Lebensdaten
1817 bis 1875
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
Lichtental bei Baden-Baden
Beruf/Funktion
Dichter ; Revolutionär
Konfession
evangelisch,freireligiös
Normdaten
GND: 118550128 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Herwegh, Georg Friedrich Rudolf Theodor Andreas
  • Herwegh, Georg
  • Herwegh, Georg Friedrich Rudolf Theodor Andreas

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Zitierweise

Herwegh, Georg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550128.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ernst Ludw. (1790–1865), Gastwirt, Mundkoch beim engl. Gesandten in St., S d. Peter Jos., aus Bonn, Säcklermeister u. Hoflakei in Darmstadt, u. d. Katharine Vogel;
    M Rosina Cath. (1782–1855), T d. Joh. Andreas Märklin, Chirurg u. Stadtrechner in Balingen, u. d. Rosina Barbara Hartenstein;
    Baden/Schweiz 1843 Emma (1817–1904), die außergewöhnlich gebildete u. musisch begabte Frau widmete sich ganz d. Dichtung H.s u. seinem rev. Kampf, ihr Briefwechsel mit H. zeugt v. hohem lit. u. polit. Niveau, ihre Teilnahme am 48er Zug nach Baden u. ihre aktive Unterstützung d. Bewegung Garibaldis v. d. Schweiz aus läßt sie z. T. tatkräftiger als H. erscheinen (s. W, L), T d. Seidenhändlers Joh. Gottfr. Siegmund ( 1865) in Berlip u. d. Henr. Wilhelmina Krauer (?);
    3 S (1 früh †), 1 T Horace (1843–1901), Ing. in Paris, Marcel (1858 ca.|1937), Violinist u. Schriftsteller in Paris, der H.s Nachlaß u. Ruf durch Vernichtung u. Beschädigung v. Briefen etc. u. durch fälschende u. unzuverlässige Publikationen schwer schädigte, dann jedoch durch Überlassung v. Dokumenten d. Aufbau d. H.-Archives in Liestal ermöglichte (s. L), Ada (* 1849, 1870 A. Franz Sonza, Ing. u. Dir. d. polytechn. Schule in São Paulo/Brasilien).

  • Leben

    H. besuchte das Stuttgarter Gymnasium und die Lateinschule in Balingen, anschließend die Klosterschule in Maulbronn; 1835 wurde er in das Tübinger Stift aufgenommen und studierte Theologie. Wegen Auflehnung gegen die Ordnung aus dem Stift gewiesen, wechselte er 1836 zum Jurastudium über, brach 1837 das Studium endgültig ab, um in Stuttgart als Schriftsteller und Kritiker für A. Lewalds Zeitschrift „Europa“ und als Übersetzer (der Werke Lamartines) zu arbeiten. Vom Militärdienst befreite H. zunächst die Fürsprache Lewalds, doch sollte er 1839 nach einem Streit mit einem Offizier strafweise erneut eingezogen werden. Er floh in die Schweiz und fand in Emmishofen Unterkunft. Er lebte von den Erträgen seiner dichterischen und literaturkritischen Arbeit, vor allem für die von G. A. Wirth herausgegebene „Deutsche Volkshalle“. Die Beiträge zu dieser Zeitschrift wurden ohne sein Wissen 1845 als „Gedichte und kritische Aufsätze aus den Jahren 1839 und 1840“ veröffentlicht. 1840 übersiedelte H. nach Zürich, wo er von A. Follen gefördert wurde, so daß er in kurzer Zeit die „Gedichte eines Lebendigen“ (1841) vollenden konnte, die sofort großes Aufsehen erregten und ihn mit einem Schlag berühmt machten (trotz des Verbotes in Preußen 7 Auflagen bis 1843). Mit ihren Forderungen nach Freiheit und Einheit trafen diese leidenschaftlichen und sangbaren Verse (Vertonungen unter anderem von Franz Liszt) die Stimmung des Vormärz so genau, daß besonders die junge Generation in ihnen die vollkommene Widerspiegelung ihrer Hoffnungen sah. 1841/42 war H. in Paris. 1842 faßte er den Plan zur Herausgabe einer eigenen Zeitschrift („Deutscher Bote aus der Schweiz“), in der er den von der Zensur in Deutschland Verfolgten Asyl geben wollte, und unternahm von Zürich aus eine Werbereise nach Deutschland, auf der er überall gefeiert und geehrt wurde. Er schloß Bekanntschaft mit zahlreichen Persönlichkeiten des literarischen und politischen Lebens und fand unter anderem in R. Prutz und M. Bakunin lebenslange Freunde. Aus dieser Hochstimmung wurde er gerissen, als er am 19.11.1842 eine Einladung zur Audienz bei König Friedrich Wilhelm IV. annahm und deswegen von der liberalen Opposition hart kritisiert wurde. Unmittelbar nach der Audienz wurde die geplante Zeitschrift für Preußen verboten. H. schrieb dem König, der ihm versichert hatte, „wir wollen ehrliche Feinde sein“, einen mutigen und empörten Brief, dessen von H. ungewollte Veröffentlichung zu seiner Ausweisung aus Preußen (23.12.1842) und zur Verschärfung der Maßnahmen gegen die Presse führte. H. kehrte in die Schweiz zurück, wurde auch in Zürich nicht geduldet, erhielt aber im April 1843 das Bürgerrecht im Kanton Baselland. 1843 gab er die „Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz“ heraus, die er aus den Beiträgen zu dem nicht erschienenen „Deutschen Boten …“ zusammengestellt hatte (unter anderem von H., F. Engels, M. Hess u. D. F. Strauß). Der 2. Teil der „Gedichte eines Lebendigen“ (1843), in dem H. unter anderem in bitteren Xenien seine zerstörten Illusionen im Zusammenhang mit der Audienz persiflierte, fand nur geringe Resonanz.

    Seit September 1843 lebte H. in Paris (Bekanntschaft mit V. Hugo, Béranger, Heine, Ruge und Marx). Bei Ausbruch der Februarrevolution 1848 wurde er Präsident der „Pariser Deutschen Legion“, die die Revolution in Deutschland unterstützen wollte. In Verkennung der Lage – die schärfste Kritik von revolutionärer Seite erfuhr das Unternehmen durch Marx und Engels – überschritt die mangelhaft bewaffnete Schar (knapp 700 Mann) den Rhein und drang unter der politischen (nicht militärischen) Führung H.s ins Badische vor. Die Niederlage der Truppen Heckers und Struves zwang die Legion, noch bevor sie in die Kämpfe eingreifen konnte, zum Rückzug nach der Schweiz. Sie wurde jedoch durch württembergisch Militär am 27.4.1848 bei Niederdossenbach überrascht und geschlagen. H. und seine Frau konnten ihr Leben retten und flohen in die Schweiz. Die von politischen Gegnern bewußt ausgestreuten bösartigen Gerüchte über H.s angebliche Feigheit entbehren jeder Grundlage. Tief deprimiert durch die eigene Niederlage und die der Revolution, unfähig, sich gegen Angriffe zu wehren und in einen Skandal wegen seiner Liebe zu Natalie Herzen, der Frau Alexander Herzens, verstrickt, lebte H. bis 1849 in Paris, anschließend in Genf und seit 1851 in Zürich. Das Vermögen seiner Frau, von dem er eine Zeitlang ein recht aufwendiges Leben geführt hatte, war aufgebraucht. Die rege und in ihrem Umfang und ihrer Bedeutung meist übersehene journalistische Tätigkeit (unter anderem für den „Bieler Handelscourier“ und das „Zürcher Intelligenzb Latt“) war vor allem durch seine Notlage bedingt. Für deutsche, von den Regierungen kontrollierte Blätter zu schreiben, lehnte er ab. Freundschaftliche Beziehungen unterhielt H. zu Gottfried Keller, der in seinen frühen Dichtungen stark von ihm beeinflußt wurde, zu R. Wagner, Franz Liszt, W. Rüstow und P. Challemel-Lacour. Mit F. Lassalle verband ihn Freundschaft und ein reger Briefwechsel. Durch dessen Einfluß schloß sich H. der Arbeiterbewegung an und wurde Bevollmächtigter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) für die Schweiz. 1863 schrieb er nach einem Gedicht Shelleys das Bundeslied für den ADAV mit den über das Vorbild hinausgehenden und zur Tat aufrufenden Versen: „Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still, / Wenn dein starker Arm es will.“ Nach Lassalles Tod trat H. 1865 aus dem ADAV aus, enttäuscht von der unpolitischen Haltung der Schweizer Arbeitervertreter und im Widerspruch zu dem staatsfreundlichen Kurs der Lassalleaner. Sein politisches Denken näherte sich dem von Marx und Engels und stimmte in wesentlichen Punkten mit dem Programm der I. Internationale, zu deren Ehrenkorrespondenten er 1866 ernannt wurde, überein. Seit dem Eisenacher Vereinigungsparteitag 1869 unterstützte er den revolutionären Flügel der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, er war auch Mitglied der Partei. – 1866 war H. aufgrund einer Amnestie nach Deutschland zurückgekehrt. Die Hoffnungen auf eine Professur für vergleichende Literaturwissenschaft in Neapel (1861) beziehungsweise auf die für Kunstgeschichte am Polytechnikum in Zürich hatten sich zerschlagen, und H.s Notlage war so groß geworden, daß er seine Bibliothek und seinen übrigen Besitz versteigern lassen mußte. Er lebte seitdem in ständiger Not in Baden-Baden, arbeitete an Shakespeare-Übersetzungen, konnte aber mit seinen Dichtungen die literarische Öffentlichkeit, besonders nach 1870/71, nicht mehr erreichen. Er starb in ungebrochen revolutionär-demokratischer Gesinnung; begraben werden wollte er nicht auf dem Boden des Deutschen Reiches, sondern in seinem „Heimatkanton“ in der Schweiz.

    Die Beurteilung des politischen Dichters und Revolutionärs H. ist schwierig. Die Berichte über sein Leben und die wertende Einordnung seiner Dichtungen widersprechen sich häufig und sind zum Teil beeinflußt von politischen Vorurteilen, die ästhetisch verbrämt werden. Die literarhistorische Bedeutung H.s wird häufig nur in den „Gedichten eines Lebendigen“ gesehen, denen trotz formaler Schwächen mitreißendes Pathos bescheinigt wird. Die mangelhafte Kenntnis seines Werkes (noch immer fehlt die seit 1948 von B. Kaiser angekündigte kritische Gesamtausgabe) und traditionelle Vorbehalte gegen sogen. Tendenzdichtung haben weitgehend verhindert, daß auch seine 1843-75 entstandenen Arbeiten Beachtung gefunden haben. – H. gehört mit Freiligrath und Weerth zu den bedeutendsten politischen Dichtern des 19. Jahrhundert Als Repräsentant der Generation des Vormärz spiegelt er in seinem Werk die geistige Vorbereitung der Revolution von 1848 wider, den utopischen Aktivismus der radikalen Linken, die sich während der Revolution über die fehlende Bereitschaft des Volkes zur Rebellion hinwegtäuschte, die Depression und Zerstrittenheit nach der Niederlage und schließlich die wachsende Bereitschaft zum Anschluß an die Ideen des Sozialismus. Die meisten seiner Gedichte sind Tendenzgedichte. H. verzichtete auf sprachlichen Glanz, kommentierte aktuelle Ereignisse (Rheinkrise 1840, Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV., Gutenberg-Jubiläum, Polemik gegen Papst Gregor XVI. etc.) und rief zum Kampf um nationale Einheit und gegen politische wie religiöse Bevormundung auf. Er bediente sich für seine Aufrufe vor allem des Volksliedes, stieß in knappen Rhythmen, wirksamen Wiederholungen und schlagwortartigen Formulierungen immer wieder die Kritik an den sozialen Zuständen und die Forderung nach revolutionärer Tat in das Bewußtsein der Leser. Dabei ging er so weit, selbst das klassische Sonett, in das er sich durch das Vorbild Platens eingeübt hatte, des ihm charakteristischen individuellen Ausdrucks zu berauben und es völlig in den Dienst politischer Bekenntnisse und Aufrufe zu stellen. Formale Brüche, überzogene Bilder und Vergleiche nahm er in Kauf, wenn nur die aktivierende Wirkung erreicht wurde. Daß sie es wurde, zeigt die große Popularität, die H. in kurzer Zeit errang, und die Tatsache, daß manche seiner Verse („Der Freiheit eine Gasse“, „Wir haben lang genug geliebt/Und wollen endlich hassen“) im Bewußtsein des Volkes als anonym erschienen.

    Nach formal-ästhetischen Kriterien fehlt H.s Versen gewiß die Vollendung; es sind Pamphlete und Aufrufe, die reinen Genuß nicht erlauben. Aber sie sind es bewußt, und sie spiegeln getreuer als die epigonale, im Rückzug aus der Zeit sich selbst genügende Poesie, etwa eines Geibel, die Kämpfe, Hoffnungen und Enttäuschungen der Zeit von 1840 bis 1875 wider. – In seiner politisch-ideologischen Entwicklung löste sich H. schon früh von dem individualistischen Freiheitsverlangen seiner jungdeutschen Vorbilder und schloß sich der politischen Position der Linkshegelianer an. Er kam schon vor der Revolution über bürgerlich-liberale Forderungen hinaus: „Mit der liberalen Bourgeoisie werden wir nie siegen, wir müssen die Sympathie der Massen suchen, sonst geht es nicht …“ (Brief an die Braut von 28.11.1842). Nach 1848 überwand er den scheinrevolutionären Utopismus der Episode mit der „Pariser Deutschen Legion“ und wurde durch die Bekanntschaft mit Lassalle, Marx und Engels ein immer entschiedenerer Sozialist. Scharf verurteilte er den Krieg von 1870/71, die Annexion von Elsaß und Lothringen und die Einigung Deutschlands unter Preußen. Er gehörte zu den wenigen in Deutschland, die noch nach 1871 an den sozialistischen und republikanischen Idealen von 1848 festhielten.

  • Werke

    Weitere W u. a. Neue Gedichte v. G. H., hrsg. nach s. Tode, 1877;
    Gedichte e. Lebendigen, hrsg. u. erl. v. M. Herwegh [S], 1905, 31909 (mit biogr. Einl. v. V. Fleury, P);
    H.s Werke in 3 T., hrsg. u. mit e. Lb. versehen v. H. Tardel, 1909 (P);
    Der Freiheit e. Gasse, Aus d. Leben u. Werk G. H.s, hrsg. v. B. Kaiser, 1948;
    Gedichte u. Aufsätze, ausgew. u. mit e. Nachwort v. H. Döring, 1952 (= Reclams Universal Bibl. [Leipzig]);
    H.s Werke in 1 Bd., ausgew. u. eingel. v. H.-G. Werner, 1967 (P);
    Krit. Gesamtausg., hrsg. v. B. Kaiser, in Vorbereitung;
    - Briefe von u. an H., hrsg. v. M. Herwegh, 1896;
    G. H.s Briefwechsel mit s. Braut, hrsg. unter Mitwirkung v. V. Fleury u. C. Hausmann v. dems., 21906 (P);
    Briefe F. Lassalles an H., hrsg. v. dems., 1896 (die Gegenstücke in: Lassalles nachgelassene Briefe u. Schrr. V, 1925);
    Correspondance inédite de la Comtesse Marie d'Agoult et du poète G. H., hrsg. v. dems., Paris 1929;
    - V. Fleury, Aus H.s Nachlaß, Lausanne 1911;
    ders., Neue Bruchstücke aus H.s Nachlaß, in: Euphorion 20, 1913, S. 471-80. |

  • Nachlaß

    Nachlaß im Dichtermus. Liestal (Schweiz), H.-Archiv. - Zu Ehefrau Emma: Zur Gesch. d. dt. demokrat. Legion aus Paris, 1849; Eine Erinnerung an G. H., 1875.

  • Literatur

    ADB XII;
    A. Gottlieb, G. H., Die Kritiken u. Gedichte in d. Dt. Volkshalle u. d. Gedichte e. Lebendigen, Diss. Wien 1903 (ungedr.);
    A. Trampe, G. H., Sein Leben u. Schaffen, Diss. Münster 1909;
    V. Fleury, Le poète G. H., Paris 1911;
    F. Mehring, Sozialist. Lyrik, G. H. - F. Freiligrath-H. Heine, in: Archiv f. d. Gesch. d. Sozialismus u. d. Arbeiterbewegung 4, 1914, S. 191-221, wieder in: ders., Ges. Werke X, 1961, S. 395-421;
    W. Kilian, H. als Übersetzer, 1915;
    K. Hensold, G. H. u. s. dt. Vorbilder, Progr. d. Humanist. Gymnasiums Ansbach, 1916;
    E. Baldinger, G. H., Die Gedankenwelt d. „Gedichte e. Lebendigen“, 1917;
    E. Hirschfeld, Pol. Zeitdichtung in G. H.s „Gedichte e. Lebendigen“, Diss. Hamburg 1921 (ungedr.);
    F. Schiller, H. u. Marx, in: Internat. Lit., Moskau 1933, H. 2, S. 51-71;
    B. Kaiser, Die Schicksale d. Bibl. G. H.s, in: Nachrr. d. Vereinigung schweizer. Bibliothekare 20, 1944, 21, 1945 (auch als Separatdr.);
    ders., in: Lex. sozialist. dt. Lit., 1963, S. 218-21;
    Die Akten F. Freiligrath u. G. H., Aus d. Archiv d. Dt. Schillerstiftung, hrsg. v. dems., 1963;
    A. Turajew, Das Spätschaffen G. H.s, in: Sowjetwiss., Kunst u. Lit. (Berlin-Ost) 8, 1960, S. 878-91;
    A. Liede, Das H.-Archiv im Dichtermus. Liestal, in: Scripta manent 5/6, Basel 1960/61, Nr. 8-11 (auch f. Ehefrau, P);
    F. A. Schmidt-Künsemüller, G. H.s Wandlung z. pol. Realismus, in: Heine-Jb. 1965, S. 68-80;
    W. Büttner, „… dann belehren euch die Fäuste unserer Proletarier“, in: Weimarer Btrr., Zs. f. Lit.wiss., 1967, S. 403-37 (P);
    ders., G. H. u. d. dt. Arbeiterbewegung, in: Zs. f. Gesch.wiss. 15, 1967, S. 801-21;
    J. Hermand, Nachwort zu: Der dt. Vormärz, Texte u. Dokumente, hrsg. v. dems., 1967, S. 357-94;
    Körner;
    Eppelsheimer I, IV-VII;
    Kosch, Lit.-Lex. - Zu Ehefrau Emma: A. Lucio, Felice Orsini e Emma H., Nuovi documenti con introduzione e note, Florenz 1937;
    - zu Sohn Marcel:
    F. Mehring, G. H., in: Die neue Zeit 14, 1895/96, II, S. 673-77, wieder in: ders., Ges. Werke X, 1961, S. 501-06;
    ders., Marcel-Theophil, in: Die neue Zeit 15, 1896/97, I, S. 436-39, wieder in: ders., Ges. Werke X, S. 512-17.

  • Portraits

    Lith. v. Gutsch u. Rupp (Dortmund, Bildnis-Slg. d. Stadt- u. Landesbibl.);
    Stahlstich (ebd.);
    Zeichnung, 1839 (Liestal, H.-Archiv), Abb. in: Die Achtundvierziger, Ein Lesebuch f. unsere Zeit, hrsg. v. B. Kaiser, 1952;
    Zeichnung v. Emma H., 1842, Abb. in: G. H.s Briefwechsel mit s. Braut, s. W, u. b. A. Liede, s. L;
    Holzschn. v. K. A. Deis, um 1842, Abb. in: H.s Werke in einem Band, s. W;
    Stich v. C. Gonzenbach nach e. Gem. v. C. Hitz, Abb. b. Wilpert, Literatur in Bildern.

  • Autor/in

    Martin Glaubrecht
  • Empfohlene Zitierweise

    Glaubrecht, Martin, "Herwegh, Georg" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 723-726 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550128.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Herwegh: Georg Friedrich Rudolf Theodor Andreas H., wurde in Stuttgart, wo sein Vater, Ernst Ludwig H., Traiteur war, am 31. Mai 1817 geboren. Hier erhielt er den ersten Unterricht; später wurde der reich begabte, aber von heftigen Nervenkrankheiten geplagte Knabe, dem sein poetisch-declamatorisches Talent schon jetzt Lob errang, im niedern Seminar zu Maulbronn weiter gebildet. Am 23. Octbr. 1835 bezog er als stud. theol. die Universität Tübingen, indem er zugleich in das evangelisch-theologische Seminar eintrat. Die strenge Disciplin der Anstalt empfand H., dessen Hang zum Ungehorsam bereits die Zeugnisse aus Maulbronn rügten, bald als beengende Fessel, die er wiederholt zu durchbrechen versuchte; mehrfache Strafen und schließlich die Entlassung aus dem Stift (5. Aug. 1836 unter dem Ephorus Professor Dr. H. C. W. Sigwart) und eine amtliche Warnung von Seiten des Rectors der Universität (8. Aug.) waren die Folgen. Mit dem Austritt aus dem Seminar schwand die Neigung zum Studium der Theologie völlig: Frd. Dav. Strauß, gleichfalls ein Zögling des Tübinger Stiftes, hatte seit 1835 durch sein „Leben Jesu“ eine weithin wirkende revolutionäre Bewegung in der theologischen Wissenschaft hervorgerufen; H. gab nun das bisherige Studium trotz des anfänglichen Widerstandes seines Vaters auf und weilte im Winter 1836/37 als stud. jur. in Tübingen, belegte aber nur eine Vorlesung über Pandekten bei dein Kanzler K. Gg. v. Wächter (1797—1880). Ernster beschäftigte ihn der Gedanke an ein freieres Dichter- und Schriftstellerleben, und so äußerte er schon 1836 dem Herausgeber der Zeitschrift „Europa“, August Lewald (1793—1871), seinen Wunsch, „die Universität zu verlassen und sich nach eignem Trieb und Gefallen den Wissenschaften hinzugeben“. Einzelne lyrische Versuche fanden in dem Album der „Europa“ willfährige Aufnahme; so kehrte H. denn um Ostern 1837 nach Stuttgart zurück. Hier war Lewald ziemlich der einzige Freund des Einsamen, der jüngere Genossen abstieß. Da seine armen Eltern ihn nur kümmerlich unterstützen konnten, bot Lewald ihm eine kleine Stelle bei der Redaction der „Europa“ an. Mancherlei Pläne für die Zukunft, der Gedanke, für das Theater zu schreiben, stiegen dem Dichter auf; zunächst bestimmte er aus einer Fülle von|poetischen Gebilden, die ihm überreich aus seinen Erlebnissen und Empfindungen entsprangen, nur die gelungensten, bald heiter im leichten Stil frische Lebens- und Liebeslust athmend, bald elegisch-schwärmerischen Charakters, zum Druck in der „Europa“. Eine vorübergehende Störung erlitt dieses Dichten und Träumen, als H. am 7. März 1838 zum Militärdienst ausgehoben wurde. Nach einigen qualvoll in der Kaserne verbrachten Wochen wurde er auf ein dem König eingereichtes Befreiungsgesuch allerdings beurlaubt (26. März 1838), am 6. Juli 1839 aber, nachdem er auf einem Balle in Zwist mit einem Officier gerathen war, zur Strafe wieder einberufen. Er leistete keine Folge, sondern floh nach dem Schweizer Torfe Emmishofen bei Constanz im Canton Thurgau. Auch von dem neuen Aufenthaltsorte aus steuerte er noch Jahre lang Gedichte zu den Beiblättern der „Europa“, dem Album der Boudoirs und dem lyrischen Album, bei; hingegen die in Stuttgart begonnene Uebersetzung der sämmtlichen Werke des Alphonse de Lamartine (Stuttgart 1839—40, in 30 Lieferungen 1842—44 noch einmal ausgegeben) vollendete er nicht: der letzte (sechste) Band, der den „Fall eines Engels“ enthält, wurde von Gustav Diezel besorgt. H. bezeichnete seine Wiedergabe des französischen Dichters selbst als „treu, aber keineswegs schön"; Lamartine's Rhythmus, „vielleicht das Beste an ihm“, der „unendliche Wohlklang seiner Verse“ sei durchaus verloren gegangen. H. gab genau den Inhalt des Originals wieder, an das er sich auch in der Form fast immer anschloß: sogar der strophenlose Alexandriner wurde meist beibehalten. Aber trotz allem rhetorischen Schwunge, der die Uebersetzung noch mehr als ihr französisches Vorbild belebt, klingt manches Stück ziemlich nüchtern: es fehlt jede Melodie. Namentlich die rein lyrischen Stellen leiden unter diesem Mangel, weniger die beschreibenden oder ruhig erzählenden Partien und die prosaischen Werke, die H. in ein anmuthig fließendes, zugleich klares und prägnantes Deutsch übertrug. Manchmal erinnert sein Ausdruck entfernt an Gustav Schwab's Versuch, der schon 1826 auserlesene Gedichte Lamartine's (aus den méditations poétiques) nicht viel freier, aber weitaus poetischer übersetzt hatte. In Emmishofen betheiligte sich H. mit Eifer und Fleiß an der Redaction der neu gegründeten „Deutschen Volkshalle“, welche Joh. Gg. Aug. Wirth (1798—1848) in Bellevue bei Constanz herausgab. Während der J. 1839 und 40 verfaßte er für diese Zeitschrift neben verschiednen Gedichten eine Reihe kritischer Aufsätze, vorzugsweise Recensionen (gesammelt 1845 von der Verlagsbuchhandlung: „Gedichte und kritische Aufsätze aus d. J. 1839 u. 40 von Georg H."). Hier strebte er darnach, theils hervorragende Dichter der letztverflossenen Jahrzehnte, Jean Paul, Achim v. Arnim, Hölderlin, besonders Platen und Robert Burns, nach ihrem wahren Verdienst zu würdigen und seinem Volke, das sie nicht kannte oder verkannte, näher zu bringen, theils die besseren Autoren der Gegenwart scharf zu scheiden nach den beiden Richtungen der Poesie, welche Börne, Herwegh's Ein und Alles, und dessen Antipode Heine eingeschlagen hatten und nach welchen jenem Gutzkow mit wenigen Genossen, diesem Heinr. Laube, Ferd. Gust. Kühne und Theodor Mundt folgten. Unbeachtete Talente, wie Jos. Eman. Hilscher (1806—37), pries er enthusiastisch; unkünstlerische oder unzeitgemäße Producte traf er mit unerbittlich strenger Kritik. Für Verbesserung des Looses der Schriftsteller in Deutschland suchte er zu Wirten; vornehmlich aber predigte er mit leidenschaftlicher Energie die demokratischen Principien der neuesten Litteratur, das Recht der „Poesie der Hütte“, die Nothwendigkeit der Opposition des Dichters gegen den Staat. Bald erschien H. aber die „Deutsche Volkshalle“ zu gemäßigt; als er Ende April 1840 auf einem Ausflug an den Vierwaldstätter See von neuen Freunden, namentlich Professor Julius Fröbel, in Zürich festgehalten wurde, trat er kurz darauf von der Theilnahme an Wirth's Zeitschrift zurück. In den|ersten Monaten des J. 1841 hielt er vor einem ansehnlichen Zuhörerkreis in Zürich Vorträge über die neueste Litteratur seit Goethe's Tode. Aufgemuntert von den gleichgesinnten Genossen, ließ er bald darnach 1841 zu Zürich und Winterthur im Verlag des litterarischen Comptoirs die „Gedichte eines Lebendigen, mit einer Dedication an den Verstorbenen“ (gegen die „Briefe eines Verstorbenen“ des Fürsten Pückler-Muskau von 1830 und 31 gerichtet) erscheinen, die in demselben und in den beiden folgenden Jahren zu wiederholten Malen neu aufgelegt wurden Dem allgemeinen Verlangen nach einem unbestimmten Freiheitsideal, das der Dichter mit seiner Zeit theilte, war hier ein stürmischer Ausdruck in der Poesie gegeben. Nur der revolutionäre Grundgedanke ist allen diesen Gedichten gemeinsam: während H. aber in einzelnen derselben, den künftigen Gang der Geschicke vorahnend, die Einigung Deutschlands durch Preußen, den Krieg gegen eroberungslustige Nachbarn an den Grenzen und gegen römische Gesetze im Innern des Vaterlandes entschieden fordert, verirrt er sich in andern zu vagen oder einander widersprechenden, bald republikanischen, bald politisch ganz unklaren Vorstellungen von der Freiheit und dem Kampf für sie. Herwegh's lyrische Anlage neigte ursprünglich aber mehr zur sentimental-schwärmerischen Poesie: die wenigen Gedichte, in denen der Verfasser, der Politik abgewandt, sich weichen, schwermüthigen Regungen hingibt, sind die Krone der Sammlung. Platen ist namentlich für die Sonette (großentheils schon vorher in der „Europa“ gedruckt) Herwegh's Muster; auch in der politischen Poesie eiferte dieser außer Beranger, dem Sänger des Volksliedes, vorzüglich ihm nach: seine Polenlieder pries er als das Herrlichste, was je auf dem Grabe von Helden gesungen wurde. Platen's Pathos und Formenstrenge eignete er sich in hohem Grade an; oft aber versagt seiner unruhigen Phantasie die plastische Gestaltungskraft, und sie vermag uns blos eine Reihe tautologischer Bilder ohne sortschreitende Handlung vorzuführen. Nachdem H. dir zweite Auflage seiner Gedichte hatte erscheinen sehen, verweilte er vom Herbst 1841 bis Frühling 1842 in Paris. Im Herbst 1842 unternahm er eine Reise durch Deutschland, die zu einem wahren Triumphzug für den Dichter wurde. Zu Jena, wo er Robert Prutz besuchte, und Weimar von den Studenten, in Leipzig, Dresden und Berlin von den politischen Freunden mit Ehren überhäuft, schien er den Gipfel der Auszeichnung ersteigen zu sollen, als ihn König Friedrich Wilhelm IV. durch seinen Leibarzt Professor Dr. Schönlein, von Zürich her Herwegh's Freund, in den letzten Tagen des Novembers 1842 zu einer Audienz rufen ließ, von der er ihn mit wohlwollend anerkennenden Worten als „ehrlichen Feind“ verabschiedete. H. begab sich gleich darauf nach Königsberg, wo neue Ehren ihn berauschten. Gleichzeitig wurde jedoch von dem preußischen Ministerium nicht nur den Studenten in Königsberg die Theilnahme an jeder öffentlichen Feier Herwegh's untersagt, sondern auch der Verkauf des „Deutschen Boten aus der Schweiz“, einer neu angekündigten Zeitschrift, deren Redaction H. übernommen hatte, in Preußen verboten. Der Dichter kehrte um die Mitte des Decembers nach Berlin zurück, sandte aber vorher noch am 19. December ein Schreiben an König Friedrich Wilhelm, in welchem er sich heftig über das Vorgehen seiner Minister beklagte und taktlos die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen und die Unwandelbarkeit seiner republikanischen Ueberzeugung versicherte. Durch die Indiscretion eines Freundes wurde der Brief ohne Herwegh's Wissen und Wollen am 24. December in der Leipziger allgemeinen Zeitung gedruckt. Das Verbot dieser Zeitung in den preußischen Staaten und die sofortige Ausweifung des Dichters aus Berlin war die Folge. Er wandte sich mit seiner Braut Emma Siegmund (am 16. Novbr. 1842 in Berlin mit ihm verlobt) nach Stettin, um Prutz noch einmal zu begrüßen; allein auch hier ebensowenig wie in Leipzig und Frankfurt a/M. geduldet, kehrte er am 12. Januar 1843 nach Zürich zurück, vielfach geschmäht und selbst von gleichstrebenden Geistern, wie Ferdinand Freiligrath, verspottet. Auch hier war seines Bleibens nicht. Zwar feierten die Studenten am 13. Januar seine Zurückkunft mit einem Ständchen; der Regierungsrath lehnte jedoch am 9. Februar sein Gesuch um die Erlaubniß zur Niederlassung einstimmig ab. Zwei Tage darauf erneuerte H. den früher bereits dreimal vergeblich gemachten Versuch und reichte eine Eingabe an den König von Würtemberg um Befreiung vom Militärdienst und um ungehinderte Rückkehr in die Heimath ein. Am 19. Februar genehmigte König Wilhelm I., dem mehrere „in Leipzig wohnende Schriftsteller und andere patriotische Männer“ am 10. März den „frei dem Herzen entströmenden, innigsten Dank“ dafür aussprachen, die erste Bitte unter der Bedingung, daß H. aus Württemberg auswandere; wenige Wochen darnach erhielt dieser das Bürgerrecht im Canton Basel Landschaft, trat aber sogleich, nachdem er seine Hochzeit gefeiert, im Anfang des Aprils 1843 eine Reise nach der Provence an. Der letzte Anlaß all' dieser Wirrnisse, die projectirte Zeitschrift erschien nicht. Die für die ersten Monatshefte derselben bestimmten Aufsätze gab H. 1843 unter dem Titel „Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz“ heraus. Er selbst lieferte dazu nur wenige poetische Beiträge, die er mit dem schon 1841 in Zürich erschienenen Gedichte „Die deutsche Flotte, eine Mahnung an das deutsche Volk“ und anderen lyrisch-epigrammatischen Versuchen 1844 in Zürich und Winterthur zu einem zweiten Band der „Gedichte eines Lebendigen“ vereinigte. Die Stücke dieser Sammlung theilen die Mängel der Gedichte des ersten Bandes; ihnen fehlt aber die zündende Kraft jener früheren Gesänge. Noch finden sich einige ausgezeichnete wehmüthig-weiche Klänge; allein bei den meisten Gedichten schlägt ein scharfer, epigrammatisch verletzender Ton durch. Beranger und Platen sind noch immer die Muster, denen H. nachstrebt; zu ihnen gesellt sich aber der Einfluß des früher energisch bekämpften Heine und zwar nicht des jugendlichen, noch harmloseren Lyrikers, sondern des späteren, sarkastischen Satirikers. So machen den bedeutendsten Theil jener zweiten Sammlung denn auch die „Xenien“ aus, eine Anzahl bissiger, in ihrer Art oft gelungener Epigramme, die aber auch zahlreiche persönliche und nicht immer taktvolle Ausfälle des Dichters darbieten. Auf die Zeitgenossen, die überdies von dem Eindruck der Berliner Vorgänge noch nicht völlig frei waren, übten diese neuen Gedichte nur geringen Einfluß. H. selbst war mit seiner Abreise aus der Schweiz vom Schauplatz zurückgetreten. Erst 1848 bei dem Aufstand Hecker's und Struve's führte er von Paris aus, wo er im persönlichen Verkehr mit Heine, Beranger und George Sand die vorhergehenden Jahre zugebracht hatte, eine Colonne deutscher Arbeiter an die badische Grenze, überschritt mit ihnen am Morgen des 24. April bei Klein-Kems den Rhein und drang in das badische Oberland bis Wieden vor. Auf dem Rückwege wurde die Schaar bei Niederdossenbach am 27. April von würtembergischen Truppen angegriffen und, obwol an Zahl denselben weit überlegen, nach heftigem Kampfe zerstreut. H. flüchtete während des Gefechtes über den Rhein zurück und verdankte seine Rettung vornehmlich dem entschlossenen Muthe seiner Frau. Nun hielt er sich zunächst in Paris, seit dem Juni 1849 in Genf, Nizza, namentlich aber in Zürich auf. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Paris, Südfrankreich und endlich wieder in Deutschland zu Lichtenthal bei Baden-Baden, wo er am 7. April 1875 am Lungenschlage starb (am 9. April ebendort unter großer Theilnahme der Freunde und Gesinnungsgenossen, aber auf eigenen Wunsch ohne geistlichen Segen begraben). Herwegh's Benehmen war freundlich, sein Urtheil manchmal voreingenommen, doch meist gutmüthig. Mit dem sorglosen Leichtsinn des Poeten hatte er jederzeit das Leben und seine Anforderungen aufgefaßt; später war er mehr durch den feinen Genuß desselben verwöhnt worden|und legte nun auch größeres Gewicht auf die äußerlichen Formen und Ansprüche desselben. An der Ausdauer und Geduld zur peinlichen Arbeit fehlte es ihm; dagegen stiegen ihm die verschiedenartigsten und reichhaltigsten Pläne auf, die er in einem künstlerischen Rahmen nicht zu fassen wußte, und mit theilnehmendem Verständniß gab er sich selbst den gewagtesten Ideen anderer hin. So wirkte er im persönlichen Umgang anregend auf zahlreiche Freunde, zu denen die besten Männer der Zeit gehörten, führte aber von seinen früheren, namentlich dramatischen Entwürfen keinen aus und verstummte als Dichter fast gänzlich. Für die von H. Ulrici herausgegebene Uebersetzung Shakespeare's bearbeitete er im achten Band (Berlin 1870) den Coriolanus; für die von Frd. Bodenstedt besorgte Ausgabe des deutschen Shakespeare übertrug er König Lear, die beiden Veroneser, Zähmung einer Widerspenstigen, die Komödie der Irrungen, Ende gut alles gut, Troilus und Cressida, Wie es euch gefällt (Leipzig 1869—71). Nur bei dem letzten Stück lag A. W. Schlegel's Uebersetzung vor, an die sich H. besonders in den metrischen Stellen vielfach anschloß. Manchmal suchte er den Wortlaut des Originals genauer oder deutlicher wiederzugeben, büßte aber darüber gewöhnlich den von Schlegel so glücklich getroffenen poetischen Grundton desselben ein. Eher gelang ihm in den übrigen, keineswegs leicht zu verdeutschenden Stücken der Wettstreit mit Tieck: mit seiner Uebertragung verglichen, ist Herwegh's Wiedergabe Shakespeare's oft wortgetreuer, bisweilen auch dichterischer. Den Dramen, die er für die Ausgabe Bodenstedt's bearbeitete, gab H. außer wenigen Noten zu besonders schwierigen Stellen litterarhistorisch-ästhetische Einleitungen bei, die, ohne wissenschaftlich bedeutend zu sein, hübsche Kenntnisse in der Geschichte der Shakespeare'schen Poesie bekundeten. Als originaler Dichter trat H. noch bei einigen wichtigen, politischen oder historischen Anlässen (Schillerfeier in Zürich am 10. Novbr. 1859, Garibaldi's Gefangennahme bei Aspromonte am 24. August 1862 u. a.) hervor; diese und andere poetische Producte wurden aus seinem Nachlaß in Zürich 1877 als „Neue Gedichte von Georg H.“ gesammelt. In den meisten derselben schlägt der sarkastische Ton schonungs- und rücksichtslos durch; namentlich die jüngsten Ereignisse in Deutschland, deren Bedeutung H. vollständig verkannte, verfolgte er mit beißenden Pasquillen, die in Ton und Ausdruck den kecksten Versen Heine's an die Seite gestellt werden können und nur in den seltensten Fällen poetischen Werth besitzen. Sie trugen nichts dazu bei, den Dichter bei seinem Volke der Vergessenheit zu entreißen, der er nicht ohne eigne Schuld lange schon vor seinem Tode verfallen war.

    • Literatur

      Herwegh's Lebensabriß von Aug. Lewald in der Europa, 1841, Bd. IV.— Gg. Herwegh. Fragmente zur Geschichte des Tages. Herausgegeben von Alexis Publicola. Nürnberg 1843. — Gg. Herwegh. Litterarische und politische Blätter von Dr. Joh. Scherr. Winterthur 1843. —
      Herwegh's Nekrolog von Rud. Gottschall (Unsere Zeit. Neue Folge. Jahrg. XI. 1. S. 721 ff.). — Mittheilungen aus den Acten der Universität und des evangelisch-theologischen Seminars zu Tübingen, sowie des würtembergischen Kriegsministeriums und königl. Cabinets durch die Güte des Herrn Prof. Dr. Holland, Prof. Dr. Buder, Hofrath Dr. Hemsen, Hauptmann Bilfinger und Geh. Legationsrath Dr. v. Griesinger.

  • Autor/in

    Franz , Muncker.
  • Empfohlene Zitierweise

    Muncker, Franz, "Herwegh, Georg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 252-256 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118550128.html#adbcontent

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