Lebensdaten
1540 oder 1545 bis 1599
Geburtsort
Douai
Sterbeort
Prag
Beruf/Funktion
Komponist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11874383X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Regnart, Jakob
  • Regnart, Jacobus
  • Regnard, Jacob
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Zitierweise

Regnart, Jacob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11874383X.html [23.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    Eltern unbek.;
    4 B, u. a. Augustin, Kanoniker an St-Pierre in Lille, gab 1590 in D. u. d. T. „Novae Cantiones Sacrae“ e. Slg. v. 40 Motetten d. Brüder R. heraus, darunter 24 v. François (um 1540 - nach 1590), Komp., studierte in D., Mitgl. d. Domchors in Tournai, angebl. 1573 in Diensten d. Ehzg. Matthias v. Österr., Chormeister (s. Biogr. Nat. Belge; New Grove2), Charles (s. Biogr. Nat. Belge), Pascacius (Paschasius, Paschaise), spielten beide zw. 1562 u. 1565 in d. Hofkapelle Kg. Philipps II. v. Spanien (s. Biogr. Nat. Belge);
    1) Ursula Rueprecht ( 1584), 2) 1586 Anna ( nach 1614 ?, 2) Ludwig Habersack), seit 1601 in München, T d. Hanns Vischer (erw. seit 1557), Büchsenmacher u. seit 1568 Bassist d. Münchener Hofkapelle (s. Eitner; L), u. d. Barbara Weckhinger (Wäckinger);
    2 S Johannes, Anton (* 1596); Tante-m d. 2. Ehefrau Regina Weckhinger ( 1600, Orlando di Lasso, 1530/32-94, Komp., s. NDB 13; New Grove; New Grove2).

  • Leben

    Vermutlich einer Musikerfamilie entstammend, dürfte R. seine erste Ausbildung in seiner Heimatstadt erhalten haben. Seit 1557 stand er (eigenen Angaben in einem Gesuch von 1580 zufolge) in habsburg. Diensten, zweifellos als Chorsänger in der von Jacobus Vaet (1529–67) geleiteten Prager Hofkapelle des Ehzg. und späteren Ks. Maximilian. 1560 erscheint er in den Hofzahlamtsrechnungen Maximilians als Tenor. 1568 trat er eine Studienreise nach Italien an, von der er wahrscheinlich im Okt. 1570 zurückkehrte. Am 1.11.1570 wurde er Praeceptor der Kapellknaben, 1571 erhielt er von Ks. Maximilian II. ein Wappen. Nach Maximilians Tod 1576 trat er in die Hofkapelle Ks. Rudolfs II. ein und wurde im Okt. 1579 deren Vizekapellmeister als Nachfolger Alard Gaucquiers (1534–82). 1580 wurde er von Orlando di Lasso als Kapellmeister an den Dresdener|Hof empfohlen, blieb aber zunächst in Prag und übernahm um 1582 bei Ehzg. Ferdinand II. von Tirol in Innsbruck die Stelle des verstorbenen Alexander Utendal (um 1530/40-81) als Vizekapellmeister. Hier brachte er es zu Grundbesitz und Wohlstand und wurde 1596 von Ehzg. Matthias geadelt. Nach seiner Ernennung zum Kapellmeister (am 1.1.1585) stieg das Niveau der Innsbrucker Kapelle beträchtlich. R. engagierte überwiegend niederländ., aber auch italien. Sänger und Instrumentalisten: die Anzahl der Musiker stieg von 22 auf insgesamt 32 im Jahr 1593, die Gruppe der Instrumentalisten erreichte im selben Jahr mit 15 Mitgliedern ebenfalls einen Höchststand. Der Tod Ferdinands II. (24.1.1595) führte zur Auflösung der Hofkapelle, weswegen R. vermutlich am 27.4.1596 Innsbruck verließ, um nach Prag zurückzukehren, wo er seine letzten Lebensjahre unter Philipp de Monte (1521–1603) als Vizekapellmeister der ksl. Hofkapelle Rudolfs II. verbrachte.

    Von den Zeitgenossen hochgeschätzt und in Anthologien bis 1655 vertreten, hatte R. mit seinen „Kurtzweilige[n] teutsche[n] Lieder[n]“ für drei Stimmen (Erstdr., 3 Bde., 1576, 1577 und 1579) seinen größten Erfolg. Die Lieder, die er im Stil der neapolitan. Villanellen komponiert hatte, wurden in ihrer originalen Form mehrfach aufgelegt, außerdem verschiedentlich bearbeitet, etwa von Leonhard Lechner (ca. 1553–1606), der sie auf fünf Stimmen erweiterte. R.s zum Teil postum von der Witwe herausgegebenes geistliches Werk fand weniger Beachtung, wiewohl es den Liedern qualitativ nicht nachsteht und sich insbesondere hinsichtlich der musikalischen Textausdeutung auszeichnet. Sein „Mariale“ von 1588 mit Motetten zu Marienfesten gilt als Ausdruck seiner positiven Einstellung zur Gegenreformation.

  • Werke

    Weitere W Motettenslgg.: Sacrae aliquot cantiones, 1575;
    Aliquot cantiones, 1577;
    Sacrarum cantionum… Liber primus, 1605;
    – Missae sacrae, 1602;
    Continuatio missarum sacrarum, 1603;
    Corollarium missarum sacrarum, 1603;
    – Il primo libro delle canzone italiane, 1574;
    Il secundo libro delle canzone italiane, 1581 (beide Canzonendrucke dt. u. d. T. Threni amorum, 1595);
    Newe kurtzweilige teutsche Lieder (fünfstimmig), 1580;
    Kurtzweilige teutsche Lieder (vierstimmig), 1591;
    Gesamtausgg.:
    R. Eitner (Hg.), J. R., Dt. dreistimmige Lieder, 1895;
    W. Pass (Hg.), J. R. (ca. 1540-1599), Opera omnia, 9 Bde., erschienen Bd. 4 u. 5, 1972, 1975.

  • Literatur

    R. Velten, Das ältere dt. Ges.lied unter d. Einfluss d. ital. Musik, 1914;
    G. Gruber, Das dt. Lied in d. Innsbrucker Hofkapelle d. Ehzg. Ferdinand 1567-1596, Diss. Wien 1928;
    H. Osthoff, Eine unbek. Schausp.musik J. R., in: FS Johannes Wolf z. 60. Geb.tag, 1929, Reprint 1973, S. 153-61;
    ders., Die Niederländer u. d. dt. Lied (1400–1640), 1938, Reprint 1971, S. 343-422;
    W. Dürr, Die ital. Canzonette u. d. dt. Lied im Ausgang d. XVI. Jh., in: Studi in onore di L. Bianchi, 1960, S. 71-102;
    F. Mossler, J. R.s Messen, Diss. Bonn 1964;
    W. Pass, J. Regnart u. seine lat. Motetten nebst e. themat. Kat. sämtl. Werke, Diss. Wien 1967;
    rev. u. erg. u. d. T.: Themat. Kat. sämtl. Werke J. R.s, 1969 (L);
    ders., J. R.s „Mariale“ u. d. kath. Reform in Tirol, in: FS Walter Senn, 1975, S. 158-73;
    S. Gut, Particularités du langage de J. R., in: Revue musical de Suisse romande 25/3, 1972, S. 12-14;
    S. E. Dumont, German secular polyphonic song in printed editions 1570-1630, Italian influences on the poetry and music, 1984;
    R. Lindell, Music and patronage at the court of Rudolf II., in: J. Kmetz (Hg.), Music in the German Renaissance, Sources, styles and contexts, 1994, S. 254-71;
    Biogr. Nat. Belge;
    Riemann;
    MGG;
    New Grove;
    New Grove;
    Biographisches Lexikon Böhmen;
    Killy. – Zur Fam.: H. Leuchtmann, Orlando di Lasso, 1976, bes.S. 112.

  • Autor/in

    Bernhold Schmid
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmid, Bernhold, "Regnart, Jacob" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 273-274 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11874383X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Regnart: Jakob R., ein niederländischer Componist des 16. Jahrhunderts, dessen Leben erst in der jüngsten Zeit durch archivalische und bibliographische Untersuchungen in seinem wahren Verlaufe aufgedeckt ist (Monatshefte für Musikgesch. 1880, S. 88 ff.), so daß alle früheren Darstellungen als hinfällig erscheinen. Sein Geburtsland ist Flandern, doch der Ort noch unbekannt. Wenn bisher Douai angenommen wurde, so ist dies eben nur eine Vermuthung, die ihren Grund darin hat, daß seine Brüder August und Franciscus dort lebten. Jakob kam schon als Knabe nach Wien an die kaiserliche Hofcapelle und wurde Alumnus. Die deutschen Hofcapellen dieser Zeit bezogen fast alle Knabensänger aus den Niederlanden. Sie erhielten in den Alumnaten eine wissenschaftliche und musikalische Erziehung, wurden später, wenn ihre Stimme mutirte, auf eine Hochschule auf Kosten des betreffenden Fürsten gesandt und fanden dann gewöhnlich eine feste Stellung am Hofe ihres Herrn. So auch R., der unter dem Kaiser Ferdinand I. Sängerknabe war und unter seinem Nachfolger Maximilian II., am 1. December 1564 als Tenorist in die kaiserliche Capelle in Wien mit einem Monatsgehalte von 12 Gulden eintrat. 1566 begleitete die Elite der Sänger den Kaiser auf den Reichstag nach Augsburg und es befindet sich R. auch darunter. Am 1. August 1573 wurde er zum Lehrer der Chorknaben mit 15 Gulden monatlichem Gehalt ernannt, am 24. October 1579 zum Untercapellmeister und 1580 finden wir ihn in der königl. Capelle in Prag. In Dresden war am 18. Januar 1580 Antonio Scandello, der|Hofcapellmeister gestorben und wandte man sich unter Anderen auch an R., um ihn nach Dresden zu ziehen; er lehnte aber ab, dagegen zieht ihn der Erzherzog Ferdinand, der in Innsbruck residirte, am 9. April 1582 als Vicecapellmeister an seinen Hof, als Alexander Utendal gestorben war und ernennt ihn später zu seinem Capellmeister. Das Jahr dieser Ernennung ist noch nicht festgestellt und nur aus seinen Druckwerken erfahren wir, daß er sich seit 1588 obigen Titel beilegt. Erzherzog Ferdinand starb im J. 1595 und R. scheint nach den Registern der Hofcapelle einige Zeit ohne Anstellung gewesen zu sein, denn erst mit dem 1. Januar 1598 wird er wieder als Vicecapellmeister der kaiserlichen Capelle genannt. R. muß im Anfange des Jahres 1600 gestorben sein, denn am 31. December 1599 unterzeichnet er seine letzte Messensammlung und bittet den Kaiser in der Dedication, für seine Frau und Kinder sorgen zu wollen, da er jeden Augenblick seinen Tod erwarte. Da nun diese Messensammlung erst 1602 von der Wittwe, die nach München übergesiedelt war, herausgegeben wird, so ist anzunehmen, daß der bald darauf eingetretene Tod Regnart's die Herausgabe so lange verzögert hat. Seine Frau war die Tochter des bairischen Bassisten Hans Vischer (Fischer) in München, mit Namen Anna, und muß er etwa um 1581 dieselbe geheirathet haben, da er in obiger Dedication von sechs unmündigen Kindern spricht, die er hinterläßt. Frühere Biographen haben sich durch den Aufenthalt der Wittwe in München verleiten lassen, R. für einen bairischen Capellmeister zu halten und verwechselten dabei den Kurfürsten Maximilian von Baiern mit dem Kaiser Maximilian. Doch der Irrthümer sind so vielfältige begangen worden, daß es uns zu weit führen würde, sie alle anzuführen und sei deshalb auf die oben angezeigte Biographie in den Monatsheften verwiesen. — R. stand als Componist unter seinen Zeitgenossen sehr geachtet da. Dies beweisen nicht nur die vielfachen Ausgaben seiner Werke, sondern auch die zahlreiche Aufnahme einzelner Gesänge in die Sammelwerke damaliger Zeit, in denen von den Verlegern stets die beliebtesten Compositionen aufgenommen wurden. Obgleich sich Regnart's Messen, Motetten und andere kirchliche Gesänge in der Art des Stils und der Contrapunktik in keiner Weise von denen seiner Zeitgenossen unterscheiden, so liegt doch in der Stimmenführung und der dadurch erzeugten harmonischen Klangfarbe ein Reiz, der ihnen die bevorzugte Stellung sichert. Am meisten fanden aber seine Compositionen der deutschen Lieder Anklang und unter diesen wieder die dreistimmigen Lieder nach Art „der Neapolitanen oder welschen Villanellen“. Dem ersten Theile dieser Tricinien, der 1576 in Nürnberg erschien, läßt er folgendes launige Gedicht an die „Music verstendigen Leser" vorangehen: „... Laß dich darumb nit wenden ab, | Das ich hierin nit brauchet Hab, | Vil zierligkeiten der Musik. | Wiß, das es sich durchauß nit schick, | Mit Villanellen hoch zu prangen, | Und dardurch wöllen Preiß erlangen. | Wird sein vergebens und umb sunst, | An andre ort gehört die kunst.“ Und im dritten Theile, der in erster Ausgabe 1579 erschien, sagt er am Schlusse des einleitenden Gedichtes: „Nimm nichts davon, thu nichts dazu, | Sing sie allein, wie dann wollen | Gesungen werden Villanellen, | Bleibsttu nicht bei der art, | so werdens dir gefallen hart.“ Es sind aber auch launige Gebilde, die uns hier R. vorführt. Sie sind ein Gemisch von deutscher Gemüthlichkeit und Ursprünglichkeit mit niederländischem Phlegma und niederländischer Motivbildung, denn eine Melodiebildung war dem Niederländer noch versagt, das war eine Gottesgabe, die bis dahin nur dem Deutschen eigen war. Franz Commer besaß sämmtliche 67 Tricinien in Partitur, wovon er leider nur drei in den 13. Band seiner Collectio (Berlin 1870, T. Trautwein) aufgenommen hat. Doch nicht genug, daß R. den deutschen Componisten nachahmen wollte, er streute auch die Eigenthümlichkeiten des mehrstimmigen|improvisirten Liedergesanges des Volkes ein, welches noch mit Vorliebe in Quintenfolgen sang. So erhalten wir ein merkwürdiges Gemisch von Kunst- und Volksgesang, der aber den damaligen kunstgeübten Sängern sehr viel Vergnügen gemacht haben muß, denn die 67 Lieder liegen uns noch bis zum Jahre 1611 in 10 Auflagen vor (siehe die Bibliographie in den Monatsh. f. Musik gesch. XII, 99 ff.). Leonhard Lechner, ein Zeitgenosse Regnart's, bearbeitete 21 Lieder aus dem 1. und 2. Heft zu fünf Stimmen, die in Nürnberg 1579 und 1586 erschienen, doch streift er ihnen dadurch das originelle Gewand ab und macht Kunstlieder daraus, die mit den Regnart'schen nur noch einzelne Motive gemein haben. Lechner ist für diesen Mißgriff nur zu entschuldigen, wenn er diese Arbeit aus Geldnoth auf die Speculation des Nürnberger Verlegers gemacht hätte, denn sonst müßte man ihm jegliche Erkenntniß der Eigenart der Regnart'schen Lieder absprechen. — R. schrieb außerdem noch zwei Hefte vier- und fünfstimmige deutsche Lieder; sie zeichnen sich aber in keiner Weise von den übrigen Machwerken niederländischer Componisten aus, die sich am deutschen Liede vergriffen. Es sind meist recht trockene Compositionen, wie die von Hollander und manche von Lassus. Dem Niederländer war es nicht gegeben, sich in die deutsche Denkweise einzuleben. Er nahm wol seine Texte, aber seine tiefe Empfindungsweise und schwärmerische Vertiefung in den Text konnte er ihm nicht nachempfinden. Selbst die Art der Stimmenbehandlung war bei ihm eine andere, und während der Deutsche den getragenen melismenreichen Gesang liebte, gab der Niederländer kurze und schnelle Noten und zerhackte den Text auf jämmerliche Weise. Trotz dem Gefallen, den die Regnart'schen Tricinien in Deutschland hervorriefen, fanden sie doch keine Nachfolge und Nachahmung und die Art starb mit ihm dahin. Wir bedauern dies nicht, denn es war immerhin mehr Caricatur, als Naturwahrheit. Fast möchte es scheinen, als wenn er sich über den deutschen Volksgesang lustig machte und ihn persiflirte.

  • Autor/in

    Rob. Eitner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Eitner, Robert, "Regnart, Jacob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 27 (1888), S. 568-570 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11874383X.html#adbcontent

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