Lebensdaten
1893 bis 1975
Geburtsort
Schlößli bei Bern
Sterbeort
Zürich-Höngg
Beruf/Funktion
Kunstgewerblerin ; Puppenherstellerin
Konfession
reformiert?
Normdaten
GND: 116928735 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Morgenthaler-von Sinner, Mary Magdalena Sascha (eigentlich)
  • Sinner, Sasha (geborene)
  • Sinner, Mary Magdalena Sascha (geborene)
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Zitierweise

Morgenthaler-von Sinner, Sasha, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116928735.html [13.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Eduard Frhr. v. Sinner (1834–94), S d. Rudolf (1800–80), auf Weißenstein u. Monrepos, u. d. Konstanze Gfn. v. Kirchberger (1805–49);
    M Marie (Mary) Borchardt (1867–1952, isr.) aus Berlin; Schwager Walter (s. 1), Otto (s. 2);
    Burgdorf 1916 Ernst Morgenthaler (s. 3);
    2 S Niklaus (* 1918), Architekt, Fritz (s. 5), 1 T.

  • Leben

    Im musikalisch-literarisch orientierten Haus der früh verwitweten Mutter war M.s Kindheit geprägt von der Aufbruchstimmung und den Reformbestrebungen der Jahrhundertwende Paul Klee, der mit der Familie musizierte, erkannte die schöpferische Phantasie und Begabung der Neunjährigen. Mit seinem Beistand konnte sie 1909 das Literaturgymnasium in Bern verlassen und sich in Malerei und Bildhauerei ausbilden lassen. Bis 1913 studierte sie an der Genfer Kunstakademie, 1914 bei Cuno Amiet in Oschwand im Emmental und 1915 an der anti-akademischen Hollósy-Schule in München, wo sie auch Anatomie-Kurse besuchte. Durch Klee lernte sie die Künstler des „Blauen Reiters“ und den Stefan George-Kreis kennen. Die ersten acht der über 50 Handpuppen Klees für seinen Sohn stattete M. 1916 mit Kostümen aus.

    Nach ihrer Heirat lebte M. wieder in der Schweiz, wo sie sich bewußt ganz dem Kunstgewerbe zuwandte. 1922 stellte sie im Kunstverein Winterthur Stofftiere aus, textile Skulpturen von überzeugender Naturerfassung. Für ihre drei Kinder und neun Patenkinder begann sie um 1924 Puppen und Spieltiere zu fertigen, weil ihr die im Handel erhältlichen nicht zusagten. Unter dem Einfluß des befreundeten Bildhauers Karl Geiser fand sie zu ihrem unverwechselbaren Puppenstil, der dank einer kaum merklichen Asymmetrie aller Teile den Eindruck der Natürlichkeit zu wecken verstand. Auf empfindliche Prototypen mit Köpfen aus Wachs und Gips folgten lange Experimente mit dem spielgerechteren Werkstoff Kunstharz. Die beweglichen Puppenkörper waren anfangs aus Stoff, seit den 1940er Jahren ebenfalls aus Gießmasse. Eigenwillige Wege ging M. seit 1939 mit der Gestaltung von lebens- und überlebensgroßen Schaufensterpuppen und Marionetten für Modehäuser, Messen und Ausstellungen in Zürich, Basel und im Ausland. Sie waren aus Maschendraht geformt, mit Netzen überzogen oder trugen Cellophanhaare.

    Die Liebe zu Kindern führte M. auch zu humanitärem Engagement. 1935 absolvierte sie eine Hebammen-Ausbildung in Basel, 1940 gründete sie den Frauen-Hülfstrupp in Zürich und betreute während des 2. Weltkriegs die Kinder-Flüchtlingstransporte durch die Schweiz. 1950 entstand ihr „Pro-Juventute-Wickelkind“, eine Übungspuppe aus Gipsmaterial für den Säuglingspflege-Unterricht (ähnlich dem „Träumerchen“ von Käthe Kruse). Seit 1943 baute sie ein Mitarbeiterteam auf, mit dem die Anfertigung ihrer Originalpuppen in gewerblichem Umfang möglich wurde (ca. 250, später 150 Exemplare jährlich). Wiederholte Studienreisen nach Nordafrika und seit 1958 mehrere Weltreisen brachten die Begegnung mit Kindern aller Nationen. M.s Puppen, darunter insbesondere die 1947 begonnenen „Kinder aus aller Welt“, sind Reflexe des Erlebten.

    Antrieb zur Gestaltung ihrer eigentümlich beseelten Figuren war nach M. „die Marotte im Kopf, daß Kinder durch gute Puppen zu größerer Menschlichkeit erzogen werden könnten“. „Sasha“-Puppen haben einen nachdenklich-verträumten Gesichtsausdruck, in den das spielende Kind seine eigenen Stimmungen hineinlegen kann. Auf nur vier Varianten eines Modellkopfes basierend, entstanden in M.s Züricher Atelier lauter Individualitäten durch differenzierte Bemalung der Augen, Echthaarfrisuren und sorgfältig ausgewählte Kleidung. Diese handgefertigten Einzelstücke waren nur für wohlhabende Käufer erschwinglich; um ihre Puppen allen Kindern zugänglich zu machen, entschloß sich M. zur Serienherstellung. 1964-70 produzierte die Firma Franz Götz in Rödental (Oberfranken) „Sasha“-Puppen in Lizenz; konkurrierend dazu traten John und Sara Doggart (Frido Ltd., Trendon Ltd.) in Stockport bei Manchester 1966-86 mit „Sashas“ aus Hartvinyl auf den Markt. 1995 konnte Götz mit neuer Lizenz der Familie M.s die Herstellung originalgetreuer „Sasha“-Puppen wiederaufnehmen.

  • Literatur

    Ausst.kat. Winterthur 1922;
    Werk, Die Schweizer Mschr. f. Architektur, Kunst, künstler. Gewerbe 37, 1950, S. 246-49;
    S. Oswald, S. M. u. ihre Puppen, ebd. 40, 1953, S. 25-30;
    Puppenmus. Bärengasse Zürich, S. M., o. J. (um 1980, P);
    Doll Reader, H. 6/7, 1987, S. 126-30 (P), H. 2/3, 1988, S. 155-59, H. 6/7, 1988, S. 113-16, 200, H. 5, 1995, S. 70-72 (P);
    M. Guinard, Swiss Museum Preserves Sasha's Magic, in: Dolls, The Collector's Magazine, H. 9/10, 1988, S. 44-47;
    A. Votaw u. A. Barden, Sashas, The First Generation, ebd., H. 1, 1991, S. 64-72;
    B. Krafft (Bearb.), Traumwelt d. Puppen, Ausst.kat. München 1991, S. 280-82;
    R. Höckh (Hrsg.), Künstlerpuppen im 20. Jh., 1992, S. 26-29 (P);
    U. Zeit, Künstler machen Puppen f. Kinder, 1992, S. 50-57;
    ThB;
    Vollmer (in beiden unter Ernst M.);
    Künstler Lex. d. Schweiz XX. Jh., 1963–67. – Ausst. u. a. Paris 1937;
    Winterthur 1963;
    Zürich 1964;
    Thun 1965;
    Paris 1970;
    Jerusalem 1974. |

  • Nachlaß

    Nachlaß (Arbeitstisch, Skizzen, Dokumente, Puppen); Wohnmus., Zürich.

  • Autor/in

    Barbara Krafft
  • Empfohlene Zitierweise

    Krafft, Barbara, "Morgenthaler-von Sinner, Sasha" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 117 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116928735.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA