Lebensdaten
1694 bis 1768
Geburtsort
Hamburg
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe ; Philologe ; Lehrer
Konfession
evangelisch,deistisch
Normdaten
GND: 118599259 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reimarus, Hermann Samuel

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Reimarus, Hermann Samuel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118599259.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Nikolaus (1663–1716/24), aus pommer. Pfarrerfam., Gymnasiallehrer (s. Jöcher-Adelung; H. Schröder, Lex. d. hamburg. Schriftst.), S d. Nicolaus, Prediger zu Stolzenburg;
    M Johanna Wetken (1664-1727);
    1728 Johanna Friederike (1707–83), T d. Johann Albert Fabricius (1668–1736), Polyhistor, Prof. f. Logik, später f. Moral u. Beredsamkeit am akad. Gymnasium in H., D. theol. (s. ADB VI), u. d. Margaretha Schultze;
    3 S (2 früh †) Johann Albert (1729–1814), Arzt in H. (s. ADB 27; BLÄ; Pogg. VII a, Suppl.; Killy; NDB 21 *), 4 T (2 früh †) u. a. Margarete Elisabeth (Elise) (1735–1805), Bekannte v. Lessing u. Mendelssohn (s. H. Sieveking, in: Zs. d. Ver. f. Hamburg. Gesch. 39, 1940, S. 86-138); Gvm d. Ehefrau Johannes Schultze (1647–1709), Rektor d. Johanneums in H.;
    E Christine (1771–1815, Karl Friedrich Gf. v. Reinhard, 1761–1837, franz. Staatsmann u. Publizist, s. NDB 21).

  • Leben

    Ersten Schulunterricht erhielt R. am Johanneum und seit 1710 am akad. Gymnasium in Hamburg, wo der Latinist und Gräzist Johann Albert Fabricius (1668–1736) und der Orientalist Johann Christoph Wolf (1683–1739) seine Lehrer wurden. Seit Frühjahr 1714 studierte er Theologie, Philosophie und Sprachen in Jena, v. a. bei dem Philosophen und Theologen Johann Franz Buddeus (1667–1729) und dem Philologen Johann Matthias Gesner (1691–1761). Im Herbst 1716 wechselte er nach Wittenberg, gab das theol. Studium auf, wurde bald Magister und – nach einer wissenschaftlichen Auslandsreise nach Leiden, Oxford und London – 1719 Adjunkt der phil. Fakultät. 1722 nahm R. seine Lehrtätigkeit als Adjunkt in Wittenberg auf, wurde 1723 Rektor der großen Stadtschule in Wismar und folgte 1728 einem Ruf als Professor für oriental. Sprachen an das akad. Gymnasium in Hamburg. Einen Ruf nach Göttingen lehnte er 1761 ab.

    R.s wiss. Ansehen in seiner Zeit gründete auf einer Reihe von Veröffentlichungen, besonders seinem Kommentar zur Hiob-Übersetzung Johann Adolf Hoffmanns (1734), einer vielbeachteten und noch von Barthold Georg Niebuhr (1776–1831) hoch geschätzten Ausgabe des griech. Historikers Cassius Dio, die sein Schwiegervater weitgehend vorbereitet hatte (1750/52), der physikotheol. Arbeit „Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Tiere, hauptsächlich über ihre Kunst-Triebe“ (1760, 41798, Nachdr. 1982), mit der er zu einem Mitbegründer der modernen Tierpsychologie wurde, und – ganz in der rationalistischen Tradition Christian Wolffs (1679–1754) – „Die Vernunftlehre, als eine Anweisung zu richtigen Gebrauche der Vernunft in der Erkenntniß der Wahrheit …“ (1756, Nachdr. 1979, 21766, Nachdr. 1979), die eine wichtige Etappe auf dem Weg von Wolff zu Kant darstellt.

    R.s geistes- und theologiegeschichtliche Bedeutung begründeten jedoch die beiden Schriften: „Die vornehmsten Wahrheiten der|natürlichen Religion in zehn Abhandlungen auf eine begreifliche Art erkläret und gerettet“ (1754, 61791, Nachdr. 1985) und v. a. die postum gedruckte „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes“ (1972, hg. v. G. Alexander, 2 Bde.). Gotthold Ephraim Lessing (1729–81) publizierte 1774-78 aus einer Manuskriptfassung der „Apologie“ sieben „Fragmente eines Ungenannten“ mit dem Hinweis, daß diese Teilstücke eines in der Wolfenbütteler Bibliothek vorhandenen Manuskripts seien, um den Namen des Verfassers zu verheimlichen. Mit seiner Veröffentlichung löste Lessing den sog. Fragmentenstreit aus, eine der heftigsten Kontroversen der Aufklärungszeit. Der anonyme Verfasser der „Fragmente“ vertrat die These, daß das kirchl. Christentum mit seiner Botschaft von der Heilsbedeutung Jesu Christi und seinem Auferstehungsglauben lediglich auf einem Betrug der Jünger und Apostel beruhe. Grundlage seiner Argumentation war eine vom engl. Deismus beeinflußte radikale Bibelkritik, bei der sowohl die Wahrscheinlichkeit der Wunder als auch die Richtigkeit der Weissagungsbeweise infrage gestellt wurden. Gegenüber jeder historischpartikularen Offenbarungsreligion verteidigte R. hier die Idee einer universalen natürlichen Vernunftreligion. Er ist daher zu Recht als „der größte Systematiker des Deismus in der europ. Aufklärung“ (Gawlick) bezeichnet worden. Zwar haben sich seine Konstruktion des Urchristentums bzw. die Betrugstheorie als nicht haltbar erwiesen, doch hat er der wissenschaftlichen Erforschung der Bibel wesentliche Impulse gegeben, die zur Entwicklung einer historisch-kritischen Theologie maßgeblich beitrugen.|

  • Auszeichnungen

    Ehrenmitgl. d. Philol. Ges. zu Jena u. d. Ksl. Ak. d. Wiss. zu St. Petersburg (1761); Mitgründer u. Mitgl. d. Hamburg. Ges. z. Beförderung d. Künste u. nützl. Gewerbe (1765, später: Patriot. Ges. z. Beförderung…).

  • Werke

    Weitere W Ges. Schrr., besorgt durch d. Reimarus-Komm. d. Joachim Jungius-Ges. u. d. Lessing-Ak., 1979 ff. (unvollst.);
    Kl. gel. Schrr., Vorstufen z. Apologie oder Schutzschr. f. d. vernünftigen Verehrer Gottes, hg. v. W. Schmidt-Biggemann, 1994;
    – Abdruck d. „Fragmente“ in: G. E. Lessing, Werke, hg. v. H. G. Göpfert, VIII, 1976, S. 311-604;
    Hss.verz. u. Bibliogr., zus.gest. u. eingel. v. W. Schmidt-Biggemann, 1979.

  • Literatur

    ADB 27;
    W. Walter u. L. Borinski (Hg.), Logik im Za. d. Aufklärung, Stud. z. ‚Vernunftlehre' v. H. S. R., 1980;
    P. Stemmer, Weissagung u. Kritik, Eine Stud. z. Hermeneutik b. H. S. R., 1983;
    F. Lötzsch, Was ist „Ökologie“?, H. S. R., Ein Btr. z. Geistesgesch. d. 18. Jh., 1987;
    G. Gawlick, R. u. d. engl. Deismus, in: K. Gründer u. K. H. Rengstorf (Hg.), Rel.kritik u. Religiosität in d. Dt. Aufklärung, 1989, S. 43-54;
    ders., in: M. Greschat (Hg.), Gestalten d. KGesch. 8, 1993, S. 299-311 (P);
    W. Walter (Hg.), H. S. R. 1694-1768, 1998;
    Ziegenfuß;
    BBKL;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    LThK;
    Metzler Philosophen Lex.

  • Autor/in

    Dirk Fleischer
  • Empfohlene Zitierweise

    Fleischer, Dirk, "Reimarus, Hermann Samuel" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 337-338 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118599259.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Reimarus: Hermann Samuel R., geb. am 22. December 1694 in Hamburg, am 1. März 1768 ebendaselbst, Sohn eines Gymnasiallehrers, machte seine Vorbereitungsstudien am Johanneum unter Leitung seines Vaters und hierauf seit 1710 am akademischen Gymnasium unter dem gelehrten Joh. Albert Fabricius (s. A. D. B. VI, 518 ff.), und bezog sodann 1714 die Universität Jena, wo er Theologie, Philologie und Philosophie studirte; 1716 ging er nach Wittenberg, woselbst er alsbald von der philosophischen Facultät als Docent aufgenommen wurde und auch nach einer längeren Reise, welche ihn 1720—21 nach Holland und England führte, seine Lehrthätigkeit fortsetzte, bis er im J. 1723 einem Rufe zur Uebernahme des Rectorates des Gymnasiums zu Wismar folgte. — Als im J. 1727 (nicht, wie Bd. V, S. 652 lautet, 1737) am Hamburger akademischen Gymnasium der Professor der orientalischen Sprachen, Georg El. Edzardus, mit Tode abging, bewarb sich R. aus Anhänglichkeit an seine Vaterstadt um diese erledigte Stelle, welche ihm auch (1728)|übertragen wurde. Am 11. November 1728 verheiratete er sich mit einer Tochter seines früheren Lehrers Fabricius, und 40 Jahre hindurch führte er in größter Pflichttreue sein Amt, welches eigentlich seiner vollen Begabung nicht ganz entsprechen konnte; es ergab sich auch, daß viele Gymnasiasten, welche für ihr weiteres Studium das Hebräische nicht bedurften, ihn um besondere philologische oder philosophische Uebungsstunden baten. Einen an ihn ergangenen Ruf nach Göttingen an Gesner's ( 1761) Stelle schlug er aus. Sein Kenntnißreichthum erstreckte sich auf Philologie, Philosophie, Theologie, Mathematik und Naturwissenschaften, politische und litterarische Geschichte und Staatswissenschaft; in der Philosophie übte vorerst Joh. Franz Buddeus, alsbald aber Wolfs einen entscheidenden Einfluß auf ihn aus. Er war ein Mann von gediegenem Charakter, ein scharfer, folgerichtiger Denker und kraft seiner unbedingten Wahrheitsliebe ein Feind des Truges jeder Art. Als Philologe beschenkte er die Wissenschaft mit einer vortrefflichen Ausgabe des Dio Cassius (in 2 Bdn., 1750—52). Hierauf folgte die Schrift: „Abhandlungen von den vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion“ (1755, 7. Aufl. 1798), durch welche er bereits zeigte, welch hervorragende Stellung er innerhalb der Gruppe der Aufklärer einzunehmen berufen sei. Anknüpfend an Wolff's Theologia naturalis und an die englischen Deisten führte er eine teleologische Anschauung durch, vermöge deren Gottes Güte und Weisheit in der Natureinrichtung nachgewiesen sei und daher eine natürliche Religion sich ergebe, durch welche jede positive Religion entbehrlich gemacht werde. Das einzige göttliche Wunder sei die Schöpfung, deren Erhaltung durch die Gesetze der Natur geregelt werde; überhaupt andere Wunder anzunehmen, widerspreche der Weisheit und Vollkommenheit Gottes. Indem der Zweck der Schöpfung sei, aus dem Unbelebten alle lebenden Wesen hervorzubringen und alles mit der größtmöglichen Lust der letzteren in Einklang zu setzen, müsse eben die Einrichtung der Welt als die Offenbarung Gottes betrachtet werden, und indem der Mensch auf der höchsten Stufe der lebenden Wesen stehe und von den Thieren sich durch den Besitz sittlicher Ideen unterscheide, werde der Zweck der Menschheit erst in einem künftigen Leben erreicht; so stützt er die Unsterblichkeit auf die Einfachheit der Seele, auf das Verlangen derselben nach höherer Erkenntniß, auf die Nothwendigkeit einer künftigen Vergeltung und eine Stufenfolge fortschreitender Entwicklung. Vielfach wurde daher diese Schrift als Waffe gegen den Spinozismus und gegen den materialistischen Atheismus der Encyklopädisten benutzt, unter welchen R. selbst sich besonders gegen De la Mettrie wandte. Eine weite Verbreitung fand auch die Logik Reimarus' unter dem Titel: „Vernunftlehre als Anweisung zum richtigen Gebrauche der Vernunft in der Erkenntniß der Wahrheit aus zwei ganz natürlichen Regeln der Einstimmung und des Widerspruches hergeleitet“ (1756, 5. Aufl. 1790), worin ein gewichtiger Beitrag lag zu den damaligen Erörterungen der sog. principia cognitionis. Dann veröffentlichte er „Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihren Kunsttrieb, zur Erkenntniß des Zusammenhanges zwischen dem Schöpfer und uns selbst“ (1760, 4. Aufl. 1798); in Anknüpfung an obige teleologische Naturbetrachtung erscheint ihm hier die Thierwelt als eine bereits kunstsinnige Vorstufe des Menschen, und sowie er hierbei Fragen anregt, welche der Thier-Psychologie angehören, so greift er auch in die in jenen Jahren sich verbreitende Litteratur der Aesthetik ein. Neben all dieser schriftstellerischen Leistung hatte er sich seit 1745 in wiederholter Umarbeitung und Nachbesserung mit einem Werke beschäftigt, welchem er in der letzten Redaction im J. 1767 den Titel gab: „Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes"; eine Veröffentlichung aber wollte er unterlassen, weil vielleicht erst in weit späterer Zeit das Publicum hinreichend reif|sein würde, derlei kritische Untersuchungen zu ertragen. Nun aber kam im April 1767, d. h. im letzten Lebensjahre Reimarus', Lessing als Dramaturg nach Hamburg und lernte allerdings den R. nicht näher persönlich kennen, trat aber während seines bis zum April 1770 dauernden Aufenthaltes in innigere Beziehungen zu den Kindern desselben, nämlich der Tochter Elise und dem Sohne Johann Albrecht Heinrich, welcher Arzt war (s. u.). Hier nun sah Lessing das Manuscript der Schutzschrift, erhielt aber, wahrscheinlich durch Elise, nur eine Abschrift einiger Capitel derselben, welche er als einen angeblichen Bibliothekfund, natürlich ohne Nennung des Verfassers, in seinen Beiträgen „Zur Geschichte und Literatur aus den Schätzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel" allmählich von 1774—1777 herausgab, wovon namentlich die letzten fünf Fragmente ("Von Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln", „Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen glauben könnten", „Durchzug der Israeliten durch das rothe Meer“, „Daß die Bücher des A. T. nicht geschrieben worden, eine Religion zu offenbaren“, „Ueber die Auferstehungsgeschichte") zur Folge hatten, daß Lessing in seinen letzten Lebensjahren in die bekannten Streitigkeiten mit Pastor Göze verwickelt wurde, worüber auf A. D. B. XIX, 793 ff. verwiesen sein möge. Einiges Weitere veröffentlichte 1787 C. A. E. Schmidt als „Uebrige noch ungedruckte Werke des Wolfenbüttel'schen Fragmentisten“. Man wußte aber über den wahren Verfasser der sog. Wolfenbütteler Fragmente noch immer nichts sicheres, bis der oben genannte Sohn des Reimarus, welcher das Originalmanuscript an die Hamburger Stadtbibliothek überwies, im J. 1814 eine Abschrift desselben unter Nennung des Verfassers an die Göttinger Bibliothek schickte. Aus letzterer gab Wilh. Klose einige Bruchstücke in Niedner's Zeitschrift für historische Theologie (1850—52) heraus, und David Strauß veröffentlichte nach genauer Durchforschung des Ganzen (1862) einen umfassenden Auszug. Es ist jetzt ersichtlich, daß R. die vieljährige Arbeit seiner Schutzschrift zu dem Zwecke unternahm, um die Vernunftreligion im Gegensatz zu der geoffenbarten Religion zu begründen. Anknüpfend an Spinoza, Pierre Bayle und die englischen Deisten (besonders an Toland) bekämpfte er mittels litterarischer und logischer Kritik die Schriften des alten und des neuen Testamentes, wobei es sich grundsätzlich um eine Prüfung der Offenbarung überhaupt handelte und dann auch im Einzelnen Schritt für Schritt, zumal bei allen Wunderberichten, eine einschneidendste und gründlichste Erörterung geübt wird, so daß bei unbefangener Beurtheilung wohl gesagt werden kann, er habe durch seine ebenso kühne als scharfsinnige Untersuchung den Grundlagen der Orthodoxie einen empfindlichen Stoß versetzt.

    • Literatur

      Dav. Friedr. Strauß, Herm. Sam. Reimarus und seine Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes (1862. 2. Aufl. 1877).

  • Autor/in

    Prantl.
  • Empfohlene Zitierweise

    Prantl, Carl von, "Reimarus, Hermann Samuel" in: Allgemeine Deutsche Biographie 27 (1888), S. 702-704 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118599259.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA