Lebensdaten
1572 bis 1637
Geburtsort
Breslau
Beruf/Funktion
Arzt ; Chemiater
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 117478091 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sennert, Daniel

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Zitierweise

Sennert, Daniel, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117478091.html [18.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Nikolaus ( um 1585), Schuster in B.;
    M Catharina Helmania;
    1) Wittenberg 1603 Margarethe (1578–1625), T d. Andreas Schato v. Schattenthal (Schade, Schcato, Scato) (1539–1603, Reichsadel 1600), aus Torgau, Dr. med., Prof. d. Physik u. Med. in W., 1591 Dekan, 1594 Prorektor, 1581, 1593 u. 1599 Rektor (s. Zedler; Jöcher; St. Oehmig, Medizin u. Sozialwesen in Mitteldtld. z. Ref.zeit., 2007), u. d. Rebecca Thymaeus (Timaeus), aus Stettin, 2) Wittenberg 1624 Helene Bauer (Burenius), 3) Wittenberg Margarethe Kramer;
    5 S aus 1) u. a. Daniel (1603–31), Med., Andreas (1606–89), seit 1638 Prof. d. Orientalistik in W. (s. ADB 34; RGG3), Michael (1615–91), seit 1650 Prof. d. Anatomie u. Botanik in W. 2 Taus 1).

  • Leben

    S. besuchte die Schule in Breslau und immatrikulierte sich 1593 an der Univ. Wittenberg, die er 1598 als magister artium verließ, um weitere drei Jahre Medizin in Leipzig, Jena und Frankfurt/Oder zu studieren. Seit 1601 erlernte er in Berlin bei Johann Georg Magnus die med. Praxis, hielt sich kurz in Basel auf und erlangte im Sept. des selben Jahres den med. Doktorgrad in Wittenberg. 1602 übernahm er hier die Nachfolge des nach Prag berufenen Johann Jessen v. Jessinsky (1566–1621) als Professor der Medizin und behielt diese Position bis zu seinem Tod bei. Er war mehrfach Dekan seiner Fakultät und sechsmal Rektor der Universität, wirkte aber auch als Stadtarzt und überstand sechs Pestepidemien oder ähnliche Seuchen, ehe er einer siebten zum Opfer fiel. Als Anerkennung seines mutigen Beistands für die Bevölkerung während der Seuchenzüge ernannte ihn Kf. Johann Georg I. von Sachsen 1628 zum Leibarzt, S. konnte aber in Wittenberg bleiben.

    S. war als Lehrer, Arzt und Gelehrter hochangesehen. Kennzeichnend für sein einflußreiches Schaffen ist der Versuch, traditionell galenische und chemiatrisch-paracelsistische Positionen zu vereinen. Dies kommt auch im Titel seiner intensiv rezipierten Schrift „De chymicorum cum Aristotelicis et Gelanicis consensu et dissensu liber I“ (Wittenberg 1619, 31655, ferner Paris 1633 u. Frankfurt 1655) zum Ausdruck. S. griff die Prinzipienlehre von Paracelsus auf und ordnete dem Prinzip Sulphur die Wärme des Herzens zu, dem Sal die Funktion der Leber und dem Mercurius die Steuerung des Gehirns. Anders als Paracelsus wollte er aber einen Einfluß der Gestirne auf die Körper nicht akzeptieren und lehnte auch die von Paracelsus postulierten fünf „Entien“ als Krankheitsursachen ab. S.s „Epitome naturalis scientiae“ (1618) enthält die vermutlich erste neuzeitliche Adaption der antiken Atomlehre. Er geht darin von der Existenz sog. minima naturalia aus, kleinster Teilchen, die aber, anders als die Atome des Demokrit, bestimmte Eigenschaften besitzen, die sie voneinander unterscheidbar machen. Daraus ergab sich S.s Prinzip, wonach die stofflichen Körper aus den Teilchen zusammengesetzt seien, in die sie zerlegbar sind (ex iis corpora naturalia constant, in quae resolvuntur). Die Materiekorpuskeln agieren nach S. jedoch nicht, wie etwa bei Pierre Gassendi (1592–1655), durch mechanische Ursachen wie Häkchen oder Ösen, sondern durch eine formative Kraft (vis formativa, principium plasticum, spiritus architectonicus). In seinen „Hypomnemata physicae“ (Anmerkungen zur Physik, 1636) faßte S. seine Theorien zusammen. Er betonte die Unwahrnehmbarkeit der „minima“, verwies aber auf Beobachtungen, die deren Existenz nahelegen. Beim Verdampfen von Wasser zerfallen die Wasserteilchen nicht, werden aber unwahrnehmbar klein. Seine Bemühungen um eine Vereinigung der Korpuskularlehren mit der aristotelischen Materietheorie brachten S. zu Lebzeiten Anerkennung, wurden aber später kritisiert. Die Annahme, daß die ursprünglichen Atome sich zu schwer trennbaren Konkretionen (prima mixta) verbinden, beeinflußte die Lehren von Robert Boyle (1627–91) und Joachim Jungius (1587–1657).

  • Werke

    Weitere W Institutionum medicinae libri V, 1611;
    De scorbuto tractatus, 1624;
    De dysenteria tractatus, 1626;
    Practicae medicinae, 6 T., 1628–36;
    Epitome institutionum medicinae, 1631.

  • Literatur

    ADB 34;
    W. Pagel, D. S.s Critical Defence of Paracelsus, in: ders. (Hg.), Paracelsus, An Introduction to Philosophical Medicine in the Era of Renaissance, 1958, S. 333–43;
    J. R. Partington, A History of Chemistry, Bd. II, 1961, S. 271–76 (W-Verz., P);
    P. Brentini, Die Institutiones medicinae d. D. S., 1971;
    W. U. Eckart, Grundlagen d. med.-wiss. Erkennens b. D. S., Diss. Münster 1978;
    A. G. Debus, Guintherius, Libavius and S., The Chemical Compromise in Early Modern Medicine, in: ders. (Hg.), Science, Medicine and Society in Renaissance, 1972, S. 157–65;
    Ch. Meinel, Early Seventeenth Century Atomism, Theory Epitemology and the Insufficiency of Experiment, in: Isis 79, 1988, S. 68–103;
    M. Stolberg, „Das Staunen d. Schöpfung“, Atomist. Formenlehre b. D. S., in: Gesnerus 50, 1993, S. 48–65;
    J. Ferguson, Bibliotheca Chemica, Bd. II, 1954, S. 371–73 (W-Verz, L);
    Pogg. II, VII a Suppl.;
    F. Krafft (Hg.), Gr. Naturwissenschaftler, 1986;
    DSB;
    BLÄ;
    Alchemie, Lex, e. hermet. Wiss., hg. v. C. Priesner u. K. Figala, 1998;
    Lex. Naturwiss.;
    W. Applebaum (Hg.), Enc. of the Scientific Rev., 2000;
    Enz. Philos. Wiss.theorie.

  • Autor/in

    Claus Priesner
  • Empfohlene Zitierweise

    Priesner, Claus, "Sennert, Daniel" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 262-263 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117478091.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Sennert: Daniel S., berühmter Arzt, geboren in Breslau am 25. Novbr. 1572, in Wittenberg am 21. Juli 1637. Er war der Sohn eines Schuhmachers und verlor den Vater schon mit 13 Jahren. Aber seine treue Mutter wandte alle Ersparnisse an die Erziehung des vielversprechenden Sohnes und ermöglichte es, daß er 1593 die Universität Wittenberg bezog. Am 6. Juni ward|er in die philosophische Facultät eingeschrieben und erwarb sich in ihr am 5. April 1598 den Magistergrad. Er trat aber nicht, wie er anfangs gewollt, in den Schuldienst ein, sondern wandte sich jetzt ganz den medicinischen Studien zu und besuchte noch drei Jahre lang die Universitäten Leipzig, Jena und Frankfurt a. O. Um sich in die Praxis einführen zu lassen, ging er nach Berlin und schloß sich dort dem berühmten Arzte Johann Georg Magnus an. Auf dessen Rath zog er nicht, wie er vorhatte, zur Promotion nach Basel, sondern folgte der Einladung einiger Freunde nach Wittenberg. Hier erlangte er nicht nur am 8. September 1601 den Doctorgrad, sondern auch am 15. September 1602 die von seinem wenig älteren Landsmanne Johann Jessensky von Jessen (Jessenius) bisher inngehabte Professur. Seitdem verblieb er, lehrend, heilend und litterarisch thätig, von der Universität hochgeehrt, auch zum kurfürstlichen Leibarzt ernannt, bis zu seinem Tode in Wittenberg. Nachdem er sechs Pestepidemien daselbst durchgemacht hatte, wurde er zuletzt doch ein Opfer dieser Krankheit. Nach dem Tode seiner ersten Frau, Tochter seines Collegen Schato, mit der er 5 Söhne und 2 Töchter zeugte, verheirathete er sich 1626 und 1633 noch zweimal. Es überlebten ihn eine Tochter und zwei Söhne, von denen Andreas später in Wittenberg als Professor der orientalischen Sprachen wirkte. — Als Lehrer, Arzt und Schriftsteller erwarb sich S. einen bis in die fernsten Länder reichenden Ruf. Er besaß bedeutende philosophische und naturwissenschaftliche Kenntnisse und führte zuerst in Wittenberg die Anwendung chemischer Medicamente ein. Obwohl seine Werke mehr compilatorischer Art waren und ihrem Verfasser sogar den Vorwurf des Plagiats eintrugen, fanden sie doch eine große Verbreitung und erlebten viele Auflagen. Er schrieb „Quaestionum medicarum controversarum liber"; „Institutionum medicinae libri V"; „Libri de febribus IV"; „Practicae medicinae liber I—VI"; „De chymicorum cum Aristotelicis et Galenicis consensu et dissensu liber"; „De scorbuto, de dyssenteria, Hypomnemata physica"; „De occultis medicamentorum facultatibus etc.“ nebst zahlreichen Disputationen. Seine Versuche, die Lehren des Paracelsus mit denen des Galen zu vereinigen, fanden auch heftigen Widerspruch. Seine „Opera in VI tomos divisa“ erschienen wiederholt in Venedig, in Paris und in Leiden, zuletzt 1676.

    • Literatur

      Die biographischen Nachrichten über ihn gehen alle zurück auf die Leichenpredigt von Paul Röber und den ein Jahr später von August Buchner gehaltenen Panegyricus, beide Witt. 1683. Daß er zuerst in Deutschland das Scharlach beschrieben habe, hebt Häser, Gesch. der Medicin III,³ 422 hervor. Der dort als sein Schwiegersohn bezeichnete Mich. Döring ist sein Schwager, auch mit einer Schato verheirathet. Vgl. sonst noch Raph. Finkenstein in der „Deutschen Klinik“ 1868 u. J. Grätzer, Lebensbilder hervorragender schlesischer Aerzte, Berlin 1889.

  • Autor/in

    Markgraf.
  • Empfohlene Zitierweise

    Markgraf, "Sennert, Daniel" in: Allgemeine Deutsche Biographie 34 (1892), S. 34-35 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117478091.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA