Lebensdaten
1860 bis 1923
Geburtsort
Stöckey (Harz)
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Pädagoge
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118537792 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gaudig, Hugo
  • Gaudig, E. F. H.
  • Gaudig, Eduard Friedrich Hugo
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Zitierweise

Gaudig, Hugo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118537792.html [16.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Dagobert (1830–1904), Pfarrer u. Schulinsp., zuletzt Sup., S d. Schulvorstehers Johann in Halle u. d. Emilie Geucke;
    M Ottilie (1830–86), T d. Ludw. Dorguth, Kaufm. u. Stadtverordneter in Helmstedt, u. d. Emilie Woldmann;
    1888 Marianne (1863–1945), T d. Albert Maxim. Moritz Burghardt (* 1825), Klosterprediger u. Prof. a. d. Klosterschule Roßleben, u. d. Amalie Theone Scharf;
    3 T.

  • Leben

    G. besuchte die Volksschule seines Heimatortes und bereitete sich privat auf den Besuch einer höheren Lehranstalt vor. 1874 trat er in das Gymnasium Nordhausen ein, das er 1879 mit dem Reifezeugnis verließ. An der Universität Halle studierte er Theologie, Philosophie, Germanistik und alte Sprachen, promovierte 1883 mit der Dissertation „Grundprinzipien der Ästhetik Schopenhauers“ und legte anschließend die Prüfung pro facultate docendi ab. Nach einem Probejahr an den Franekeschen Stiftungen in Halle unter dem Herbartianer Otto Frick wirkte er ab 1887 als Oberlehrer an dem Realgymnasium in Gera. Nach 7jähriger Tätigkeit hier übernahm er 1896 das Direktorat der Höheren Mädchenschule und des Lehrerinnenseminars der Franekeschen Stiftungen, wieder in Halle. 1900 erfolgte seine Berufung als Direktor der Höheren Mädchenschule und des neu gegründeten Lehrerinnenseminars in Leipzig. Nach Teilung seiner Schule 1907 hatte er als Leiter der II. Höheren Mädchenschule und des Lehrerinnenseminars die Möglichkeit, mit einem selbst gewählten Lehrerkollegium eine bis zu seinem Tod sich Jahr um Jahr steigernde Reformtätigkeit zu betreiben, die ihn neben Georg Kerschensteiner zum „Meisterpädagogen“, zur Zentralfigur der Arbeitsschulbewegung nach dem 1. Weltkrieg mit internationaler Geltung erhob. - G. geht nicht von exakt ausgearbeiteten Ideen und Begriffen aus, er ist kein pädagogischer Systematiker. Seine Gedanken und Forderungen erwachsen und entwickeln sich nach und nach im Laufe eines langen, betont auf Schul- und Unterrichtspraxis eingestellten Lebens. Dementsprechend ist er weniger ein originärer Theoretiker als ein eminent fruchtbarer Praktiker. In seinem Schrifttum lassen sich zahlreiche Abhängigkeiten und Einflüsse entdecken: aus dem klassischen Neuhumanismus und deutschen Idealismus (Schiller, Goethe, Herder, Humboldt, Fichte), aus der Romantik (Novalis, Gebrüder Schlegel, Schleiermacher), bis hinauf zu Nietzsches|Bildungsprogramm und zu Dilthey. Alle Abhängigkeiten, auch die facheigenen von Rousseau, Pestalozzi, Francke und Diesterweg, sind durchweg nur als objektive Übereinstimmungen nachweisbar, weil in seinem Schrifttum genaue Quellenangaben fehlen. Von der überwiegenden Mehrzahl der G.-Interpreten wird vor allem eine weitgehende Abhängigkeit von Rudolf Eucken dargetan. - Gleich nach dem Probejahr brach G. in fortschreitendem Maße mit dem überlieferten Herbartianismus gegen Frick und setzte mit eigenen Reformbestrebungen ein auf Grundlage des Spontaneitätsprinzips, der „freien geistigen Arbeit“ der Schüler im Unterricht. Als didaktisches Hauptmittel entwickelte er dabei das „freie Unterrichtsgespräch“, das selbständige Schülergespräch ohne das überkommene Frage- und Antwortspiel, besonders ohne die übliche Lehrerführung, nach der Grundregel: Der Schüler muß Methode haben. Die Erfindung und Ausgestaltung des „freien Unterrichtsgesprächs“ im Deutsch-, Geschichts-, Erdkunde- und Religionsunterricht, G.s größte didaktische Leistung, weist sachliche Übereinstimmungen mit der „freien Lehrmethode“ von Carl Christoph Scheibert auf, wenngleich sich auch hier eine subjektive Nachfolgeschaft nicht definitiv nachweisen läßt. - Die Notwendigkeit, seiner Selbsttätigkeitsidee eine philosophische Untermauerung zu geben, führte G. ab 1912 zur Koppelung seines Fundamentalprinzips mit der Persönlichkeitspädagogik in vielfachem Gleichklang mit G. Budde und Fr. W. Foerster, in Anpassung an den damaligen Streit um einen praktischen Ausgleich zwischen Individual- und Sozialpädagogik. Im schmerzlichen Erleben des 1. Weltkrieges ging ihm eine zweite Erweiterung seines pädagogischen Denkens und Wollens auf, die Ausdehnung auf die nationale Erziehung, und in Zusammenhang damit drittens auf die deutsche Kulturentwicklung. Alle Angliederungen zielten ab auf den zentralen Ausbau eines selbsteigenen Schullebens im Sinne einer national-, sozial- und kulturerzieherischen Volksanstalt. - Als Erbe G.s gilt allgemein eine formaldidaktische Auswertung seines Schrifttums und Wirkens, im Kern das Bestreben, „die freie geistige Tätigkeit“ zu einem didaktischen Optimum für das gesamte Unterrichts- und Erziehungsleben fortzuentwickeln. Ihm dienen zur Hauptsache auch die Nachfolger G.s, seine ehemaligen engsten Mitarbeiter: Otto Scheibner (1877–1961) und Lotte Müller.

  • Werke

    Vollst. Verz. in: C. Marx, Die Persönlichkeitspäd. H. G.s, 1925, S. 90 ff., u. in: K.-H. Günther, Über d. Persönlichkeitspäd. H. G.s, 1957, S. 115 ff., verm. um Archivalia a. d. Stadtarchiv Leipzig, S. 119 f.;
    hervorgehoben seien: Die Erziehung z. Selbsttätigkeit, in: 30. Ber. üb. d. Höheren Schulen f. Mädchen u. d. Lehrerinnenseminar zu Leipzig, Ostern 1901 b. Ostern 1902;
    Didakt. Ketzereien, 1904, 31915;
    Didakt. Präludien, 1909, 21920;
    Die Idee d. Persönlichkeit u. ihre Bedeutung f. d. Päd., in: Zs. f. päd. Psychol. u. experimentelle Päd. 13, 1912;
    Dt. Volk - dt. Schule, 1917;
    Die Schule im Dienste d. werdenden Persönlichkeit, 2 Bde., 1917, 21922;
    Freie geistige Schularb. in Theorie u. Praxis, 1922;
    Was mir d. Tag brachte, 1923.

  • Literatur

    G. Kerschensteiner, Der Begriff d. Arbeitsschule, 121957;
    ders., Der Begriff d. staatsbürgerl. Erziehung, 51923;
    R. Krause, H. G.s „Freie geistige Tätigkeit“ u. C. C. Scheiberts „Freie Unterrichtsform“, Diss. Jena 1923;
    H. G. z. Gedächtnis, Worte s. Mitarbeiter, 1924 (P);
    Helmut Müller, Scheibert, der Vorläufer Kerschensteiners u. G.s, 1926;
    Th. Litt, Die Philos. d. Gegenwart u. ihr Einfluß auf d. Bildungsideal, 21927;
    H. Nohl, Der humanist. Sinn d. Arb. in d. Arbeitsschule, in: Die Erziehung 2, 1927;
    J. Jansen, H. G.s Stellung z. Problem d. weibl. Erziehung, Diss. Köln 1928;
    O. Scheibner, Zwanzig J. Arbeitsschule, 21930;
    Lotte Müller, Einstellung auf Freitätigkeit, 31929;
    E. Saupe, Dt. Pädagogen d. Neuzeit, 81929 (P);
    B. Kühle, Entwicklung u. philos. Begründung d. Arbeitsschultheorie b. Kerschensteiner u. G., 1932;
    P. Härtig, H. G. u. d. Aktivitätspäd. d. Angloamerikaner, in: Unsere Schule 6, 1950;
    O. Scheibner, in: DBJ V, S. 105-11 (u. Tl. 1923. W, L).

  • Portraits

    Büste v. F. Pfeifer (in Privatbes.).

  • Autor/in

    Heinrich Kautz
  • Empfohlene Zitierweise

    Kautz, Heinrich, "Gaudig, Hugo" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 94-95 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118537792.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA