Diplomat ; Staatssekretär im Auswärtigen Amt ; Wirklicher Geheimer Rat
Konfession
katholische Familie
Normdaten
GND: 118778153 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kühlmann-Stumm, Richard von
  • Kühlmann, Richard von
  • Kühlmann-Stumm, Richard von
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Zitierweise

Kühlmann, Richard von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118778153.html [23.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Otto (s. 1);
    - 1) Ramholz 1906 Margarete v. K. Frfr. v. Stumm-Ramholz (preuß. Frhr. 1913, 1884-1917, ev.), Fideikommißherrin auf Ramholz, T d. Hugo Frhr. v. Stumm (1845–1910), Fideikommißherr auf Ramholz, u. d. Ludovika v. Rauch, 2) Lanke (Mark) 1920 ( 1923) Marie-Anne (* 1892, ev., 1923 Rudolf v. Goldschmidt-Rothschild, * 1881, Bankier), T d. Großindustr. Friedrich v. Friedlaender-Fuld ( 1917, s. NDB V) u. d. Milly Fuld;
    1 S, 2 T aus 1), u. a. Knut v. K. Frhr. v. Stumm-Ramholz (1916–77), Politiker, Mitgl. d. Bundestags (FDP) 1960–76, 1 T aus 2).

  • Leben

    K. besuchte in München und Augsburg die Schule, studierte seit 1892 Jura in Leipzig, Berlin und München und wurde anschließend in Heidelberg promoviert. Im Frühjahr 1899 schloß er nach dem Referendariat und dem Armeedienst seine Ausbildung mit dem 2. Examen ab. Protegiert von Reichskanzler Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst, trat er in den diplomatischen Dienst ein. 1900 wurde er Legationssekretär in St. Petersburg. Weitere Stationen waren Teheran und London, ehe er 1904 nach Marokko beordert wurde. Dort oblagen ihm u. a. die Vorbereitungen für die Landung Kaiser Wilhelms II. in Tanger am 31.5.1905, die die erste Marokkokrise auslöste. Wenig später wurde K. nach Washington versetzt. 1906/07 war er Gesandtschaftsrat im Haag, wo er an der 2. Friedenskonferenz teilnahm. 1908 wurde er als Botschaftsrat nach London versetzt. 6 Jahre hindurch, bis der Beginn des Weltkriegs seine Bemühungen zum Scheitern brachte, versuchte er dort, im Sinne einer deutsch-engl. Verständigung zu wirken. Angesichts des mehrfachen Wechsels der Botschafter und ihrer häufigen Abwesenheit kamen ihm Kompetenzen zu, die über seinen Rang hinausgingen.

    Die seit 1898 vom Kaiser und vom Reichsmarineamt betriebene Politik, dem Reich durch eine systematische Vergrößerung der Flotte Weltgeltung zu verschaffen, wurde in England zunehmend als Bedrohung empfunden und führte, insbesondere nach der 2. Marokkokrise 1911, zu einer Annäherung der engl. und franz. Interessen. Deshalb standen Reichskanzler Bethmann Hollweg, die Staatssekretäre im Auswärtigen Amt und die deutsche Vertretung in London dieser Politik ablehnend gegenüber. Für sie barg das Wettrüsten die Gefahr eines Krieges in sich, in dem sich England auf die Seite Frankreichs und Rußlands stellen würde. Statt durch Konfrontation wollten sie über ein Arrangement mit England die Weltmachtstellung Deutschlands erreichen. Nachdem das Scheitern der Haldane-Mission 1912 noch einmal hatte deutlich werden lassen, daß in der Flottenpolitik keine Übereinkunft zu erzielen war, entwickelten diese deutschen Politiker den Gedanken einer allmählichen Annäherung durch Einigung in Streitfragen, die sich an der Peripherie der europäischen Geschehnisse stellten. K., der diese Politik mit konzipiert hatte, hielt eine Einigung in zwei Bereichen für möglich: zum einen in der Ausweitung des deutschen Kolonialbesitzes in Afrika, zum anderen in der Bagdadbahn-Frage. In Verhandlungen, die K. seit 1912 führte, gelang es ihm, hinsichtlich beider Probleme mit der brit. Regierung zu einem vertraglichen Abschluß zu kommen. Dem Deutschen Reich wurde für den Fall einer Verpfändung der portugies. Kolonien ein großer Teil Angolas zugesichert; andererseits wurden engl. Kapital Beteiligungsmöglichkeiten bei der Bagdadbahn eingeräumt. Der Abschluß beider Verträge, 1912 und 1913 paraphiert, wurde wegen der zu erwartenden Reaktion der Kreise um Tirpitz von der deutschen Regierung hinausgeschoben. Der Beginn des Weltkriegs machte|schließlich die ersten Erfolge dieser Verständigungspolitik zunichte. – Sondermissionen führten K. nach Kriegsbeginn nach Stockholm und Konstantinopel, wo er für den Kriegseintritt der Türkei arbeitete. 1915 wurde er Gesandter im Haag, im Herbst 1916 Botschafter in Konstantinopel.

    Am 7.8.1917 erhielt K. auf Wunsch des Kaisers die Ernennung zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes. Bis zum Juli 1918 war er in den Kabinetten von Michaelis und Hertling Leiter der deutschen Außenpolitik. Bereits bei seinem Amtsantritt ohne Illusion über die Möglichkeit eines „Siegfriedens“, stand K. bis zu seinem Rücktritt in dauerndem Konflikt mit der Obersten Heeresleitung (OHL) und den hinter ihr stehenden Kreisen, die Annexionen noch immer militärisch erzwingen zu können glaubten. K., der dem päpstlichen Angebot, zwischen den kriegführenden Mächten zu vermitteln, ablehnend gegenüberstand, versuchte wiederholt, mit der vom Reichstag angebotenen Räumung Belgiens in direkten Verhandlungen mit England einen Verständigungsfrieden zu erreichen und damit die Entente zu sprengen. Die franz. Regierung wußte solche Pläne jedoch immer wieder zu vereiteln. – Nachdem Sowjetrußland im Dez. 1917 aufgrund seiner labilen inneren Lage nach der Revolution mit den Mittelmächten den Waffenstillstand vereinbart hatte, vertrat K. das Deutsche Reich bei den anschließenden Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk. Im Gegensatz zur OHL wollte er den Umfang der Annexionen einschränken, um den poln. Bevölkerungsanteil in Preußen nicht zu erhöhen und die Beziehungen zu Rußland nicht zu belasten. K.s Pläne, die der Kaiser im Jan. 1918 billigte, sahen stattdessen unter Berufung auf ein Selbstbestimmungsrecht der Völker bedeutende Gebietsabtretungen Rußlands im Baltikum vor. Als nach dem Sonderfrieden der Mittelmächte mit der Ukraine (9.2.1918) die russ. Delegation die Verhandlungen für beendet erklärte, setzte sich die OHL gegen K. durch und befahl den weiteren Vormarsch der deutschen Truppen. K., der den Nutzen eines so erzwungenen Vertrages gering schätzte und aus Rücksicht auf die Situation Österreich-Ungarns einem Neuaufleben der Kampfhandlungen ablehnend gegenüberstand, konnte, nachdem die sowjetruss. Regierung gezwungenermaßen die Verhandlungen wiederaufgenommen hatte, am 3.3.1918 in Brest-Litowsk den Friedensvertrag unterzeichnen. In diesem Vertrag mußte Rußland Polen, Finnland, den baltischen Staaten und der Ukraine die Unabhängigkeit zusichern. K. nahm anschließend an den Friedensverhandlungen teil, die die Mittelmächte mit Rumänien führten. Am 7.5.1918 unterzeichnete er den Friedensvertrag in Bukarest. – Die OHL, die immer stärker auf K.s Ablösung drängte, sah sich schließlich am Ziel, als er am 24.6.1918 in einer Rede vor dem Reichstag die Öffentlichkeit auf die Notwendigkeit eines Verständigungsfriedens vorbereiten wollte, weil er kaum noch Möglichkeiten für das Reich sah, den Krieg militärisch für sich zu entscheiden. Der Sturm der Entrüstung, den deutschnationale Abgeordnete daraufhin entfachten, zwang K. am 9.7.1918 zurückzutreten. – Nach seinem Rücktritt hatte er führende Positionen in der Leitung von Unternehmen der Familie Stumm inne, der er durch seine erste Ehe verbunden war; u. a. war er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Neunkircher Eisenwerke AG.

  • Werke

    Gedanken üb. Dtld., 1931;
    Aufwärts trotz alledem, 1933;
    Entwicklung d. Großmächte v. Sturz Napoleons b. z. Gegenwart, 1936;
    Die Diplomaten, 1939;
    Erinnerungen, 1948. -
    Romane: Der Kettenträger, Dt. Leben um 1930, 1932;
    Immaculata, Eine Gesch. v. Liebesglück u. Liebestod, 1932;
    Saturn. Sendung, 1935.

  • Literatur

    Die Gr. Pol. d. Europ. Kabinette 1871-1914, Slg. d. Diplomat. Akten d. Auswärtigen Amtes, Bd. 20 ff., 1925 f.;
    Das Werk d. Unters.ausschusses d. Verfassunggebenden Dt. Nat.verslg. u. d. Dt. Reichstags 1919–30, R. 4, Die Ursachen d. dt. Zusammenbruchs, 1925-29;
    F. Meinecke, K. u. d. päpstl. Friedensaktion v. 1917, in: SB d. Preuß. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl., 1928, S. 174-92;
    W. Goetz, Die Erinnerungen d. Staatssekr. R. v. K., in: SB d. Bayer. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl., 1952, H. 3;
    G. W. Hallgarten, Imperialismus vor 1914, 1963;
    J. Petzold, Ludendorff od. K. ? Die Meinungsverschiedenheiten zw. Oberster Heeresleitung u. Reichsregierung z. Z. d. Friedensverhandlungen v. Brest-Litowsk, in: Zs. f. Gesch.wiss., 1964, S. 817-32;
    G. Ritter, Staatskunst u. Kriegshandwerk, Das Problem d. „Militarismus“ in Dtld., Bd. 2-4, 1964 ff.;
    F. Fischer, Krieg d. Illusionen, Die dt. Pol. v. 1911 bis 1914, 21971;
    ders., Griff n. d. Weltmacht, Die Kriegszielpol. d. kaiserl. Dtld. 1914/18, 41977;
    G. Schöllgen, R. v. K. u. d. dt.-engl. Verhältnis 1912–14, Zur Bedeutung d. Peripherie in d. europ. Vorkriegspol., in: HZ 230, 1980, S. 293-337.

  • Portraits

    Phot. in: Hdb. d. in Bayern immatr. Adels VI, 1957.

  • Autor/in

    Ralf Berg
  • Empfohlene Zitierweise

    Berg, Ralf, "Kühlmann, Richard von" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 189-190 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118778153.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA