Lebensdaten
1889 bis 1940
Geburtsort
Erfurt
Sterbeort
Le Caugnet bei Saint Marcellin (Frankreich)
Beruf/Funktion
kommunistischer Politiker ; Publizist
Konfession
evangelisch,konfessionslos
Normdaten
GND: 118585541 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Münzenberg, Wilhelm
  • Münzenberg, Willi
  • Münzenberg, Wilhelm
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Zitierweise

Münzenberg, Willi, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585541.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich Karl, Güteragent u. Gastwirt, angebl. unehel. S d. Wilhelm Adolf Frhr. v. Seckendorff, 1801–66;
    M Wilhelm Luise Ernestine Meister ( 1893); Lebensgefährtin (seit 1924/25) Babette Gross (1898–1990), Publizistin, seit 1924 Prokuristin d. Neuen Dt. Verlags, Mitarbeiterin u. Biographin M.s, 1949 Mitgründerin u. bis 1951 Mithrsg. d. FAZ (s. BHdE I; W), T d. Heinrich Thüring (1866–1942), Braumeister in Potsdam, u. d. Else Merten (1871–1960); Schw d. Lebensgefährtin Margarete Buber-Neumann (1901–89, 1 ] 1922 Rafael Buber, Mitgl. d. KPD, 2] Heinz Neumann, 1902–37, kommunist. Parteifunktionär, s. BHdE I), Publizistin, Mitarbeiterin in M.s Verlagen (s. BHdE I; Gorzny; W).

  • Leben

    M. kam als Arbeiter in der Erfurter Schuhfabrik Lingel schon früh in Kontakt mit linkssozialdemokratischen Kreisen, wie dem Arbeiterbildungsverein „Propaganda“. 1909/10 ging er auf Wanderschaft und wurde Hausbursche der Zürcher Josef-Apotheke. Seit 1912 führendes Mitglied der sozialistischen Jugendorganisation der Schweiz, übernahm er die Redaktion der Monatszeitschrift „Die freie Jugend“. Um 1915 geriet der radikale Kriegsgegner unter den Einfluß Lenins. Als Vertreter der Jugend nahm M. an der Internationalen Sozialistischen Konferenz in Kienthal teil („Zimmerwalder Linke“). 1917 wurde er nach Arbeiterdemonstrationen verhaftet und fünf Monate inhaftiert. Im Mai 1918 erfolgte eine erneute Verhaftung. Am 10.11. wurde er als „mißliebiger Ausländer“ und Anhänger der Oktoberrevolution aus der Schweiz ausgewiesen.

    In Stuttgart schloß sich M. der Spartakusgruppe an und wurde nach der Gründung der Kommunistischen Jugendinternationale im November 1919 deren Vorsitzender (Lenin nannte ihn scherzhaft einen „Berufsjugendlichen“). Nach einem Konflikt mit der Zentrale der Kommunistischen Internationale (Sinowjew) wurde er von Lenin mit der Organisation einer Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) für die von Hungersnot bedrohten Menschen in der Sowjetunion betraut. Hier zeigte sich zum ersten Mal die organisatorische und propagandistische Begabung M.s. Seit 1924 Mitglied des ZK der KPD und Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis Frankfurt/Hanau, blieb M. als Leiter der Propaganda-West der Komintern von den Fraktionsauseinandersetzungen weitgehend unbehelligt, zog sich aber durch seine Unabhängigkeit die dauernde Feindschaft Walter Ulbrichts und Wilhelm Piecks zu. Bis 1933 ging M. ganz in der Öffentlichkeitsarbeit auf. Er gründete 1921 die „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“, betrieb den „Neuen Deutschen Verlag“ und die „Universum-Bibliothek“, die Tageszeitungen „Welt am Abend“ (seit 1926) und „Berlin am Morgen“ (seit 1931), den „Weg der Frau“, die „Neue Montags-Zeitung“ und den „Eulenspiegel“ sowie einige Filmfirmen. Die Aufführung des Films „Panzerkreuzer Potemkin“ in Deutschland ist ihm zu verdanken. Während der Zeit der Weimarer Republik war M. der einzige Verleger der Linken, der mit seiner Propaganda auch bei großen Teilen der Intelligenz Resonanz fand, da seine Methoden unorthodox waren und nicht parteigebunden erschienen. 1929 organisierte M. mit seinen Mitarbeitern den Internationalen Kongreß gegen Kolonialismus und Imperialismus in Brüssel, an dem u. a. Nehru teilnahm. 1931/32 griff er zusammen mit Heinz Neumann und Hermann Remmele in die Fraktionsauseinandersetzungen innerhalb der KPD ein. Diese Initiative scheiterte jedoch an der auf Weisung Stalins durchgeführten „Bolschewisierung“ der KPD.

    Nach dem Reichstagsbrand konnte M. Ende Februar 1933 in letzter Minute nach Frankreich fliehen. Ein Großteil seiner Mitarbeiter, darunter seine Lebensgefährtin Babette Gross, sein Sekretär Hans Schulz, aber auch Arthur Koestler, Gustav Regler und Otto Katz konnten ihm folgen und setzten die gemeinsame Arbeit im Rahmen des „Welthilfskomitees für die Opfer des deutschen Faschismus“ fort. Das wichtigste Ergebnis dieser Arbeit war das „Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror“ (Vorwort v. Lord Marley, 1933); weitere „Braunbücher“ folgten. Angesichts der Gefahren, die von dem nationalsozialistischen Deutschland ausgingen, drängte M. auf die Gründung einer „Volksfront“. Diese Koalition sollte alle Hitler-Gegner vereinen, also Vertreter der Kirchen, Gewerkschaften, Arbeiterparteien und der Konservativen. Wegen der strukturellen Differenzen der möglichen Partner und des Widerstands seitens der stalinistischen Führung der Exil-KPD kam eine solche „Volksfront“ nicht zustande. Aus Enttäuschung hierüber und aus Empörung über die Moskauer Prozesse, aufgrund derer seine früheren Weggefährten ermordet wurden, verließ M, der 1936 selbst in Moskau gewesen war, ohne Aufhebens zu machen, 1937 die KPD. Nach dem Stalin-Hitler-Pakt zwei Jahre später schlug M. eine strikt antikommunistische Haltung ein. Er widmete sich nun vor allem seiner 1937 gegründeten Zeitschrift „Die Zukunft“, an der zahlreiche prominente Intellektuelle, mit denen er in Verbindung stand, mitarbeiteten.

    Nach einer Internierung, von der nahezu alle deutschen Emigranten in Frankreich betroffen waren, floh M. im Juni 1940 vor den anrückenden Truppen der Wehrmacht in den Süden Frankreichs. Hier wurde er im Oktober erhängt aufgefunden. Ungeklärt bleibt, ob M. Selbstmord begangen hat, was eher unwahrscheinlich ist, oder ob Sowjet. Agenten einen der letzten überlebenden Freunde Lenins umgebracht haben. M., dessen Biographie mit der Geschichte der Arbeiterbewegung eng verknüpft war, gehörte zu den bedeutendsten Verlegern und politischen Propagandisten der ersten Hälfte des 20. Jh.

  • Werke

    u. a. Die Dritte Front, 1930, Nachdr. 1972, 1978 (Autobiogr.);
    Propaganda als Waffe, 1937, Neuaufl. 1972, 1977). – Zu Babette Gross: Frankreichs Weg z. Kommunismus, 1971. – Zu Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene b. Stalin u. Hitler, 1948;
    Von Potsdam nach Moskau, 1957;
    Kafkas Freundin Milena, 1963;
    Kriegsschauplätze d. Weltrev., Ein Bericht aus d. Praxis d. Komintern 1919–43, 1967;
    Der kommunist. Untergrund, 1970;
    Die erloschene Flamme, 1976.

  • Literatur

    B. Gross, W. M., 1967 (Vorwort v. A. Koestler; W, L, P);
    H. Lademacher, Die Zimmerwalder Bewegung, 2 Bde., 1967;
    Hermann Weber, Die Wandlung d. dt. Kommunismus, 2 Bde., 1969;
    B. Bouvier, Die dt. Freiheitspartei, Diss. Frankfurt/Main 1972;
    H. Duhnke, Die KPD v. 1933 bis 1945, 1972;
    H. Willmann, Gesch. d. Arbeiter-Illustrierten-Ztg. 1921–38, 1974;
    R. Surmann, Die Münzenberg-Legende, 1978;
    H. Wessel, M.s Ende, 1991;
    B. Lazitch u. M. M. Drachkovitch, Biographical Dictionary of the Comintern, 21986;
    T. Schlie u. S. Roche (Hrsg.), W. M., 1995;
    Biogr. Lex. z. Weimarer Rep., hrsg. v. W. Benz u. H. Graml, 1988;
    BHdE I;
    Schumacher.

  • Autor/in

    Tilman Schulz
  • Empfohlene Zitierweise

    Schulz, Tilman, "Münzenberg, Willi" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 553-554 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585541.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA