Lebensdaten
1912 bis 1984
Geburtsort
Chemnitz (Sachsen)
Sterbeort
Münster (Westfalen)
Beruf/Funktion
Soziologe
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118607073 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schelsky, Helmut Wilhelm Friedrich
  • Schelsky, Helmut
  • Schelsky, Helmut Wilhelm Friedrich

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Zitierweise

Schelsky, Helmut, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607073.html [18.02.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Franz, Zollsekr.;
    M Ida Sasse;
    1944 Hildegard Brettle, aus Jöhlingen b. Karlsruhe;
    2 S u. a. Wilhelm, Vors. d. „AUB – Die Unabhängigen e.V. Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger“ in Nürnberg, Detlev (* 1952), Dr.

  • Leben

    In dörflichen Verhältnissen aufgewachsen, studierte S. nach dem Abitur 1931 am Reformrealgymnasium Dessau Philosophie, Staatswissenschaften und Germanistik, zunächst in Königsberg bei Josef Nadler, Heinz Heimsoeth und Hans Rothfels, danach in Leipzig bei Hans Driesch, Arnold Gehlen (1904–76), Theodor Litt und Hans Freyer (1887–1969). Dem Staatsexamen 1935 folgte die Promotion bei Gehlen im selben Jahr (Theorie d. Gemeinschaft nach Fichtes, Naturrecht' von 1796, 1935). Seit 1932 Mitglied der SA, engagierte sich S. seit 1933 im NS-Studentenbund und trat 1933 der NSDAP bei. Er betätigte sich als Lektor für das „Amt Rosenberg“ und wirkte mit an der Entwicklung von Lehrplänen für die geplante „Hohe Schule“ der NSDAP. Seit 1938 Wissenschaftlicher Assistent Gehlens in Königsberg, seit 1943 in Straßburg, dokumentierte er seine Abkehr von der dt. idealistischen Tradition mit seiner Habilitationsschrift „Thomas Hobbes, Eine politische Lehre“ (1939, gedr. 1981), u. a. in Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Hobbes-Interpretationen von Carl Schmitt und Leo Strauß. 1940 zum Kriegsdienst in Polen und Ostpreußen einberufen, konnte er 1943 den Ruf auf eine ao. Professur für Soziologie und Staatsphilosophie in Straßburg nicht mehr antreten. Er floh als mehrfach schwer verwundeter Divisionsstabsoffizier aus dem besetzten Königsberg nach Schleswig-Holstein, wo er im Auftrag der engl. Besatzungsmacht einen Suchdienst für Kriegsgefangene und Flüchtlinge, später Suchdienst des „Dt. Roten Kreuzes“, gründete. Kurzzeitig Mitarbeiter der sozialdemokratischen Zeitschrift „Volk und Zeit“, erhielt S. 1948 eine o. Professur für Soziologie an der Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, 1953 den Lehrstuhl für Soziologie an der dortigen Universität. 1960 wechselte er nach Münster und wurde zugleich Direktor der Sozialforschungsstelle Dortmund, des damals größten Instituts für empirische Sozialforschung in Europa. Er prägte die dort herausgegebene Zeitschrift „Soziale Welt“. 1965-67 wirkte S. als Planungsbeauftragter des nordrhein-westfäl. Kultusministers für die Gründung einer Reformuniversität in Bielefeld (Einsamkeit u. Freiheit, Idee u. Gestalt d. dt. Univ. u. ihrer Reformen, 1963, 21971). Die von S. gegründete Fakultät für Soziologie, die einzige an einer dt. Universität, und das „Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF)“ an der Univ. Bielefeld nahmen 1967 ihre Arbeit auf. Seit 1970 lehrte er dort, ließ jedoch aufgrund der Kontroversen um die neue Forschungsuniversität 1973 seinen Lehrstuhl nach Münster an die jur. Fakultät zurückversetzen, mit den Schwerpunkten Rechtsphilosophie und Rechtssoziologie, die seit 1970 sein theoretisches|Hauptthema (Die Soziologen u. d. Recht, 1980, Aufs.slg.) bildeten. Nach seiner Emeritierung 1978 zog S. sich zurück nach Stadt-schlaining (Burgenland) und beteiligte sich weiterhin mit polemischer Schärfe an der Diskussion um die von ihm wahrgenommene ideologische Vereinnahmung der Soziologie (Bekenntnisse e. „Anti-Soziologen“ 1981, autobiograph. Aufs.slg.), die Allmacht der Funktionäre (Funktionäre – gefährden sie d. Gemeinwohl?, 1981, 41983) oder die Dominanz des Planungsstaates.

    Das wissenschaftliche Werk S.s nach 1945 ist geprägt vom Fronterlebnis, vom Zusammenbruch Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg und bestimmt vom Aufbau der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Er propagierte für das westliche Nachkriegsdeutschland Soziologie als empirische und zeitdiagnostische Sozialgeschichtsschreibung (Ortsbestimmung d. dt. Soziol., 1959, 31967). Durch seine Darstellung und Deutung soziologischer Tatbestände wie Jugendarbeitslosigkeit (Arbeitslosigkeit u. Berufsnot d. Jugend, 2 Bde., 1952), Strukturveränderungen der Familie (Wandlungen d. dt. Fam. in d. Gegenwart, 1953, 51967) und von Problemen der Mitbestimmung und sozialen Partnerschaft in der Wirtschaft (Wege z. soz. Frieden, 1954, mit H. D. Ortlieb) sollte der gesellschaftliche Wiederaufbau begleitet und als problematisch eingeschätzten Entwicklungstrends begegnet werden. In der Tradition der „Leipziger Schule“ (Freyer, Gehlen) wollte er seine „Soziologie als Wirklichkeitskontrolle“ nicht als wissenschaftliche Planung verstanden wissen, sondern als Analyse der Gegenwart, die Handlungsmöglichkeiten aufzeigt. Interdisziplinäre Kooperation sollte es ermöglichen, soziologische Realitätsbeschreibung und normative Forderungen an die gesellschaftliche Wirklichkeit zur Deckung zu bringen. Wichtige Schlagworte der Adenauer-Epoche gehen auf S. zurück, so etwa „Die skeptische Generation“ der Nachkriegsjugend gegen jugendbewegte Gemeinschaftsträume, „Mehr Demokratie oder mehr Freiheit“ gegen die Ausschaltung des Individuums durch die Massendemokratie, die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ als Bedrohung individueller Leistungsbereitschaft, kultureller Vielfalt und Elitenbildung, oder „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“ als Warnung, jedoch auch als Möglichkeit einer humanen Gestaltung der Wissensgesellschaft. Aus der Perspektive der Studentenbewegung um 1968 trugen ihm solche Begriffe den Ruf eines pessimistischen Konservativen ein. Nach dem Niedergang der Ideologien des 20. Jh. gewinnen diese Konzepte erneut an Aktualität in der Diskussion der postmodernen Gesellschaft. S.s öffentliches Engagement als Politikberater, Publizist und erfolgreicher Wissenschaftsmanager lassen seine theoretischen Leistungen oft in den Hintergrund treten, wie sie z. B. dokumentiert sind in seiner „Soziologie der Sexualität“ (1955, 211977, 190.-192. Tsd. 1983), oder in der Soziologie als Institutionenlehre – vom frühen Aufsatz „Über die Stabilität von Institutionen, besonders Verfassungen“ (1949) bis zu den Beiträgen zur Rechtssoziologie zwischen 1970 und 1980. Auf den Gebieten der Institutionenlehre und der Rechtssoziologie lassen sich eine intensive Diskussion und Weiterführung seiner Ansätze feststellen, u. a. bei Joachim Ritter, Hermann Lübbe, Manfred Rehbinder, Ota Weinberger und Niklas Luhmann, ebenso in der aktuellen, internationalen Diskussion um einen „Neuen Institutionalismus“.|

  • Auszeichnungen

    Hon.prof. (Graz); Dr. h. c. (Córdoba, Argentinien 1968, Pernambuco u. Recife, Brasilien); Ehrenmitgl. d. lateinamerik. Ges. f. Soziol. (1961); Mitgl. d. Rhein.-Westfäl. Ak. d. Wiss. (1964) u. d. Joachim Jungius-Ges. d. Wiss., Hamburg; Gr. BVK (1973); Konrad-Adenauer-Preis (1977).

  • Werke

    Weitere W Die skept. Generation, Eine Soziol. d. dt. Jugend, 1957, 41960;
    Schule u. Erziehung in d. industr. Ges., 1957, 51965;
    Anpassung oder Widerstand?, Soziolog. Bedenken z. Schulreform, 1961, 41967;
    Einsamkeit u. Freiheit, Idee u. Gestalt d. dt. Univ. u. ihrer Reformen, 1963, 21971;
    Abschied v. d. Hochschulpol. oder Die Univ. im Fadenkreuz d. Versagens, 1969 (Aufs.slg.);
    Systemüberwindung, Demokratisierung u. Gewaltenteilung, Grundsatzkonflikte d. Bundesrep., 1973;
    Die Arbeit tun d. anderen, Klassenkampf u. Priesterherrschaft d. Intellektuellen, 1975, 21975;
    Der selbständige u. d. betreute Mensch, 1976 (Aufs.slg.);
    Die Hoffnung Blochs, Kritik d. marxist. Existenzphilos. e. Jugendbewegten, 1979;
    - Hg.: Soziol., Ein Lehrbuch z. modernen Ges.kunde, 1955, 81971 (mit A. Gehlen);
    Zur Theorie d. Institution, 1970, 21973;
    Jb. f. Rechtssoziol. u. Rechtstheorie, 1970 ff. (mit W. Maihofer);
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: BA Berlin.

  • Literatur

    R. Dahrendorf, Die drei Soziologien, Zu H. S.s „Ortsbestimmung d. dt. Soziol., in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 12, 1960, S. 120-33;
    W. Steffani, Monist. oder pluralist. Demokratie?, in: Klassenjustiz u. Pluralismus, Eine FS f. E. Fraenkel z. 75. Geb.tag, hg. v. G. Doeker u. a., 1973, S. 482-524;
    F. Grube u. G. Richter, (Hg.), Die Utopie der Konservativen, Antworten auf H. S.s kons. Manifest, 1974;
    M. Greffrath, S.s Weg v. d. „Technokratie“ z. „Klassenkampf', in: Das Argument, Jg. 1976, H. 100, S. 949-65;
    H. Baier (Hg.), Freiheit u. Sachzwang, Btrr. zu Ehren H. S.s, 1977;
    ders. (Hg.), H. S., Ein Soziologe in d. Bundesrep., 1986;
    F. Kaulbach u. W. Krawietz (Hg.), Recht u. Ges., FS f. H. S. z. 65. Geb.tag, 1978 (W-Verz., P);
    R. Pohlmann|(Hg.), Person u. Institution, H. S. gewidmet, 1980;
    B. Schäfers, in: Kölner Zs. f. Soziol. u. Soz.psychol. 36, 1984, S. 420-26;
    ders., H. S.s Theorie d. Institution, Ein vergessenes Paradigma d. soziolog. Theoriebildung?, in: ders., Soziol. u. Ges.entwicklung, Aufss. 1966-1996, 1996, S. 146-65;
    G. Sprenger, Von d. Einheit d. Wiss., Zum Tode H. S.s, in: Zentrum f. Interdisziplinäre Forsch. d. Univ. Bielefeld, J.ber. 1984, S. 19-29;
    Recht u. Institution, H. S.-Gedächtnis-Symposion Münster, hg. v. d. Rechtswiss. Fak. d. Univ. Münster, 1985 (W-Verz. 1979–84, S. 105-17);
    H. S. als Soziologe u. pol. Denker, hg. v. O. Weinberger u. W. Krawietz, 1985;
    M. Weyenbergh, L'utopisme vu de droite, Julien Freund, Thomas Molnar, H. S., in: Tijdschrift voor de studie van de verlichting 13, 1985, no. 4, S. 235-96;
    ders., Sorel vu par Hannah Arendt et H. S., ebd. 14/15, 1986/87, no. 2, S. 219-29;
    N. Luhmann, Die Soziol. u. d. Mensch, in: Neue Slg. 25, 1985, S. 33-41;
    H. Lübbe, Die Institutionalisierung d. Reflexion, H. S. als Kritiker Arnold Gehlens, in: ders., Die Aufdringlichkeit d. Gesch., 1989, S. 323-33;
    O. Lepsius, Die gegensatzaufhebende Begriffsbildung, Methodenentwicklungen in d. Weimarer Rep. u. ihr Verhältnis z. Ideologisierung d. Rechtswiss. im NS, 1994, S. 235-37;
    G. Wagner, Zur Rekonstruktion u. Kritik e. transzendentalen Theorie d. Ges., H. S. u. Wolfgang Schluchter, in: Archiv d. Rechts- u. Soz.philos. 81, 1995, Nr. 1, S. 1-25;
    O. Ramstedt, H. S. u. d. Gründung d. Bielefelder Fak. f. Soziol., in: Soziol., Mitt.bl. d. DGS, Jg. 1995, Nr. 3, S. 32-45;
    P. Werner, Die Normentheorie H. S.s als Form e. Neuen Institutionalismus, 1995;
    F. Belvisi, La teoria delle istituzioni di H. S., 2000;
    P.-U. Merz-Benz u. G. Wagner (Hg.), Soziol. u. Anti-Soziol., Ein Diskurs u. seine Rekonstruktion, 2001;
    H. Kopetz, Forsch. u. Lehre, Die Idee d. Univ. b. Humboldt, Jaspers, S. u. Mittelstraß, 2002;
    J. Kaube, in: FAZ v. 11.5.2004, S. 37 (P);
    Munzinger;
    Hamburg. Biogr. II (P).

  • Autor

    Dirk Kaesler
  • Empfohlene Zitierweise

    Kaesler, Dirk, "Schelsky, Helmut" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 659-661 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118607073.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA