Lebensdaten
1764 bis 1847
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Salonière ; Gründerin des sogenannten Tugendbundes
Konfession
jüdisch,lutherisch
Normdaten
GND: 118550152 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Herz, Henriette Julie
  • Lemos, Henriette de (geborene)
  • Lemos, Henriette Julie de (geborene)
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Herz, Henriette, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550152.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Benjamin de Lemos (1711–89), Dr. med., Arzt d. jüd. Gemeinde in B., S d. Kaufm. Abraham in Hamburg;
    M Esther (1742–1816), T d. Dr. med. Samuel Charleville, Arzt d. jüd. Gemeinde in Halle/Saale, seit 1751 in Groß-Glogau;
    Berlin 1779 Markus Herz (s. 2); kinderlos.

  • Leben

    H. heiratete nach damaliger jüdischer Sitte bereits als 15jährige Markus Herz. Um die junge, auffallend schöne Frau des berühmten Arztes und Wissenschaftlers sammelten sich sehr bald die Liebhaber der zeitgenössischen Literatur. Klopstocks Oden, Goethes „Werther“ und sein „Götz von Berlichingen“ wurden gelesen und erregten die Gemüter. Freimaurerische und pietistische Einflüsse führten zur Gründung eines sogenannten Tugendbundes, in dem schwülstige Briefe und heimliche Küsse getauscht wurden, Pfänder- und Schäferspiele einer Jugend sich auszuleben halfen, die zu früh schon zu den Erwachsenen gezählt worden war.

    Dennoch hielten einige dieser Freundschaften lebenslang. Die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, Carl Laroche, Gottfried Schadow, Dorothea Veit geboren(e) Mendelssohn, Franz Leuchsenring, Sara und Marianne Meyer (später als Baronin Grotthus und Marianne von Eybenberg aus Goethes Freundeskreis in den böhmisch Bädern bekannt geworden) zählten sich dem Tugendbund zu; Therese Heyne, Sophie Schubert und Caroline von Dacheröden (die künftigen Gattinnen Georg Forsters, Clemens Brentanos und Wilhelm von Humboldts) wurden korrespondierende Mitglieder. Später stießen die Grafen Dohna und, zuerst als flüchtiger Gast, auch Schleiermacher zu dem Kreis. Nach dessen Anstellung als Prediger an der Charité 1796 und seinen nun häufigen Besuchen beim Ehepaar H. wurde die auf den Konversationston gestimmte Geselligkeit des Tugendbundes durch die langsam reifende Freundschaft zu Schleiermacher abgelöst, wenn auch die Problematik der H.schen Ehe, die Kinderlosigkeit, die Trennung durch ein halbes Lebensalter, sich sichtbarer darstellte als vorher. Durch den Umgang mit Schleiermacher entfaltete sich H.s mütterlich fraulicher Charakter. Ihm vertraute sie ihre Not an, für niemanden wirken zu können. Er gab ihrem Denken Richtung und Halt, als sie nach dem Tode ihres Gatten 1803 recht hilflos und verarmt zurückblieb. In der Schleiermacherschen Familie fand sie ein Jahrzehnt später zu jener Gelassenheit, die ihr bis ins hohe Alter blieb, so daß sie trotz ihrer Verarmung wöchentlich einen Freitisch für Studenten hielt und sich für die dienstsuchenden Mädchen, die vom Lande in die jäh anwachsende Stadt kamen, hilfreich einsetzte.

    H.s Leben ist charakteristisch für das einer Berliner Jüdin ihrer Generation. Die Loslösung aus der Geborgenheit des jüdischen Glaubens ging der politischen Emanzipation|von 1812 vorauf, wenn auch der Trugschluß, die politische Assimilation durch die Taufe zu beschleunigen, sich schon nach der Ermordung Kotzebues in der sogenannte(r) Reaktionszeit erwies. Die Judenschaft hatte aber in Preußen dank der Politik Friedrichs II., der ihr zwar noch immer die Ausübung einer großen Zahl bürgerlicher Berufe untersagt, ihre weltweiten Finanzverbindungen jedoch zu nutzen und zu honorieren verstanden hatte, eine Sonderstellung in der Gesellschaft der aufstrebenden Stadt erreicht. Ihre Häuser waren zu Zentren der Geselligkeit geworden, in denen besonders die Frauen, frei von den Einschränkungen der feudal-absolutistischen Gesellschaftsordnung, ihren Teil an der Entwicklung des liberalen Denkens in Berlin leisten konnten, denn in ihren Salons trafen sich Prinzen, der hohe und niedere Adel, Künstler, Hofschauspieler, Wissenschaftler und Politiker. Der Weg zur geistigen Emanzipation der Frau wurde hier vorbereitet.

    H.s Salon hatte noch vor der Eröffnung von Rahel Varnhagens Salon eine neue, der höfischen und bürgerlichen Geselligkeit konträre Form des geselligen Lebens geschaffen, und aus ihrem Kreise waren nachhaltige Wirkungen auf die Entwicklung Berlins zur geistigen Hauptstadt Preußens ausgegangen.

  • Werke

    Überss. aus d. Engl. Mungo Parks Reise in d. Innere v. Afrika, Berlin 1799;
    Weld des Jüngeren Reise in d. Vereinigten Staaten v. Amerika, ebd. 1800. - Jugenderinnerungen, in: Berliner Lit. Archiv Ges., 1896, S. 141-72.

  • Literatur

    ADB XII;
    G. Kühne, in: Ztg. f. d. elegante Welt, J.bd. 1847;
    W. v. Humboldt, Briefe an e. Freundin, 1847 (kritisch);
    J. Fürst, H. H., ihr Leben u. ihre Erinnerungen, 1850 (P), 21858, vermehrt hrsg. v. H. Landsberg, 1913;
    I. Drewitz, Berliner Salons, Lit. u. Ges. zw. Aufklärung u. Industrie-Za., 1965 (P);
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Portraits

    Gem. v. A. D. Lisiewska, 1778 (Berlin, Nat. gal. d. ehem. Staatl. Mus.);
    v. A. Graff, 1792 (Berlin, Bode-Mus.), Abb. in: E. Berckenhagen, Anton Graff, Leben u. Werk, 1967, S. 204;
    Silberstiftzeichnung v. dems., Abb. in: Uwe Schulz, Immanuel Kant, 1965, S. 23;
    Zeichnung v. A. D. Therbusch, H. als Hebe, 1778 (Berlin, Bildarchiv d. Staatsbibl.);
    Gem. v. ders. (ebd., Bildarchiv Ullstein);
    Bleistiftzeichnung v. W. Hensel, 1823, Abb. b. Drewitz, s. L.

  • Autor/in

    Ingeborg Drewitz
  • Empfohlene Zitierweise

    Drewitz, Ingeborg, "Herz, Henriette" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 728-729 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550152.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Herz: Henriette H., geb. zu Berlin am 5. Septbr. 1764, daselbst am 22. Octbr. 1847. Sie war die Tochter eines jüdischen aus Portugal stammenden, aber lange in Berlin ansässigen Arztes de Lemos, und wurde von diesem, als sie kaum 12 Jahre alt war, mit dem Doctor Markus Herz verlobt, drei Jahre später an denselben verheirathet. Schon vor der Zeit ihrer Che, aber namentlich während derselben, erwarb sie sich eine reiche Bildung. Sie lernte viele Sprachen u. a. auch die griechische, übersetzte unter wesentlicher Beihülfe Schleiermacher's, zwei Bücher aus dem Englischen: Mungo Parks Reise in das|Innere von Afrika (Berlin 1799) und Weld' des Jüngeren Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika (Berlin 1800) und durfte in ihrem Alter ohne Uebertreibung von sich sagen: „Es gibt kaum eine Wissenschaft, in welcher ich mich nicht einigermaßen wenigstens umgesehen hätte und einige trieb ich ernst, so Physik und späterhin mehrere Sprachen.“ Aber weder wegen ihres ausgebreiteten Wissens, noch wegen ihres klaren Verstandes verdient sie eine rühmliche Erwähnung, sondern wegen der großartigen Stellung, Melche sie in dem gesellschaftlichen Leben ihrer Zeit einnahm. Diese verdankte sie zum großen Theil ihrer wunderbaren Schönheit, welche während ihrer Jugend die Meisten blendete, auch in ihren späteren Jahren Viele anmuthete und erfreute, zum Theil ihrer Leichtigkeit, eine Unterhaltung zu führen, ihrer Fertigkeit, einen Salon zu bilden. So wurde und blieb ihr Haus Jahrzehnte lang Mittelpunkt des geselligen Lebens, Versammlungsort für Diplomaten, Künstler und Schriftsteller, die sich hier trafen und der schönen Herrin des Hauses huldigten. In Folge dessen war sie berechtigt, später zu schreiben: „Ich glaube nicht zu viel zu behaupten, wenn ich sage, daß es damals in Berlin keinen Mann und keine Frau gab, die sich später irgendwie auszeichneten, welche nicht längere oder kürzere Zeit, je nachdem es ihre Lebensstellung erlaubte, diesen Kreisen angehört hätten“. Zu ihren Besuchern und ihren intimeren Freunden gehörte u. a. Prinz Louis Ferdinand, die beiden Brüder Humboldt, Göckingk, Arndt; Frauen, denen sie nahe stand, waren Frau v. Stael, Frau v. Genlis, besonders Dorothea Mendelssohn (später die Frau Friedrichs v. Schlegel), mit bedeutenden Fremden wurde sie bekannt: mit Schiller (1804), Jean Paul (s. dagegen Tieck's Briefe, III., 257 ff.), Joh. v. Müller, Mirabeau, (Gentz und vielen Anderen. Dagegen blieb das Verhältniß zwischen ihr und der berühmten Ort-, Glaubens- und Zeitgenossin Rahel stets ein sehr kühles (Briefw. zwischen Rahel und Varnhagen, I.162. II. 109, 157). Zwei ihrer Freundschaftsverhältnisse haben aber besonders viel von sich reden gemacht: das mit Schleiermacher und mit Börne. Ueber letzteres vgl. oben III. S. 165; Börne sah 1819 in Frankfurt. 1827 in Berlin die früher leidenschaftlich geliebte Frau mit wesentlich anderen Empfindungen wieder und lieh seiner Enttäuschung mitunter scharfe Worte. Das Verhältniß mit Schleiermacher gehört zu den idealen Freundschaftsbündnissen, an denen gerade jene Epoche ziemlich reich war. Schleiermacher lernte bei seinem ersten Aufenthalt in Berlin (1790) H. kennen, gleich nach seiner Uebersiedelung dahin (1796) schloß er sich ihr aufs innigste an, vertauschte, als er Berlin verließ (1802) das „Sie“ der Anrede mit dem traulichen „Du“, stand mit ihr, so lange er von Berlin fern war, in regem Briefwechsel, und blieb auch nach seiner Verheirathung (1809) bis an sein Lebensende (1834) ihr ein treuer Berather und Freund. In diese Freundschaft mischte sich keine Liebe und keine Leidenschaft, sogerne sinnlichere Freunde, wie Friedrich Schlegel, eine solche voraussetzten, bedächtigere Rathgeber vorwurfsvoll das Haupt schüttelten, und der Berliner Volkswitz sie karikirte, es war ein inniges, geistiges und gemüthliches Zusammenleben, das niemals eine Trübung oder gar Störung erlitt. H. lehrte den Freund englisch und italienisch, Schleiermacher war ihr Rathgeber in philosophischen und theologischen Dingen; sie setzten sich über Standes- und Parteivorurtheile hinweg und begünstigten die Verbindung zwischen Friedrich Schlegel und Dorothea Veit; er war ihr Trostspender nach dem Tode ihres Gatten, dem sie, so ungleich in Wesen und Alter sie gewesen waren, treu angehangen hatte, sie seine Vertraute in seinem seltsamen Verhältnisse zu Eleonore Grunow; er hätte ihren Beitritt zum Christenthum gern gesehen (1809, Aus Schleiermacher's Leben, II. 161), aber er wagte nicht ihrer Entscheidung vorzugreifen. Von ihrem äußern Leben ist wenig zu berichten. Nach dem Tode ihres Mannes (1803) mußte sie sich einschränken (vgl. Spalding's Brief A. Schl. L., III.331 ff.), manchmal, wie zur Zeit von Preußens Katastrophe, gerieth sie geradezu in Dürftigkeit. Aber aus dieser Lage wurde sie theils durch hülfreiche Freunde, wie Wilh. v. Humboldt, in ihrem hohen Alter durch directes Eingreifen des Königs Friedrich Wilhelm IV. befreit, theils rettete sie sich selbst durch Ertheilen von Unterricht und behielt immer so viel, um Armen thatkräftig beizustehen. Das Anerbieten aber, Erzieherin der Prinzessin Charlotte zu werden, der spätern Kaiserin von Rußland (1805), lehnte sie ab, weil sie den dazu nothwendigen Schritt, den Uebergang zum Christenthum, ihrer Mutter wegen nicht thun mochte; erst nach dem Tode der Mutter ließ sie sich taufen (1817). Kurz darauf unternahm sie, die Reiselustige, die häufig kleinere Touren zu ihren Verwandten, ferner nach Rügen, nach dem Harz, nach Dresden gemacht hatte, wo sie einmal (1810) Goethe nahe trat, eine Reise nach Rom, wo sie zwei Winter verweilte, von dem damaligen Kronprinzen Ludwig von Baiern gefeiert wurde und mit alten und neuen Freunden, besonders den deutschen Künstlern und Gelehrten (Niebuhr, Rückert, W. v. Humboldt) in regstem Verkehr stand. Ueber ihre römischen Eindrücke hat sich ein sehr ausführlicher Brief Februar 1818 an Louise Seidler erhalten (H. Uhde, Erinnerungen von L. S. 2. Aufl., Berlin 1875, E. 155—62), welche schon in Dresden H. kennen gelernt, in München die Bekanntschaft erneuert hatte und in Rom lange mit ihr zusammen war. Von dieser Freundin wird H. schön und würdig charakterisirt (a. a. O. S. 180 ff.); bei ihrer Abreise aus Rom heißt es: „Die edle, schöne H. war der allgemeine Liebling geblieben, viele Thränen flossen ihr nach“. H. war durch die Erfolge, welche sie Jahrzehnte lang in der Gesellschaft gefunden hatte, sehr verwöhnt, daher nicht frei von Einbildung: sie war stolz auf ihre Schönheit, auf die Menge ihrer hochgestellten Freunde, sie mochte, zumal ihre imponirende Gestalt und ihr angeregtes Wesen ihr auch später noch Beachtung sicherten, leicht vergessen, daß sie alt wurde. Aber trotz dieser Mängel war sie eine Frau, die zu den trefflichen gezählt werden muß, voll Berufstreue und Liebe, voll „praktischen Talents, das bis zur Unersättlichkeit geht“ (A. Schl. L., I.338), voll Lebenslust und Thatkraft. — Von ihren Briefen ist leider so gut wie nichts gedruckt worden; ihre Erinnerungen, nach Erzählungen, die sie in ihrem hohen Alter vorgetragen, von Anderen ausgezeichnet, entbehren nicht selten der rechten Zuverlässigkeit.

    • Literatur

      Henr. Herz, Ihr Leben und ihre Erinnerungen, herausgegeben von J. Fürst, Berlin 1850 (2. Aufl, 1858). Briefe des jungen Börne an Henr. Herz. Leipzig 1861. Aus Schleiermacher's Leben in Briefen, besonders Bd. I. u. II., 2. Aufl. Berlin 1860.

  • Autor/in

    Ludwig , Geiger.
  • Empfohlene Zitierweise

    Geiger, Ludwig, "Herz, Henriette" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 258-260 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550152.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA