Lebensdaten
1684 bis 1743
Geburtsort
Kassel
Sterbeort
Kassel
Beruf/Funktion
hessischer Historiker
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 116795344 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schmincke, Johann Hermann

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Zitierweise

Schmincke, Johann Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116795344.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus hess. Beamten- u. Pfarrerfam.;
    V Johannes (1658–1725), Prediger in Dörnhagen u. Lohne (s. Strieder), S d. Johann Hermann (1636–1702), Grabe in Besse, u. d. Elisabeth Bauer ( 1696);
    M Martha Elisabeth (1660–1744), T d. Henrich Weizel, Hofkoch in K., u. d. Anna Jacobine Leuner;
    1713 Katharina Elisabeth (1688–1743), T d. Wilhelm Müldner (1649–1701), Dr. iur., Bgm. v. K. (s. Strieder), u. d. Anna Margarethe Prange ( 1727);
    3 K u. a. Friedrich Christoph (1724–95), Hist., 1751 Hofarchivar in K., 1766-88 u. seit 1791 auch Hofbibl., 1776 Reg.rat mit Aufsicht über d. Igfl. Kunstslgg. in K., Verw. v. S.s wiss. Nachlaß, setzte d. Arbb. u. Slgg. seines Vaters z. hess. Gesch. fort, indem er in seinen „Monimenta Hassiaca“ Teile d. Briefwechsels u. d. ungedr. Schrr. herausgab (s. W, L).

  • Leben

    Nach dem Unterricht bei seinem Vater und einem Hauslehrer begann S. 1700 in Marburg klassische Sprachen, Philosophie und Theologie zu studieren. Es folgten sechs Jahre an den Universitäten Franeker, Utrecht und Leiden. 1708 trat er in den Dienst von Anton Friedrich Flemmer, den er als Hauslehrer nach Utrecht und Leiden begleitete. In dieser Stellung kam S. in Kontakt mit Karl Ludwig Tollner (1660–1715), der nach dem Tod Johann Just Winckelmanns (1620–99) von Lgf. Karl I. mit der Ausarbeitung der hess. Geschichte beauftragt worden war. 1715 erhielt S. die Professur für Geschichte und Beredsamkeit an der Univ. Marburg, 1717 als Nachfolger Tollners zudem den Auftrag, die|hess. Geschichte auszuarbeiten. Seit 1722 Bibliothekar in Kassel, hatte er u. a. die Aufsicht über die lgfl. Kunstsammlungen inne. 1730 inventarisierte er den Nachlaß Lgf. Karls I. Für die lgfl. Regierung erstellte er Gutachten zu politischen und territorialen Fragen.

    Mit S. begann im eigentlichen Sinne die frühaufklärerische Geschichtswissenschaft in Hessen. Zusammen mit dem hessen-darmstädt. Hofhistoriographen Friedrich Christoph Ayermann (1695–1747) konzipierte er eine auf den methodischen Standards und Forderungen Mabillons und der Bollandisten basierende hess. Geschichte, die die ältere barock-humanistische Historiographie überwand, die Quellen kritisch überprüfte und einen – in der Praxis jedoch nicht durchführbaren universalen Anspruch formulierte, daß alle erreichbaren Quellen herangezogen werden müssen. Für S. stand seine „pragmatische“ Geschichtsschreibung ganz im Dienste der staatlichen Politik. 1711 publizierte er eine Lgf. Karl I. gewidmete Edition der „Vita Karoli Magni“ Einhards, in der er aus der Handschriftenüberlieferung den besten Text zu rekonstruieren versuchte. In seiner Dissertation „De urnis sepulchralibus et armis lapideis veterum Cattorum“ (1714) beschrieb er jungsteinzeitliche Funde von der Mader Heide bei Gudensberg (heute im Hess. Landesmus., Kassel); er glaubte, mit diesen Funden die bei Tacitus erwähnte Hauptstadt der Chatten lokalisieren zu können. Diese These verbreitete er in einer Vielzahl von Briefen an Gelehrte wie Gottfried Wilhelm Leibniz, Johann Georg Eckhardt und Bernhard Pez. In der postum von seinem Sohn Friedrich Christoph herausgegebenen Untersuchung über Lgf. Otto den Schütz ( 1366) wies er mit quellenkritischen Argumenten den legendarischen Charakter von dessen Biographie nach.

    S.s umfangreiche handschriftlichen Sammlungen zur hess. Geschichte (heute Univ.bibl. Kassel) erbte sein einziger überlebender Sohn. Dagegen muß S.s Korrespondenz, abgesehen von einigen in den „Monimenta Hassiaca“ abgedruckten Briefen, weitgehend als verloren gelten.

  • Werke

    Eginhartus du vita et gestis Caroli Magni. cum commentario Joh. Friederici Besselii et notis Johannis Bollandi, 1711;
    De urnis sepulchralibus et armis lapideis veterum Cattorum, 1714, Ed. u. Übers.: Diss. über d. Graburnen u. Steinwaffen der alten Chatten v. J. 1714, in: 250 J. Vorgesch.forsch. in Kurhessen, hg. v. W. Niemeyer, 1964;
    Hist. Unters. v. des Otto Schützen gebohrnen Printzen v. Hessen Begebenheiten am Clevischen Hof, hg. v. Friedrich Christoph Schmincke, 1746;
    Monimenta Hassiaca, darinnen verschiedene zur Hess. Gesch. u. Rechtsgelahrsamkeit dienende Nachrr. u. Abhh. an das Licht gestellet werden, 4 T., hg. v. dems., 1747-65;
    W-Verz.:
    Strieder 13, S. 130-39;
    zu Friedrich Christoph:
    Versuch e. genauen u. umständl. Beschreibung d. Hochfürstl. Hess. Residenz u. Hauptstadt Cassel, 1767 (unter S.s Name publ., tatsächlich v. Friedrich Groschuff u. Balthasar Hundeshagen geschrieben);
    W-Verz.:
    Strieder 13, S. 147-52;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Landesbibl. Kassel (vermischt mit Schrr. seines Vaters).

  • Literatur

    ADB 32;
    G. Dolff-Bonekämper, Die Entdeckung d. MA, Stud. z. Gesch. d. Denkmalerfassung u. d. Denkmalschutzes in Hessen-Kassel bzw. Kurhessen im 18. u. 19. Jh., 1985;
    F. R. Hermann, Die Entdeckung d. hess. Vorzeit, in: F. R. Hermann u. A. Jockenhövel (Hg.), Die Vorgesch. Hessens, 1990, S. 39-69;
    Th. Fuchs, Traditionsstiftung u. Erinnerungspol., Gesch.schreibung in Hessen in d. frühen Neuzeit, 2002, bes. S. 311-92;
    ders., J. H. S. u. d. Überwindung d. älteren hess. Chronistik, in: Hess. Chroniken z. Landes- u. Stadtgesch., hg. v. G. Menk, 2003, S. 185-204;
    F. Gundlach, Cat. Professorum Ac. Marburgensis, 1927;
    zu Friedrich Christoph:
    H. Bernert, Die wiss. tätigen Bibl.bediensteten 1580-1957, in: H.-J. Kahlfuß, Ex Bibliotheca Cassellana, 400 J. Landesbibl., 1980, S. 65-102;
    W. Hopf, Die Landesbibl. Kassel 1580-1930, 1930;
    Fuchs, Traditionsstiftung (s. o.), bes. S. 387-99;
    J. Meidenbauer, Aufklärung u. Öffentlichkeit, Studien zu d. Anfängen d. Vereins- u. Meinungsbildung in Hessen-Kassel 1770 bis 1806, 1999;
    W. Leesch, Die dt. Archivare 1500-1945, II, 1992.

  • Autor/in

    Thomas Fuchs
  • Empfohlene Zitierweise

    Fuchs, Thomas, "Schmincke, Johann Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 231-232 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116795344.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schmincke: Johann Hermann S., verdienstvoller hessischer Geschichtschreiber, ist am 23. August 1684 in Kassel geboren, wo er von seinem Vater und von Hauslehrern in den Elementen der Wissenschaft unterrichtet wurde. Sechzehnjährig bezog er im J. 1700 die Universität Marburg, um Philosophie und Philologie zu studiren. 1702 siedelte er nach der damals noch blühenden Universität Franeker über, wo er sich neben seinen bisherigen Fächern namentlich mit profaner und Kirchengeschichte beschäftigte, die er später als sein Hauptfach betreiben sollte. In der Philosophie schloß er sich insbesondere an seinen Franekerer Lehrer Roel an. Als dieser nach Utrecht berufen wurde, siedelte auch S. dahin über und besuchte später noch die Universität Leyden. 1708 kehrte er in seine Hessische Heimath zurück und wurde Hauslehrer bei einem Sohne des|Regierungsraths v. Haagen, als dessen Mentor er nochmals die Universitäten Utrecht und Leyden besuchte, um namentlich die Vorlesungen des Vitriarius über Staatsrecht zu hören. Er unternahm dann mit seinem Schutzbefohlenen noch weitere Reisen, die für seine spätere litterarische Thätigkeit namentlich dadurch von Bedeutung wurden, daß er auf denselben mit einer Reihe hervorragender Gelehrter bekannt wurde, so namentlich mit Leibnitz, Eccard, Fabricius und Christoph Wolf, die ihn später in seinen auf die Erforschung der vaterländischen Geschichte gerichteten Bestrebungen wirksam unterstützten. Mit großem Eifer widmete er sich, nachdem er im J. 1712 Professor der Geschichte und der Beredtsamkeit in Marburg geworden war, historischen Studien, die von vornherein namentlich der hessischen Territorialgeschichte zugewandt waren. Zum Theil wol aus diesem Grunde lehnte er mehrere Berufungen an andere Hochschulen, die an ihn ergingen, ab und blieb in der hessischen Heimaths-Universität. 1717 wurde er zum Historiographen von Hessen, 1722 zum Rath und Bibliothekar in Kassel ernannt, blieb aber außerdem, auch nachdem er zum Leiter der hessischen Kunstschätze bestellt worden war, Honorarprofessor in Marburg. Die Verdienste, welche er sich in diesen Stellungen erwarb, veranlaßten den Kasseler Hof, ihm 1738 den Unterricht der Prinzessin Marie und des Prinzen Friedrich in der Geschichte und Geographie anzuvertrauen. Er starb am 18. Juli 1743.

    Von seinen zahlreichen akademischen und sonstigen Schriften, welche sich auf fast alle Gebiete der Philosophie, Geschichte und Alterthumswissenschaften erstreckten, sind die weitaus hervorragendsten die der hessischen Specialgeschichte gewidmeten. Von ihnen dürfen viele, trotz des Mangels an dem, was wir heute technisch mit äußerer Quellenkritik bezeichnen, noch jetzt als Grundlage für die Erforschung der hessischen Geschichte betrachtet werden, und zwar um so mehr, als jener bei ihm hervortretende Mangel in Bezug auf die ältere historiographische Tradition Hessens noch heute keineswegs gehoben ist. Der Werth seiner Untersuchungen liegt vor allem darin, daß er zur Controlle der auch von ihm als wenig zuverlässig erkannten chronikalischen Nachrichten über die ältere hessische Geschichte in oft recht gewandter und erfolgreicher Weise das urkundliche Material heranzog und hie und da anhangsweise aus den ihm zur Verfügung gestellten Archivalien publicirte. Je weniger es nun bisher gelungen ist, in das Chaos der meist erst sehr spät einsetzenden chronikalischen Ueberlieferung Hessens Ordnung zu bringen und auch nur die hervorragendsten Quellenschriftsteller (wie namentlich die Gerstenberger'sche Chronik) auf ihre äußere Entstehung und innere Zusammensetzung hin zu untersuchen, um so dankenswerther sind die Vorarbeiten, welche S. für eine umfassendere Heranziehung und Verwerthung des urkundlichen Materials geliefert hat. Leider ist aber von seinen darauf bezüglichen Studien nur ein kleiner Theil von ihm selbst, ein anderer von seinem Sohne Friedrich Christoph in dessen Monumenta Hassiaca (Kassel 1747—65) veröffentlicht worden, während der größte Theil entweder in den Vorarbeiten stecken oder ausgearbeitet ungedruckt blieb. So wissen wir aus genauen und urkundlichen Zeugnissen, daß er mit dem Plane umging, eine umfassende „Hessische Historie“ zu schreiben, zu welcher er aus Chroniken, Urkunden und Acten schon umfangreiche Vorarbeiten gesammelt hatte. Im Verein mit dem Bibliothekar Gerdes sollte dies Werk durch die Unterstützung des Landgrafen beider Hessen zur Ausführung kommen, ist aber dann doch nicht zur Reife gelangt, hat aber späteren verwandten Bestrebungen zur Grundlage gedient. Von den in die Oeffentlichkeit gedrungenen historiographischen Arbeiten Schmincke's ist die umfangreichste und kritisch gelungenste seine von seinem Sohne Friedrich Christoph 1746 herausgegebene Untersuchung über die an den Landgrafen Otto den Schützen sich anknüpfenden sagenhaften Chronikenberichte, welche er durch Heranziehung|des gleichzeitigen Urkundenmaterials als völlig unhaltbar darlegt. Einige weitere Abhandlungen, die sein Sohn in den Monumenta Hassiaca veröffentlicht hat, beschäftigen sich mit vorwiegend archäologischen Fragen, wie die über die Lage des von Tacitus erwähnten Ortes Mattium, über welche noch heute gelehrte Controversen obwalten. Neben seinen Arbeiten über die hessische Geschichte beschäftigten ihn aber auch solche aus der allgemeinen deutschen Geschichte. So gab er die vita Caroli Magni Einhard's heraus. Ueber diese und ähnliche Arbeiten stand er vielfach mit anderen Gelehrten in Correspondenz, so in erster Linie mit Leibnitz, der in seinen Briefen ein reges Interesse für Schmincke's Bestrebungen und Studien an den Tag legt. (Vgl. diesen interessanten Briefwechsel in Friedrich Christoph Schmincke's Monumenta Hassiaca II, 757—764.) Wie mit Leibnitz über Fragen der allgemeinen deutschen, so correspondirte er namentlich mit Schannat über seine Studien und Pläne zur hessischen Geschichte. So erfahren wir aus diesem Briefwechsel, daß S. sich u. A. auch mit dem Gedanken einer Sammlung der Hersfelder Urkunden trug, ein Gedanke, der leider mit ihm begraben und bis heute noch nicht zur Ausführung gekommen ist. So hat er theils durch die von ihm vollendeten Arbeiten, theils durch mannigfache Anregungen, Pläne und Vorarbeiten in hohem Maße befruchtend auf die spätere hessische Geschichtschreibung eingewirkt.

    • Literatur

      Vgl. Strieder's Grundlage zu einer hessischen Gelehrten- und Schriftsteller-Geschichte XIII, 127—139, dessen Nachrichten über ihn aber sehr dürftig und nur durch die genaue bibliographische Zusammenstellung seiner Schriften von Werth sind. — Vgl. ferner Wenck's Hessische Landesgeschichte, Bd. I, Vorrede S. XL—XLV, wo in dem Abschnitt über die Quellen zur hessischen Geschichte eingehend von S. gehandelt wird, vor allem aber die mehrfach erwähnten Monumenta Hassiaca Friedrich Christoph Schmincke's. Weitere Nachrichten über ihn im Marburger Staatsarchiv.

  • Autor/in

    Georg Winter.
  • Empfohlene Zitierweise

    Winter, Georg, "Schmincke, Johann Hermann" in: Allgemeine Deutsche Biographie 32 (1891), S. 34-36 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116795344.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA