Lebensdaten
1791 bis 1855
Geburtsort
Egeln bei Magdeburg
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
evangelischer Theologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118575031 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lücke, Gottfried Christian Friedrich
  • Lücke, Friedrich
  • Lücke, Gottfried Christian Friedrich

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Zitierweise

Lücke, Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118575031.html [17.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Andreas (1760–1836), Kaufm. u. Brauer in E.;
    M Joh. Friederike Lücke (1762–1832);
    B Karl (1794–1845), Großkaufm. in M.;
    - Großbodungen 1819 Joh. Henriette (1797–1873), T d. Joh. August Müller ( 1827), KR, Leinenfabr. in Großbodungen, u. d. Christine Lutteroth;
    1 S, 2 T, u. a. Agnes ( Ernst Bertheau, 1812–88, ev. Theol., Orientalist, s. ADB 46).

  • Leben

    L. erhielt seine Ausbildung in einer privaten Erziehungsanstalt in Etgersleben, danach besuchte er die Domschule in Magdeburg (1805–10), lernte hier die Brüdergemeine kennen und wurde vertraut mit wissenschaftlichem Arbeiten. L. beendete seine Studienzeit in Halle (1810–12). Auf Vorschlag von G. F. Planck und K. F. Stäudlin wurde er Repetent in Göttingen (1813–16), nachdem er dort 1812 für eine Arbeit zur Entstehung und Verfassung der neutestamentlichen Gemeinde ausgezeichnet worden war. Eng war er mit J. Ch. J. v. Bunsen verbunden. In dieser Zeit entwickelte sich sein Interesse an der Hermeneutik, dem Johannesevangelium und an der historisch-psychologischen Analyse herausragender Personen. 1814 wurde er in Halle Dr. phil. 1816 habilitierte er sich in Berlin, wo er von de Wette, Neander und besonders von Schleiermacher lernte und zu einem Repräsentanten der Union und der Vermittlungstheologie wurde, der einen irenisch-reflexiven Bezug zur Reformationszeit wollte. Er war Mitglied im Berliner Zweig des „Christlichen Vereins im Nördlichen Deutschland“ und lernte das Arbeitshaus für Arme kennen, das H. E. Frhr. v. Kottwitz leitete. An der neugegründeten Universität in Bonn, an die er 1818 als o. Professor berufen wurde (Dr. theol. 1819), hatte er Gelegenheit, im Austausch mit J. Ch. W. Augusti, K. Gieseler und C. J. Nitzsch seine Gedanken zu klären. Er bemühte sich um die Reform des Kirchenliedes, die Revitalisierung luth. Theologie, die Versöhnung von Bildungsbürgertum und Kirche sowie um die freien kirchlichen Vereine. 1827-40 wirkte L. als Hochschullehrer für Dogmatik und Ethik sowie für Neues Testament in Göttingen. Zu seinen zahlreichen Freunden dort gehörten F. Ch. Dahlmann, die Brüder Grimm und Otfried Müller; zu seinen Schülern zählen J. H. Wichern, D. Schenkel und F. Münchmeyer. Er arbeitete sowohl in der von der British and Foreign Bible Society beeinflußten Bibelgesellschaft mit als auch im Gustav-Adolf-Verein, den er als Mittel zur Vereinigung der ev. Landeskirchen in Deutschland überschätzte. Für die letzte Zeit L.s ist die Suche nach Formen der Duldung und Anerkennung verschiedener Glaubensauffassungen angesichts wachsender Rekonfessionalisierungstendenzen charakteristisch. Die Verdienste L.s liegen auf verschiedenen Gebieten; Er interpretierte erstmalig das Johannesevangelium als Synthese platonisch-gnostischer Gedanken und der jüdischen Tradition göttlicher Selbstoffenbarung. Im Gegensatz zu Strauß hielt er daran fest, daß die neutestamentliche Überlieferung auf den Eindruck des Erlösers selbst zurückgeht. Die 3. Auflage seines Johanneskommentars stand ganz im Zeichen der Auseinandersetzung mit der Tübinger Schule. Seine kirchlich-theologisch vermittelnde Position hat er in J. Arndt und V. Andreae vorgebildet gesehen im Gegensatz zu einem auf der Konkordienformel fußenden Luthertum. In seiner Hermeneutik suchte er nach einer Synthese von Glauben und Wissen, Lehre und ihrer geschichtlichen Entwicklung sowie von Wissenschaft und kirchlicher Praxis. Die freien Vereine sah er als Produkt der Kirche und als Impuls zu ihrer andauernden Reform. Theologisch verankerte er sie in der Freundschaftsethik Jesu, die er im Johannesevangelium fand.

  • Werke

    Grundriß d. neutestamentl. Hermeneutik u. ihrer Gesch., 1817;
    Commentar üb. d. Schrr. d. Evangelisten Johannes, 3 Bde., 1820-25, 31840-56;
    Erinnerungen an Dr. Friedrich Schleiermacher, in: Theol. Stud. u. Kritiken 7, 1834, S. 745-813;
    Bedenken u. Wünsche an d. kirchl. Versammlung in Wittenberg, ebd. 22, 1849, S. 243-62 (Nachtrag S. 262 f.);
    Zur freundschaftl. Erinnerung an D. Wilh. M. L. de Wette, in: ebd. 23, 1850, S. 497-535;
    Dr. Gottlieb Jacob Planck, Ein biogr. Versuch, 1835;
    Über d. allg. Christenpflicht d. Theilnahme am Missionswerke u. d. bes. Verhältniß d. Missionsvereine z. Akadem. Wiss. u. Bildung, 1840;
    Grundriß d. Ev. Dogmatik, 1845;
    Über d. Alter u. d. Verfasser, d. urspr. Form u. d. wahren Sinn d. kirchl. Friedensspruches, In necessariis unitas, in non necessariis libertas, in utrisque caritas, 1850.

  • Literatur

    ADB 19;
    F. Ehrenfeuchter, in: Theol. Stud. u. Kritiken 28, 1855, S. 731-56;
    F. Sander, D. F. L., 1891 (P);
    M. Cordes, Freie christl. Aktion als Herausforderung f. Kirche u. Theol. in d. 1. Hälfte d. 19. Jh., 1982 (L);
    PRE;
    RGG.

  • Autor/in

    Christian Homrichhausen
  • Empfohlene Zitierweise

    Homrichhausen, Christian, "Lücke, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 447 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118575031.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Lücke: Gottfried Christian Friedrich L., protestantischer Theolog des 19. Jahrhunderts, geb. am 24. August 1791 zu Egeln bei Magdeburg, am 14. Februar 1855 zu Göttingen. — Nachdem er im Elternhaus eine treffliche Erziehung, auf dem Domgymnasium zu Magdeburg eine gründliche philologische und allgemeine Vorbildung erhalten, studirte er Theologie 1810—12 in Halle, 1812—13 in Göttingen, wo er mit einer Anzahl hervorragend begabter und strebsamer junger Männer, wie K. J. Bunsen, K. Lachmann, Chr. A. Brandis, H. Ritter, Klenze, Reck etc. einen anregenden, lebenslang dauernden Freundschaftsbund schloß. Nach vollendetem Studium wurde er 1813 Repetent in Göttingen, 1814 Dr. phil. in Halle, 1816 Licentiat der Theologie und Privatdocent in Berlin, wo er an der damals glücklich aufblühenden jungen Universität eine erfreuliche Lehrthätigkeit entfaltete und insbesondere mit Schleiermacher und de Wette in nähere Beziehung trat. Durch Vorlesungen und litterarische Leistungen (besonders seine neutestamentliche Hermeneutik 1816 und seine Mitarbeit an einer mit de Wette und Schleiermacher herausgegebenen theologischen Zeitschrift) machte er sich bald so bemerklich, daß er 1818 als ordentlicher Professor der evangelischen Theologie an die neugegründete Universität Bonn berufen wurde, wo er 1819 die theologische Doctorwürde erhielt und mit Henriette Müller aus Großbodungen einen beglückenden Ehebund schloß. Neun Jahre wirkte er an der jungen rheinischen Hochschule mit glücklichem Erfolg und in inniger Gemeinschaft mit seinen Collegen Augusti, Gieseler, Sack, Nitzsch etc.; seine Vorlesungen umfaßten besonders Exegese und Kirchengeschichte. So sehr er aber auch an Bonn und seinem preußischen Vaterland hing, so folgte er doch 1827, veranlaßt besonders durch den Wunsch an einer rein protestantischen Universität zu wirken, mit Freuden einem Ruf nach Göttingen, wo er als Nachfolger Stäudlin's und als dritter theologischer Professor neben seinen früheren Lehrern Pott und Planck zunächst die Fächer der Dogmatik und Moral zu vertreten, daneben aber auch seine exegetischen Vorlesungen fortzusetzen hatte. Mancherlei Vorurtheile standen ihm hier anfangs als einem vermeintlichen „Mystiker und Pietisten“ entgegen; es gelang ihm bald durch seine wissenschaftliche Tüchtigkeit und seine vielseitige Bildung, durch seine Humanität und Liebenswürdigkeit im geselligen Verkehr, durch seine ganze jugendfrische und charaktervolle Persönlichkeit die Liebe und Verehrung der akademischen Jugend wie seiner Collegen zu gewinnen. Vielen ist er, wie sie es später dankbar bezeugten, ein leuchtendes Vorbild, ein väterlicher Freund, ein Führer zum Glauben und zum inneren Frieden geworden. — Der Universität Göttingen gehörte dann auch Lücke's ganzes ferneres Leben und Wirken — trotz wiederholter lockender Berufungen nach Erlangen, Kiel, Halle, Tübingen, Jena, Leipzig; er fand dort, wo er seine schönsten Jugendjahre verlebt, auch seine bleibende Heimath für's Alter. An äußeren Zeichen der Anerkennung hat es ihm dann auch nicht gefehlt: er war 1830/31 im Jahre der „Göttinger Revolution“ Prorector der Universität, wurde 1832 Consistorialrath, 1836 Mitglied der Prüfungscommission, 1839 ordentliches Mitglied des hannoverschen Consistoriums, 1843 Abt von Bursfelde, 1849 Mitglied des hannoverschen Staatsraths. Neben seiner akademischen Lehrthätigkeit, die neben Dogmatik und Moral auch Exegese, Einleitung ins Neue Testament, neuere Kirchengeschichte, theologische Encyklopädie, Apologetik, Polemik und kirchliche Statistik umfaßte, ging eine fruchtbare und erfolgreiche litterarische Thätigkeit her; sein Hauptwerk war seine „Erklärung der johanneischen Schriften“, die in den Jahren 1820 bis 1856 in mehreren Abtheilungen und wiederholten Auflagen erschien und den Zeitgenossen als eine Art von Mustercommentar galt. Zum Gebrauch seiner Zuhörer arbeitete er einen „Grundriß der evangelischen Dogmatik“ aus (Gött.|1843). Dazu kamen viele Gelegenheitsschriften, z. B. Programme über verschiedene theologische Fragen, eine Jubiläumsschrift über den Göttinger Kanzler J. L. v. Mosheim 1837, eine Gratulationsschrift an den Juristen Hugo über das Verhältniß von Theologie und Jurisprudenz, 1838, biographische Denkmale und Erinnerungsschriften für die beiden Planck, G. J. und H., 1831 und 1835, für Schleiermacher, de Wette, Otfried Müller etc.; sodann zahlreiche Beiträge zu Zeitschriften: zu der Berliner theologischen Zeitschrift, zu einer von L. und Gieseler herausgegebenen Zeitschrift für gebildete Christen, zu den von L. mitbegründeten theologischen Studien und Kritiken 1828 ff., zu Wieseler's Vierteljahrschrift, zu den Göttinger Gelehrten Anzeigen etc. Endlich verdient noch besondere Erwähnung sein Programm vom J. 1850 über Alter, Verfasser, Form und Sinn des kirchlichen Friedensspruches In necessariis unitas, in non necessariis libertas, in utrisque caritas, das in gewissem Sinn sein eigenes theologisches und kirchliches Programm enthält. Seinem theologischen Standpunkt nach gilt L. mit Recht als einer der achtungswerthesten, gelehrtesten und freisinnigsten Vertreter der modernen Vermittlungstheologie, d. h. einer wesentlich an Schleiermacher sich anschließenden theologischen Richtung, welche die Versöhnung von Glauben und Wissen, die Verbindung von kirchlicher Frömmigkeit mit freier Wissenschaftlichkeit sich zur Aufgabe gemacht hat. Lücke's specielle Begabung und größtes Verdienst liegt auf dem Gebiete der Schriftforschung, welche ihm als Grundlage der ganzen Theologie erscheint und die er eben darum aus dem Bann der rationalistischen Exegese zu befreien, wissenschaftlich und religiös zu vertiefen und zu beleben sucht, während er zu den Methoden und Resultaten der modernen Kritik, zumal in der johanneischen Frage, sich ablehnend Verhalten hat. Ueberhaupt empfand L. gegen alle einseitigen oder gar extremen Richtungen in Kirche und Wissenschaft, gegen die kritisch-speculative wie gegen die confessionell-orthodoxe eine natürliche Antipathie, eine sich steigernde Abneigung. Dagegen war ihm die innigste Verbindung der theologischen und kirchlichen Interessen innerstes Herzensbedürfniß: äußere und innere Mission (denen er eine eigene Schrift unter dem Titel „Missionsstunden“ 1840 und 1841 gewidmet hat), der evangelische Gustav-Adolf-Verein und der evangelische Kirchentag, ebenso wie die Entwickelung der kirchlichen Dinge in Hannover und Preußen waren ein steter Gegenstand seiner Beachtung und Theilnahme. Gerne hat er in die stürmisch erregten kirchlichen Parteikämpfe ein Friedenswort hineingerufen. Als dann aber in Folge des Jahres 1848 die politischen wie kirchlichen Zustände seines engeren und weiteren Vaterlandes eine immer unerquicklichere Gestalt anzunehmen drohten, als die Parteigegensätze sich verschärften und in Folge davon die Männer der Vermittelung dem gewöhnlichen Loos der Mittelparteien verfielen, von den Negativen als zu conservativ, von den Positiven und Orthodoxen als zu schwankend und skeptisch verschrieen zu werden, als auch manche schwere häusliche Prüfungen hinzukamen, besonders durch den Tod geliebter Kinder, so nagte das Alles an seinem tief fühlenden, leicht erregbaren Gemüth; seine Stimmung trübte sich, auch seine zuvor so feste Gesundheit wurde untergraben; ein langsam fortschreitendes, unheilbares Leberleiden machte, nachdem er kaum 14 Tage vorher seine Vorlesungen unterbrochen, seinem Leben ein unerwartet frühes und rasches Ende. Nicht blos seine zahlreichen Schüler und Freunde bewahrten dem wahrhaft prächtigen Manne eine rührende Liebe und Verehrung; auch die Geschichte der Theologie wird Lücke's Namen stets mit Ehren nennen als den eines der geist- und lebensvollsten Erneuerer kirchlicher Wissenschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

    • Literatur

      Vgl. die Nekrologe und Nachrufe von J. Müller in der Zeitschr. f. christl. Wissenschaft und kirchliches Leben, 1865, Nr. 16, 17; von Schenkel in der Allg. Kirch.-Ztg. 1855, S. 1260; von Redepenning in der Prot. Kirch.-Ztg.;|besonders aber von Ehrenfeuchter in den Studien und Kritiken 1855, und in der theol. Realencyklop. Bd. VIII; Oesterley, Gött. Gel.-Geschichte, S. 407.

  • Autor/in

    Wagenmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wagenmann, Julius August, "Lücke, Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 19 (1884), S. 357-359 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118575031.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA