Lebensdaten
1901 bis 1978
Geburtsort
Essen
Sterbeort
Köln
Beruf/Funktion
Nationalökonom ; Kultursoziologe ; Wirtschaftspolitiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118585282 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller-Armack, Alfred
  • Armack, Alfred M.-
  • Armack, Alfred Müller-
  • mehr

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Zitierweise

Müller-Armack, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585282.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann Justus Müller (* 1868), Betriebsführer b. Krupp in E.;
    M Elise Dorothee Armack (* 1872);
    Köln 1934 Irmgard (1912–95), T d. Apothekers Gustaf Fortmann u. d. Martha Heinzerling;
    1 S Andreas (* 1941), Ministerialdirigent im bayer. Wirtsch.min.

  • Leben

    M. wuchs in Essen und Weilburg/Lahn auf. Er studierte Nationalökonomie in Gießen und Freiburg (Breisgau), kurz in München, dann vor allem in Köln. Dort promovierte er 1923 bei L. v. Wiese mit der Arbeit „Das Krisenproblem in der theoretischen Sozialökonomik“ zum Dr. rer. pol. und habilitierte sich 1926 über „Ökonomische Theorie der Kulturpolitik“ – eine Thematik, die ihn seitdem sein ganzes Leben begleitete. Schon 1929 – lange vor Bekanntwerden der Theorien von J. M. Keynes – erschien mit ähnlichen Überlegungen zur Gestaltung der Prozeßpolitik sein Artikel „Konjunkturforschung und Konjunkturpolitik“ im Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 1934 wurde M. an der Univ. Köln zum ao. Professor ernannt, 1938 ging er als ao. Professor für Nationalökonomie und Soziologie (1940 o. Professor) nach Münster. Dort gründete er die „Forschungsstelle für allgemeine und textile Marktwirtschaft“, ein Institut der angewandten Forschung, das bis heute besteht. Gleichzeitig beschäftigte sich M., in Fortsetzung entsprechender Arbeiten Max Webers, intensiv mit Problemen der Wirtschaftssystem- und Wirtschaftsstilforschung sowie mit anthropologischen und religionssoziologischen Fragen. Für M. war wirtschaftliches Handeln nicht isoliertes Erwerbsstreben, sondern Ausdruck einer inneren Gesamthaltung des einzelnen wie der Gesellschaft, die von vielfältigen Einflüssen – Geschichte, Religion, Kultur, sozialen Überzeugungen – beeinflußt wird. Auch das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft – M. prägte diesen Begriff während des 2. Weltkriegs und publizierte ihn erstmals 1946 in seiner Schrift „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“ (21948) – verstand er von Anfang an weniger als ein technisches Rezept für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Deutschlands, sondern als eine übergreifende Konzeption zur aktiven Gestaltung einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nach humanen und christlichen Wertmaßstäben. M. wollte mit seiner Konzeption einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus beschreiten. Er bezeichnete sie als „irenische Formel“, die einen friedensstiftenden Ausgleich zwischen wirtschaftlicher Freiheit und sozialer Verantwortung verwirklichen sollte. Das Konzept, das Ludwig Erhard nach der Währungsreform in der Bundesrepublik Deutschland Schritt für Schritt politisch in die Realität umsetzte, war letztlich ein Gemeinschaftswerk, das auf ordoliberalem Gedankengut aufbaute. Aber M. hat in seiner Konzeption doch Akzente gesetzt, die einen etwas anderen ordnungspolitischen Pfad kennzeichneten. So sah er die Rolle des Staates – zunächst in der Sozial- und Konjunkturpolitik, später auch in Bereichen wie Mittelstand, Regionalentwicklung, Städtebau, Umweltschutz, Technologie, Infrastruktur – deutlich aktiver und betonte die Notwendigkeit „marktkonformer“ staatlicher Einflußnahme auf die Ergebnisse der Marktwirtschaft.

    1950 kehrte M. als Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaft an die Univ. Köln zurück. Allerdings war die reine Hochschultätigkeit nur von kurzer Dauer. 1952 wurde er von Ludwig Erhard in das Bundesministerium für Wirtschaft berufen und mit der Leitung der Grundsatzabteilung betraut, zunächst als Ministerialdirektor, seit 1958 als beamteter Staatssekretär, zuständig vor allem für „Europa“. Damit eröffnete sich für M. die Chance, als „Vordenker“ an einer Nahtstelle zwischen Theorie und Praxis zu wirken und wissenschaftliche Überzeugungen in praktische Politik umsetzen zu können. Damals fielen für die junge Bundesrepublik wichtige Entscheidungen, angefangen vom schrittweisen Übergang zur vollen Konvertibilität der Währung über die zunehmende Liberalisierung des Außenhandels bis hin zur europ. Integration, die in den 50er Jahren ihren Anfang nahm. Maßgeblich war M. an der Ausarbeitung der Römischen Verträge beteiligt, die die EWG begründeten. Da Erhard den europ. Sitzungsmarathon nicht sonderlich liebte, lag die deutsche Verhandlungsführung – teilweise auch die Rolle der Präsidentschaft – oft bei seinem Staatssekretär. 1960 wurde M. Vorsitzender des Konjunkturpolitischen Ausschusses der EWG.

    In der politischen Auseinandersetzung zwischen „Klein-“ und „Großeuropäern“ trat M. nachdrücklich für eine gesamteurop. Freihandelszone ein und stand damit zugleich auf der Seite „seines“ Ministers, mit dem ihn ein besonders enges Vertrauensverhältnis verband. Wie Erhard war auch M. seinem Wesen nach Optimist, der an den Sieg des besseren Arguments glaubte und dem stets an Ausgleich und Versöhnung im Streit divergierender Meinungen gelegen war. Durch geschickte und phantasievolle Verhandlungsführung („Müller-Armack-Plan“ einer europäischen Zollunion) versuchte er, bestehende Hindernisse zu überwinden. Als dennoch 1963 die Verhandlungen über den Beitritt Englands zur EWG vor allem an franz. Vorbehalten scheiterten und damit vorerst die Spaltung Europas in EWG und EFTA festgeschrieben wurde, nahm M. Abschied von der praktischen Politik. Gleichwohl blieb er seinen wichtigsten Tätigkeitsfeldern in vielfältigen Funktionen verbunden. Vor allem nahm M. seine Praxis wieder auf, durch Denkschriften, Aufsätze und Vorträge öffentliche Denkanstöße zu geben, zuletzt mit seiner Schrift „Die fünf großen Themen der künftigen Wirtschaftspolitik“. Dabei blieb sein Grundanliegen die Gestaltung einer freiheitlichen und zugleich menschlichen, „verantwortlichen Gesellschaft“. M. war Koordinator der Hohen Behörde für Kohle und Stahl und Verwaltungsrat der Europ. Investitionsbank (1958) sowie Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Ludwig-Erhard-Stiftung (1977).|

  • Auszeichnungen

    Dr. iur. h. c. (Wien 1965); Gr. Bundesverdienstkreuz mit Stern u. Schulterband (1962), Ludwig-Erhard-Medaille (1976).

  • Werke

    Weitere W Ökonom. Theorie d. Konjunkturpol., 1926;
    Entwicklungsgesetze d. Kapitalismus, 1932;
    Geneal. d. Wirtsch.stile, Die geistesgeschichtl. Ursprünge d. Staats- u. Wirtsch.formen bis z. Ausgang d. 18. Jh., 1941, 31944;
    Das Jh. ohne Gott, 1948;
    Diagnose unserer Gegenwart, 1949;
    Rel. u. Wirtsch., 1959, 21968;
    Wirtsch.ordnung u. Wirtsch.pol., 1966, 21976;
    Auf d. Weg nach Europa, Erinnerungen u. Ausblicke, 1971;
    Geneal. d. Soz. Marktwirtsch., 1974, 21981;
    Ausgew. Werke, hrsg. v. E. Dürr u. a., 4 Bde., 1981 (Bibliogr.).

  • Literatur

    Wirtsch., Ges. u. Kultur, Festgabe f. A. M.-A., hrsg. v. F. Greiß u. F. W. Meyer, 1961 (W, P);
    Widersprüche d. Kapitalismuskritik, FS z. 75. Geb.tag v. A. M.-A., hrsg. v. Ch. Watrin u. a., 1976 (W, P);
    C. Stern u. a. (Hrsg.), Lex. z. Gesch. d. Pol. im 20. Jh., 1971;
    J. Starbatty, A. M.-A.s Btr. z. Theorie u. Praxis d. Soz. Marktwirtsch., in: Ludwig-Erhard-Stiftung (Hrsg.), Soz. Marktwirtsch. im vierten J.zehnt ihrer Bewährung, 1982, S. 7 f.;
    ders., in: Staatslex.

  • Autor/in

    Andreas Müller-Armack
  • Empfohlene Zitierweise

    Müller-Armack, Andreas, "Müller-Armack, Alfred" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 487-488 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585282.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA