Lebensdaten
1777 bis 1853
Geburtsort
Killingen bei Ellwangen
Sterbeort
Tübingen
Beruf/Funktion
katholischer Theologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118527436 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Drey, Johann Sebastian von
  • Drey, J. S. v.
  • Drey, J. S. von
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Zitierweise

Drey, Johann Sebastian von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118527436.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hirte.

  • Leben

    Nachdem D. Vikar in Röhlingen gewesen war, wurde er 1806 Professor am Philosophisch-theologischen Lyzeum in Rottweil, 1812 Professor an der neuerrichteten Universität Ellwangen für theologische Enzyklopädie, Apologetik, Dogmatik und Dogmengeschichte, und nach Aufhebung der Universität 1817 Professor an der neuerrichteten katholisch-theologischen Fakultät in Tübingen. Mit anderen gründete er 1819 die für die katholische Theologie des 19. Jahrhunderts außerordentlich bedeutungsvolle Tübinger Theologische Quartalschrift. 1823 wurde er von der württembergischen Regierung als Bischof von Rottenburg vorgesehen, erhielt aber nicht die Bestätigung von Rom.

    D. hat nachhaltigsten Einfluß auf die gesamte Theologie des 19. Jahrhunderts ausgeübt, zum mindesten in Deutschland. Seine Bedeutung liegt in der Ausarbeitung der für die katholische Tübinger Schule charakteristischen theologischen Methode. Sie stellt eine Synthese von historisch-kritischem und spekulativem Vorgehen dar. D. hat sie gegenüber dem in der zeitgenössischen Theologie herrschenden Empirismus und Positivismus einerseits, gegenüber der exklusiven Spekulation (Rationalismus) andererseits entfaltet. Er war davon überzeugt, daß sich die Theologie nicht in einem rein innertheologischen Prozeß entwickeln könne, sondern nur in der Auseinandersetzung mit der gesamten Geistesgeschichte, insbesondere mit der Philosophie. Seine neue Theologie stand unter dem Einfluß der romantischen Philosophie, insbesondere von Novalis und Schelling.

    D. geht vom Glauben der gegenwärtigen Kirche aus. In ihr wird das von Christus Gestiftete in seiner Objektivität anschaulich. Das „heute“ in der katholischen Kirche dargestellte Christentum ist nichts anderes als das Urchristentum in seiner gegenwärtigen Gestalt. Mit dieser These wendet sich D. ebenso wie Novalis und Schelling gegen die Abfallstheorie, nach welcher das Urchristentum das wahre und eigentliche Christentum und die ganze spätere Entwicklung ein Abfall gewesen sei. Die heutige Kirche tritt in ihrer Identität mit der Urkirche besonders wirksam und anschaulich im Kult, der Gegenwärtigsetzung des von Christus Vollbrachten, als einem Konzentrationspunkt des kirchlichen Lebens in Erscheinung. In Anwendung und Abwandlung des romantischen Geschichtsbegriffs läßt D. das heutige Christentum in einem zugleich notwendigen und|freien, Kontinuität und Diskontinuität in sich schließenden Prozeß aus seiner Anfangsgestalt hervorgehen. Kontinuität und Notwendigkeit sind dadurch gegeben, daß der Heilige Geist das unsichtbare Prinzip des Christentums ist. Die Freiheit verbindet sich mit der Notwendigkeit, insofern Menschen die sichtbaren und aktiven Träger des Vorgangs sind. Alle diese Gedanken faßt D. im Begriff der lebendigen Überlieferung zusammen, der zu einem Schlüsselbegriff der Tübinger Schule wurde. Der Entwicklungsgedanke ist für das Christentum wesentlich, und zwar nicht nur in einzelnen Teilen, etwa für ein Dogma, sondern in seinem Ganzen, das sich in den Teilen darstellt. Mit dem Gedanken der Entwicklung verbindet D. den Begriff der Dialektik (Hegel). In seiner theologischen Dialektik wird der katholischen Kirche allein absolute Gültigkeit zugeschrieben, die übrigen christlichen Konfessionen sind Fehlentwicklungen, besitzen aber eine relative Berechtigung. Die Kirche wird im Zusammenhang mit dem Reichgottesbegriff als die communio sanctorum verstanden. Da D. seine dogmatischen Vorlesungen nicht veröffentlichte, wirkte er vor allem über seine Schüler Johann Adam Möhler, Johannes von Kuhn, F. A. Staudenmaier, A. Berlage, F. X. Dieringer auf die Folgezeit.

    Seine Hauptleistung im einzelnen liegt im apologetischen Bereiche. Während er deren Aufgabe zunächst darin sah, das den einzelnen Konfessionen Gemeinsame als das Wesen des Christentums herauszuarbeiten, bestimmt er sie in der Überzeugung, daß es nur eine gültige Form des Christentums gibt, die katholische Kirche, als jene theologische Wissenschaft, die durch historisch-philosophische Methode die Grundlage für die Gesamttheologie legt. Er war der erste, welcher den Versuch einer transzendentalen Behandlung der Dogmen und der Geschichte der Kirche machte. Insbesondere wurde durch ihn der Begriff der lebendigen Überlieferung zu einem Kernstück der neueren Theologie. Er legt Gewicht darauf, daß das Christentum auch die natürlichen Werte in sich birgt. Es läuft nicht auf eine Entnaturalisierung der Welt hinaus. Vor allem sind es die Werte des Volkes, die er in ihrer geläuterten Gestalt mit Herder in der Kirche lebendig und wirksam sieht.

  • Werke

    u. a. Revision d. gegenwärtigen Zustandes d. Theol. (1812), in: J. R. Geiselmann, Geist d. Christentums u. d. Katholizismus, Ausgew.Schrr. kath. Theol. im Za. d. Dt. Idealismus u. d. Romantik, 1940, S. 83-97; Ideen z. Gesch. d. kath. Dogmensystems (1812–13), ebd., S. 235-331;
    Tage- bücher üb. philos., theol. u. hist. Gegenstände (1812–18), ebd., S. 101-92 (nur d. wichtigsten Abschnitte, Rest ungedr., das W umfaßt 5 Bde., Bd. I ist nicht mehr vorhanden);
    Über d. Satz v. d. alleinseligmachenden Kirche (1822), ebd., S. 333-57;
    Justinus M., De regno millenario, 1814;
    Origo et vicissit. exmologeseos, 1815;
    Vom Geist u. Wesen d. Katholizismus, in: Theol. Quartalschr. 1, 1819, S. 3-24, 193-210, 369-92, 559-75;
    Der kath. Lehrsatz v. d. Gemeinschaft der Heiligen, Aus s. Idee u. in s. Anwendung auf versch. andere Lehrpunkte dargest, ebd. 4, 1822, S. 587-634, wieder abgedr. b. Geiselmann, s. o., S. 359-96;
    Die Apologetik als wiss. Nachweisung d. Göttlichkeit d. Christentums in s. Erscheinung, I, 1837, 21844, II, 1842, 21847, III, 1847;
    ungedr. Entwurf zu meinen Vorlesungen a. d. Physik, 1806-13;
    Physikal. Tagebuch, 2 Bde., 1810-16; Dogmatikentwürfe, 3 Bde., 1812-32 (Konviktsbibl. Tübingen).

  • Literatur

    ADB V;
    K. Werner, Gesch. d. apologet. u. polem. Lit. d. christl. Theol. V, 1867, S. 224: ders., Gesch. d. kath. Theol. seit d. Trienter Konzil bis z. Gegenwart, 21889, S. 491 ff.;
    K. Adam, Die kath. Tübinger Schule, in: Hochland 24, 1927, S. 551-81;
    J. R. Geiselmann, Die Glaubenswiss. d. kath. Tübinger Schule in ihrer Grundlegung durch J. S. v. D., in: Theol. Quartalschr. 111, 1930, S. 49-117, L-Verz. ebd. 112, 1931, S. 88 f.;
    ders., Geist d. Christentums u. d. Katholizismus, 1940;
    ders., Lebendiger Glaube aus geheiligter Überlieferung, Der Grundgedanke d. Theol. Joh. Ad. Möhlers u. d. Kath. Tübinger Schule, 1942;
    ders., (Hrsg.) Joh. Ad. Möhler, Die Einheit in d. Kirche od. d. Prinzip d. Katholizismus, 1957;
    M. Grabmann, Gesch. d. kath. Theol., 1933, S. 227.

  • Portraits

    Lith. v. L. Helvig, 1834 (Univ.bibl. Tübingen, P -Slg.).

  • Autor/in

    Michael Schmaus
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmaus, Michael, "Drey, Johann Sebastian von" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 120-121 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118527436.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Drey: Johann Sebastian v. D., einer der hervorragendsten Theologen des katholischen Deutschlands, geb. 16. Oct. 1777 zu Killingen im Fürstenthum Ellwangen, war der Sohn armer Eltern, der als Knabe an dem Pfarrer seines Vaterortes, dem Exjesuiten P. M. Ziegler, einen Gönner fand und durch ihn den Studien zugeführt wurde. Er besuchte zunächst das Gymnasium zu Ellwangen, studirte dann zu Augsburg Theologie (1797—99), trat sodann in das Priesterseminar zu Augsburg ein und wurde 30. Mai 1801 von dem Trierer Kurfürsten Clemens Wenzeslaus, der zugleich Bischof von Augsburg und als gefürsteter Propst von Ellwangen auch Drey's Landesherr war, zum Priester geweiht. Er wirkte sodann sünf Jahre als Seelsorger in der Pfarrei Röhlingen, welcher sein Vaterort einverleibt war, während welcher Zeit er zugleich sich eifrig mit wissenschaftlichen Studien, namentlich mit den Schriften von Kant, Fichte, Schelling beschäftigte und den Grund zu der ihn auszeichnenden philosophischen Bildung legte. Im J. 1806 wurde er an die katholische Lehranstalt zu Rottweil berufen, um daselbst Religionsphilosophie, Mathematik und. Physik zu lehren; 1812 wurde er an die neugestiftete katholische Landesuniversität zu Rottweil als Professor der Theologie berufen, im nächstfolgenden Jahre erhielt er von der Freiburger Universität das theologische Doctordiplom. Als Lehrfächer waren ihm Dogmatik und Dogmengeschichte, Apologetik und theologische|Encyklopädie zugewiesen, die er auch dann beibehielt, als die katholische Landesuniversität in Ellwangen aufgehoben und die theologische Facultät derselben der Universität Tübingen einverleibt wurde. Während seines Aufenthaltes in Ellwangen entstanden seine ersten schriftstellerischen Arbeiten, welche Justin's chiliastische Anschauungen und das Bußwesen der alten Kirche zum Gegenstande hatten. Nach Tübingen übersetzt, begründete er in Verbindung mit seinen Collegen Gratz, Herbst, Hirscher die Theologische Quartalschrift, die, seit 1819 bestehend, bis heute als eines der geachtetsten litterarischen Organe katholischer Wissenschaft sich behauptet hat. Im J. 1823 wurde er durch Verleihung des Ritterordens der würtembergischen Krone ausgezeichnet und vorübergehend auch als Bischof von Rottenburg in Aussicht genommen, blieb aber zum Gewinne der theologischen Wissenschaft dem Lehramte erhalten, trat indeß 1838 von den bis dahin vertretenen Lehrfächern die Dogmatik an seinen ausgezeichneten Nachfolger J. Kuhn ab, während er selbst noch die Apologetik und theologische Encyklopädie beibehielt. Im J. 1846 wurde er in den Ruhestand versetzt und durch das Comthurkreuz des würtembergischen Kronenordens ausgezeichnet, 1851 feierte er sein 50jähriges Priesterjubiläum und starb als 76jähriger Greis am 19. Febr. 1853. Seine Hauptschriften sind außer einer 1819 erschienenen „Einleitung in das Studium der Theologie mit Rücksicht auf den wissenschaftlichen Standpunkt und das katholische System", seine „Neuen Untersuchungen über die Constitutionen und Canones der Apostel“ (1832) und endlich sein bedeutendstes Werk: „Die Apologetik als wissenschaftliche Nachweisung der Göttlichkeit des Christenthums in seiner Erscheinung“ (1838—47, 3 Bde.), Bd. I (2. Aufl. 1854): „Philosophie der Offenbarung“, Bd. II: „Die Religion in ihrer geschichtlichen Entwicklung bis zu ihrer Vollendung durch die Offenbarung in Christus“, Bd. III: „Die christliche Offenbarung in der katholischen Kirche“. Die Bedeutung der Persönlichkeit Drey's und seiner wissenschaftlichen Leistungen faßt sich darin zusammen, einer der Mitbegründer und Hauptvertreter jener wissenschaftlich-theologischen Lehrrichtung des neuzeitlichen deutschen Katholicismus gewesen zu sein, die unter dem Namen der Tübinger Schule bekannt ist, ihre Wirksamkeit aber keineswegs auf die Universität Tübingen beschränkte, sondern über das ganze oberrheinische Kirchengebiet sich ausdehnte und auch in Freiburg und Gießen durch Zöglinge der Tübinger Schule durch eine Reihe von Jahren glänzend vertreten war.

    • Literatur

      Vgl. zur Vervollständigung die nachfolgenden Artikel über Hirscher, Möhler, Staudenmaier. Nekrolog in der Tüb. theol. Quartalschrift 1853, S. 341—49.

  • Autor/in

    Werner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Werner, "Drey, Johann Sebastian von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 5 (1877), S. 403-404 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118527436.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA