Lebensdaten
1872 bis 1956
Geburtsort
Hannover
Sterbeort
Kilchberg bei Zürich
Beruf/Funktion
Philosoph ; Psychologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11856269X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Klages, Ludwig

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Zitierweise

Klages, Ludwig, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11856269X.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Louis (* 1842), Tuchkaufm. in H., S d. Kaufm. Carl Ludwig in Gladebeck u. d. Charlotte Reinbold;
    M Marie Helene (* 1844), T d. Bäckermeisters Conrad Kolster in Walsrode (Lüneburger Heide) u. d. Auguste Sophie Bock; ledig.

  • Leben

    K. verbrachte mit seiner Schwester Helene in der „bürgerlich eng ausgemessenen Umwelt“ seiner äußerst pflichtbewußten Eltern eine strenge, nicht immer problemlose Kindheit. Nach dem humanistischen Abitur (1891) studierte er „mehr aus praktischen Gesichtspunkten“ als aus „inneren Gründen“ Chemie in Leipzig (1891–92), Hannover (1892–93) und München (1893–1900). Hier arbeitete er im Chemischen Institut unter Baeyer und wurde 1901 mit der Arbeit „Versuch zu einer Synthese des Menthons“ bei Einhorn zum Dr. phil. promoviert. K. eigentliche Interessen lagen jedoch nicht bei den Naturwissenschaften, sondern in der Philosophie, Psychologie und Dichtung. In München fanden die für seine weitere Entwicklung entscheidenden Begegnungen statt, unter anderem mit Stefan George, Georg Meyer, Hans Hinrich Busse, Alfred Schuler, Friedr. Huch und Karl Wolfskehl. Die Freundschaft zu George, für dessen „Blätter für die Kunst“ K. seit 1892 Beiträge lieferte, wurde 1904 gelöst. Mit Schuler und Wolfskehl bildete er 1899 die „Kosmische Runde“, die vor allem unter dem Einfluß J. J. Bachofens stand. 1896 gründete K. mit Busse und Meyer die „Deutsche Graphologische Gesellschaft“ und gab 1900-08 die „Graphologischen Monatshefte“ heraus. Um 1903 gründete er sein „Psychodiagnostisches Seminar“, das er nach seiner Übersiedlung in die Schweiz (August 1915) 1919 in Kilchberg bei Zürich als „Seminar für Ausdruckskunde“ neu eröffnete. K., der zwar wiederholt Gastvorlesungen gehalten (Stuttgart WS 1930/31; Berlin SS 1933 und WS 1933/34), aber jede Bindung an eine akademische Laufbahn abgelehnt hat, entfaltete als Privatgelehrter in seinem Seminar und auf zahllosen Vortragsreisen durch Europa zwischen 1900 und 1949 eine intensive Lehrtätigkeit. Durch sein Seminar ist er zum Anreger einer ganzen Gelehrtengeneration geworden. Unter seinen Hörern fanden sich unter anderem Ernst Bertram, Rudolf Bode, Otto Fischer, Norbert von Hellingrath, Karl Jaspers, Walter F. Otto, Heinrich Steinitzer und Heinrich Wöfflin.

    K.s Werk entstand zwischen 1905 und 1948, als positivistisches Denken die Wissenschaften, vor allem die Philosophie und Psychologie, weithin beherrschte. Er setzte dem metaphysikfeindlichen „logozentrischen“, sich auf das tatsächlich Gegebene beschränkenden Positivismus mit seiner „biozentrischen“ Lebensphilosophie eine Metaphysik der Seele und des Lebens entgegen. Diese richtet sich, ähnlich wie bei Bergson und in scharfem Gegensatz zu Descartes, gegen die „jahrtausendelange Disziplinierung des Blutes“ durch den Geist, der erstmals mit Anaxagoras, später durch das Christentum in die abendländische Philosophie eingedrungen sei. Diese um Sinn und Erscheinungsweise des Lebens bemühte biozentrische Konzeption entwickelte K. in seinen philosophischen Schriften ebenso wie in den drei von ihm selbst erst begründeten psychologischen Disziplinen: der Ausdruckskunde (Hauptwerk: Grundlegung der Wissenschaft vom Ausdruck, 1935), der Graphologie (Hauptwerk: Handschrift und Charakter, 1917) und der Charakterkunde (Hauptwerk: Die Grundlagen der Charakterkunde, 1926). Im Unterschied zu der seit Descartes üblichen Gegenüberstellung von Geist und Materie nahm K. die aus der griechischen Philosophie stammende Dreiteilung von Geist-Seele-Leib wieder auf, gab ihr jedoch eine neue Deutung. Gegenüber der Tradition der europäischen Geistesgeschichte kam es ihm auf den Nachweis an, „daß Leib und Seele untrennbar zusammengehörige Pole der Lebenszelle sind, in die von außen her der Geist, einem Keil vergleichbar, sich einschiebt, mit dem Bestreben, sie untereinander zu entzweien, also den Leib zu entseelen, die Seele zu entleiben und dergestalt endlich alles ihm irgend erreichbare Leben zu ertöten“. Geist definiert K. als „den Sachverhalt, durch den es geschieht, daß aus einem Vorgang eine Tätigkeit wird“. Er ist „die Bedingung derjenigen Züge des menschlichen Bewußtseins, die nicht aus leiblichen oder seelischen Lebensvorgängen ableitbar sind“. Die jüngste Forschung hat gegenüber früheren Interpretationen darauf hingewiesen, daß es K. nach eigenem Bekenntnis in Wahrheit darauf ankomme, bei aller Unterschiedenheit dennoch „die Knüpfungsformen von Leben und Geist zu ermitteln“ und die Frage zu beantworten, ob und wie es möglich sei, „geistigen Akt und lebendigen Rhythmus ungeachtet ihrer Gegnerschaft in Einklang zu bringen“. Die philosophischen Grundlagen K. sind in gedrängter Kürze dargelegt in der aus einer Vorlesungsreihe hervorgegangenen Programmschrift „Vom Wesen des Bewußtseins“ (1921), eine der besten Einführungen in die K.sche Gedankenwelt. Das philosophische Hauptwerk, „Der Geist als Widersacher der Seele“, „neben ‚Sein und Zeit' und Nicolai Hartmanns ‚Grundlegung der Ontologie' … die bedeutendste Leistung der Gegenwart“ (Rothacker), wurde 1916 unter dem vorläufigen Titel „Geist und Seele“ begonnen, 1929 in seinen „beiden ersten und in jeder Beziehung grundlegenden Bänden“ beendet und 1932/33 durch 2 Teilbände ergänzt. Es enthält in seinen 5 Büchern (1.: Sein und Wirklichkeit; 2.: Geist und Leben; 3.: Bewußtsein und Erlebnis; 4.: Die Lehre vom Willen; 5.: Die Wirklichkeit der Bilder) „eine neue Grundlegung der Psychologie auf biologischer Basis“. „Biologisch“ versteht K. nicht naturwissenschaftlich, sondern im Sinne von „lebensmetaphysisch“, also|philosophisch. Philosophie ist für ihn die Grundlage der Psychologie. Ein Zentralsatz des „Widersachers“ lautet daher: „Man sollte aufhören, von Psychologie zu sprechen, wofern man es sich verbietet, Metaphysiker zu sein.“ „Metaphysik“ ist nach K. zu verstehen als „kosmische Physiognomik“, in der die Welt nicht als quantitatives Ganzes isolierter Dinge und Gegenstände, sondern als qualitative Wirklichkeit von Bildern und Erscheinungen gesehen wird.

    Die K.sche Philosophie wird durch zwei Themenkreise bestimmt: von der Theorie des Willens und von der Lehre von der Wirklichkeit der Bilder. Im ersten Komplex geht es K., entgegen der bisherigen philosophischen Tradition, um den Nachweis, daß der „Schlüssel zum Wesen des Geistes nicht im Intellekt, sondern im Willen“ liege, und daß nur der als Wille verstandene Geist Widersacher der Seele, das heißt des Lebens sei. Der Wille ist, wiederum entgegen der bisherigen philosophischen Tradition, nicht als Ursache (Trieb), sondern als „universelle Hemmtriebfeder“ aller Bewegung bestimmt. Es sei „eine der ältesten Irrlehren der Menschheit, der Wille bewege, der Wille schaffe gar, wo er in Wirklichkeit gerade umgekehrt das pausenlose Vibrieren der Lebensbewegung aufhält. Wir sind Wollende genau insoweit, als wir triebhafte Regungen unterdrücken.“ Im zweiten Komplex, der Lehre von der Wirklichkeit der Bilder, zeigt K., daß die Welt in dem, was sie in Wahrheit ist, „als eine Wirklichkeit der Bilder“ zu verstehen sei: „Das Bild, das in die Sinne fällt, das und nichts andres ist der Sinn der Welt.“ Ihn könne nicht die Methode der „Tatsachenwissenschaften“ („Sachforschung“) erfassen, da es dieser nur auf „Rechenbarmachung“, Kausalerfassung und damit Isolierung (Abstraktion) aller Vorgänge ankomme. Die adäquate Weise zur Ergründung des qualitativen Bildwertes der Welt ist nach K. vielmehr die erscheinungswissenschaftliche Methode, das heißt die unter dem Titel „Schau“ verborgene Tendenz des Denkens, in der Vielfalt der Erscheinungen die Einheit des Sinnes, „das allen Erscheinungen innewohnende Leben“ zu orten. Ebenso wie die Welt selbst sich nicht im quantitativen Nebeneinander von Dingen, Vorgängen und Geschehnissen erschöpft, so ist auch für die K.sche Wissenschaftskonzeption der Gedanke entscheidend, daß, ähnlich wie für Goethe, die Sachforschung der Tatsachenwissenschaften nicht in Konkurrenz neben der Wesens- und Sinnforschung der Erscheinungswissenschaften steht, daß vielmehr beide Erkenntnisbemühungen aufeinander angewiesen sind und kooperativ zusammenwirken müssen.|

  • Auszeichnungen

    Nietzsche-Preis(1923), Goethe-Medaille (1932); Senator d. Dt. Ak. München (1933).

  • Werke

    Sämtl. Werke (angelegt auf 10 Bde. u. mehrere Erg.bde.), hrsg. v. E. Frauchiger u. a., 1964 ff. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Marbach, Dt. Lit.-Archiv, zugleich Sitz d. K.-Ges.

  • Literatur

    H. E. Schröder, L. K., Die Gesch. s. Lebens, 2 T., 1966/72 (P);
    ders., Schiller, Nietzsche, K., 1974;
    H. Kasdorff, L. K., Werk u. Wirkung, Einführung u. kommentierte Bibliogr., 2 Bde., 1969/75;
    Roland Müller, Das verzwistete Ich, L. K. u. s. phil. Hauptwerk „Der Geist als Widersacher d. Seele“, 1971;
    L.-K.-Jbb. „Hestia“, hrsg. v. d. K.-Ges., 1963 ff.

  • Autor/in

    Friedbert Holz
  • Empfohlene Zitierweise

    Holz, Friedbert, "Klages, Ludwig" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 700-702 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11856269X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA