Lebensdaten
1879 bis 1970
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin (West)
Beruf/Funktion
sozialistische Schriftstellerin
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118576070 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Märten, Louise Charlotte
  • Luzifer (Pseudonym)
  • Bonares, Raa (Pseudonym)
  • mehr

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Zitierweise

Märten, Lu, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118576070.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Gottlieb Hermann (1837–90), Leutnant in Spandau, dann Eisenbahnbeamter in B., aus kinderreicher Kleinbauernfam. in Giesenbrügge;
    M Emily Antonie Loeben (1843–1905) aus Spandau;| Berlin 1914 ( 1927) Wilhelm Repsold (1885–1967?), Bildhauer u. Graphiker in B., seit 1909 v. B. Taut gefördert, stand in Verbindung mit d. Kunstgewerbebewegung u. d. Dt. Werkbund (s. ThB; Vollmer); kinderlos.

  • Leben

    Während ihrer Kindheit war M. wegen einer Krankheit am Besuch einer Schule gehindert und auf das Selbststudium angewiesen. Die Erfahrungen von Krankheit und Tod (der Vater und drei Geschwister starben an Tuberkulose) bestimmen thematisch ihre frühe Dichtung und Prosa. In ihrer Jugend Mitglied der Apostolischen Gemeinde Berlin, kam sie durch den jüngeren Bruder und den Verlobten zur Bodenreformbewegung und zum Nationalsozialen Verein (Friedrich Naumann), in deren Zeitschriften ihre ersten Artikel erschienen. Beeinflußt von Naumanns sozialer Ethik, schrieb M. über den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Arbeitsteilung, Maschinenarbeit und Kunstproduktion. Ihr gleichzeitiges lyrisches Schaffen (Meine Liedsprachen, 1906) und der Schlüsselroman „Torso, Das Buch eines Kindes“ (1909) stehen im Banne des Jugendstils und sind im Kontext eines künstlerisch-politischen Zirkels, dem Theodor Heuss und andere junge Redakteure von Naumanns Wochenzeitschrift „Die Hilfe“ angehörten, entstanden. Seit 1903 gehörte M. der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an. Ihre Feuilletons veröffentlichten meist Redaktionen, die im Gegensatz zu Franz Mehrings und Karl Kautskys „Neuer Zeit“ eine „Kultur von unten“ förderten, unter anderen Adelheid Popps Wiener „Arbeiterinnen-Zeitung“ und Clara Zetkins „Gleichheit“. Neben den Grundsätzen proletarischer Frauenpolitik machte sich M. Forderungen des linken Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung zueigen. Als Dramatikerin erzielte sie mit dem Einakter „Bergarbeiter“ (1909, 1924, Neudr. in: Reclams Universalbibl. Nr. 9840, S. 232-51) agitatorische Wirkung. Er wurde 1911 während eines Streiks in Deutschland und 1930 vom revolutionären „Shanghai Art Theater“ (in chines. Übersetzung) aufgeführt.

    Mit einem Buch zur Kunstsoziologie (Die wirtschaftliche Lage der Künstler, 1914) und einer Schrift zur Arbeiterkunsterziehung (Ästhetik und Arbeiterschaft, 1914, unveröff.) entwickelte M. ein Programm für die gewerkschaftliche Organisierung bildender Künstler und den alltäglichen Kunstgebrauch der Arbeiterklasse. M. engagierte sich in den „Wirtschaftsverbänden bildender Künstler Deutschlands“ (1915), der „Genossenschaft bildender Künstler“ (1919) und der „Deutschen Kunstgemeinschaft“ (1920). Freundschaften schloß sie mit Käthe Kollwitz, Johannes R. Becher, Raoul Hausmann, Hannah Höch, Regina Ullmann, Martin Wackernagel.

    1918 arbeitete M. in der Russ. Nachrichtenagentur (ROSTA) Berlin neben Sophie Liebknecht und Eugen Leviné; seit 1920, als sie vermutlich auch Mitglied der KPD wurde, wirkte sie in der Publizistik dieser Partei mit kunst- und literaturpolitischen Beiträgen. 1922 erhielt sie vom Russ. Staatsverlag den Auftrag, ihre Überlegungen zur marxistischen Ästhetik grundsätzlich zu entwickeln. Mit „Wesen und Veränderung der Formen/Künste, Resultate historisch-materialistischer Untersuchungen“ (1924, 1927) lieferte sie eine Produktionsästhetik auf universalgeschichtlichem Hintergrund: die seit der industriellen Revolution verselbständigte künstlerische Arbeit solle nach dem Vorbild der mittelalterlichen Werkstatt wieder zu einem ganzheitlichen Produktionsprozeß (auf maschineller Basis) finden. Dabei entstünden „Formen“, die eine selbständige „Kunst“ erübrigten. Während dieses Konzept von den KPD-Gruppierungen ignoriert wurde, beeinflußte es weitgehend die Literaturtheorie des tschechischen Poetismus (Bedřich Václavek) und kam im Bauhaus zur Geltung.

    M. lebte nach 1933 in Berlin. Sie war Mitglied der Reichsschrifttumskammer, publizierte aber nichts Nennenswertes und wurde 1941 ausgeschlossen. Um 1936 schrieb sie einige Filmskripte und beendete ihren zweibändigen Roman „Yali“ (unveröff.). Geringe Einkünfte erzielte sie durch Zimmervermietung; Unterstützung erhielt sie von Wilhelm Repsold. Seit etwa 1940 arbeitete sie zeitweise an der Preuß. Staatsbibliothek und verfaßte Industrie-Chroniken (Firmen- und Produktionsgeschichte). Nach 1945 lebte M. in West-Berlin, nahm bis 1961 aber auch am kulturellen Leben Ost-Berlins teil, wo man ihr seit 1949 eine Ehrenrente zuerkannte. Während der Mitarbeit im Bund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands gab M. ihre marxistische Ästhetik 1949 erneut für die junge Generation heraus. An sie richtete sie auch das episch einfach erzählte Lehrstück „Bürgermeister Tschech und seine Tochter, Erinnerungen an den Vormärz 1844“ (1948). Die „Bibliographie des Sozialismus“, die sie seit 1926 angelegt hatte, fand vorübergehend in der DDR Förderung. Ebenso wenig wie die während der NS-Diktatur entstandenen Prosaarbeiten aber kamen nach 1945 eine Biographie über G. Forster und eine Schrift über das Mutterrecht und die Frauenfrage dem zeitgenössischen Interesse entgegen.

  • Werke

    Weitere W Die Künstlerin, Eine Monogr., 1914/19;
    Hist.materialist. üb. Wesen u. Veränderung d. Künste, Eine pragmat. Einl., 1921;
    Bibliogr. d. wiss. Sozialismus, begr. v. L. M., II, 1: Die Frühzeit d. wiss. Sozialismus in Dtld. sowie d. gleichzeitigen sozialist. u. radikaldemokrat. Strömungen d. J. 1830–52, hrsg. v. R. Hoecker u. I. M. Lange, o. J. (1947, nicht ausgeliefert);
    Formen f. d. Alltag, Schrr., Aufsätze, Vorträge, hrsg. v. R. May, 1982 (W-Verz.).|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Amsterdam, Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG); Berlin, Ak. d. Künste d. DDR.

  • Literatur

    G. Meyer-Hepner, in: Neue Dt. Lit. 4, 1956, S. 151-53;
    Materialist. Lit.theorie VI, L. M.s Lit.-theorie zw. marxschem Arbeitsbegriff u. sozialdemokrat. Technikgläubigkeit, in: alternative 16, 1971, H. 89 (W-Verz.);
    G. Plumpe, Kunstform u. Produktionspraxis im Blick auf L. M., in: Arbeitsfeld: Materialist. Lit.theorie, Btrr. zu ihrer Gegenstandsbestimmung, hrsg. v. K. M. Bogdal, B. Lindner u. G. Plumpe, 1975, S. 193-228;
    J. Rosenberg, L. M.s Entwurf e. hist.materialist. Theorie d. Künste, in: Weimarer Btrr. 25, 1979, H. 10, S. 39-67;
    Ch. Kambas, Die Werkstatt als Utopie, L. M.s literar. Arbeit u. Formästhetik seit 1900, 1987 (W-Verz., L, P);
    Kosch, Lit.-Lex.3.

  • Portraits

    Bronzekopf v. W. Repsold, 1911 (Berlin [West], Slg. Walter u. Paula Märten);
    Phot. im Nachlaß.

  • Autor/in

    Chryssoula Kambas
  • Empfohlene Zitierweise

    Kambas, Chryssoula, "Märten, Lu" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 641-643 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118576070.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA