Lebensdaten
1661 bis 1723
Geburtsort
Halle/Saale
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Unternehmer ; Bankier ; preußischer Minister
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117540234 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Krautt, Johann Andreas (bis 1703)
  • Kraut, Johann Andreas
  • Kraut, Johann Andreas von
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Zitierweise

Krautt, Johann Andreas von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117540234.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Andreas K. (1615-61), Pfänner in H., Amtmann z. Giebichenstein, S d. Michael (1581–1624), Kammermeister u. Pfänner in H., u. d. Catharina Steinmetz aus Leipziger Prof.fam.;
    M Anna Maria (1622–73), T d. Stadt- u. Landrichters Heinrich Bünger in Aken;
    B Michael Heinrich K. (1648-1707), Dr. iur., Konsistorialrat, Christian Friedrich v. K. (1650-1714), Geh. Kammer- u. Finanzrat, Leiter d. Gen.kriegs- u. Gen.domänenkasse sowie e. Anzahl Spezialkassen, sorgte vorbildlich f. d. Marsch-, Verpflegungs-, Quartier-, Subsidien- u. Kassenwesen d. Armee (s. ADB 17), Ludwig Gebhard K. (1652-1725), Konsistorialrat u. Univ.sekretär in H.;
    - Berlin 1685 Anna Ursula Schindler, Kaufm.-T aus B.;
    1 S;
    N Karl Friedrich (1703–67), Hofmarschall d. Prinzen Heinrich v. Preußen, Joh. Ludwig (1683–1738), Kammerdir. in Magdeburg.

  • Leben

    K. konnte, da sein Vater schon vor seiner Geburt verstorben war, nicht wie seine Brüder studieren und begann in Berlin eine Tätigkeit als Ladendiener. Schon mit 25 Jahren war er Kompagnon von Westorf und Schilling, einem der größten Berliner Tuchlieferanten für den Hof und das Militär. Zur gleichen Zeit erwarb er auch ein Privileg für eine Gold- und Silbermanufaktur zur Herstellung von Uniformschnüren und -fressen, das er 1692 weiterverkaufte. Seine glänzende kaufmännische Begabung bewährte sich vor allem unter dem prachtliebenden, aber finanzschwachen Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (1701 König Friedrich I. in Preußen), der ihn schon 1691 zum Generalempfänger für die Truppen ernannte. K. verstand es, seinen Namen auch in den entferntesten Gegenden als kreditwürdig bekannt zu machen und damit auch auf zweifelhafte Assignationen der kurfürstlich Kassen immer bares Geld zur Versorgung der Truppen herbeizuschaffen. Entsprechend hohe Zinsen, Agiotagen und Wechselgebühren, auch unlauterer Art, brachten ihm schnell ein großes Vermögen ein. Große Arbeitsfähigkeit, rastloser Eifer und stärkste Gewinnsucht auf der einen, sowie großer Finanzbedarf des Staates, besonders im Spanisch Erbfolgekrieg, und eine sehr lockere Haushaltsführung auf der anderen Seite machten K. zum ersten kapitalistisch gesinnten Bankier, später auch beamteten Unternehmer, in der Geschichte Brandenburg-Preußens. Mit dem Eintritt des Kronprinzen in die Staatsgeschäfte und dem Erlahmen von K.s Arbeitskraft muß die Phase der Vermögensbildung bei diesem als abgeschlossen angesehen werden. 1712 gab er die Führung der Generalkriegskasse ab. Mit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms I. begann für K. ein andersgearteter Lebensabschnitt. Der König nutzte die Mitgliedschaft K.s in den höchsten Staatskollegien (Generalkriegskommissariat und Generalfinanzdirektorium), um dem reichen Beamten mit dessen persönlichem Eigentum die Ankurbelung des Wollgewerbes, eines „Schlüsselgewerbes“ jener Zeit, zu befehlen. Auch bei seiner Tätigkeit für diese Manufaktur, das „Lagerhaus“ in Berlin, verknüpfte K. Beamten- und Unternehmerfunktionen, da er zugleich im Generalkriegskommissariat die Leitung der Wirtschaftspolitik erhielt. Die Zentralisierungsbemühungen des Staates in der „manufacture réunie“ zur Tuchversorgung des Heeres und der Wunsch K.s nach einer festen Absatzgarantie ermöglichten eine erfolgreiche Existenz des Lagerhauses. Als Beamter sorgte er im Generalkriegskommissariat für entsprechende Wollausfuhr- und -verwendungsverbote, um seinen Produkten Absatz zu verschaffen. Erst als Friedrich Wilhelm das Lagerhaus zu einem Verlag für grobe (und damit für die liegengebliebene schlechte) Wolle erweiterte und dieses Vorhaben ebenfalls von K. mit 100 000 Talern vorfinanzieren lassen wollte, kam es zu einem ernsthaften Konflikt zwischen beiden. K. sah keine Absatzmöglichkeiten für die Produkte, und darüber hinaus litt er nach dem Tode seiner Frau an Depressionen, die sich durch eine familienerbliche Gemütskrankheit zu extremem Geiz verstärkten. Er gab schließlich nach, doch ließ der König nach dem Tode seines Ministers, den er noch 1723 zum Departementschef im neuen Generaldirektorium gemacht hatte, dessen gesamtes Vermögen konfiszieren, um die auf das Ansehen des Toten bedachten Erben zur „freiwilligen“ Abtretung großer Beträge aus der 900 000 Taler-Erbschaft zu veranlassen. Sie überließen dem König K.s Anteil am Lagerhaus (circa 200 000 Taler), der dem königlich Waisenhaus als Existenzgrundlage zugewiesen wurde.

  • Literatur

    ADB 17;
    Acta Borussica, 1892 ff., Wollindustrie;
    G. Gentz, Die Fam. Krautt in Berlin u. Magdeburg, in: FBPG 38, 1926, S. 1-29;
    C. Hinrichs, Die Wollindustrie in Preußen unter Friedrich Wilhelm I., Darst. mit Aktenbeill., 1933;
    H. Rachel u. P. Wallich, Berliner Großkaufleute u. Kapitalisten, 21967, S. 134-84.

  • Autor/in

    Wolfhard Weber
  • Empfohlene Zitierweise

    Weber, Wolfhard, "Krautt, Johann Andreas von" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 723 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117540234.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kraut: Johann Andreas v. K., wurde am 17. Juli 1661 im Magdeburgischen geboren. Ueber seine Jugend und Erziehung fehlen nähere Nachrichten. Unter Friedrich III./I., König von Preußen, finden wir ihn zunächst in der magdeburgischen Rathskammer zu Halle neben seinem älteren Bruder Christian Friedrich (s. o.) thätig. Seine hervorragende Begabung für den Handels- und Gewerbe-Ressort, sowie das Ansehen seines Bruders zogen ihn nach Berlin. Doch läßt sich der Zeitpunkt, in dem er nach der Residenz berufen wurde, nicht genauer angeben. Es scheint, daß dies in den ersten Monaten Friedrich Wilhelms I. geschehen sei, der auf die Hebung von Handel und Gewerbe von vornherein sein Augenmerk ganz vorzüglich richtete. Den Sommer des J. 1713 muß er benutzt haben, um sich über die märkischen Verhältnisse zu orientiren. Den ersten Entwurf zu der Schöpfung, die seinem Namen ein ewiges Andenken verleiht, des Lagerhauses zu Berlin, sowie zur Gestaltung des ihm zugedachten Commerz- und Fabrikdepartements überreichte er dem Könige am 19. August 1713. Es war dieser Entwurf das erste Ergebniß längerer Besprechungen und Verhandlungen gewesen. K. erklärte sich zur Uebernahme dieses Departements nur unter der Bedingung bereit, daß er die absolute oberste Leitung desselben haben, ohne seinen Beirath und seine Zustimmung nichts in demselben verordnet und alle seine begründeten Vorschläge acceptirt würden. Das große Vertrauen des Königs zu Kraut's Fähigkeit und Verläßlichkeit geht daraus hervor, daß er auf diese sonst von ihm wol nie wieder bewilligten Bedingungen ausnahmslos einging. So wurde denn K. der erste preußische Handels- und Gewerbe-Minister, wenngleich er sich mit dem Titel eines Geheimen und Kriegsrathes (1714) begnügte. Gleichzeitig wurde er ordentliches Mitglied des eben (1713) begründeten Geh. Finanz-Directoriums, der obersten Domänen-Verwaltungsbehörde und zwar mit dem ersten Range nach den beiden Präsidenten Gröben und Kameke, denen er nebst Friedrich v. Görne, 1718 in der Stellung eines Präsidenten nachfolgte. Den Mittelpunkt seiner Thätigkeit für die Hebung der Manufactur bildet der glückliche Versuch, die Kurmark und weiter den ganzen brandenburgisch-preußischen Staat aus einem Consumenten zum Producenten wollener und anderer Gewebe zu machen. Das Lagerhaus, das den Mittelpunkt und das Vorbild für die Wollverarbeitung des ganzen Landes bildete, entwickelte sich, trotz der ihm vom Könige bewilligten großen Privilegien, wie Festsetzung der Wollpreise im Lande, Vorkaufsrecht für die einheimische Wolle, Monopol für den Verkauf wollener Maaren u. dgl. m. trotz mehrfacher Vorschüsse der Landschaft und Kraut's unausgesetztem Eifer in den ersten Jahren nur äußerst langsam. Nicht nur setzte K. sein Privatvermögen dabei zu, sodaß die kurmärkische Landschaft nach seinem Tode mit einem zweiten Zuschuß eintreten mußte, nur um es solvent zu erhalten, sondern sein persönliches Ansehen litt bei diesem Gange der Entwickelung, zumal alle kleinen Fabrikanten und Arbeiter aufs entschiedenste gegen die neue Einrichtung protestirten. Dies führte 1717 dazu, daß ihm Görne als zweiter Director an die Seite gesetzt wurde. Der nicht günstigere Erfolg der nächsten fünf Jahre lehrte freilich, daß die Schuld für die bisherigen geringen Erfolge nicht K. persönlich traf. Eine solche Entwickelung bedurfte außer viel bedeutenderen Geldmitteln der Zeit, um geeignete Arbeitskräfte heranzubilden und dieselben im Lande allerorten anzusetzen. Erst die spätere Zeit lehrte, daß K. sowohl bei der Begründung dieser Anstalt, — die später in ein staatliches Unternehmen verwandelt wurde — wie bei seiner Handels- und Gewerbe-Politik im Allgemeinen von richtigen und zeitgemäßen Principien ausging. Daher befand er sich auch im Großen und Ganzen im Einklang mit seinem Könige. Der König bekundete seine Anerkennung für Kraut's Thätigkeit trotz einzelner Mißhelligkeiten durch seine Berufung zum dirigirenden Minister und Vicepräsidenten des 3. Departements des General-Directoriums, gelegentlich der Gründung dieser hohen Behörde. 15. Januar 1723. Dadurch stieg K. auch äußerlich zu dem Range empor, der ihm nach seiner Thätigkeit und Stellung seit einem Jahrzehnte gebührte. Sein Departement umfaßte neben den mittleren Provinzen, Kurmark, Magdeburg und Halberstadt, in denen die Wollen-Industrie seit Alters geblüht hatte, auch die Marsch- und Verpflegungssachen der Armee, d. h. zwei unter sich disparate und beides gleich ausgedehnte Departements. K. achtete nicht darauf, daß die Erledigung aller hierher gehörigen Geschäfte, verbunden mit der Aufregung, die ihm die precäre Lage des Lagerhauses bereitete, seine Gesundheit schnell untergrub. Ohne zu wanken hielt er im Dienst fast bis zum letzten Athemzuge aus. Nur wenige Wochen vor seinem am 23. August 1723 im Alter von knapp 62 Jahren erfolgenden Tode nahm er einen Urlaub an, von dem er nicht mehr zurückkehrte. Preußen verdankt seiner kühnen und besonnenen Initiative die Wiederbelebung der verfallenen Wollen-, später der gesammten Textilindustrie, sowie gemeinsam mit dem Könige die Herstellung jenes Merkantil- und Schutzzollsystems, das unter den beiden großen Königen des 18. Jahrhunderts die Blüthe der inländischen Industrie gefördert und gezeitigt hat.

    • Literatur

      Außer den Akten des Geh. Staatsarchivs zu Berlin sind die Notizen benutzt, die Cosmar und Klaproth, Gesch. des Kgl. Preuß. Geh. Staatsraths S. 403, 404 geben.

  • Autor/in

    S. Isaacsohn.
  • Empfohlene Zitierweise

    Isaacsohn, Siegfried, "Krautt, Johann Andreas von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 17 (1883), S. 91-92 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117540234.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA