Krausnick, Helmut

Lebensdaten
1905 – 1990
Geburtsort
Wenden (heute Braunschweig)
Sterbeort
Stuttgart
Beruf/Funktion
Historiker ; Direktor des Instituts für Zeitgeschichte ; Wissenschaftshistoriker ; Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118566377 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Krausnick, Heinz Wilhelm Ludwig Helmut
  • Krausnick, Helmut
  • Krausnick, Heinz Wilhelm Ludwig Helmut

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Zitierweise

Krausnick, Helmut, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118566377.html#indexcontent [02.10.2026].

CC0

  • Krausnick, Heinz Wilhelm Ludwig Helmut

    1905 – 1990

    Historiker, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte

    Helmut Krausnick gehörte zu den zentralen Figuren der Zeitgeschichtsforschung der frühen Bundesrepublik. Als langjähriger Mitarbeiter und seit 1959 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München sowie seit 1953 als Schriftleiter und seit 1973 als Mitherausgeber der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ trug er wesentlich zur Etablierung dieses jungen Fachs nach 1945 bei. Die von ihm mitverfasste Studie „Die Truppe des Weltanschauungskrieges“ (1981) gilt als Standardwerk der Holocaustforschung.

    Lebensdaten

    Geboren am 19. Februar 1905 in Wenden (heute Braunschweig)
    Gestorben am 22. Januar 1990 in Stuttgart
    Grabstätte Dornhaldenfriedhof in Stuttgart
    Konfession evangelisch
    Helmut Krausnick, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Timpe (InC)
    Helmut Krausnick, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Timpe (InC)
  • 19. Februar 1905 - Wenden (heute Braunschweig)

    1911 - 1923 - Bad Harzburg bei Goslar

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Volksschule; seit 1914 Reform-Realgymnasium

    1923 - 1923 - Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)

    Studium der Staatswissenschaften

    Universität

    1923 - 1931 - Breslau; 1924 Heidelberg; seit 1924 Berlin

    Studium der Geschichtswissenschaft

    Universität

    1931 - 1938 - Bad Harzburg; Berlin

    Aushilfslehrer

    u. a. Haushaltsschule (seiner Mutter) für junge Mädchen

    1932 - 1945

    Mitglied

    NSDAP

    1936 - 1941 - Berlin

    Studium der Geschichtswissenschaft

    Universität

    1938 - 1945 - Berlin

    wissenschaftlicher Mitarbeiter

    Zentralstelle für Nachkriegsgeschichte bei der preußischen Archivverwaltung

    1941 - Berlin

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1944 - 1945 - Ostfront; Italien

    Kriegsdienst; kurzzeitige Kriegsgefangenschaft

    Wehrmacht (Luftwaffe)

    1946 - 1948 - Bad Harzburg

    Haushaltshilfe; Privatlehrer; Geschäftsführer

    u. a. Haushaltsschule (seiner Mutter) für junge Mädchen; Kulturbund

    1948 - Wolfenbüttel

    Abschluss des Entnazifizierungsverfahrens; Einstufung als „Entlasteter“ (Kategorie V)

    Entnazifizierungs-Hauptausschuss des Kreises Wolfenbüttel

    1948 - 1951 - Braunschweig

    freiberuflicher Mitarbeiter

    Internationales Schulbuchinstitut

    1951 - 1972 - München

    Honorarkraft; seit 1952 wissenschaftlicher Mitarbeiter

    Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit (seit 1952 Institut für Zeitgeschichte)

    1953 - 1977 - München

    bis 1972 Schriftleiter; seit 1973 Mitherausgeber

    Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte

    1959 - 1972 - München

    Generalsekretär; seit 1961 Direktor

    Institut für Zeitgeschichte

    1968 - München

    Honorarprofessor

    Universität

    22. Januar 1990 - Stuttgart

    Nach dem Schulbesuch in Bad Harzburg bei Goslar von 1911 bis 1923 und dem Abitur begann Krausnick im Sommersemester 1923 ein Studium der Staatswissenschaften an der Universität Breslau, wechselte aber bald zum Fach Geschichtswissenschaft. Nach einem Sommersemester 1924 in Heidelberg ging er an die Universität Berlin. Wirtschaftliche Nöte zwangen ihn 1931 zur Unterbrechung des Studiums. Im November 1931 stellte er einen Antrag auf Aufnahme in die NSDAP; der Eintritt erfolgte offiziell zum 1. Januar 1932. In diesem Jahr war Krausnick als Propagandaleiter der Ortsgruppe Berlin-Grünau tätig; nach 1933 nahm Krausnick aber offenbar eine passive politische Haltung an.

    In Berlin studierte Krausnick v. a. bei Albert Brackmann (1871–1952), Otto Hoetzsch (1876–1946), Erich Marcks (1861–1938), Friedrich Meinecke (1862–1954), Hermann Oncken (1869–1945) und Fritz Hartung (1883–1967). Letzterer wurde zu seinem Mentor, als Krausnick sein Studium 1936 wieder aufnahm. Wie die meisten seiner Lehrer konzentrierte er sich auf die Weltkriegsforschung, v. a. auf die Vorgeschichte des Krieges. Auf Anregung von Otto Becker (1885–1955) recherchierte Krausnick mehrere Monate im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv für ein Thema der österreichischen Außenpolitik, aus dem aufgrund überraschender Aktenfunde seine Dissertation „Holsteins Geheimpolitik in der Ära Bismarck 1886–1890“ erwuchs, mit der Krausnick 1941 bei Hartung in Berlin zum Dr. phil. promoviert wurde.

    Im Oktober 1938 wurde Krausnick Mitarbeiter der von Brackmann geleiteten Zentralstelle für Nachkriegsgeschichte in Berlin, die der preußischen Archivverwaltung angegliedert war. Von November 1940 bis Ende 1942 an die Aktenkommission des Auswärtigen Amts abgeordnet, wertete er Dokumente des französischen Außenministeriums aus. Zurück in der Zentralstelle, lernte er hier seinen späteren Vorgesetzten Paul Kluke (1908–1990) näher kennen. Im September 1944 wurde Krausnick zur Wehrmacht eingezogen, diente bei den Fallschirmjägern im Osten und dann in Italien, wo er im Mai 1945 in Gefangenschaft geriet, aus der er im August entlassen wurde.

    Nach prekären Jahren u. a. als Privatlehrer und freier Mitarbeiter am Internationalen Schulbuchinstitut in Braunschweig begann Krausnick Ende 1951 für das Deutsche Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit in München zu arbeiten, in das er im April 1952 als wissenschaftlicher Mitarbeiter eintrat und das kurz darauf in Institut für Zeitgeschichte (IfZ) umbenannt wurde. Nach dem Unfalltod des Generalsekretärs Hermann Mau (1913–1952) übernahm Krausnick Ende Oktober 1952 die kommissarische Leitung des Hauses; die dauerhafte Nachfolge scheiterte zunächst an seiner bekannten NSDAP-Mitgliedschaft. Stattdessen trat Kluke 1953 an die Institutsspitze. Nach dessen Ausscheiden wurde Krausnick 1959 doch Generalsekretär, bevor diese Stelle 1961 in Direktor umbenannt wurde. Zugleich wirkte er von 1953 bis 1972 als Schriftleiter der institutseigenen „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“, seit 1973 mit Hans Rothfels (1891–1976) und Theodor Eschenburg (1904–1999) als deren Herausgeber.

    Krausnick zählte zu den führenden Persönlichkeiten der Zeitgeschichtsforschung der frühen Bundesrepublik. Sein zentrales Verdienst liegt im Ausbau des IfZ zu einer führenden historischen Forschungseinrichtung. Sichtbaren Ausdruck fand diese Entwicklung im Umzug des Instituts in das neue Gebäude in der Münchner Leonrodstraße im März 1972, wenige Monate vor Krausnicks Eintritt in den Ruhestand.

    Hatte sich Krausnick zunächst v. a. mit der Bismarck-Ära befasst, so bildeten sich nach 1945 der Widerstand gegen Adolf Hitler (1889–1945) und den Nationalsozialismus sowie die Geschichte der Judenverfolgung als Schwerpunkte heraus. Erwähnenswert sind besonders die von Mau begonnene „Deutsche Geschichte der jüngsten Vergangenheit“, die Krausnick zu Ende führte und die als erste deutsche Gesamtdarstellung der NS-Zeit lange als Standardwerk galt, sowie die Edition der Tagebücher des Abwehroffiziers Helmuth Groscurth (1898–1943) zum militärischen Widerstand. Höhepunkt und Abschluss seiner Forschungstätigkeit bildete das mit seinem Schüler Hans-Heinrich Wilhelm (geb. 1944) verfasste Werk „Die Truppe des Weltanschauungskrieges“ (1981). Die Studie rekonstruierte die Verbrechen der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdiensts (SD) im besetzten Osten. Sie machte die Dimension des nationalsozialistischen Völkermords in einer bis dahin nicht erreichten Schärfe sichtbar und entzog der lange tradierten Vorstellung die Grundlage, die Wehrmacht habe von den Mordaktionen nichts gewusst und an ihnen keinen Anteil gehabt. Damit gab Krausnick entscheidende Impulse für die Forschungen zum Holocaust und NS-Besatzungsregime. Eine Schule bildete Krausnick allerdings nicht.

    Krausnick trug wesentlich dazu bei, die Erträge der zeithistorischen Forschung einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln, u. a. durch zahlreiche Medienbeiträge und seine Gutachtertätigkeit vor Gericht, besonders im Ulmer Einsatzgruppenprozess 1958 und im Frankfurter Auschwitzprozess 1964, aber auch durch sein Engagement in der politischen Bildungsarbeit: Seit 1960 gehörte er der Kommission zur Beratung der Bundesregierung in Fragen der politischen Bildung an.

    seit 1960 Mitglied der Kommission zur Beratung der Bundesregierung in Fragen der politischen Bildung
    1968 Honorarprofessor, Universität München
    1980 Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland

    Nachlass:

    Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, München, ED 419.

    Weitere Archivmaterialien:

    Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, München. (Personalunterlagen)

    Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA Rep. 178, Nr. 477. (Personalunterlagen)

    Universitätsarchiv München, E-II-2119; FakGuK-IX-33. (Personalakten)

    Bundesarchiv, Berlin, R 9 361-IX KARTEI/23030 071. (NSDAP-Mitgliederkartei)

    Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin, Phil. Fak. 01, Nr. 927. (Promotionsakte)

    Monografien:

    Holsteins Geheimpolitik in der Ära Bismarck 1886–1890. Dargestellt vornehmlich auf Grund unveröffentlichter Akten des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs, 1942, 21943. (Diss. phil.)

    Hermann Mau/Helmut Krausnick, Deutsche Geschichte der jüngsten Vergangenheit 1933–1945, 1953, diverse Neuausg., engl. 1959, japan. 1959, dän. 1960, franz. 1962.

    Martin Broszat/Hans Buchheim/Hans-Adolf Jacobsen/Helmut Krausnick, Anatomie des SS-Staates, 2 Bde., 1965, 82005, engl. 1970.

    Helmut Krausnick/Hans-Heinrich Wilhelm, Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938–1942, 1981, diverse Neuausg. u. d. T. Hitlers Einsatzgruppen. Die Truppe des Weltanschauungskrieges, zuletzt 2016.

    Herausgeberschaften:

    Neue Bismarck-Gespräche. Vier unveröffentlichte politische Gespräche des Kanzlers mit österreichisch-ungarischen Staatsmännern sowie ein Gespräch Kaiser Wilhelms II., 1940.

    Helmut Krausnick/Hildegard von Kotze, „Es spricht der Führer“. Sieben exemplarische Hitler-Reden, 1966.

    Helmut Krausnick/Harold C. Deutsch, Helmuth Groscurth. Tagebücher eines Abwehroffiziers. Mit weiteren Dokumenten zur Militäropposition gegen Hitler, 1970.

    Hans Rothfels/Theodor Eschenburg/Helmut Krausnick, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 21–25, 1973–1977.

    Aufsätze:

    Zur Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 32 v. 11.8.1954, S. 426 f., diverse Nachdr. (Onlineressource)

    Vorgeschichte und Beginn des militärischen Widerstandes gegen Hitler, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 47 v. 24.11.1954, S. 609–626, B 45 v. 9.11.1955, S. 665–682 u. B 46 v. 16.11.1955, S. 685–707, diverse Nachdr. (Onlineressource)

    Die Wehrmacht im Dritten Reich 1933–1939, in: Bundesministerium für Verteidigung, Innere Führung (Hg.), Schicksalsfragen der Gegenwart. Handbuch politisch-historischer Bildung, Bd. 2, 1957, S. 282–329.

    Zeitgeschichtliche Forschung in Deutschland, in: Jürgen Scheschkewitz (Hg.), Geschichtsschreibung. Epochen, Methoden, Gestalten, 1968, S. 136–154.

    Kommissarbefehl und „Gerichtsbarkeitserlaß Barbarossa“ in neuer Sicht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 25 (1977), S. 682–738. (Onlineressource)

    Bibliografie:

    Franziska Violet, Schriftenverzeichnis von Helmut Krausnick, in: Wolfgang Benz (Hg.), Miscellanea. Festschrift für Helmut Krausnick zum 75. Geburtstag, 1980, S. 214–222.

    Wolfgang Benz (Hg.), Miscellanea. Festschrift für Helmut Krausnick zum 75. Geburtstag, 1980. (P)

    Wolfgang Benz, Zum Tod von Helmut Krausnick, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 38 (1990), S. 349–351. (Onlineressource)

    N. N., Krausnick, Helmut, in: Internationales Biographisches Archiv, Nr. 12 v. 12.3.1990.

    Horst Möller/Udo Wengst (Hg.), 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Eine Bilanz, 1999.

    Nicolas Berg, Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, 2003.

    Fotografie, ca. 1975, Institut für Zeitgeschichte, Bildersammlung, Abbildung in: Wolfgang Benz (Hg.), Miscellanea. Festschrift für Helmut Krausnick zum 75. Geburtstag, 1980, Frontispiz.

  • Autor/in

    →Niklas Lenhard-Schramm (Hamburg)

  • Zitierweise

    Lenhard-Schramm, Niklas, „Krausnick, Helmut“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118566377.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA