Lebensdaten
1857 bis 1945
Geburtsort
Landeshut (Schlesien)
Sterbeort
Wiesbaden
Beruf/Funktion
Tropenmediziner und -hygieniker ; Hafenarzt
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117586226 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nocht, Bernhard
  • Nocht, B.
  • Nocht, Bernhard Albrecht Eduard
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Nocht, Bernhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117586226.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl Eduard, Realgymnasiallehrer;
    M Clara Pauline Auguste Hoeppe;
    1897 Wilhelmine Maria (Marie) Luise Dencker (1871–1945);
    2 S, 1 T.

  • Leben

    N. besuchte die Realschule in Landeshut, das Gymnasium in Waldenburg und studierte 1876-80 in Berlin am Medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelms-Institut, der sog. Pepinière. Er wurde Militärarzt und arbeitete zunächst ein Jahr lang an der Berliner Charité. 1881 promovierte er zum Dr. med., 1882 folgte die Approbation. 1883 trat er als Assistenzarzt in die Kaiserl. Marine ein. Auslandskommandos führten ihn nach Ostasien und in den Mittelmeerraum. 1887 wurde N. an das Hygienische Institut der Univ. Berlin versetzt, wo er bis 1890 unter Robert Koch arbeitete. Als sich 1892 in Deutschland die Cholera ausbreitete, wurde er im Rahmen der Bekämpfungsmaßnahmen der Reichsregierung zum Leiter der Kontrollstation Hamburg bestimmt. Seine erfolgreiche Arbeit führte im folgenden Jahr zu seiner Berufung auf die neugeschaffene Stelle des Hamburger Hafenarztes und zu seinem Ausscheiden aus dem aktiven Marinedienst. Es gelang ihm, aus bescheidenen Anfängen einen mustergültigen hafen- und schiffshygienischen Dienst in Hamburg aufzubauen und ein System der Seuchenabwehr zu entwickeln, das weit über die Hansestadt hinaus beispielgebend wurde. Sein eigentliches Lebenswerk jedoch war das „Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten“, das 1900 in Hamburg gegründet wurde und unter N.s 30jähriger Leitung Weltruhm erlangte. Es diente der tropenmedizinischen Forschung und Lehre sowie der Heilung von Tropenkrankheiten. Nach den im Jahr zuvor eröffneten tropenmedizinischen Schulen in London und Liverpool war das Hamburger Tropeninstitut die dritte derartige Einrichtung. Die bahnbrechenden Entdeckungen auf dem Gebiet der Malariaforschung Ende des 19. Jh. hatten die Notwendigkeit einer Kooperation der Kliniker mit Mikrobiologen (insbes. Protozoologen), Entomologen, Chemikern und Pharmakologen deutlich werden lassen. Diese Konzeption weltweit als einer der ersten und innerhalb Deutschlands (in Konkurrenz zu ähnlichen Plänen Kochs) als erster realisiert zu haben, ist N.s größtes Verdienst. Seit 1901 gehörte er dem Reichsgesundheitsrat an, bereits seit 1898 dem Beirat für das Auswandererwesen. 1903 war er Bevollmächtigter des Deutschen Reichs auf der Internationalen Sanitätskonferenz in Paris. 1906 wurde N. mit der Leitung des gesamten hamburgischen Medizinalwesens betraut (1912 Obermedizinalrat). Dies zwang ihn, das Amt des Hafenarztes abzugeben, das er auch nach Gründung seines Instituts weiter ausgeübt hatte. 1911/12 unternahm er eine Studienreise in die damalige deutsche Kolonie Ostafrika. Die Kolonialinteressen des Reichs hatten bei der Gründung des Tropeninstituts eine konstitutive Rolle gespielt; N.u. a. Mitglied des Alldeutschen Verbandes – war ein überzeugter Vertreter des Kolonialgedankens. Die nächste Reise führte ihn 1913 zum Studium und zur Bekämpfung der Malaria nach Palästina. Kurz nach der Einweihung eines neuen, repräsentativen Institutsgebäudes begann der 1. Weltkrieg. Der neue Bau fungierte als Lazarett, N. selbst als Reservelazarettdirektor in Hamburg-Altona-West. Er wurde außerdem 1917 und 1918 von der Heeresleitung nach Mazedonien zur Untersuchung und Bekämpfung der Malaria berufen. Nach dem Krieg legte N. die Leitung des Hamburger Medizinalwesens nieder und schied endgültig aus der Marine aus (im Rang eines Generalarztes). Bei Gründung der Hamburgischen Universität 1919 wurde er zum apl. o. Professor für Tropenhygiene ernannt (seit 1923 planmäßig; 1920/21 Dekan; 1926/27 Rektor; 1930 Emeritierung).

    Auch nach dem Verlust der deutschen Kolonien infolge des Versailler Vertrages, blieb N. ein Anhänger der Kolonialbewegung. 1922-25 war er Mitglied der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei, die über einen starken kolonialrevisionistischen Flügel verfügte. Im „Dritten Reich“ gehörte er dem Reichskolonialbund an. N. wirkte vor allem in den 20er Jahren nachhaltig für das internationale Ansehen der deutschen Wissenschaft und für die Wiederanknüpfung von Auslandsbeziehungen im Bereich der Medizin. Als einer der ersten Deutschen arbeitete N. im Völkerbund mit und wurde bereits 1923 als einziges deutsches Mitglied in dessen Hygienekomitee berufen. 1924-26 leitete er verschiedene Reisen der Malariakommission des Völkerbundes nach Ost-, Südost- und Südeuropa sowie nach Palästina. Nachdem das Deutsche Reich 1926 in den Völkerbund aufgenommen worden war, wurde N. im folgenden Jahr zum Vizepräsidenten der Hygienekommission ernannt. Als Leiter der Leprakommission des Völkerbundes unternahm er 1930/31 eine Ostasienreise. Die Beschäftigung mit Leprafragen führte ihn 1931 auch nach Brasilien und 1934/35 erneut nach Ostasien, nachdem er sich aus politischen Gründen 1933 aus dem Völkerbund hatte zurückziehen müssen. 1938 trat N. als Leiter der deutschen Delegation auf dem III. Internationalen Kongreß für Tropenmedizin und Malaria in Amsterdam noch einmal ins Rampenlicht. Anläßlich seines 85. Geburtstages ehrte ihn Hamburg 1942 mit der Umbenennung des Tropeninstituts in „Bernhard-Nocht-Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten“ (heute Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin). Zusammen mit seiner Ehefrau nahm er sich das Leben.

    Neben richtungweisenden hafen- und schiffshygienischen Publikationen sowie grundlegenden Abhandlungen über die Bekämpfung und Therapie der Malaria sind N. wichtige Beiträge zur Beriberiforschung und zur Ätiologie des Schwarzwasserfiebers zu verdanken. Ferner waren seine Untersuchungen des sog. „Romanowsky-Effekts“ maßgeblich für die Entwicklung eines Nachweisverfahrens von Malariaparasiten im Blut durch Gustav Giemsa (1867–1948, „Giemsa-Lösung“). N. war in erster Linie ein hervorragender Organisator und Koordinator, dessen Name untrennbar mit dem Aufbau eines modernen hafenärztlichen Dienstes und einer interdisziplinär ausgerichteten Tropenmedizin verbunden bleibt.|

  • Auszeichnungen

    Kaiserl. Prof. (1906); Hamburg. Prof. (1907); Vors. d. Dt. Tropenmed. Ges. (1913–36); Dr. med. h. c. (Tung Chi Univ. Shanghai, 1935); Ehrenmitgl. d. Soc. de Pathologie exotique, Paris (1935), d. Soc. Belge de Médecine Tropicale, Antwerpen (1933), d. Royal Soc. of Medicine, London (1929), d. Wiener Ges. f. Mikrobiologie (1927), d. Ital. Ges. z. Studium exot. Krankheiten (1913); Mary Kingsley Memorial Medal d. Liverpool School of Tropical Medicine (1910); seit 1925 Verleihung der Bernhard-Nocht-Medaille.

  • Werke

    Vorlesungen f. Schiffsärzte d. Handelsmarine über Schiffshygiene, Schiffs- u. Tropenkrankheiten, 1906;
    Die Malaria. Eine Einf. in ihre Klinik, Parasitologie u. Bekämpfung, 1918, 21936 (mit Martin Mayer) (georg. 1924, span. 1931);
    Tropenhygiene, 1908, 21923;
    Beriberi, in: Hdb. d. Tropenkrankheiten, hg. v. C. Mense, II, 31924, S. 450-523;
    Behandlung d. vorwiegend fremdländ. Infektionskrankheiten, in: Hdb. d. gesamten Therapie, hg. v. N. Guleke, F. Penzoldt u. R. Stintzing, I, 61926, S. 375-416 (erstmals in 41909). – Mithg.: Archiv f. Schiffs- u. Tropenhygiene;
    Revista médica germano-iberoamericana;
    Mitarb.:
    Lehrb. d. Infektions-Krankheiten v. G. Jochmann; W-Verz.
    bis 1941 (113 Titel) im Archiv d. Bernhard-Nocht-Inst. f. Tropenmedizin, Hamburg.

  • Literatur

    P. Mühlens, in: Dt. med. Wschr. 53, 1927, S. 1915 f. (P);
    FS, 1927 (P);
    R. Ruge, in: Archiv f. Schiffs- u. Tropenhygiene 31, 1927, S. 498-500;
    E. Steudel, in: Koloniale Rdsch., 1927, S. 338-40;
    G. Olpp, Hervorragende Tropenärzte in Wort u. Bild, 1932, S. 296-99 (P);
    FS, 1937 (P);
    E. Martini, in: FF 13, 1937, S. 372;
    ders., B. N., Ein Lb., 1957 (P, fehlerhaft);
    E. G. Nauck, FF 24, 1948, S. 190 f.;
    ders., in: Gesch. d. Mikroskopie, Leben u. Werk gr. Forscher, II, hg. v. H. Freund u. A. Berg, 1964, S. 271-75 (P);
    H. Goethe, B. N. als Schiffahrtsmed. u. als Begr. d. Dt. Inst. f. Schiffs- u. Tropenkrankheiten zu Hamburg, in: Hamburger Ärztebl. 31, 1977, S. 452-57 (P);
    St. Wulf, Das Hamburger Tropeninst. 1919-1945, 1994 (P);
    Rhdb. (P);
    BLÄ. – Eigene Archivstud. (Bernhard-Nocht-Inst., StA Hamburg, Völkerbundarchiv Genf).

  • Portraits

    Foto im Archiv d. Bernhard-Nocht-Inst., Hamburg;
    Bronzekopf v. A. Woebcke im Hörsaal, ebd.;
    Ölgem. v. H. Bruck (1925), Abb. in: Med.hist. Journal 13, 1978, S. 310-14;
    Radierung v. A. Illies (1915), Abb. in: ders., Graphik u. Zeit, 1870–1952, hg. v. K. Illies, 1983;
    Kohlezeichnung v. A. Illies (1915), Abb. in: Aus Tagebuch u. Werk, 1870–1952, hg. v. K. Illies, 1981;
    Zeichnung v. A. Höhn, Abb. in: Westermanns Mhh. 147 II, H. 881, 1930, S. 478.

  • Autor/in

    Stefan Wulf
  • Empfohlene Zitierweise

    Wulf, Stefan, "Nocht, Bernhard" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 305-307 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117586226.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA