Lebensdaten
1817 bis 1879
Geburtsort
Reval
Sterbeort
Sankt Petersburg, Tibetologe, Sprachwissenschaftler
Beruf/Funktion
Tibetologe
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117228427 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schiefner, Franz Anton von
  • Sifner, Anton Antonovic
  • Šifner, Anton Antonovič
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Zitierweise

Schiefner, Anton von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117228427.html [21.09.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Franz Andreas, Glashändler aus Böhmen;
    M Katharina Schneider;
    1849 Rosa N. N., aus Österr.;
    S Meinhard (* 1856), russ. Gen.lt.

  • Leben

    S. besuchte 1831-36 die Domschule in Reval, studierte 1836-40 Jura an der Univ. St. Petersburg und 1840-42 oriental. Sprachen in Berlin. 1843-52 Oberlehrer der klassischen Sprachen am 1. Petersburger Gymnasium, wurde er 1848 Kustos, 1863 Leiter der 2. Abteilung der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften und 1852 Adjunkt für Tibetisch. 1856-78 war er außerdem Direktor des Ethnologischen Museums, 1860-73 Professor der klassischen Sprachen an der Kath. Geistlichen Akademie in St. Petersburg.

    S.s Arbeitsschwerpunkte waren Tibetisch, Mongolisch, Estnisch, Finnisch und die kaukas. Sprachen. Er befaßte sich sowohl mit Linguistik als auch mit Folklore und Mythologie. Hervorzuheben sind für das Tibetische seine Nachträge zum Katalog der Handschriften und Drucke des Asiat. Museums (1848) von Isaak Jakob Schmidt (1779–1847) und Otto v. Böhtlingk (1815–1904), eine Tibet. Biographie Buddhas (1848), vier Tibet. Studien (1851–54) zu sprachlichen Fragen, eine Übersetzung des Sûtra der 42 Abschnitte (1851), Ergänzungen zu I. J. Schmidts Ausgabe des Dsanglun (1852), die Textausgabe von Târanâthas Geschichte des Buddhismus in Indien (1868), die Übersetzung von Erzählungen aus dem Kanjur (1876/77) sowie die Übertragung eines Bon-Textes „Das weiße Nâga-Hunderttausend“. Letztere wurde von Wilhelm Grube (1855–1908) aus dem Nachlaß herausgegeben. In der estn. Literatur befaßte sich S. besonders mit dem „Kalewi-poeg“ und pflegte mit dessen Herausgeber, dem Stadtarzt von Werro, Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803–82) einen umfangreichen Briefwechsel (273 Briefe: F. R. Kreutzwaldi kirjavahetus, III: Fr. R. Kreutzwaldi ja A. Schiefneri kirjavahetus, 1853-1879, 1953). Das Hauptwerk der finn. Mythologie, das von Elias Lönnrot 1849 herausgegebene „Kalewala“, hat S. erstmals metrisch ins Deutsche übersetzt; diese Ausgabe wird bis heute, meist in der Bearbeitung von Martin Buber (1878–1965) nachgedruckt. In ähnlicher Weise übertrug er metrisch Lieder der Woten (1856) und der minussin. Tataren (1858). Von großer Bedeutung ist S.s Übersetzung bzw. Herausgabe der Werke (Nord. Reisen u. Forschungen, 1853–62) des finn. Gelehrten Matthias Alexander Castrén (1813–52), die u. a. ostjak., samojed., tungus. und burjät. Grammatiken, Vokabulare und andere Sprachmaterialien sowie auch Ethnographica und Reiseberichte enthalten. S. übersetzte nicht nur sieben Bände, sondern brachte diese erst in eine systematische Form. Außerdem veröffentlichte er tungusische Sprachproben von Gerhard v. Maydell und Alexander Czekanowski (1874 bzw. 1877). Besonders umfangreich sind die kaukas. Sprachmaterialien, von denen die ausführlichen Berichte über Baron Peter v. Uslars Forschungen hervorzuheben sind (Abchas. [1863], Kasikümük. [1866], Hürkan. [1871], Awar. [1872] u. Kürin. [1873] Studien). General v. Uslar (1816–75) war vom Zaren mit einer ethnographischen Aufnahme des Kaukasus betraut worden und veröffentlichte seine Ergebnisse in kleiner Auflage in lithographierten Bänden. Daneben gab S. osset. Texte (1862/63) und Studien über das Tuschetische (1856), Awarische (1862) und Udische (1863) heraus. Er war auch an einer Ausgabe der Werke des finn. Gelehrten Johann Andreas Sjögren (1794–1855) beteiligt und machte durch Übersetzung die Arbeiten des russ. Buddhologen und Sinologen Vasilij Pavlovič Vasil'ev (1818–1900) bekannt.

    S. stand mit zahlreichen in- und ausländischen Forschern in Kontakt. Für die dt. Übersetzung des mandjur. „Liyoo gurun-i suduri“ (Gesch. der Großen Liao) lieh er den Petersburger Text an Hans Conon v. der Gabelentz (1807–74) aus und publizierte aus dessen Nachlaß die Übersetzung (1877). Seine Arbeiten, die fast durchweg in den Schriften und Reihen der St. Petersburger Akademie erschienen, zeichnen sich durch Sorgfalt, enormes Wissen und wissenschaftliche Methodik aus und sind bis heute unentbehrlich.|

  • Auszeichnungen

    Wirkl. Staatsrat (1866); Mitgl. zahlr. wiss. Ges., u. a. ao. Mitg. d. Ak. d. Wiss. in St. Petersburg (1854) u. korr. Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Wiss. (1858).

  • Werke

    Weitere W Kalewala, das National-Epos der Kinnen, 1852, neu hg. v. M. Buber, 1314 u. ö.;
    An die Leser d. dt. Kalevala-Übers., in: Bull. hist.-phil. 12, 1855, Sp. 129-49;
    Über d. Mythengehalt d. finn. Märchen, ebd., Sp. 369-88;
    Über die unter dem Namen „Gesch. des Ardshi Bordshi Chan“ bekannte mongol. Märchenslg., ebd. 15, 1858, Sp. 63-74;
    Btrr. z. Kenntniss d. tungus. Mundarten, ebd. 16, 1859, Sp. 563-80;
    Versuch über d. Thusch-Sprache oder d. khist. Mundart in Thuschetien, 1859, S. 1-160;
    Über d. ehstnische Sage vom Kalewipoeg, in: Bull. de l'Ac. 2, 1860, S. 273-97;
    Btrr. zur Kenntniss d. jukagir. Sprache, ebd. 15, 1871, Sp. 373-99;
    Târanâthae de doctrinae Buddhicae in India propagatione narratio, Contextum tibeticum e codicibus Petropolitanis edidit, 1868;
    Târanâtha's Gesch. d. Buddhismus in Indien, Aus d. Tibetischen übers., 1869;
    Mahâkâtjâjana u. Kg. Tshaṇḍa-Pradjota, Ein Cyclus buddhist. Erzz., 1875;
    Tibetan tales derived from Indian sources, 1882. (zahlr. Neuausgg.);
    Korr. mit August Fried Friedrich rich Pott: Univ.archiv Leipzig, mit Kreutzwald: Estn. Lit.archiv Tartu.

  • Literatur

    F. Wiedemann, in: Bull. de l'Ac. 26, 1880, Sp. 30-44 (W-Verz.), auch in: Russ. Revue 16, 1880, S. 105-18;
    J. Budenz, Emlékszebéd Schiefner Antal k. tag fölött, 1880 (weitgehend nach Wiedemann);
    A. Ahlqvist, Muistopuhe F. A. S.'istä, Suomen tiedeseuran vuosijuhlassa 29 p. huhtik v. 1881 pitänyt Aug. Ahlqvist, Acta Societatis Scientiarum Fennicae 12, 1883;
    M. Hallik u. O.-M. Klaassen, Keiserlik Tartu Ülikool (1802-1918) ja Orient, Tartu Ülikooli Kirjastus 2002, S. 154-56;
    Russkij biografičeskij slovař;
    Meyers Gr. Konversations-Lex. 17, 61909;
    Ostdt. Biogrr. 1955;
    Dt.balt. Biogr. Lex.;
    Eesti Kirjanduse Biograafiline Leksikon, hg. v. E. Nirk u. E. Sogel, 1975;
    V. Stache-Rosen, German Indologists, 1981;
    Internat. Enc. of Indian Lit., hg. v. G. R. Garg, 1987-95;
    Eesti Kirjarahva Leksikon, hg. v. O. Kruus, 1995.

  • Autor/in

    Hartmut Walravens
  • Empfohlene Zitierweise

    Walravens, Hartmut, "Schiefner, Anton von" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 736-738 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117228427.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA