Lebensdaten
1866 bis 1936
Geburtsort
Schleswig
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
preußischer Generaloberst
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118612603 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Seeckt, Johannes Friedrich Leopold von
  • Seeckt, Hans von
  • Seeckt, Johannes Friedrich Leopold von
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Zitierweise

Seeckt, Hans von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118612603.html [17.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Richard (1833–1909), preuß. Gen. d. Inf., Kommandierender Gen. d. V. Armeekorps in Posen, S d. Rudolf (1795–1873), trat 1816 als schwed. Lt. in preuß. Dienste u. schied 1857 als Oberst aus, u. d. Emma Israel (1804–75);
    M Auguste (1834–1919, Cousine 2. Grades), T d. Friedrich v. Seeckt (1793–1870, Gr-Ov), Dr. iur., preuß. Appellationsger.präs. in Greifswald, u. d. Charlotte v. Schubert (1798–1882);
    Urur-Gvv u. Urur-Gvm Friedrich (1721–1805, Reichsadel 1786), auf Nepzin u. Möckow (Pommern);
    Gr-Ov Leopold (1795–1870), auf Nepzin, preuß. Geh. Reg.rat u. Landrat, Mitgl. d. Abg.hauses;
    Ov Leopold (1830–85), Kaufm. in Stralsund;
    2 B (früh †), 1 Schw Marie (1862–1942, Maximilian Gf. v. Rothkirch u. Trach, 1857–1938, preuß. Geh. Reg.rat, Landrat v. Goldberg-Haynau);
    Berlin 1893 Dorothee Jakobson, adoptierte Fabian (* 1872, jüd. Herkunft), aus Frankfurt/Oder (s. L); kinderlos.

  • Leben

    Die Offizierslaufbahn des Vaters erforderte häufigen Wechsel von Wohnort und Schule. Seit 1881 besuchte S. das Prot. Gymnasium in Straßburg, an dem er 1885 das Abitur ablegte. Anschließend in die Garde eingetreten, durchlief er die üblichen Stationen in der Karriere eines Offiziers, bis er 1904 in den Generalstab versetzt wurde. Das Vermögen der Ehefrau erlaubte zahlreiche Reisen bis nach Nordafrika und Indien. Rege an Literatur und Kunst interessiert, bot S. stets das Bild eines bei persönlicher Unzugänglichkeit humanistisch gebildeten, eleganten Offiziers.

    In den ersten Monaten des Weltkriegs nahm S. als Oberstleutnant und Chef des Generalstabs des III. Armeekorps an den Kämpfen in Frankreich teil; im Frühjahr 1915 wurde er in gleicher Stellung der 11. Armee zugeteilt, die unter dem Oberbefehl des Generals August v. Mackensen (1849–1945) am 2.–7.5.1915 die Durchbruchschlacht von GorliceTarnów gewann. S. erhielt für seine Leistungen 1915 den Orden Pour le mérite (mit Eichenlaub) sowie das Kommandeurkreuz des bayer. Militär-Max-Joseph-Ordens und wurde zum Generalmajor befördert. Er blieb Mackensens Generalstabschef bei den Operationen in Serbien, wurde dann bei österr. Großverbänden verwendet und im Dez. 1917 Generalstabschef des türk. Feldheeres. Von verschiedenen Seiten als geeigneter Nachfolger für Erich Ludendorff in der Obersten Heeresleitung betrachtet, blieb er doch bis zum Zusammenbruch im türk. Dienst. Im Nov. 1918 nach Berlin zurückgekehrt, fand er, im aktiven Dienst verblieben, verschiedene Verwendungen; u. a. ging er als Mitglied der dt. Friedensdelegation nach Versailles, die er nach einer Auseinandersetzung mit dem Leiter der Delegation, Ulrich Gf. Brockdorff-Rantzau, vorzeitig verließ. Bei der Bildung der Reichswehr übernahm S. das Truppenamt, die Ersatzorganisation für den durch den Versailler Vertrag verbotenen Generalstab. In dieser Funktion riet er – wie andere Offiziere – der Regierung dringend davon ab, Reichswehrverbände gegen die beim Kapp-Lüttwitz-Putsch auf Berlin marschierenden Truppenteile einzusetzen (die Deutung dieses Rates als tatsächliche oder angedrohte Befehlsverweigerung läßt sich aus den Quellen nicht erhärten). In den Tagen des Putsches nicht hervorgetreten, wurde S. am 5.6.1920 Nachfolger des zurückgetretenen Chefs der Heeresleitung, General Walther Reinhardt (1872–1930). In diesem Amt wurde er zum eigentlichen Schöpfer der Reichswehr als eines hochqualifizierten Machtinstruments, das nach der Auffassung S.s allein dem Staat zu dienen habe, der seinen wesentlichen Ausdruck eben in der Armee fände. Nach außen hin aller Politik der demokratischen Republik und ihrer Parteien fernstehend, gab die Reichswehr unter S. doch nicht den Anspruch ihrer Führung auf politische Mitsprache und Gestaltung preis. In der Krise des Jahres 1923 erwog S. sogar, – im Rahmen eines von Reichspräsident Friedrich Ebert auszusprechenden Auftrags – an die Spitze der Reichsregierung zu treten oder entscheidenden Einfluß auf sie zu nehmen. Welche Pläne er in diesem Falle verfolgt hätte, ist nicht mit vollständiger Klarheit zu erkennen. Diese dürften auf der Linie einer Stärkung der Reichsgewalt gelegen haben, die S. auch anstrebte, als am 9.11.1923 der militärische Ausnahmezustand über das ganze Reich verhängt wurde und S. von Ebert aufgrund des Artikels 48 der Reichsverfassung den Auftrag erhielt, alles zu tun, „was zur Sicherung des Reiches erforderlich“ sei. Über die Grenzen der S. damit verliehenen Machtfülle kam es zeitweilig zu Konflikten mit der Reichsregierung und dem Reichspräsidenten. Eine Niederlage erlebte S. auch in Sachsen, wo es nicht gelang, das Land nach der vom Reichspräsidenten kraft Artikel 48 der Reichsverfassung angeordneten Ablösung der Staatsregierung einer Exekutive des Reiches zu unterstellen. Wohl in der Überzeugung, den Ausnahmezustand nicht für grundlegende politische Veränderungen ausnutzen zu können, gab S. zum 1.3.1924 seine Vollmachten zurück, weil die Staatsautorität hinreichend gefestigt sei, um ihre Aufgaben auch ohne Ausnahmezustand erfüllen zu können.

    Um für Deutschland einen handlungsfähigen Partner zu gewinnen, trat S. für eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion ein, in der er zugleich den natürlichen Feind Polens sah, dessen staatliche Existenz ihm für Deutschland unerträglich schien. Daher förderte er die bereits vor dem Vertrag von Rapallo angebahnte rüstungswirtschaftliche und militärische dt.-sowjet. Kooperation, die allerdings für beide Seiten nicht die erhofften Früchte brachte.

    In der Reichswehr über die Rangstufen des Generalleutnants und Generals der Infanterie (beides 1920) zum Generalobersten (1926) aufgestiegen, mußte S. am 8.10.1926 seinen Abschied nehmen, weil er einem Hohenzollernprinzen gestattet hatte, an einem Manöver der Reichswehr teilzunehmen. Im Ruhestand nahm er 1930–32 ein Reichstagsmandat für die DVP wahr. Wichtiger wurde seine Tätigkeit in China als Berater des Marschalls Chiang Kai-shek 1933–35, die er aus gesundheitlichen Gründen abbrechen mußte, aber von Berlin aus (ohne Gehalt) bis zu seinem Tode weiterführte. Obwohl er stets zum Nationalsozialismus Distanz gehalten hatte, wurde er durch ein Staatsbegräbnis unter Beteiligung Hitlers geehrt.

  • Werke

    Gedanken e. Soldaten, 1928;
    Die Zukunft d. Reiches, 1929;
    Moltke, e. Vorbild, 1931;
    Die Reichswehr, 1932;
    – Aus meinem Leben 1866–1917, Unter Verwendung d. schriftl. Nachlasses, hg. v. F. v. Rabenau (Hg.), 1938;
    Teilnachlässe:
    BA Freiburg (Br.);
    Mil.archiv;
    IfZ.

  • Literatur

    F. v. Rabenau, S., Aus seinem Leben 1918–1936, Unter Verwendung d. schriftl. Nachlasses i. A. v. Frau Dorothee v. Seeckt, 1940 (P);
    H. Meier-Welcker, S., 1967 (grundlegend, vollst. Bibliogr.);
    C. Guske, Das pol. Denken d. Gen. v. S., Ein Btr. z. Diskussion d. Verhältnisses S. – Reichswehr – Rep., 1971;
    H. Hürten, Reichswehr u. Ausnahmezustand, Ein Btr. z. Vfg.problematik d. Weimarer Rep. in ihrem ersten J.fünft, 1977;
    B. Martin (Hg.), Die dt. Beraterschaft in China 1927–1938, Mil.,|Wirtsch., Außenpol., 1981;
    Rhdb. (P);
    Munzinger;
    Biogr. Lex. Weimarer Rep.;
    Kosch, Lit.-Lex.3.

  • Portraits

    Gem. v. L. v. König, 1931 (im Bes. d. Anna v. König, München), Abb. in: Ausst.kat. Leo v. König, Pfalzgal. Kaiserslautern 1974.

  • Autor/in

    Heinz Hürten
  • Empfohlene Zitierweise

    Hürten, Heinz, "Seeckt, Hans von" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 139-140 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118612603.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA