Lebensdaten
1540 bis 1614
Geburtsort
Görlitz
Sterbeort
Görlitz
Beruf/Funktion
Mathematiker ; Astronom, Kartograph
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11745446X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schultz, Barthel (eigentlich)
  • Scholz, Barthel (eigentlich)
  • Scultetus, Bartholomäus
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Zitierweise

Scultetus, Bartholomäus, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11745446X.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Martin (Scholz) (1467–1558), Bes. d. Vorwerks auf d. Rabenberg b. G., S d. Michael Schultz;
    M Ursula Eichler ( 1564), aus Moys b. G., T e. Bauern;
    B Zacharias (1530–60), Abraham (* 1537);
    1) Görlitz 1570 Agnes verw. Thiel (1526–72), T d. Buchführers Thomas Winkler, 2) Görlitz 1573 Helene (1558–1623), T d. Johann Röber;
    3 S aus 2) Emanuel Scholz (* 1580), Ratsherr in G., Friedrich Scholz, Nathanael Scholz (1589–1634), Ratsherr in G., 3 T aus 2) Helena Scholz (1577–1654), Sabina Scholz, Rosina Scholz ( 1644), alle K 1625 mit d. Prädikat „v. Schollenstern“ erblich geadelt.

  • Leben

    Erste Kenntnisse in Mathematik und Astronomie wurden S. durch seinen Bruder Zacharias vermittelt, der in Görlitz Sonnenuhren installierte. Nach dem Besuch der örtlichen Lateinschule nahm S. – der seinen Namen seither in latinisierter Form schrieb – 1557 das Studium dieser Fächer an der Artistenfakultät der Univ. Wittenberg auf, wechselte aber 1559 nach Leipzig. Dort wurde er Hausgenosse des Mathematikers und Kartographen Johannes Hommel (Humelius, 1518–62), den er nicht nur bei dessen Beobachtungen und Berechnungen, sondern auch beim Instrumentenbau unterstützte. Nach Hommels Tod setzte S. dessen Arbeiten fort. In Leipzig lernte er Tycho Brahe kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Nach Erwerb der Magisterwürde 1564 hielt S. in Wittenberg und Leipzig Vorlesungen, erlangte jedoch keine feste Anstellung und kehrte 1567 in seine Heimatstadt zurück, in der er fortan tätig blieb. Kurz nach seiner ersten Eheschließung wurde er als Lehrer an der überregional bedeutenden, 1565 zum Gymnasium erhobenen ev. Stadtschule angestellt, wo er bis 1584 die Prima in Mathematik und Sphärik unterwies. Das Vorhaben, 1572 als Mathematiker an einer ksl. Gesandtschaft nach Moskau teilzunehmen, zerschlug sich ebenso wie der kurzzeitig verfolgte Plan, als Landmesser und Kartenzeichner unter Zar Iwan IV. nach Rußland zu gehen. 1578–86 gehörte S. dem Rat der Stadt Görlitz an. Wiederholt übernahm er hohe Ratsämter, zwischen 1592 und 1614 wurde er sechsmal zum Bürgermeister gewählt.

    Im Zentrum der literarischen Tätigkeit des vielseitigen Gelehrten, der mit einer Beschreibung der Sonnenfinsternis vom 9.4.1567 erstmals an die Öffentlichkeit trat, standen astronomisch-astrologische Werke. Mit jährlichen Almanachen bzw. Prognostiken, besonders aber mit seinem 1572 fertiggestellten, 1670 ins Niederländische übersetzten Hauptwerk „Gnomonice de Solariis“ wurde S. über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Das reich illustrierte Buch enthält ein von math. Figuren umrahmtes Porträt von S. Er beschäftigte sich auch mit astromedizinischen Fragen, pflegte vertraulichen Umgang mit Paracelsisten und Kabbalisten und verfaßte 1578 eine paracelsistisches Lehrgut darbietende „Tabula physica, astronomica et medica de pestilitate“ (gedr. 1586). Er mehrte das Schrifttum zur Berechnung der christlichen Festtage (Calendarium Ecclesiasticum et Horoscopum Perpetuum, 1571; Computus Ecclesiasticus, 1574), schloß 1580 ein religiöses Unterrichtswerk „Diarium Humanitatis Domini Nostri Iesu Christi in Terris“ ab und legte mehrere chronologische Studien zur christl.-jüd. Geschichte und Zeitrechnung vor. Obwohl Protestant, unterstützte er durch fachliche Zuarbeit Papst Gregor XIII. und Ks. Rudolf II. 1583 bei der Kalenderreform und trug so dazu bei, daß der neue Kalender in den böhm. Ländern frühzeitig eingeführt werden konnte. Große Verdienste erwarb sich S. zudem als Kartograph und Chronist. Nach umfangreichen Vermessungen im Gelände legte er 1593 eine gegenüber dem Erstdruck von 1568 verbesserte, erneut von Georg Scharfenberg in Holz geschnittene und von den Landständen finanzierte (südorientierte) Karte des Markgraftums Oberlausitz vor, die erstmals die dt.-sorb. Sprachgrenze verzeichnet. S.s handschriftliche Almanache und Schreibkalender vermerken unter den einzelnen Tagesdaten auch wichtige politische Ereignisse und stellen zusammen mit seinen Tagebüchern wichtige Quellen für die landesgeschichtliche Forschung dar. Große Teile des Nachlasses gingen allerdings im Lauf der Jahre verloren.

    S. war ein namhafter Vertreter des Späthumanismus. Er sah keinen Widerspruch darin, einzelne seiner Schriften dem mit ihm befreundeten Dekan des Bautzener Domkapitels, dem päpstl. Legaten oder dem Erzbischof von Prag zu widmen und gleichzeitig in seinem Haus das „Collegium Convivium“ zu beherbergen, eine Art akademische Sozietät, deren Mitglieder sich zunehmend dem Vorwurf des Kryptocalvinismus ausgesetzt sahen. Auch zu Ks. Ferdinand II. hatte S. ein für die Zeit der beginnenden Gegenreformation auffallend entspanntes Verhältnis.

  • Werke

    Prognosticon Novilunii Ecliptici, 1567;
    Prognosticon Meteorographicum Perpetuum, 1572;
    Cometae, anno 1577 [ . . . ] adparentis, Descriptio, 1578;
    zahlr. ungedr. Mss., u. a.: Ephemeris annorum mundarum solaris medii et civilium apud diversas gentes omni tempore usitatorum, 1575;
    Peregrinatorum mearum in Lusatia superiore notationes geodeticae et chronicae, 1582–85;
    Diarium apostolicum, 1600;
    Nachlaß:
    Korr., Aufzeichnungen u. Abschrr. v. Werken in: Bibl. d. Oberlausitz. Ges. d. Wiss. Görlitz;
    Milichsche Bibl., ebd.;
    Univ.bibl. Breslau.

  • Literatur

    ADB 33;
    M. Gondolatsch, Der Personenkreis um d. Görlitzer Convivium u. Collegium Musicum im 16. u. 17. Jh., in: Neues Lausitz. Magazin 112, 1936, S. 76–155;
    M. Reuther, Die Oberlausitz im Kartenbild d. 16.–18. Jh. mit bes. Berücksichtigung d. dt.sorb. Sprachgrenzenkarten v. S. u. Schreiber, in: Lětopis B 1/1, 1953–55, S. 154–172;
    ders., Der Görlitzer Bgm., Math., Astronom u. Kartograph B. S. u. seine Zeit, in: Wiss. Zs. d. TH Dresden 6, 1955/56, S. 1133–61;
    M. P. Fleischer, in: Schles. Lb. VI, 1990, S. 46–55 (P);
    E.-H. Lemper, Anfänge akad. Sozietäten in Görlitz u. B. S., in: K. Garber u. H. Wismann (Hg.), Europ. Sozietätsbewegung u. demokrat. Tradition, Bd. 2, 1996, S. 1152–78;
    J. Helfricht, Fünf Briefe Tycho Brahes an d. Görlitzer Astronomen B. S., in: W. R. Dick u. J. Hamel (Hg.), Btrr. z. Astronomiegesch., Bd. 2, 1999, S. 11–33;
    J. Bahlcke u. V. Dudeck (Hg.), Welt, Macht, Geist, Das Haus Habsburg u. d. Oberlausitz 1526–1635, 2002, S. 332–36;
    J. Strein u. J. Telle, Dt. Pseudoparacelsica über d. Pest, Ein „Begriff“ z. Pestdiagnose (1553) u. d. „Tabula de pestilitate“ (1578) v. B. S., in: D. Groß u. M. Reininger (Hg.), Med. in Gesch., Philol. u. Ethnol., 2003, S. 349–70;
    Pogg. II;
    Kosch, Lit.Lex.3;
    Killy;
    zur Fam.:
    W. v. Boetticher, Gesch. d. Oberlausitz. Adels u. seiner Güter II, 1913, IV, 1923.

  • Autor/in

    Joachim Bahlcke
  • Empfohlene Zitierweise

    Bahlcke, Joachim, "Scultetus, Bartholomäus" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 99-100 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11745446X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Scultetus: Bartholomäus S., Astronom, geboren am 14. Mai 1540 zu Görlitz, ebenda am 21. Juni 1614. Der junge Schultz, denn so lautete sein Familienname eigentlich, studirte in Leipzig unter dem damals sehr geachteten Mathematiker Hommel (Erfinder des verjüngten Maßstabes) und wurde dort mit dem dänischen Edelmann Tycho Brahe befreundet, der ebenfalls bei Hommel hörte. Dann ging S. nach Wittenberg, wo er 1564 Magister der freien Künste wurde und längere Zeit auch Vorlesungen hielt. Im Alter von 30 Jahren kehrte er jedoch in seine Vaterstadt zurück, um dieselbe nicht mehr zu verlassen. Von 1570—86 lehrte er an der höheren Schule daselbst Arithmetik und Sphärik, dann aber trat er in die Stadtverwaltung ein und wurde folgeweise Richter, Kirchenpfleger, Bürgermeister-Stellvertreter und endlich 1592 Bürgermeister. Von Kaiser Rudolf II. empfing S. den persönlichen Adel. Auf seinem noch vorhandenen Grabmale stehen diese Worte: „Quid agam, requiris? Tabesco. Scire, quis sim, cupis? Fui, ut es; eris ut sum.“

    Die litterarische Thätigkeit Scultetus' verbreitete sich über verschiedene Gebiete; so schrieb er über Juristisches ("Inventuris non obstant inventa“, Görlitz 1572) und Theologisches ("Curriculum humanitatis Jesu Christi in terris, continens historiam redemptoris evangelicam“, posthum herausgekommen, Frankfurt a. O. 1690). Besonders eifrig betheiligte er sich an dem damals im Vordergrunde des wissenschaftlichen Interesses stehenden Werk der Kalenderreform;|Gregor XIII. holte auch bei ihm ein Gutachten über die geplanten Aenderungen ein, und die litterarischen Beziehungen, in denen S. zu bedeutenden Gelehrten seiner Zeit stand — Peucer und Kepler haben ihn in Görlitz besucht — beruhten vorwiegend auf dieser Grundlage. Schon sein 1574 zu Görlitz erschienener „Computus ecclesiasticus“ war in diesem Sinne gehalten, und 1601 trat er mit einem verbesserten Kalender hervor. Sehr angesehen waren auch Scultetus' gnomonische Arbeiten, die er selbst (1572) in lateinischer und deutscher Sprache veröffentlichte, und von denen man beinahe ein Jahrhundert später (Amsterdam 1670) eine niederländische Ausgabe veranstaltete. Von einer gewissen Bedeutung ist heute noch die Beschreibung einer merkwürdigen astronomischen Erscheinung, ("Phaenomenon novilunii ecliptici“, Görlitz 1567), während andere Schriften ("Descriptio cometae anno 1577 apparentis“, Görlitz 1578; „Prognosticon meteorographicum“, ebenda 1583) die übliche Hinneigung zu astrologischem Aberglauben nicht verleugnen können. Entschiedene Verdienste erwarb er sich, wie Ruge's eingehende Forschungen neuerdings festgestellt haben, um die Mappirung des Kurfürstenthums Sachsen. Seine Karten der Oberlausitz und des Meißener Landes sind mehrfach reproducirt worden, so im „Theatrum orbis terrarum“ des Ortelius.

    • Literatur

      Neues Lausitzisches Magazin, 3. Jahrg. 1824. — Nouvelle Biographie Générale, 43. Bd., Sp. 594 ff. — Ruge, Zur Geschichte der sächsischen Kartographie, Zeitschr. f. wissensch Geographie, 2. Jahrgang.

  • Autor/in

    Günther.
  • Empfohlene Zitierweise

    Günther, "" in: Allgemeine Deutsche Biographie 33 (1891), S. 497-498 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11745446X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA