Lebensdaten
1889 bis 1924
Geburtsort
Karlsbad (Böhmen)
Sterbeort
in der Gegend von Minsk
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Journalist
Konfession
jüdisch,katholisch/seit 1909
Normdaten
GND: 118764764 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Seligmann, Walter Eduard (bis 1909)
  • Serner, Walter
  • Seligmann, Walter Eduard (bis 1909)
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Serner, Walter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118764764.html [22.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus dt.-jüd. Fam.;
    V Berthold Seligmann (1852–1925), aus Lichtenstadt b. K., Redakteur, bis 1880 Inh. e. isr. Restauration in K., bis 1886 Redakteur d. „Karlsbader Nachrr.“, 1887–1923 Hg. d. zusammen mit seinem Bruder Julius (s. u.) gegr. „Karlsbader Ztg.“ (s. Kosch, Lit.-Lex.3; Biogr. Lex. Böhmen);
    M Emilie Gerstner;
    Ov Julius Seligmann ( 1921), Redakteur d. „The Karlsbad Herold“, Vf. v. „Ein Ausflug n. Amerika“, 1902; „Rundreisebilder“, 1906; „Das Ks.denkmal in Karlsbad“, 1911 (s. Dt.österr. Künstler- u. Schrift.-Lex., II., hg. v. H. C. Kosel, 1906; Kosch, Lit.-Lex.3; Biogr. Lex. Böhmen);
    Dorothée Her(t)z (1889–nach Aug. 1942), aus Frankfurt/M., Sängerin; kinderlos.

  • Leben

    S. wuchs in Karlsbad auf und besuchte das dortige staatliche Gymnasium. In Wien, wo er 1909–12 Jura studierte (Dr. iur. 1913) und als Korrespondent für die väterliche Zeitung fungierte, beeindruckten ihn Karl Kraus (1874–1936) und Oskar Kokoschka (1886–1980) nachhaltig. 1912 zog S. von Wien nach Berlin und avancierte hier bald zu einem der|wichtigsten Mitarbeiter von Franz Pfemferts (1879–1954) „Aktion“. In Zürich, wohin S. 1915 übersiedelte, wurde er neben Hugo Kersten (1892–1919) und Emil Szittya (1886–1964) zum Mitherausgeber der ersten avantgardistischen Exilzeitung „Der Mistral“. Nach dem raschen Ende dieses Blattes gründete S. mit dem „Sirius“ (Okt. 1915–Mai 1916) eine eigene Zeitschrift, in deren Zentrum v. a. dt.sprachige Literatur stand. Im „Sirius“ finden sich auch Bildbeigaben seines einzigen lebenslangen Freunds, des Malers Christian Schad (1894–1982). Obwohl S. schon früh enge Beziehungen zu Zürcher Dadaisten wie Hugo Ball und Tristan Tzara unterhielt, beteiligte er sich erst seit 1918 an dieser Kunstbewegung. Seine Schrift „Letzte Lockerung manifest dada“ (1918 verfaßt, 1920 vollständig publiziert) gilt als eines der wichtigsten literarischen Dada-Dokumente. Hier stechen besonders S.s sprachkritischer Zug und sein Hang, Argumente (formal-) logisch zu fundieren, hervor. Im Zuge der Herausgabe von „Die Bücher von Walter Serner“ arbeitete S. auch sein „Manifest“ 1927 um, erweiterte es umfangreich und publizierte es unter dem Titel „Letzte Lockerung, Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen“ (neu hg. u. komm. v. A. Puff-Trojan, 2007).

    In der Nachkriegszeit konnte und wollte S. in den beiden Dada-Zentren, Berlin und Paris, nicht Fuß fassen. 1920/21 unternahm er zahlreiche Reisen in Europa, lebte ohne festen Wohnsitz und begann, „histoires criminelles“ zu schreiben, wie die franz. Übersetzung des Bands „Zum blauen Affen“ (1921, franz. 1995) festhält. In diesen Geschichten geht es nicht um die Aufdeckung eines Verbrechens oder um detektivische Finessen, sondern um die Darstellung gesellschaftlicher Prozesse, besehen durch die Brille der Halbwelt. S.s Hochstaplerfiguren legitimieren ihr subversives Verhalten im Spiegel einer Staatsmacht, die selbst höchst subversiv agiert. Im schnellen Wechsel von Orten und Perspektiven zeichnet der Autor flüchtige Skizzen von Gesichtern und Körpern, deren Persönlichkeiten erst durch ihr gewandtes Sprachverhalten sichtbar werden. Höhepunkt ist S.s Roman „Die Tigerin“ (1925, neu hg. u. mit e. Nachwort v. A. Puff-Trojan, 1998), in dem ein Pariser Gaunerpaar die Liebe zur Hochstapelei rechtfertigt, um nicht Opfer eines existentiellen „Leerlaufens“ zu werden. Alfred Döblin nannte den Roman ein „ausgezeichnetes Kunstwerk“. Bis heute kaum beachtet blieb die Qualität von S.s erotischen Schilderungen, die mit denen Georges Batailles und Pierre Klossowskis zu vergleichen sind.

    S.s Werke wurden von den Nationalsozialisten verboten. S. zog sich nach dem „Anschluß“ Österreichs mit seiner Frau nach Prag zurück, von wo aus er im Aug. 1942 in das Ghetto Theresienstadt überstellt wurde. Noch im selben Monat erfolgte die Deportation in den Osten, wo S. vermutlich in einer mobilen Gaskammer ermordet wurde.

    Das Interesse an S.s Literatur wuchs erst wieder in den 1960er Jahren, als ehemalige Dadaisten wie Hans Richter und Max Ernst, Autoren wie Helmut Heißenbüttel sowie Germanisten wie Jörg Drews ihn wiederentdeckten. Die Arbeiten Thomas Milchs, die in eine für die Forschung richtungsweisende Gesamtausgabe mündeten (Das Gesamte Werk W. S.s, 8 Bde., 1984, Erg.bd. 1992, P; Taschenbuchausg. 1988), machten die Dichte und Bedeutung von S.s Œuvre offensichtlich.

  • Auszeichnungen

    W.-S.-Preis (seit Mitte d. 1970er J., Sender Freies Berlin, seit 1998 auch Literaturhaus Berlin).

  • Literatur

    A. Backe-Haase, „Über topograph. Anatomie, psych. Luftwechsel u. Verwandtes“, W. S., Autor d. „Letzten Lockerung“, 1989;
    A. Puff-Trojan, Wien/Berlin/Dada, Reisen mit Dr. S., 1993;
    ders. u. W. Schmidt-Dengler (Hg.), Der Pfiff aufs Ganze, Stud. zu W. S., 1998 (W, L);
    J. Peters, „Dem Kosmos e. Tritt!“, Die Entwicklung d. Werks v. W. S. u. d. Konzeption seiner dadaist. Kunstkritik, 1995;
    U. Hackenbruch, Sachl. Intensitäten, W. S.s „erotische Kriminalgeschichten“ in ihrer Epoche, 1996;
    Ch. Schad, Relative Realitäten, Erinnerungen um W. S., 1999 (P);
    A. Bucher, Repräsentation als Performance, Stud. z. Darst.praxis d. lit. Moderne, 2004;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    Biogr. Lex. Böhmen;
    Egerländer Biogr. Lex.;
    Hall-Renner;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft.

  • Portraits

    W. Serner, Ich . . ., Vierzehn Photogrr., 1989.

  • Autor/in

    Andreas Puff-Trojan
  • Empfohlene Zitierweise

    Puff-Trojan, Andreas, "Serner, Walter" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 270-271 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118764764.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA