Lebensdaten
1822 bis 1894
Geburtsort
Schloß Eichhorn bei Brünn
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Militärarzt
Konfession
katholische Familie
Normdaten
GND: 117610232 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mundy, Jaromir Freiherr von

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Zitierweise

Mundy, Jaromir Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117610232.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann, Tuchfabr. in Brunn, S d. Wilhelm (s. 1);
    M Isabella Gfn. Kálnoky v. Köröspatak (1798–1866);
    Vt Gustav Gf. Kálnoky v. Köröspatak (1832–98), österr. Diplomat, 1881-95 Min. d. kaiserl. Hauses u. d. Äußeren (s. NDB XI); – ledig.

  • Leben

    Vom Vater zunächst zum Theologiestudium, später zum Militärdienst gezwungen, interessierte sich M. stets für die Medizin. Schon während seiner Militärzeit (1848 Oberleutnant, 1852 Hauptmann) nutzte er seine freie Zeit für entsprechende Studien. M. quittierte 1855 den Dienst und studierte Medizin in Würzburg, wo er 1859 promoviert wurde. Sein Ziel war zunächst die Reform der gesamten Irrengesetzgebung, d. h. freie Behandlung der Geisteskranken, Abschaffung jeder Zwangsmaßnahme, Unterbringung der Kranken in eigenen Dörfern im Sinne der belg. „Irrenkolonie“ von Gheel, dabei Arbeitstherapie unter ständiger Aufsicht von eigens dazu ausgebildeten Wärtern und deren Familien. Bei Kriegsausbruch 1866 arbeitete M. als Regimentsarzt im Feldspital Pardubitz. Nach der Schlacht von Königgrätz organisierte er die Sanitätszüge von Böhmen nach Wien. 1867 legte er, entmutigt durch die geringen Fortschritte des Militärsanitätswesens, die Stabsarztcharge ab und begann, Vorlesungen über Psychiatrie an der medizinisch-chirurgischen Josephsakademie in Wien zu halten. Im selben Jahre nahm er auch teil an der Pariser Konferenz, die der Erweiterung der Genfer Konvention gewidmet war, und traf dort mit Henry Dunant zusammen.

    In Wort und Schrift kämpfte M. für eine Verbesserung der allgemeinen Hygiene und der Prophylaxe bei Infektionskrankheiten. Während des deutsch-franz. Krieges war er Direktor dreier Feldspitäler in Paris. Seit dieser Zeit verband ihn eine lebenslange Freundschaft mit der dort als Pflegerin arbeitenden Schauspielerin Sarah Bernhardt. 1872-76 lehrte M. als Professor für Militärsanitätswesen an der Univ. Wien. Bei den Weltausstellungen in Paris (1867) und Wien (1873) erfolgte die Vorstellung seiner zum Verwundetentransport konstruierten Pferdewagen bzw. Eisenbahnwaggons. Die Einführung eines Korridors in den Abteilen, später auch bei allen zivilen Eisenbahnzügen übernommen, war seine Idee. 1874 wurde M. Chefarzt des Souveränen Malteser-Ritterordens; von diesem wurde 1878 erstmals ein Lazarettzug mit Arzt-, Proviant-, Speise- und Monturwaggons bei der Okkupation von Bosnien eingesetzt. M. wirkte 1877 als oberster Sanitätschef im serb.-türk. Krieg, 1885/86 im serb.-bulgar. Krieg. Sein Wunsch war es, die Verletztenversorgung bei beiden kriegführenden Parteien zu verbessern. Mit Theodor Billroth eng befreundet, war M. auch beteiligt an der Gründung des „Rudolfinerhauses“, der ersten Lehranstalt für weltliche Krankenpflegerinnen in Wien. Am Tag nach dem Brand des Wiener Ringtheaters am 8.12.1881, der 386 Menschenleben forderte, gründete M. gemeinsam mit den beiden Grafen Hans Wilczek und Eduard Lamezan die „Wiener freiwillige Rettungsgesellschaft“. Der Kaiser subventionierte die Gesellschaft, allseits wurde gespendet, und Johann Strauß komponierte für die Rettungsgesellschaft einen Marsch. Dennoch mußte M. stets um ihr Bestehen bangen. Er war Chefarzt und Schriftführer der Gesellschaft, fungierte aber bei Bedarf auch als Kutscher. 1887 zollte ihm Rudolf Virchow anläßlich des VI. Internationalen Hygiene-Kongresses in Wien höchste Anerkennung. 1889 erlebte M. noch den Bau eines eigenen Hauses für die Gesellschaft. Er verstand sich als Sozialreformer und bekämpfte jeden Klassenunterschied, weshalb man ihn in Wien vielfach als „Original“ belächelte. Tatsächlich lag in seinem Wesen – offenbar ererbt von der geisteskranken Mutter – auch ein psychopathologischer Zug. In manischen Phasen steigerte sich seine Leistungsfähigkeit weit über den Durchschnitt, in einer depressiven Phase aber hat er sich nach dem Tod seiner besten Freunde, des Hoch- und Deutschmeisters Erzhzg. Wilhelm und Th. Billroths, am Wiener Donaukanal erschossen.

  • Werke

    Eröffnungsvortrag üb. Psychiatrie, 1866;
    Btrr. z. Reform d. Sanitätswesens in Österreich, 1868;
    Über d. Transport d. im Felde Verwundeten u. Kranken, 1874 (mit Th. Billroth);
    Stud. üb. d. Umbau u. d. Einrichtung v. Güterwaggons zu Sanitätswaggons, 1875;
    Organ. Bestimmungen u. d. Reglement f. d. inneren freiwilligen Sanitätsdienst im Kriege, 1876, 41889 (mit H. Zipperling);
    Die freie Behandlung d. Irren auf Landgütern, 1879;
    Kleiner Katechismus üb. d. Nothwendigkeit u. Möglichkeit e. radicalen Reform d. Irren-Wesens, 1879;
    Des Souveränen Malteser-Ritterordens, Großpriorat v. Böhmen etc. Santiätsdienst im Kriege …, 1879;
    Die Militärsanität d. Zukunft, 1882;
    Der Transport v. Kranken u. Verletzten in großen Städten, 1883;
    Wiener Freiwillige Rettungsges., 41 gemeinverständl. Vorträge, 1884-91;
    Btrr. z. Reform d. Irrenpflege, 1887;
    Eine Denkschr. üb. d. Irrenfrage in Mähren, 1887;
    Ein Vorschlag f. prakt. Übungen d. Sanitätstruppen z. Friedenszeit, T. 1-3, 1890;
    Ein weiterer Btr. zu. d. Stud. üb. Sanitäts-Züge, 1890;
    Das elektr. Licht in seiner Anwendung auf d. Kriegsheilkde., 1883, 21891.

  • Literatur

    ADB 52;
    S. Kirchenberger, Lb. hervorragender österr.-ungar. Militär- u. Marineärzte, 1913;
    Dt. Irrenärzte, hrsg. v. Th. Kirchhoff, II, 1924;
    L. Schönbauer, Das med. Wien, 1944;
    ders., Das österr. Militär-Sanitätswesen, 1948;
    H. Wyklicky, Über J. M. u. d. Anfänge e. ärztl. Rettungsdienstes in Wien 1881–94, in: Wiener med. Wschr. 105, 1955, S. 1030 f.;
    ders., Ein Praktiker d. Nächstenliebe, in: Die Furche v. 15.8.1964;
    ders., Die Bedeutung J. M.s f. d. Stadt Wien, in: Wiener Gesch.bll. 21, 1966, S. 15 ff.;
    ders., Zur Entwicklung d. Rettungswesens in Wien, ebd. 34, 1979, S. 1207 ff.;
    H. Moser, Prof. Dr. Frhr. v. M., General-Chefarzt d. Souveränen Malteser Ritter-Ordens im Großpriorat v. Böhmen u. Österreich, Ausst. im Maltesermus. Mailberg, 1975;
    E. Lesky, Die Wiener med. Schule im 19. Jh., 21978;
    BLÄ;
    Fischer;
    ÖBL.

  • Portraits

    Marmorbüste v. F. Rieß, 1898 (Wien, Nordseite d. Gebäudes d. Rettungsges.).

  • Autor/in

    Helmut Wyklicky
  • Empfohlene Zitierweise

    Wyklicky, Helmut, "Mundy, Jaromir Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 590 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117610232.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mundy: Jaromir Freiherr von M., Militärarzt zu Wien, geboren am 3. October 1822 auf Schloß Eichhorn in Mähren, studirte anfänglich Theologie, war dann zwölf Jahre lang Soldat, machte als Officier die Feldzüge von 1848, 1849 mit, nahm, 1852 zum Hauptmann avancirt, 1855 den Abschied, um in Würzburg Medicin zu studiren, wurde daselbst bereits nach dem vierten Semester Dr. med., besuchte darauf noch verschiedene deutsche Universitäten, indem er aus der Irrenheilkunde und gerichtlichen Medicin ein Specialstudium machte und sich bei der ersteren für die freie Irrenbehandlung oder das coloniale System erklärte. Nachdem er den Feldzug von 1859 in Italien wieder in seiner früheren Charge als Hauptmann mitgemacht, nahm er einen mehr als halbjährigen Aufenthalt zu Gheel in Belgien, besuchte mehrere Hunderte von Irrenanstalten und hielt in vielen Haupt- und Universitätsstädten Europas Vorträge über jenes System der Irrenbehandlung, dem er überall Eingang zu verschaffen suchte. Diese Vorträge finden sich 1860—67, hauptsächlich in französischer und englischer Sprache, veröffentlicht im Journal publié par la Société des sciences méd. et nat. de Bruxelles, Journal de méd. de Bruxelles, Procès verbaux du Congrès méd. de Lyon, Annales méd.-psychol., ferner im Medical Critic and Psychol. Journal, Journal of Mental Sciences, Lancet, Brit. Med. Journal. Er hielt sich für diese Zwecke in Großbritannien über sieben und in Frankreich mehr als zehn Jahre auf und studirte gleichzeitig die Fortschritte des öffentlichen und Militär-Sanitätswesens. Den Feldzug von 1866 machte er als k. k. Regimentsarzt mit, leitete und improvisirte in demselben Sanitätszüge, übernahm in Böhmen die Feldspitäler von den Preußen u. s. w., und erhielt den Charakter als Stabsarzt a. D. Seine Bestrebungen in den folgenden Jahren waren, außer Fortsetzung der früheren, namentlich auf eine Reorganisation des österreichischen Militär-Sanitätswesens gerichtet. Er war Delegirter des Reichskriegsministeriums bei verschiedenen Congressen und Commissionen, ferner bei dem Aufstande in den Bocche di Cattaro (1869) und während des deutsch-französischen Krieges, in welchem er theils Lazarette zu Paris und Umgebung einrichtete und leitete, theils die Evaluation von vielen Tausend verwundeter und kranker Franzosen aus Deutschland in die Heimath organisirte und überwachte. 1872 wurde er zum Prof. e. o. des Militär-Sanitätswesens an der Wiener Universität ernannt, legte diese Stelle aber bald wieder nieder, unterstützte dagegen die Organisation des Deutschen Ritterordens, als Factors der freiwilligen Krankenpflege, richtete (1875) als General-Chefarzt des souveränen Malteser-Ritterordens die für den Verwundeten-Evakuationsdienst bestimmten Sanitätszüge desselben ein, war oberster Militär-Sanitätschef im serbisch-türkischen Kriege (1876, 1877), und während des russisch-türkischen Krieges (1877, 1878) in Constantinopel als Organisator bei dem Vereine vom rothen|Halbmond thätig. In dieser Zeit erschienen von ihm: „Studien über den Umbau und die Einrichtung von Güterwaggons zu Sanitätswaggons“ (Wien 1875, m. 9 Tafeln); „Der freiwillige Sanitätsdienst des souveränen Malteser-Ritter-Ordens u. s. w." (1879, m. 4 Tafeln); „Beschreibung der Sanitätszüge des souveränen Malteser-Ritter-Ordens" (2. Aufl. 1880), außerdem: „Kleiner Katechismus einer radicalen Reform des Irrenwesens" (1879); „Die freie Behandlung der Irren auf Landgütern“ (1879). 1881 wurde auf seinen Antrieb die „Wiener freiwillige Rettungsgesellschaft“ gegründet, in deren Interesse er als ihr Schriftführer zahlreiche Publikationen theils selbst verfaßt, theils veranlaßt hat. Von seinen sonstigen Schriften erwähnen wir noch, abgesehen von der ungezählten Menge von Denk-, Gelegenheits-, Flugschriften und Zeitungsartikeln in den verschiedensten Sprachen: „Zur Sanitätsreform in Oesterreich" (1860); „Die Militär-Sanität der Zukunft“ (1882); „Van Swieten und seine Zeit“ (1883). Auch am serbisch-bulgarischen Kriege (1885, 1886) nahm er in Serbien thätigen Antheil. In einem Anfall von Geistesgestörtheit erschoß sich M. am 23. August 1894.

    • Literatur

      Vgl. Biographisches Lexikon ed. Hirsch und Gurlt IV, 314.

  • Autor/in

    Pagel.
  • Empfohlene Zitierweise

    Pagel, Julius Leopold, "Mundy, Jaromir Freiherr von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 52 (1906), S. 540-541 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117610232.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA