Lebensdaten
1488 bis 1552
Geburtsort
Nieder-Ingelheim
Sterbeort
Basel
Beruf/Funktion
Kosmograph ; Hebraist
Konfession
katholisch,reformiert
Normdaten
GND: 118585517 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Münster, Sebastian
  • B. S. M.
  • B.S.M.
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Münster, Sebastian, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585517.html [20.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Andreas (Endres), Spitalmeister in N. ( 1527/34);
    M N. N.;
    um 1530 Anna (um 1490–1570), Wwe d. Adam Petri (1454–1525), Drucker u. Verleger in B. (s. ADB 25), T d. Notars Sixtus Selber (Silber) in B.; 1 T, Stief-S Heinrich Petri (1508–79), Drucker u. Verleger in B. (s. ADB 25).

  • Leben

    M. wurde durch Privatunterricht auf das Studium vorbereitet. Zu unbestimmter Zeit verließ er seine Heimat und trat in die Heidelberger Ordensschule der Franziskaner ein. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß er seit 1505 in Heidelberg studierte und 1507 dem Orden beitrat. Möglicherweise verbrachte er einen kurzen Studienaufenthalt in Löwen und in Freiburg (Breisgau), um Vorlesungen bei Gregor Reisch (1467–1525) zu hören. Sicher ist, daß M. seit 1509 im elsäss. Minoritenkloster Ruffach studierte. Hier wurde Konrad Pellikan (1478–1556) sein erster bedeutender Lehrer, der M. mit der hebräischen und griech. Sprache vertraut machte, ihm aber auch Kenntnisse in der Mathematik und der „Kosmographie“ genannten Weltbeschreibung vermittelte. 1511 begleitete er Pellikan zu einer Ordensversammlung nach Basel und anschließend nach Pforzheim, wohin dieser als Klosterguardian gesandt worden war. M. erteilte dort auch selbst Unterricht. 1512 erhielt er die Priesterweihe, 1514 befand er sich an der Univ. Tübingen, wo er Melanchthon und Johannes Reuchlin kennenlernte und Vorlesungen bei Johann Stöffler hörte, der ihn in Mathematik und Astronomie sowie dem kartographischen Vermessungswesen und dem Bau von Sonnenuhren, Globen und Astrolabien unterwies. Ein Aufenthalt in Wien um 1517/18 läßt sich nicht nachweisen.

    M.s erste Publikationen behandeln sämtlich das Gebiet der Hebraistik. Die erste nachweisbare Veröffentlichung, eine hebräische Grammatik, erschien 1520 bei Joh. Froben in Basel. Von den folgenden Schriften seien die „Grammatica hebraica Eliae Levitae“ und das „Dictionarium hebraicum“ genannt, die beide 1523 erschienen und zahlreiche Auflagen erlebten. M. weilte zu dieser Zeit häufig in Basel und traf dort seinen Lehrer Pellikan wieder, der dem Gedankengut der Reformation nahestand und auch M. entsprechend beeinflußte. 1524 wurde M. von Kf. Ludwig dem Friedfertigen von der Pfalz an die Univ. Heidelberg berufen und lehrte dort neben der hebräischen Sprache auch Mathematik und Geographie. Die Annahme dieses Rufes geschah wahrscheinlich auf Wunsch des Ordens; M. selbst wäre vermutlich lieber in Basel geblieben. Das Klima an der konservativen Univ. Heidelberg sagte ihm nicht zu; häufig unternahm er Reisen nach Basel. Aus diesem Grund (nicht wegen finanzieller Forderungen) kam es wiederholt zu Unstimmigkeiten. 1526 schrieb er ein Entlassungsgesuch, das er indes wieder zurücknahm. Allem Anschein nach weilte M. danach wie zuvor öfter in Basel, schließlich wurde er um die Mitte des Jahres 1529 als Nachfolger Pellikans auf den dortigen Lehrstuhl für Hebraistik berufen.

    In den religiösen Auseinandersetzungen jener Zeit zurückhaltend, teilte M. jedoch aufgrund seiner Kenntnis des Hebräischen die luth. Ansicht von der Fehlerhaftigkeit der Vulgata, auf deren Text sich die kath. Lehre stützte. Diese Haltung, der Einfluß Pellikans und Oekolampads sowie der Wunsch, seine Professur zu behalten und praktisch ausüben zu können, dürften M. bewogen haben, im Jahr der Berufung nach Basel den Orden zu verlassen und zum Protestantismus überzutreten. Die Universität befand sich in einem beklagenswerten Zustand, da viele Lehrer und Studenten die Stadt verlassen hatten; 1529-32 war sie geschlossen. Ist der Aufschwung, den die Hochschule in den folgenden Jahren nahm, großenteils den Bestrebungen Oekolampads zu danken, so gebührt M. das Verdienst, Basel zu einem anerkannten Zentrum der Hebraistik gemacht zu haben. 1542-44 vertrat er auch den Lehrstuhl für Theologie, 1547/48 wurde er Rektor der Universität. Auch während seiner letzten Lebensjahre führte er ein zurückgezogenes, ganz auf seine Studien ausgerichtetes Gelehrtendasein. Sein Jahresgehalt – mit 60 Gulden eher bescheiden – wurde nie erhöht. Mit seinem Stiefsohn Heinrich Petri, der die meisten seiner Werke verlegte, stand er in enger geschäftlicher Beziehung, ohne jedoch Teilhaber an dessen Druckerei zu sein. M.s philologisch-theologisches Hauptwerk ist die 1534/35 erschienene hebräische Fassung des Alten Testaments mit einer lat. Übersetzung, bei der er sich vorwiegend auf seine umfangreiche Sammlung rabbinischer Kommentare stützte und ferner die Übersetzungen von Santes Pagnino (1527) und Augustin Steuchus (1529) heranzog. Er strebte eine möglichst wortgetreue Übersetzung unter Erhaltung des hebräischen Sprachduktus an. Für M. bestand eine direkte Verbindung zwischen seinen hebraistischen Arbeiten und der Weltbeschreibung: Erstere wiesen den Weg zum Alten Testament und damit zur Wurzel des Christentums und zur theol.-philosophischen Erkenntnis der göttlichen Schöpfung, die letztere war der Schlüssel zur räumlichen wie zeitlichen Erfassung der Welt als Ergebnis dieser Schöpfung. In seiner kleinen Schrift „Erklärung des neuen Instruments der Sunnen“ (1528) forderte er alle „Liebhaber der lustigen Kunst Geographia“ auf, ihm Datenmaterial zu einer Beschreibung Deutschlands zu übermitteln. Um zu einigermaßen verläßlichen Angaben zu kommen, gab M. eine Anleitung, wie man von einem bestimmten Punkt aus die Umgebung kartographisch erfassen solle. Offenkundig plante er bereits damals eine umfassende Beschreibung der Gebiete des Deutschen Reiches; die erhoffte Reaktion blieb allerdings aus, und M. begnügte sich vorerst mit einer kleinen Schrift „Germaniae descriptio“ (1530), der die Überarbeitung einer Karte von Mitteleuropa des Nikolaus Cusanus zugrunde lag. 1536 publizierte M. in deutscher Sprache die „Mappa Europae“ und in der Folge vor allem Ausgaben der antiken Geographen Gaius Julius Solinus, Pomponius Mela und Claudius Ptolemäus. Insbesondere das erstmals 1540 veröffentlichte Werk des Ptolemäus war für die Entwicklung der neuzeitlichen Geographie wichtig. Studienreisen durch Süd- und Westdeutschland und die Schweiz (kartographische Vermessung des Wallis 1546) dienten der Vorbereitung bzw. Verbesserung seiner geographischen wie ethnographischen Beschreibung der damals bekannten Welt in seiner „Cosmographia“.

    1544 erschien die „Cosmographia“, die M. einen hervorragenden Platz unter den Geographen des 16. Jh. verschaffen sollte, in sechs Büchern. Ihr methodisches Konzept verbindet die Kompilation von durch zeitgenössische Mitarbeiter vor Ort gesammelten aktuellen Daten mit der Auswertung schriftlicher Quellen von der Antike bis in M.s Gegenwart. Das erste Buch enthält eine physische Geographie, im zweiten und dritten werden eine Übersicht über Lage und Grenzen Europas und eingehende Beschreibungen der einzelnen Länder gegeben. Das vierte, fünfte und sechste Buch behandeln in knapper und insgesamt dem zeitgenössischen Wissen nicht entsprechender Weise Nord- und Osteuropa, Asien, Afrika und die Neue Welt. M. verwendete den bereits bekannten Ausdruck „Amerika“ nicht, hielt auch zeitlebens am ptolemäischen Weltbild fest. Als zur Kosmographie gehörig betrachtete er aber auch ausführliche Darstellungen zur Erd- und Menschheitsgeschichte, zu Lebensweisen, Sitten, Bräuchen und charakteristischen Besonderheiten der Länder und ihrer Bewohner. Dazu lieferten die 1550 erschienenen Ausgaben in deutscher und lat. Sprache hervorragende Illustrationen, teilweise die ältesten bekannten Ansichten einzelner Orte überhaupt. Zu den Künstlern gehörten Hans Rudolf Manuel (gen. Deutsch), David Kandel und Jakob Clauser, in Holz geschnitten wurden deren Zeichnungen von Christoph Stimmer und Heinrich Holzmüller. Alle geographischen Schriften M.s enthalten auch Landkarten; insgesamt zeichnete er 142 Kartenblätter, mehr als alle deutschen Kartographen vor ihm. Die Qualität der Karten schwankt erheblich, da sich M. bei ihrer Erstellung nicht auf eigene Vermessungen, sondern auf die Angaben der Literatur oder seiner Mitarbeiter stützte. Die Erstausgabe der Kosmographie enthielt 26 Blätter, in der Ausgabe von 1550 wurden 14 davon wiederverwendet, 53 neue Karten kamen hinzu. Ein ganz neuer Kartensatz wurde in die postum erschienene Auflage von 1588 übernommen. Bewußt in deutscher Sprache verfaßt, entfaltete die „Cosmographia“ eine enorme Breitenwirkung. Keine andere Erdbeschreibung des 16. Jh. ist in dieser Hinsicht mit M.s Werk vergleichbar.

  • Werke

    u. a. Germaniae atque aliarum regionum … descriptio … ex Historicis atque Cosmographis, pro Tabula Nicolai Cusae intelligenda excerpta, Basel 1530;
    Mappa Europae, Eygentlich fürgebildet, aussgelegt u. beschribenn, Vonn aller Land u. Stett ankunfft, Gelegenheyt, sitten, ietziger Handtierung u. Wesen …, Frankfurt 1536 (Faks. 1965);
    Geographia Universalis, Vetus et Nova, complectens Claudii Ptolemaei Alexandrini Ennarationis libros VIII, Basel 1540;
    Cosmographia, Beschreibung aller Lender Durch Sebastianum Munsterum, In welcher begriffen, Aller völcker, Herrschafften, Sterten, u.namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glauben, secten, u. hantierung, durch d. gantze welt, u. fürnemlich Teütscher nation …, Basel 1544, weitere Aufll. Basel 1545–52, 271650.

  • Literatur

    ADB 23;
    O. Schreckenfuchs, Leichenrede auf M., Basel 1553 (dt. Übers. v. E. Emmerling, in: Btrr. z. Ingelheimer Gesch., H. 12, 1960);
    V. Hantzsch, S. M., Leben, Werk, wiss. Bedeutung, Abhh. d. phil.-hist. Cl. d. Sächs. Ak. d. Wiss. 18, 1898, H. 3;
    M. T. Hodgen, in: Osiris 11, 1954, S. 504-29;
    H. Burmeister, S. M., Versuch e. biogr. Gesamtbildes, 1963 (P);
    H. J. W. Horch, Bibliogr. Notizen zu einigen Ausgg. d. „Kosmographie“ v. S. M. u. ihren Varianten, in: Gutenberg Jb. 1974, S. 139-51;
    P. H. Meurer, Der neue Kartensatz v. 1588 in d. Kosmographie S. M.s, in: Cartographica Helvetica 1993, H. 7, S. 11-20;
    DSB. – Bibliogr.: H. Burmeister, S. M., e. Bibliogr., 1964.

  • Autor/in

    Claus Priesner
  • Empfohlene Zitierweise

    Priesner, Claus, "Münster, Sebastian" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 539-541 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585517.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Münster: Sebastian M., Hebraist und Kosmograph, geb. 1489 in Ingelheim, am 23. Mai 1552 in Basel. Seinen Geburtsort hat er später gern verherrlicht und sich und Karl den Großen als die bedeutendsten Söhne des „wohlgefreiten Orts“ hingestellt. Er studirte in Heidelberg, später in Tübingen (dies nach der allgemeinen Angabe, denn weder in der Heidelberger Matrikel von 1502—1514, noch in der Tübinger ist sein Name zu finden) Theologie, beschäftigte sich aus besonderer Vorliebe mit den orientalischen Sprachen, und besonders mit Mathematik. In letzterer war sein Lehrer Joh. Stöffler, dessen er später mit Dankbarkeit gedachte. Daß er auch ein Schüler des Joh. Brassicanus in Wien gewesen, geht aus einem Empfehlungsbriefe des Hier. Caduceator an Fr. Nausea (Nauseae Epist. misc. 1550, p. 79) hervor. Er wurde Franciscanermönch, doch legte er später das Ordenskleid ab, trat der reformirten Kirche bei und wurde 1529 Lehrer des Hebräischen an der Universität Basel. Vorher hatte er schon in Heidelberg von 1524—27 gelehrt. Sein Gehalt betrug ursprünglich 25 Gulden jährlich; von 1526 an erhielt er eine Zulage von 5 Gulden. In Basel war er Nachfolger des Bonif. Wolfhard, der in einem Briefe an Farel (Herminjard, Corr. des réf. franç. II, 248) meldet, M. sei nur durch dieses Anerbieten zum Uebertritt bewogen worden. Von den Zeitgenossen wurde M. sehr geehrt, von Luther gelegentlich gelobt ("Schemhamphoras“ am Ende); mit den Schweizern Vadian und Keßler stand er in freundlichstem Verkehr. Er lebte in Basel bis zu seinem Tode.

    In Münster's Thätigkeit sind zwei Seiten zu unterscheiden. Er ist Hebraist und Kosmograph. Als Hebraist nimmt er in Deutschland nach Reuchlin eine der ersten Stellen ein. Er ordnet sich letzterm bescheiden unter. Er lernt von den Juden und besitzt Ehr- und Gerechtigkeitsgefühl genug, um seinen bedeutenden jüdischen Lehrmeister Elias Levita (s. d.) mit Achtung und Ehrerbietung zu nennen. Er giebt dessen Schritten heraus und führt die Anregungen aus, die er von diesem erhalten hat. Auch Reuchlin's Rudimenta hebraica gab er neu heraus und dessen Vorgänger und Hauptquelle, David Kimchi. Er zeigt eine ziemliche Kenntniß der Nabbinen, bemüht sich, alte Schriften wieder ans Licht zu ziehen, so das barbarisch geschriebene hebräische Matthäusevangelium, die Logik des Rabbi Simeon (Münster's Arbeit wird sehr getadelt bei Dukas, Rech. sur l'hist. lit. du 15. siècle 1879, S. 26 A.). Aber die Bibel bleibt doch seine vornehmste Quelle und das Hauptgebiet seines Studiums. Einzelne biblische Bücher: Jesajas, Psalmen, Koheleth, Hohes Lied gab er in Uebersetzungen mit Anmerkungen heraus, in denen er meist als Grammatiker, nur selten als christlicher Theologe spricht. Auf diese Einzelarbeiten ließ er 1535 eine Ausgabe der ganzen hebräischen Bibel mit vollständiger Uebersetzung derselben folgen. Es ist die erste vollständige Ausgabe des hebräischen Textes und schon deswegen rühmenswerth; rühmenswerther aber noch durch sein offenes Auftreten gegen die Vulgata, durch den kritischen Sinn, mit welchem er die Leistungen der Früheren mustert, durch die Dankbarkeit, welche er seinen jüdischen und christlichen Vorgängern erweist. Der christliche Standpunkt des Herausgebers tritt auch in diesem Werke hervor; er sagt einmal „denn die Propheten geben fast nur Weissagungen über Christus und die Zukunft seiner Lehre“. — Außer Editionen und Uebersetzungen hat M. noch lexikalische und grammatikalische Arbeiten erscheinen lassen. Darunter sind drei Wörterbücher: ein rabbinisches, ein dreisprachiges, ein chaldäisches. Das rabbinische ist nur dadurch interessant, daß es eine nicht unbedeutende, damals sehr seltene Kenntniß der Rabbinen beweist.|Das dreisprachige stellt lateinische, griechische und hebräische Wörter zusammen, doch dergestalt, daß die ersteren den Vorrang erhalten, indem sie alphabetisch zusammengestellt werden, die übrigen nur eine Nebenrolle zu spielen scheinen. Das chaldäische ist nur eine Zusammenstellung aus dem talmudischen Wörterbuch Aruch (Perles hat im Einzelnen den Zusammenhang Münster's mit seiner Quelle dargethan). — Von grammatikalischen Arbeiten sind zu erwähnen: eine Conjugations- und Declinationstafel, nicht unpassend zum praktischen Gebrauch; sodann eine durchaus elementare hebräische Grammatik, die sich bei streitigen Punkten damit begnügt, die verschiedenen Ansichten neben einander vorzuführen, ohne eine Entscheidung zwischen denselben zu treffen; endlich eine chaldäische Grammatik, die erste derartige in Deutschland, elementar, mit Uebungsstücken aus den chaldäischen Schriften der Bibel, nebst deren lateinischer Uebersetzung. — Diesen größeren Arbeiten reihen sich dann noch Nebenstudien an: ein hebräisches Kalendarium, eine Ausgabe des Josippon, mit einigen unbedeutenden Monographischen Zuthaten, eine Zusammenstellung der 613 Ge- und Verbote der Juden. (Die bibliographisch genauen Titel der Münsterischen Schriften sowie eine Darlegung ihres Inhaltes und ihres Werthes findet man in meinem unten anzuführenden Buche.) Alle diese Schriften zeigen, daß M. ein fleißiger, gewissenhafter Benutzer seiner Vorgänger ist. Er ist weder genial noch original, aber er will auch nicht mehr scheinen als er ist. Er gedenkt vielmehr seiner Vorgänger, besonders des Elias Levita, dem er allerdings das Meiste und Beste verdankt, mit vielem Lobe. Er mißversteht ihn nicht selten und begeht manche Fehler, aber wegen dieser dar' er angesichts seines redlichen Willens und seines achtbaren Fleißes nicht zu sehr getadelt werden. Jedenfalls ist das Urtheil, das von Rich. Simon über M. gefällt und das von Späteren oft nachgesprochen worden ist: M. ne faisait aucun pas sans tomber, hart und ungerecht; im Hinblick auf die spärlichen Vorarbeiten und auf die beschränkten Hülfsmittel, die M. zu Gebote standen, müssen Münster's Leistungen als in hohem Grade achtungswerth bezeichnet werden. —

    Allgemeiner bekannt als durch seine Leistungen auf dem Gebiete der hebräischen Sprache ist M. durch seine „Cosmographia, d. h. Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Münsterum, in welcher begriffen, aller Völker Herrschaften, Stetten, und nahmhaftiger Flecken, herkommen: Sitten, gebreuch, ordnung, glauben, secten und Hantierung, durch die ganze Welt, und fürnemlich teutscher Nation. Was auch besunders in jedem Lande gefunden und darin beschehen sey. Alles mit Figuren und schönen landt tasten erklärt und für augen gestellt; Getruckt zu Basel durch Henrichum Petri“ (dieser Titel der Originalausgabe nach Hager, S. 91 ff., ich benutze die Ausgabe mit ziemlich verändertem Titel, Basel 1550, den wieder sehr veränderten Titel der Ausgabe von 1614 f. bei Hager S. 79). Das Buch erschien zueist 1543; es wurde sehr oft bei Lebzeiten des Autors rechtmäßig und unrechtmäßig gedruckt, ins Lateinische, Italienische, Französische übersetzt. M. ist in diesem Werke vor Allem Gelehrter, mehr Antiquar als Forscher. Er ist bei den Alten in die Schule gegangen und spickt sein Werk gern mit Citaten aus den drei Sprachen des Alterthums, die er beherrschte. Er verehrt Strabo als Meister und hätte gewiß schon bei Lebzeiten gern den Ehrennamen eines „deutschen Strabo“ geführt, der seinen Leichenstein ziert. Er führt die Alten an, aber der „dogmatische Glaube“ an dieselben ist in ihm erschüttert; er will die Jahrhunderte, die seit dem Alterthum dahingegangen sind, nicht übergehen, sondern sucht sich allerwärts Kunde von dem seither Erforschten und Gewordenen zu verschassen. Er ist Compilator und Sammler. Als Compilator benutzt er alle gedruckten Quellen, er nennt sie gern: die Historiker und Geographen von Diodorus Siculus an bis auf Aegidius Tschudi —, und zwar der Sitte der Zeit nach, mit starker Aneignung des von Anderen bearbeiteten Stoffes, er trägt das Verschiedenartigste zusammen, so|daß sein Werk nicht blos eine geographische Beschreibung der Städte und Länder, sondern auch ein Compendium für Geschichte und Alterthumskunde, Philologie und Physik ist. Und da er die gedruckten Berichte nicht ausreichend fand und nicht einmal die vorhandenen alle erreichen konnte, so erließ er ein gedrucktes Ausschreiben an Fürsten, große Herren, Gelehrte und Beamte mit der Bitte, ihm ihre Länder und Städte zu beschreiben, und erhielt, er, der einfache Privatmann, während vieler Jahre von allen Seiten (auch diese seine Helfer zählt er dankbar aus) zahlreiche Mittheilungen, die er für seine Darstellung verwerthete. Diese Mittheilungen waren häufig mit Städtebildern und Landkarten versehen, die von ihm alle in sein Werk aufgenommen wurden, und noch heute einen eigenartigen Werth beanspruchen, nicht immer als Kunstwerke, sondern als sprechende Beispiele dafür, wie unvollkommen die Künstler jener Zeit sahen und wie unvollkommen sie das Gesehene wiederzugeben verstanden. Als Gelehrter alten Schlages hat M. für Volksleben, für Culturzustände wenig Sinn; bezeichnend für ihn ist der Satz, den er einmal braucht: „Es weiß Jedermann, was und welche Kleider und Speis jetzt im teutschen Lande in Brauch sind, darum nicht von nöthen, etwas davon zu schreiben.“ Trotzdem bringt er manche statistische Notizen, giebt einige Versuche zur genauem Zeichnung der Volksart, schildert die Stände und zwar so, daß er die Bauern erhebt, die Adligen schilt, über die Geistlichen vorsichtig hinweggeht, um es mit keiner Glaubenspartei zu verderben. Zeigt er sich gerade in letzterer Hinsicht nicht als echten Sohn der Reformationszeit, die, wenn irgendwo, gerade in Sachen der Religion ein entschiedenes Auftreten, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei verlangte, so bewährt er sich als wahres Kind seiner Zeit durch seinen Hang zum Aberglauben und durch sein Festhalten an Volksmärchen. Er ist, wie die Besten seiner Zeit, von dem Walten eines Teufels fest überzeugt; er berichtet mit naivem Glauben von Wundern, die Gott in einer Nacht verrichtet, so daß er Silber in die deutschen Berge gelegt und durch übernatürliche Macht eine Wüste in ein Paradies verwandelt habe. Er ist fromm und bezeugt seine fromme Gesinnung nicht blos durch zahlreiche Anführungen von Bibelstellen, durch Gebete, die er gelegentlich einfügt, sondern durch den weihevollen, oft kindlich ausgedrückten und doch so erhebenden Gottesglauben, der sein ganzes Werk durchzieht. Außer seiner Religiosität ist besonders Münster's Patriotismus erwähnens- und rühmenswerth. Man mag es schon als eine patriotische That bezeichnen, daß er trotz seiner Gelehrsamkeit den Gedanken faßt und ausführt, eine allgemeine Erdkunde in deutscher Sprache zu schreiben. Aber er gebraucht nicht blos die deutsche Sprache, er bewährt vornehmlich deutschen Sinn dadurch, daß er unter allen Ländern Deutschland am ausführlichsten behandelt und bei jeder Gelegenheit, die sich ihm darbietet, ja die begierig von ihm aufgesucht wird, des deutschen Namens mit Stolz gedenkt. Am besten drückt er seine Gesinnung aus durch die Worte, welche er über die Karte Deutschlands setzt: „Deutschland von Gottes Gnaden ein Stuhl des römischen Reichs, ein Schul aller guten Künste und Handwerke, ein Ursprung vieler neuen Kunst, eine Mutter vieler streitbarer Helden, hoher, weiser, gelehrter Leut, ein reiner Tempel wahrhaftiger Gottesfurcht und aller Tugend“.

    Was das Aeußere des Werkes betrifft, so zerfällt es in 6 Bücher. Das erste behandelt die mathematische und allgemeine physische Geographie. Die fünf übrigen sind der speciellen physischen und der politischen Geographie gewidmet und zwar das 2. dem südlichen Europa und England, das 3. Deutschland, das 4. dem übrigen Europa, das 5. Asien, das 6. Afrika. Die erste Ausgabe hat 24 Karten, von welchen die letzte die neue Welt darstellt, die 22. Neu-Indien gewidmet ist. Diese Landkarten wurden in den späteren|Ausgaben vermehrt, die von 1592 hat 26. Dazu kommen dann 46 Städtebilder, von denen 30 deutsche Städte darstellen. Ferner alle möglichen kleineren Holzschnitte: Bäume, Thiere, Wappen der Städte, der Länder, der gräflichen Familien, die Herrscher der einzelnen Länder, nicht etwa nur die zur Zeit Münster's regierenden, sondern die ganze Reihe der Herrscher der einzelnen Länder überhaupt; bei Erwähnung der Flagellanten wird ein Geißler abgebildet, bei Besprechung des Landrechts eine Frau, die ihre Hand ins Feuer steckt und dadurch ihr Recht beweisen will (Feuerprobe), bei Schilderung der bäuerlichen Zustände ein Dorf, zwei Bauern, ebenso Bergwerke, Brücken, Brunnen etc. Seltsame Gebräuche, wie „die Matzen“ in Wallis werden illustrirt. Gelegentlich werden auch genealogische Tabellen gegeben, z. B. der Herren von Mindelheim. Die Initialen sind groß, aber ohne sonderliche Kunst. — Deutschland wird mit einer die richtige Oekonomie des Werkes verletzenden Breite beschrieben; von den 1203 Seiten des Werkes (in der Ausgabe von 1550) sind ihm 656, also weit mehr als die Hälfte gewidmet. Der Name Amerika findet sich in den ersten Ausgaben nicht; in dem Abschnitt „von den neuen Inseln“ (S. 1178—1192) wird aber von Columbus, seinen Fahrten und seinen Entdeckungen gesprochen.

    • Literatur

      J. G. Hager, Geographischer Büchersaal, Chemnitz 1764, 1. Band, 2. Stück, S. 77—140. Inhaltsverzeichniß der Cosmographie, zugleich auch ein ziemlich genaues Verzeichniß der Münster'schen Schriften. Ein ähnliches bei Rotermund, Fortsetzung von Jöcher, Bd. V, vgl. Jöcher's Hauptwerk Bd. III. Die dort gegebene Biographie ebenso wie die Darstellungen in den vielen bei Hager genannten biogr. Nachschlagswerken sind ohne jede selbständige Bedeutung. Für den Kosmogr. vgl. W. H. Riehl, Freie Vortrage, Stuttg. 1871, Bd. I, ein vorzüglicher, der obigen Darstellung zu Grunde gelegter Aufsatz. O. Peschel, Geschichte der Erdkunde, 2. Aufl., hgg. von S. Ruge, München 1881; für den Hebraisten: L. Geiger, Gesch. des Stud. der hebr. Sprache in Deutschland, Breslau 1870, S. 74—88, 90. — Perles, Beitr. zur Gesch. d. hebr. und aram. Studien, München 1884, S. 20—44.

  • Autor/in

    Ludwig Geiger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Geiger, Ludwig, "Münster, Sebastian" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 30-33 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585517.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA