Lebensdaten
1897 bis 1973
Geburtsort
München
Sterbeort
Heidelberg
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118574043 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Löwith, Karl

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Zitierweise

Löwith, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574043.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (1861–1932), Maler, Prof. a. d. Ak. d. Künste Wien u. München, Vorsitzender d. Münchner Künstlergruppe „Der Bund“ u. d. „Luitpoldgruppe“ (s. ThB; Wi. 1912), S d. Kaufm. Klement in Drosau (Böhmen) u. d. N. N. Fiala;
    M Margarete, T d. Fabrikbes. Joseph Hauser;
    1929 Adelheid Kremmer.

  • Leben

    L. verbrachte seine Jugend in München. Nach dem Abitur am Realgymnasium trat er freiwillig in das bayer. Alpenkorps ein, wurde schwer verwundet und geriet in ital. Kriegsgefangenschaft. 1919 kehrte er nach Deutschland zurück und nahm das Studium der Philosophie und Biologie in München auf. Wegen der Unruhen während der Zeit der Räterepublik ging L. noch im selben Jahr nach Freiburg, wo er bei E. Husserl und H. Spemann sein Doppelstudium der Philosophie und Biologie bis 1922 fortsetzte. 1923 wurde er bei M. Geiger in München mit der Arbeit „Auslegung von Nietzsches Selbstinterpretation und Interpretationen“ promoviert. Den Höhepunkt der Inflation überbrückte L. als Hauslehrer auf einem Gut in Mecklenburg, bis M. Heidegger, den er als Assistenten Husserls kennen und schätzen gelernt hatte, ihn nach Marburg holte, wo er sich 1928 mit der Schrift „Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen“ (1928, 41981) habilitierte. Als Jude sah sich L. 1934 veranlaßt zu emigrieren. Er war zunächst zwei Jahre als Rockefeller Fellow in Rom, dann 1936-41 als o. Professor an der Kaiserl. Universität von Sendai in Japan, wo er in deutscher Sprache Philosophie lehrte. Mit Hilfe von P. Tillich und R. Niebuhr konnte L. Japan im Sommer 1941 verlassen und wurde o. Professor am Theol. Seminar in Hartford (Conn., USA), von wo er 1949 an die New School for Social Research in New York berufen wurde. 1952 kehrte L. nach Deutschland zurück und lehrte bis zur Emeritierung im März 1964 in Heidelberg.

    In seinem Gesamtwerk setzt sich L. hauptsächlich mit der deutschen Philosophie des 19. Jh. (Hegel, Feuerbach, Nietzsche, Burckhardt) und der Philosophie der Existenz (Kierkegaard, Heidegger) auseinander. L. stellt diese Auseinandersetzung in den Dienst der negativ-kritischen Darlegung einer Anthropologie, die nach seiner Ansicht von den metaphysischen Vorstellungen und fragwürdigen geschichtsphilosophischen Konstruktionen des abendländischen Denkens zu befreien ist. L. entwickelt den Leitgedanken seines Philosophierens in einer Kritik an der Abstraktheit der Bewußtseinsphilosophie Hegels. Diese ist – wie L. schon in seiner Habilitationsschrift formuliert – „blind für die genuine Deutlichkeit der Welt der vitalen Stimmungen (,Gefühle') und versucht dieselben von vornherein als, noch nicht' vollendete Entwicklungsstufen des Selbstbewußtseins zu begreifen“. Im Anschluß an Feuerbach unterscheidet L. die Anthropologie von Hegels Philosophie des Geistes sowie von der klassischen Philosophie überhaupt, die als „eine Philosophie auf dem Standpunkt der Philosophie“ die „faktischen Fragwürdigkeiten alltäglicher Erscheinungen menschlichen Lebens“ als etwas Selbstverständliches voraussetze und somit verdecke. Wahrhafte Philosophie läßt sich für L. nur als Philosophie „auf dem Standpunkt der Anthropologie“ verstehen und betreiben. Das Ergebnis von L.s phänomenologischer Untersuchung der Trivialitäten des Alltagslebens ist eine Anthropologie des Mitmenschen, denn das Individuum existiert wesentlich in bestimmten Rollen, die sein Verhältnis zum anderen ausmachen (z. B. als Sohn, als Mann, als Vater). Seine Welt ist in erster Linie nach L.s Analyse die „Mitwelt“ von Ich und Du.

    Von besonderer Bedeutung für L.s kritische Position war die Hegelkritik der Linkshegelianer, die L. als Kritik der Philosophie schlechthin auffaßt, sowie die Revolte gegen die klassische deutsche Philosophie durch Marx und Kierkegaard. Sie bestärkten seine Überzeugung, daß das traditionelle abendländische Denken in Auflösung begriffen sei. Die existenzielle Entscheidung, zu der Marx und auch Kierkegaard aufrufen, lehnte L. allerdings wegen ihres implizierten Dezisionismus ab. Auch Nietzsche und Heidegger waren für L. wichtige Vordenker. In Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen sieht L. den Versuch, das weltverlorene neuzeitliche Denken zu der kosmologischen Weltauffassung der Griechen zurückzuführen, und in Heideggers Seinsverständnis den Ansatz zu einer neuen Grundlegung philosophischen Fragens überhaupt. Sofern die in Nietzsches Philosophie vollzogene Rückkehr aber letztlich einer Philosophie der Zukunft dient und für Heidegger „das Kommende und Künftige“ maßgeblicher Horizont des Seinsverständnisses ist, bleiben beide Denker nach L. dem abendländischen Geschichtsglauben verhaftet, der für L. den zweiten grundlegenden Irrtum der klassischen Philosophie darstellt (Curriculum vitae, 1959, 21981).

    Die moderne Geschichtsphilosophie und ihre Fortschrittsidee wurzeln – wie L. in „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ (1953, 61973, engl. u. d. T. „Meaning in History“ schon 1949) ausführt – in der Theologie bzw. im biblischen Glauben an eine Vollendung der Geschichte. Mit dessen Säkularisierung im historischen Denken des 18. Jh. wird nach L. der Geschichtsphilosophie die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Begründung genommen. Auch der Verlauf der politischen Geschichte Europas zeigt nach L., daß der Geschichte keine immanente Logik zuzuschreiben ist, die den Menschen eine Orientierungshilfe bieten könnte. Daher sind für ihn alle bisherigen Geschichtsauslegungen und ihre Ordnungsprinzipien (der kontinuierliche Fortschritt nach Comte, der dialektische nach Hegel und der antagonistische nach Marx) sowie die von ihnen vorausgesetzte Konzeption einer geschichtlichen Welt fragwürdig geworden.

    L.s Destruktion der Geschichtsphilosophie und des historischen Bewußtseins mündet in einen Rückzug vom historischen Denken der abendländischen Vernunft hinter die christlich-neuzeitliche Tradition bis in die Antike unter Berufung auf die kosmische Dimension der Natur. Zwar zeigt alle Geschichtserfahrung, daß die Menschen für ihr Zusammenleben auf allgemein anerkannte, für gerecht gehaltene Rechtsordnungen angewiesen sind. Doch sind solche Rechtsordnungen nach L. nur von relativer Dauer und werden durch andere abgelöst. Die geschichtliche Welt des Menschen ist „relativ auf den Menschen, seine Welt aber nichts, an sich' oder an ihr selbst. Aus sich bewegt und bestehend ist nur die Naturwelt“ (Curriculum vitae). – L.s Festhalten an dem anthropologischen Fundament der Philosophie und die theoretische Relativierung dieses Postulats durch die Einführung einer Kosmologie erzeugen freilich eine Spannung in seinem Werk, die nicht lösbar ist. Wie die lebendige Naturwelt den mit Vernunft begabten Menschen hervorbringen konnte, der auf seine natürliche Herkunft allein nicht zurückführbar ist, bleibt – wie L. selbst einräumt – ein Rätsel.|

  • Auszeichnungen

    Dr. phil. h. c. (Bologna 1969); Mitgl. d. Acc. dei Lincei Rom, d. Ak. d. Wiss. Heidelberg (1956).

  • Werke

    Weitere W Nietzsches Philos. d. ewigen Wiederkehr d. Gleichen, 1935, 21956;
    Jacob Burckhardt, 1936, 21966;
    Von Hegel zu Nietzsche, 1941, 71978 (Gesamtbibliogr. v. K. Stichweh);
    Heidegger, Denker in dürftiger Zeit, 1953, 31965;
    Wissen, Glaube u. Skepsis, 1956, 21963;
    Ges. Abhh., Zur Kritik d. geschichtl. Existenz, 1960, 21969;
    Gott, Mensch u. Welt in d. Metaphysik v. Descartes b. zu Nietzsche, 1967;
    Paul Valéry, 1971;
    Sämtl. Schrr., hrsg. v. K. Stichweh u. Marc B. de Launay, 1981 ff. (P in I);
    Mein Leben in Dtld. vor u. nach 1933, Ein Ber. v. 1940, 1986.

  • Literatur

    J. Habermas, K. L.s stoischer Rückzug v. hist. Bewußtsein, in: Merkur 17, 1963, Nr. 184, S. 576-90 (dass., in: Phil.-pol. Profile, 1981, S. 195-216);
    Natur u. Gesch., K. L. z. 70. Geb.tag, 1967 (W-Verz., P);
    H.-G. Gadamer, in: Jb. d. Heidelberger Ak. d. Wiss., 1975, S. 80-82;
    ders., K. L., 1975 (W-Verz., P);
    K. Stichweh, Dämmerung üb. d. schöpfer. Vernunft, in: Broschüre z. Ankündigung d. Sämtl. Schrr. d. Verlages J. B. Metzler, 1980 (enthält: K. L., Curriculum vitae, 1959).

  • Autor/in

    Cathleen Muehleck
  • Empfohlene Zitierweise

    Muehleck, Cathleen, "Löwith, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 112-114 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574043.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA