Lebensdaten
um 1046 bis 1115
Sterbeort
Bondeno bei Mantua
Beruf/Funktion
Markgräfin von Tuszien ; Herzogin von Niederlothringen
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118731726 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mathilde
  • Canossa, Matilde di
  • Mathilde de Toscane, Markgräfin, Tuszien
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Zitierweise

Mathilde, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118731726.html [16.07.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Mgf. Bonifaz v. Tuszien ( 1052);
    M Beatrix ( 1076), T d. Hzg. Friedrich II. v. Oberlothringen (s. NDB V);
    Groß-Om Kaiser Konrad II. ( 1039, s. NDB XII);
    Stief-V (seit 1054) Hzg. Gottfried d. Bärtige v. Lothringen ( 1069, s. NDB VI);
    B Friedrich ( 1055);
    Schw Beatrix ( 1055);
    1) 1069 Hzg. Gottfried d. Buckligen v. Niederlothringen ( 1076, s. NDB VI), S Gottfrieds d. Bärtigen (s. o.) aus 1. Ehe, M.s Stief-B, 2) 1089 Hzg. Welf V. v. Bayern ( 1119); wahrsch. 1 S ( 1071) aus 1). Adoptiv-S Guido Gf. Guerra.

  • Leben

    M. zählt zu den bedeutendsten Frauengestalten der spätsalischen Zeit. Das Reformpapsttum verdankt ihr in seiner Auseinandersetzung mit dem Kaisertum, in der M. eine entscheidende Rolle gespielt hat, den „langfristig wirksamsten Schutz“ (Haverkamp). Fromm im Sinne der Zeit, ist ihre von Widersprüchen nicht freie Persönlichkeit geprägt|von hohem fürstlichem Selbstverständnis und den Idealen der Kirchenreform. Nach der Ermordung ihres Vaters 1052, der als Haupt der stärksten Feudalmacht Oberitaliens (Haus Canossa) von Kaiser Konrad II. 1028 oder 1032 zum Markgrafen von Tuszien bestellt worden war, heiratete die Mutter 1054 den mit Kaiser Heinrich III. entzweiten Hzg. Gottfried d. Bärtigen von Ober- und Niederlothringen. In dem dadurch heraufbeschworenen Konflikt mußte M. ihrer Mutter 1055 zeitweilig ins Exil nach Deutschland folgen. Nach dem Tod Heinrichs III. 1056 lernte M. in Begleitung ihrer Mutter, die in Vertretung ihres Gemahls den riesigen oberital. Familienbesitz verwaltete, die führenden Köpfe der Kirchenreform kennen (Hildebrand-Gregor VII., Petrus Damiani), die einen prägenden Eindruck bei ihr hinterließen. Wohl kurz vor dem Tod ihres Stiefvaters Ende 1069 heiratete M. aus dynastischen Gründen dessen Sohn aus 1. Ehe, Gottfried d. Buckligen. Die Ehe scheiterte an der Abneigung M.s, die Ende 1071 – ein Sohn M.s und Gottfrieds ist wahrscheinlich bald nach der Geburt gestorben – zu ihrer Mutter nach Italien zurückkehrte.

    Papst Gregor VII. fand in Beatrix und M. ergebene Anhänger; ihre häufigen Kontakte wurden im Wormser Absageschreiben der deutschen Bischöfe an den Papst (Februar 1076) als Anklagepunkt eigens erwähnt. Nach dem Tod von Gemahl und Mutter in kurzen Abständen noch im selben Jahr – den von ihr zu diesem Zeitpunkt geplanten Klostereintritt hat ihr Gregor VII. verboten – übernahm M. nicht nur das riesige Familienerbe, sondern gegen alle Lehnsgewohnheiten auch die Mgfsch. Tuszien und setzte den für eine Frau ungewöhnlichen Regierungsstil ihrer Mutter fort. 1077 kam es in Canossa, der Stammburg ihres Geschlechts, in ihrer Gegenwart zu jenem denkwürdigen Bußakt des gebannten Kg. Heinrich IV., der nicht zuletzt durch ihre Fürsprache von Gregor VII. wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen wurde (Analyse der zahlreichen Quellen bei Zimmermann). Als der sog. Investiturstreit nach vergeblichen, auch von ihr unterstützten Ausgleichsbemühungen 1080 in seine zweite Phase trat, verharrte die jetzt vor allem von Bischof Anselm von Lucca ( 1086) beratene Fürstin, die wohl kurz zuvor heimlich der Röm. Kirche ihre Eigengüter (allerdings mit vollem Nießbrauchsvorbehalt) übertragen hatte – wohl um sie vor dem Zugriff des Königs zu sichern –, unbeirrbar auf der Seite Gregors. Im Oktober 1080 wurden ihre Streitkräfte von den oberital. Anhängern des Saliers geschlagen. Ihre Herrschaft brach zeitweilig auch in ihren Stammlanden, wo die Unzufriedenheit mit ihrem autoritären Regierungsstil bei Vasallen und Stadtbewohnern groß war, zusammen. 1081 sprach ihr Heinrich IV. in der alten Residenz der Markgrafen von Tuszien, in Lucca, in einem förmlichen Prozeß alle Reichslehen ab und verhängte über sie die Reichsacht. Doch konnte sich M. in den folgenden Jahren behaupten.

    Auf Wunsch Urbans II., bei dessen Wahl 1088 sie durch Boten vertreten war – schon Victor III. (1085–87) war mit ihrer Unterstützung erhoben worden –, ging M. 1089 eine Scheinehe mit dem 25 Jahre jüngeren Sohn des Herzogs von Bayern, Welf V., ein, wodurch die süddeutsche antisal. Opposition mit den oberital. Verbündeten des Papstes in für Heinrich IV. bedrohlicher Weise verklammert wurde. Den kriegsentscheidenden Abfall Kg. Konrads 1093 hat M. mit veranlaßt. Nach dem Bruch mit ihrem Gemahl 1095 adoptierte sie 1099 den Gf. Guido Guerra – wie sie ein Anhänger der Kirchenreform –, doch wurde die Erbfrage hiervon nicht berührt. Heinrich V. gelang es auf seinem Italienzug 1110, das Vertrauen der Markgräfin, die zu Papst Paschalis II. ein eher kühles Verhältnis hatte, zu gewinnen. Obwohl sie die Schenkung ihres Besitzes an die Röm. Kirche 1102 wiederholt hatte, setzte M. den Salier im Rahmen eines Bündnisses 1111 zum Erben ihrer (durch Vergabe mittlerweile schon stark dezimierten) Hausgüter ein (wozu sie nach ihrem Rechtsverständnis wohl berechtigt war); jahrzehntelanger Streit in stauf. Zeit war die Folge.

    M. starb in dem kleinen Ort Bondeno zwischen Mantua und Modena in Gegenwart des Abtes Pontius von Cluny und ihres Adoptivsohns Guido Guerra. Ihr erstes Grab fand sie in dem von ihr reich beschenkten Familienkloster Polirone, das durch ihre Fürsorge als cluniazensisches Reformkloster bedeutende kulturelle Aktivitäten entwickelt hatte (Schwarzmaier, Fichtenau). Der mgfl. Hof, der (wohl zu Unrecht) mit den Anfängen der Rechtsschule von Bologna in Verbindung gebracht wurde, war ein Zentrum literarischer Aktivitäten und der aufkommenden juristischen Studien. Irnerius von Bologna gehörte seit 1113 dem Juristenkreis am Hofe M.s an, sie selbst wird als gebildete Bücherliebhaberin geschildert. Papst Urban VIII. ließ M., die ihren Platz auch in Dantes „Divina Commedia“ gefunden hat, als erste Frau 1644 in St. Peter beisetzen; ihr Grabmonument hat Bernini entworfen (Abb. u. a. bei Nencioni, Ghirardini u. Zimmermann).

  • Literatur

    DW 201, 287;
    L. L. Ghirardini, Saggio di una bibliografia dell'età matildico-gregoriana (1046-1122), 1970, bes. S. 1-16 (L);
    A. Haverkamp, Ober- u. Mittelitalien (Italien im MA, HZ-Sonderh. 7, 1980), 122, 133. Erzählende Qu.:
    Donizo, Vita M., hrsg. v. L. C. Bethmann, = XII, 1856, S. 348-409, hrsg. v. L. Simeoni, Rer. Ital. SS V/2, 1940, hrsg. v. U. Bellochi u. G. Marzi, 1970 (mit ital. Übers.);
    Faks. ausg. (mit Transkription v. P. Golinelli), Codices e Vaticanis selecti 62, 1984 (zeitgenöss.;
    vgl. DW 201, 12); d. übrigen Qu.
    (u. a. Rangerius, Vita Anselmi;
    Bonizo v. Sutri, Liber ad amicum) verzeichnet Overmann (s. u.); zur geplanten Urkk.edition
    vgl. G. Badini, in: Ann. Canossani 1, 1981;
    d. Briefwechsel mit d. Päpsten erschließt P. F. Kehr, Italia pont. V (vgl. J. Autenrieth, in: DA 13, 1957, S. 534-38); d. Schenkungsurk. an d. Röm. Kirche
    I, Nr. 444. –
    A. Overmann, Gfn. M. v. Tuscien, 1895 (ital. Übers. 1980) (mit Regg., grundlegend);
    Studi Matildici I-III, 1964, 1971, 1978;
    H. Schwarzmaier, Das Kloster S. Benedetto di Polirone in seiner cluniazens. Umwelt, in: Adel u. Kirche, Festschr. f. G. Tellenbach, 1968, S. 280-94;
    L. L. Ghirardini, L'aspetto fisico della Grande Contessa M. di Canossa, 1971;
    B. Bischoff u. B. Taeger, Johannis Mantuani in Cantica Canticorum et de Sancta Maria tractatus ad comitissam M.m, 1973, bes. S. 10-16;
    H. Zimmermann, Der Canossagang v. 1077, 1975;
    ders., Anselm II. zw. Gregor VII., Heinrich IV. u. M. v. Canossa, in: Convegno di studio San Anselmo di Lucca, 1987;
    H. Fichtenau, „Riesenbibeln“ in Österreich u. M. v. T., in: ders., Btrr. z. Mediävistik 1, 1975;
    Reggiolo medievale, Atti e memorie del convegno di Studi Matildici Reggiolo 1978, 1979;
    Ann. Canossani (seit 1981);
    W. Goez, Mgfn. M. v. Canossa, in: ders., Gestalten d. Hoch-MA. 1983. – LThK;
    HRG II (Art. „Irnerius“), III (Art. „Mathild. Güter“).

  • Portraits

    . in: Vita M. v. Donizo (vgl. P. E. Schramm, Die dt. Kaiser u. Könige in Bildern ihrer Zeit, 21983, Abb. 175;
    vgl. ebd., S. 244 f. u. XII, Tafel 1-3).

  • Autor/in

    Herbert Zielinski
  • Empfohlene Zitierweise

    Zielinski, Herbert, "Mathilde" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 378-380 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118731726.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA