Lebensdaten
1905 bis 1948
Geburtsort
Hildesheim
Sterbeort
Gefängnis Landsberg/Lech
Beruf/Funktion
Geschäftsführer der SS-Forschungs- und Lehrgemeinschaft "Das Ahnenerbe" ; NS-Wissenschaftspolitiker
Konfession
evangelisch,gottgläubig
Normdaten
GND: 117375756 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sievers, Wolfram
  • Sievers, Heinrich Friedrich Wolfram

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Weitere Erwähnungen in der NDB/ADB

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Sievers, Wolfram, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117375756.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich (1879–1927), Organist, Musikdir., S d. Heinrich (1824–1908), Böttcher, Holzkohlenhändler in H., u. d. Wilhelmine Burgholte (1851–1921);
    M Elisabeth (1880–1958), T d. Heinrich Fischer (1839–1923), Molkereipächter in Marienrode, u. d. Friederike Ziemann (1856–1937);
    Stuttgart 1934 Helene (Hella) (1913–73, ev., seit 1933 gottgläubig), aus Berlin-Schmargendorf, T d. Heinrich Sieber (1877–1961), aus Reutlingen, Dr. med., Gynäkol. am Gesundheitsamt in Stuttgart, Abt. Erb- u. Rassenpflege (s. Dt. Gynäkologenverz., 21939), u. d. Olga Karola Sykora (1889–1977);
    1 S, 2 T, 1 außerehel. S; Gvv d. Ehefrau Richard v. Sieber (1848–1915, württ. Personaladel), Landesger.präs. in Stuttgart.

  • Leben

    Nach dem Besuch der Mittelschule und des Staatlichen Gymnasiums in Hildesheim (Abbruch in d. Obersekunda) entschied sich S. für eine kaufmännische Ausbildung, die er im März 1924 abschloß. Zunächst Verlagskaufmann in Hannover, wechselte er 1928 als Werbeleiter in die Direktion des Industrie-Verlages nach Stuttgart. Dort schrieb er sich als Gasthörer an der TH ein und nahm Kontakt zur völkischen Studentenbewegung auf. Das hier vertretene radikal-nationalistische, antidemokratische und rassistische Weltbild verinnerlichte er ebenso wie das in den rechten Studentenbünden verbreitete Selbstverständnis, einer intellektuellen, sachlich agierenden Elite anzugehören. Bereits seit 1920 im „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“ engagiert, fand S., der bereits dem „Wandervogel“, dem „Deutschen Pfadfinderbund“ und dem „Jungnationalen Bund“ angehört hatte, auch zum „Württembergischen Jungbauernbund“, zu den völkischen „Artamanen“ und zum „NSD-Studentenbund“, für den er kulturpolitische und weltanschauliche Schulungsvorträge hielt. Im Sommer 1929 trat S. in die NSDAP ein. 1930 gründete er in Stuttgart eine Ortsgruppe des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, deren Leitung er ein Jahr später übernahm. In dieser Zeit lernte S. den rechtskonservativen, mit dem Kreis um Ernst Jünger sympathisierenden Publizisten Friedrich Hielscher (1902–90) kennen, dessen germanisch-religiöse, antiwestliche und völkische Weltanschauung ihn stark beeinflußte. Wie Hielschers elitär ausgerichtete Lehren faszinierten S. ebenso die germanisch-volkskundlichen Arbeiten des niederl. Privatgelehrten Hermann Wirth (1885–1981). Diesem schloß sich S. im April 1932 an, avancierte zu dessen Privatsekretär und zum Geschäftsführer der von Wirth zunächst in Marburg und dann in Bad Doberan aufgebauten „Forschungsanstalt für Geistesurgeschichte“. Im Frühjahr 1933 wandte sich S. jedoch wieder dem Verlagsgeschäft zu und arbeitete bis Mitte 1935 in verschiedenen Unternehmen in Leipzig und München, u. a. in der Anzeigenzentrale des NSDAP-Verlages Franz Eher und im Verlagshaus Bruckmann.

    Am 1.7.1935 berief „Reichsführer-SS“ Heinrich Himmler S. zum Generalsekretär der am selben Tag in Berlin gegründeten „Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte ,Deutsches Ahnenerbe` e. V.“. Seit 1935 Mitglied der SS, stieg S. zum Reichsgeschäftsführer des „Ahnenerbes“ auf und zeichnete fortan für dessen Verwaltungs- und Organisationsfragen verantwortlich. Unter seiner Leitung strebte die Organisation satzungsgemäß nicht nur danach, „Raum, Geist und Tat des nordrassigen Indogermanentums zu erforschen“, sondern als kulturpolitisches Überwachungsinstrument der SS auch Einfluß auf die NS-Wissenschafts- und Hochschulpolitik zu gewinnen. Mit Beginn des 2. Weltkriegs erweiterte S. das Tätigkeitsprofil des „Ahnenerbes“ auf kriegsrelevante Fragestellungen. Darüber hinaus war er maßgeblich am Kunstraub in Mittel- und Osteuropa sowie an der Umsiedlung sog. „Volksdeutscher“ in Kooperation mit der „Haupttreuhandstelle Ost“ und Himmlers „Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums“ beteiligt. 1942 übernahm S. die Leitung des im „Ahnenerbe“ neu gegründeten „Instituts für wehrwissenschaftliche Zweckforschung“, in dem SS-Ärzte Menschenversuche an KZ-Häftlingen durchführten. Für seine Beteiligung an diesen Verbrechen wurde S. am 20.8.1947 zum Tode verurteilt und am 2.6.1948 hingerichtet.

    Als Geschäftsführer mit direktem Zugang zu Himmler und seinem Umfeld nahm S. innerhalb des „Ahnenerbes“ eine Schlüsselstellung ein, zumal er den eigentlichen Leiter, Walther Wüst (1901–93), an organisatorischem Geschick weit übertraf. S. verfügte über enge Beziehungen zum Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Rudolf Mentzel (1900–87), der ihn 1943 als Stellvertreter in den „Geschäftsführenden Beirat“ des Reichsforschungsrates berief. Mit Hilfe seiner zahlreichen Funktionen verstand es S., das „Ahnenerbe“ zu einer weit verzweigten Organisation mit über vierzig wissenschaftlichen Abteilungen auszubauen, und der SS auf diese Weise Einfluß im NS-Forschungsbetrieb zu sichern.

  • Auszeichnungen

    Rr.kreuz d. span. Isabellenordens (1942); Kriegsverdienstkreuz II. Kl. mit Schwertern (1942), I. Kl. mit Schwertern (1944); Mitgl. d. St. Georgs-Ordens in Stuttgart (1930–32); Mitgl. d. Lebensborns e. V. (1935–45); Mitgl. d. Börsenver. dt. Buchhändler (1938–45); Verlagsleiter d. Ahnenerbe-Stiftungs-Verlags (1938–45); Gen.treuhänder f. d. Sicherstellung dt. Kulturgutes b. d. Haupttreuhandstelle Ost (1939–41); Leiter d. Kulturkomm. b. d. Amtl. Dt. Ein- u. Rückwandererstelle, Umsiedlung Südtirol, d. Reichskomm. f. d. Festigung dt. Volkstums (1940–44); Mitgl. d. Reichsschr.tumskammer; Mitgl. d. Reichsbundes f. Biol.; Vorstand d. Vereinigung d. Freunde german. Vorgesch.

  • Quellen

    Qu BA Berlin, ehemals Berlin Document Center: Rasse- u. Siedlungshauptamt (P), SSO/SS – Führerpersonalakten (P), Lehr- u. Forsch.gemeinschaft das Ahnenerbe (P); – Bestände: Reichsforsch.rat, Ahnenerbe d. SS, SS-Hängeordner; – Bestandserg.filme: Miscellaneous German Record Collection (Nat. Archives Microcopy No. T-84); Niels Bohr Library and Archives, American Inst. of Physics, College Park, Maryland (MD), USA, Samuel A. Goudsmit Papers, 1921–79 (P).

  • Literatur

    L S. Schleiermacher, Die SS-Stiftung „Ahnenerbe“, Menschen als „Material“ f. „exakte“ Wissenschaft, in: R. Osnowski (Hg.), Menschenversuche, Wahnsinn u. Wirklichkeit, 1988, S. 70–87;
    W. U. Eckart, Fall 1, Der Nürnberger Ärzteprozeß, in: G. R. Ueberschär (Hg.), Der Nationalsozialismus vor Ger., Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher u. Soldaten 1943–1952, 2000, S. 73–85;
    M. H. Kater, Das „Ahnenerbe“ d. SS, Ein Btr. z. Kulturpol. d. Dritten Reiches, 2001;
    A. Ebbinghaus u. K. Dörner (Hg.), Vernichten u. Heilen, Der Nürnberger Ärzteprozeß u. seine Folgen, 2001, S. 643 f.;
    H.-J. Lang, Die Namen d. Nummern, 2004;
    Ina Schmidt, Der Herr d. Feuers, Friedrich Hielscher u. sein Kreis zw. Heidentum, neuem Nationalismus u. Widerstand gegen d. Nationalsozialismus, 2004;
    M. Schreiber, Walther Wüst, 2008;
    Personenlex. Drittes Reich;
    Biogr. Lex. NS-Wiss.pol.

  • Autor/in

    Sören Flachowsky
  • Empfohlene Zitierweise

    Flachowsky, Sören, "Sievers, Wolfram" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 392-393 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117375756.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA