Lebensdaten
1928 – 2001
Geburtsort
Hohenschwangau bei Füssen (Allgäu)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schauspielerin ; Diseuse ; Kabarettistin ; Sängerin ; Musikerin
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118768700 | OGND | VIAF: 5180737
Namensvarianten
  • Reichel, Hélène Vita Elisabeth (geborene)
  • Reichel, Helene
  • Reichel, Elisabeth
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Zitierweise

Vita, Helen, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118768700.html [02.10.2022].

CC0

  • Genealogie

    Aus westpreuß. Gutsbes.fam.;
    V Anton (1892–n. 1954), aus London (?), Violinist, Pianist, Konzertmeister d. Konzertver. München, dann d. Landeskapelle Meiningen, emigrierte 1939 in d. Schweiz (s. BMLO), S d. Max Reichel, Violonist, u. d. Julie v. Schumacher;
    M Jelena Pacic (* 1899), aus München, Cellistin, Gründerin e. Musikschule, emigrierte 1939 in d. Schweiz;
    Ur-Gvv Adolf Reichel (1816/20–96), Komp., Dirigent in Paris, Dresden u. Bern, Musikdir. d. Musikges., d. Cäcilienver., d. Liedertafel u. d. Musikschule in Bern (s. Altpreuß. Biogr. IV/3; HLS);
    Gr-Ov Alexander Reichel (1853–1921), Bundesrichter in Bern;
    1956 Walter Baumgartner (1904–97), aus Sevelen (Kt. St. Gallen), (Film-)Komp., Jazzmusiker (s. Theaterlex. Schweiz; B. Spoerri, Jazz in d. Schweiz, 2005);
    2 S Dominik (* 1956), Ing., Patrick (* 1960).

  • Biographie

    V. kam 1939 mit ihren Eltern nach Genf, wo sie seit 1942 am Konservatorium eine Schauspiel- und Gesangsausbildung erhielt. 1945 gab sie ihr Bühnendebüt als Schauspielerin in „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder. Es folgten Auftritte mit der „Compagnie des Masques“ am Pariser „Théâtre du Vieux Colombier“. 1947/48 am Zürcher Schauspielhaus engagiert, spielte sie hier die Julie in Ferenc Molnárs „Liliom“ und 1948 in der Uraufführung von Bert Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ die Millionärstochter Eva; 1949/50 wirkte sie mit am ersten Programm des Züricher „Cabaret Fédéral“.

    1952 ging V. nach München, wo sie in Trude Kolmans (1904–69) Kabarett „Die kleine Freiheit“ mitwirkte. In diesem, damals besten Kabarett Münchens fand sie mit ihrer hohen Musikalität und ihrem zwischen scheinbarer Naivität und ironischer Selbstbestimmung changierenden Vortrag bald ein begeistertes Publikum; dabei interpretierte sie Werke von Kurt Tucholsky (1890–1935) und Kurt Weill (1900–50) sowie Texte, die Erich Kästner (1899–1974) und Friedrich Hollaender (1896– 1976) für sie schrieben. Ende der 1950er Jahre wechselte V. nach Berlin, wo sie u. a. bei den „Wühlmäusen“ auftrat.

    V.s allmähliche Festlegung auf Couplets, die sich anzüglich, libertin und „frech“ gaben, klang auch in den Titeln ihrer Solo-Programme an, etwa „Lotterlieder von Brahms bis Brecht“ oder „Von wejen Liebe“. In deutlichem Kontrast zur biederen Film- und Schlagerszene der Adenauerzeit sorgten ihre Auftritte für Debatten um Definition und Anspruch der Kunst, und für jahrelange jurisitische Auseinandersetzungen. Ihre Plattenaufnahmen, v. a. die „Chansons aus dem alten Frankreich“ (1963 ff.) in der Neuübersetzung von Walter Brandin (1920–95), wurden zeitweilig beschlagnahmt – und erhielten 1965 und 1966 den Preis der dt. Schallplattenkritik.

    Daneben reüssierte V. weiter an verschiedenen Theaterbühnen in Frankfurt/M., Hamburg, Köln, Stuttgart und Zürich mit klassischen und modernen Stücken sowie mit Komödien und Boulevardstücken.

    Ihr Filmdebüt hatte V. 1947 in dem franz. Spielfilm „Torrents“ (Regie Serge de Poligny) gegeben. Einige wenige Schweizer Produktionen folgten, ehe sie in der Bundesrepublik seit 1952 zur vielbeschäftigten Nebendarstellerin in Heimatdramen, „Zeitstücken“ wie der „08/15“-Trilogie (1954/55, n. d. Roman v. Hans Hellmut Kirst, Regie Paul May) sowie zahlreichen Lustspielen und Schwänken avancierte. Während sie anfangs die verführerische, gleichwohl komödiantisch verbrämte Circe gab, spielte sie mit zunehmender Leibesfülle eher ordinäre Spelunkenwirtinnen, Gaunerliebchen und Bordellmütter. Reizvollen Parts wie in „Ganovenehre“ (1966, Regie Wolfgang Staudte) und „Cabaret“ (1972, Regie Bob Fosse) standen auch Rollen in anspruchslosen Produktionen gegenüber. Erst Rainer Werner Fassbinder (1945–82) gab V. die Möglichkeit, auch stillere Saiten anzuschlagen, so als pragmatische Ehefrau in „Satansbraten“ (1976), ältliches Revuegirl in „Lili Marleen“ (1980) oder Freundin des Zuhälters Reinhold in dem Fernseh-Mehrteiler „Berlin Alexanderplatz“ (1980).

    Außergewöhnlichen Erfolg noch als 70jährige hatte V. – am Klavier meist begleitet von Paul Klein (1931–89) und nach dessen Tod von Frank Golischewski (* 1960) – mit dem Programm und der CD „Die Alte singt ja immer noch“ (1998 ff.) nach dem gleichnamigen Song von Golischewski und dem parallel laufenden Kabarett-Programm „Die alten Schachteln“ (1996 ff.), in dem sie gemeinsam mit|Brigitte Mira (1910–2005) und Evelyn Künneke (1921–2001) auf der Bühne stand und auch auf Tournee ging.

  • Ehrungen, Auszeichnungen und Mitgliedschaften

    A Ehrenpreis Kabarett d. Dt. Kleinkunstpreises (1985);
    BVK 1. Kl. (2000);
    Ehrenpreis d. Goldenen Kamera (2000).

  • Werke

    Weitere W u. a. Soloprogramme: Ich hasse d. farblose Feinheit, 1982;
    Man müßte Klavier spielen können, 1984;
    H. V. total u. Die Seuse singt, Lieder im Sopranbass, 1995; – Theater: Titelrolle, in: M. Pagnols „Madame Aurélie“, Titania, in: W. Shakespeares „Sommernachtstraum“, Laura, in: Augustin Moretos „Doña Diana“, Dame, in: UA v. P. Burkhards u. W. Leschs „Kleiner Niederdorfoper“ (alle Zürcher Schauspielhaus bis 1952); Seeräuber-Jenny in d. „Dreigroschenoper“ v. B. Brecht u. K. Weill (Münchner Volkstheater, 1989); – Filme: Dienstmädchen, in: Kirschen in Nachbars Garten, 1956; Hotelgast, in: Ferien auf (dem) Immenhof, 1957; Pensionsbetreiberin, in: Am grünen Strand d. Spree, TV-Fünfteiler 1960; Opernstar, in: Es war mir ein Vergnügen, v. I. Békeffy u. H. Jacoby, 1963; Zimmerwirtin v. Heinz Erhardt, in: Was ist denn bloß mit Willi los?, 1970; Urlaubsreport, Worüber Reiseleiter nicht sprechen dürfen, u. Der neue heiße Sex-Report, beide 1971; Gattin d. pensionierten Kommissars, in: Happy Birthday, Türke, 1992; – Schallplatte u. CD: Genie d. unfreiwilligen Komik, H. V. spricht Gedichte v. Friederike Kempner, 1961; In d. Bar zum Krokodil, Literar. Kleinkunst, 1963; Wir sind süß, aber doof, Edith Hancke u. H. V. singen unartige Lieder, 1965; Charmante Frechheiten mit H. V., 1970; O, frivol ist mir am Abend, 1979; H. V. live, 1983; Die alten Schachteln unterwegs, 2000.

  • Literatur

    L O. Weissert (Hg.), Hinter dem eigenen Vorhang 1949, 1950, 1951, 1952, 1953, Das Buch vom Cabaret Federal, 1954;
    W. Brandin, H. V. Songbook, 1970;
    H. Greul, Bretter, die d. Zeit bedeuten, ²1971;
    R. Skasa-Weiß, Die Frivole vom Fach, in: Stuttgarter Ztg. v. 7. 8. 1983;
    R. Hoghe, Durchhalten, wenn es sein muss, in: Die Zeit v. 27. 7. 1990;
    Nachrufe v. D. Bartetzko, in: FAZ;
    C. Böker, in: Berliner Ztg.;
    W. Burkhardt, in: SZ;
    J. Feddersen, in: taz;
    D. Fuhrig, in: Frankfurter Rdsch., alle v. 19. 2. 2001;
    – Klassiker d. dt. Tonfilms, 1980;
    Berliner Biogr. Lex.;
    Kosch, Theater-Lex.;
    Metzler, Kabarett Lex. (P);
    Schweizer Lex. (P);
    Theaterlex. Schweiz;
    BHdE II;
    Munzinger; HLS

  • Autor/in

    Rainer Dick
  • Zitierweise

    Dick, Rainer, "Vita, Helen" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 833-834 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118768700.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA