Lebensdaten
1821 bis 1901
Geburtsort
Grünberg (Schlesien)
Sterbeort
Sankt Anton am Arlberg
Beruf/Funktion
Literaturhistoriker ; Publizist
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118547380 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Haym, Rudolf
  • Gajm, R.
  • Gajm, Rudolʹf
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Zitierweise

Haym, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118547380.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Gottlieb (1786–1859), Konrektor d. Bürgerschule in G., S d. Joh. Gottlob, Bauer u. Schulze in Haide-Gersdorf/Nd.lausitz;
    M N. N., T d. Geh. Akziserats Gärtner in Magdeburg u. d. N. N. Maquet (Hugenottenfam.);
    Halle 1858 Wilhelmine (1833–1920), T d. Karl Heinr. Dzondi (1770–1835), Chirurg u. Augenarzt in Halle (s. ADB V; BLÄ);
    2 S (1 früh †), 2 T.

  • Leben

    Über den äußeren und inneren Lebenslauf H.s sind wir ausgezeichnet informiert durch die in den letzten Lebensjahren mit der dem späteren H. eigentümlichen Objektivität verfaßten Autobiographie (Aus meinem Leben, Erinnerungen, Aus dem Nachlaß herausgegeben, 1902, Porträt); sie reicht leider nur bis zu den großen Werken.

    Nach dem Besuch der Bürgerschule in Grünberg und privatem Unterricht durch den Vater trat H. in das Köllnische Gymnasium in Berlin ein, um nach bestandenem Abitur 1839 in Halle Theologie zu studieren. Wichtiger für seine Entwicklung als seine akademischen Lehrer war die in der Studentenschaft lebende Begeisterung für den Junghegelianismus (Ruges Hallesche Jahrbücher) und für D. F. Strauß. Unter diesen Einflüssen gab H. die Theologie auf zugunsten der klassischen Philologie (1843 in Halle Doktor- und in Berlin Staatsexamen). Dem christlichen Glauben blieb er jedoch treu trotz Feuerbachs Verlockung. Verhängnisvoll für weite Strecken seines Lebens war aber eine damals einsetzende unreife Rezensententätigkeit, die ihre „Gedanken von Hegel, ihre Form von Lessing“ borgte. Ein erster Versuch der Habilitation für Philosophie mißlang 1845 in Halle, da die Behörden an kirchlich-religiösen und philosophischen Agitationen H.s Anstoß genommen hatten. In dieser Zeit wurde er in die Kreise der Halleschen „Lichtfreunde“ (Kampf gegen die reaktionäre Religionspolitik Friedrich Wilhelms IV.) hineingezogen. Diese religiöse Opposition verwandelte sich bald unter dem Eindruck der Schleswig-Holsteinkrise in eine politische. H.s gewandte Feder stellte sich dem Konstitutionellen Klub zur Verfügung, unter anderem in: „Reden und Redner des ersten Preußischen Vereinigten Landtags“ (1847). Das Revolutionsjahr machte ihn zum Abgeordneten im Frankfurter Parlament (Partei des rechten Zentrums), wo er, „der Idealist unter den leichtlebigen und gerissenen Politikern“, keine Rolle spielte, sich aber durch eine ausgezeichnete Darstellung der Verhandlungen (Die deutsche Nationalversammlung, 1848–1850) weithin bekannt machte. 1850 unternahm er in Halle einen zweiten, erfolgreichen Versuch der Habilitation. Noch einmal erlag er jedoch der politischen Versuchung, indem er sich zum Redaktor der eben in Berlin gegründeten „Konstitutionellen Zeitung“, des Parteiorgans der Konstitutionellen, wählen ließ, eine Aufgabe, die ihn vollständig absorbiert hätte, wenn ihn nicht zu seinem Heil die Regierung aus Berlin ausgewiesen hätte. Sofort begann er seine Vorlesungen und tastete nach ihm zusagenden literarischen Aufgaben. Zuerst schwebte ihm ein Plan vor „einer Entwicklung des deutschen Geistes im realistischen Sinn“. Der Grundgedanke war aber immer noch zu spekulativ; nach einiger Zeit erschrak er über „die Leere der Darstellung und das Vorwiegen des Allgemeinen vor dem Besondern“. Das Wort: „im realistischen Sinn“ deutet an, daß sein Ziel war, biographisch und psychologisch einzelne Persönlichkeiten herauszuarbeiten. Diesen Plan erfüllte er zuerst in Vorlesungen, dann übertrug ihm die Redaktion der Enzyklopädie von Ersch und Gruber den Artikel Gentz, der als Vorläufer seiner späteren Werke angesehen werden kann.

    Freilich erlaubte es ihm seine finanzielle Situation nicht, als Schriftsteller frei seinen eigenen Neigungen zu folgen. Erst 1860 wurde ihm gegen heftigen Widerstand innerhalb der Fakultät eine allerdings gering besoldete außerordentliche Professur für neuere Literaturgeschichte zuteil. 1868 folgte das Ordinariat.

    So blieb er noch einige Zeit der Politik verhaftet und war nationalliberaler Abgeordneter im preußischen Abgeordnetenhaus nach 1866. Wichtiger aber und auch für einige Zeit für ihn fruchtbarer war die Redaktion der neu gegründeten „Preußischen Jahrbücher“ (1858). Das politische, vor allem aber das kulturelle Programm des Liberalismus zu vertreten, war er der rechte Mann. Alle Artikel erschienen|anonym, sein Name hatte also für alle einzustehen. Von ihm selbst sind in diesen Jahren eine Anzahl Essays allerersten Ranges erschienen, so über Hütten, Arndt, Schopenhauer, ferner über das Schleiermacherbuch seines Rivalen und Freundes Dilthey, das in eindrücklicher Weise die Unterschiede zwischen den beiden großen Historikern sichtbar macht. Der berühmteste dieser Essays, die Vernichtung Varnhagen von Enses, ist von einer ans Pamphletäre grenzenden Schärfe, die zeigt, wie fern damals noch H. von dem bewunderungswürdigen Gerechtigkeitssinn seiner letzten Werke ist. Zwei Bücher gehören dieser „vorklassischen“ Periode seines Schaffens an: „Wilhelm von Humboldt, Lebensbild und Charakteristik“ (1856) und „Hegel und seine Zeit, Vorlesungen über Entstehung und Wert der Hegelschen Philosophie“ (1857, Nachdruck 1962). Beide Werke zeigen schon die künstlerische Vollendung der „klassischen“ Werke, entbehren aber noch der absoluten Gerechtigkeit und Sachlichkeit, und zwar in gegensätzlichem Sinne: Der „Humboldt“ ist das Buch eines liebevollen Parteigängers, der „Hegel“ die Kampfschrift eines sich mühsam aus den Fesseln der Systematik Befreienden. Darum ist dieser ein besonders interessantes Dokument, weil es in „realistischem Sinn“ Hegels System auf die Zeitumstünde und das persönliche Schicksal des Philosophen zurückführt.

    Die letzten 30 Jahre H.s sind der Vorlesungstätigkeit und den beiden großen Werken gewidmet: „Die romantische Schule“ (1870, Neudruck 1905, 31914 überarbeitet von O. Walzel, 41920, fotomechanischer Nachdruck 1961) und „Herder nach seinem Leben und seinen Werken“ (I 1880, II 1885). Es sind keine Lehrbücher, darum war es falsch, sie durch Überarbeitung auf der sogenannten Höhe der Forschung zu halten. Wer sich mit H. beschäftigt, hat sich an die Originalfassungen zu halten. H.s unübertroffene Kunst besteht in der Fähigkeit, die Gedanken eines Werkes bis in seine letzten Verästelungen deutlich zu machen. Von diesem analytischen Verfahren rührt die Breite seiner Darstellung her, die aber niemals eine rhetorische Zerdehnung ist, sondern Unerbittlichkeit der Kontrolle, Unerbittlichkeit, aber nicht mehr Grausamkeit, denn immer hat er die Totalität des Menschen vor Augen. Darin liegt der Gegensatz zur heute üblichen Interpretation; das Kunstwerk ist ihm eine flüssige Schöpfung der individuellen Seele. Ungeheuer ist das Material, das er verarbeitet, aber nicht aufhäuft, wie es dem Positivismus so leicht geschieht. Darum können seine Werke nicht veralten, sondern sind, wie Kunstwerke, ein bleibender Besitz der deutschen Kultur.

  • Werke

    Weitere W u. a. A. Schopenhauer, 1864;
    Das Leben Max Dunckers, 1891;
    Ges. Aufsätze, 1903;
    Herder nach s. Leben u. s. Werken dargest., 2 Bde., 21954 (mit Einl. v. W. Harich, Bd. 1, S. IX-CV);
    Zur dt. Philos. u. Lit., ausgew., eingel. u. erl. v. E. Howald, 1963, = Klassiker d. Kritik. - Ausgew. Briefwechsel, hrsg. v. H. Rosenberg, 1930 (meist H.s pol. Tätigkeit betr. L).

  • Literatur

    A. Riehl, Führende Denker u. Forscher, 1922;
    H. Bieber, in: Schles. Lb. II, 1928, S. 263-71;
    W. Hessler, Die phil. Persönlichkeit R. H.s, Diss. Halle 1935;
    W. Harich, R. H., seine pol. u. phil. Entwicklung, in: Sinn u. Form 6, 1954, S. 482-527;
    E. Howald, Der Literarhistoriker R. H., in: ders., Dt.-franz. Mosaik, 1962, S. 199-216;
    W. Schrader, in: BJ VI, S. 33-47 (u. Tl. 1901, L);
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Portraits

    Phot. in F. Behrend, Gesch. d. dt. Philol. in Bildern, 1927, S. 57.

  • Autor/in

    Ernst Howald
  • Empfohlene Zitierweise

    Howald, Ernst, "Haym, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 152-153 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118547380.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA