• Genealogie

    V N. N., preuß. Beamter.

  • Leben

    H. studierte in Berlin und Breslau Theologie und Philologie (Promotion Breslau 1822, Dissertation: Rerum galaticarum specimen). Er beabsichtigte, in Breslau die akademische Laufbahn einzuschlagen, wurde aber als „Demagog und früherer Burschenschaftler“ abgewiesen. So widmete er sich der Tagespublizistik, ging 1824 nach Stuttgart und arbeitete für die Blätter des Cotta-Verlages. 1825-27 leitete er die Zeitschrift „Brittania“. Im Anschluß an Reisen nach Paris und Italien habilitierte er sich 1828 in München und hielt an der Universität Vorlesungen über „Die Geschichte des Tags, ein Zeitungskollegium“ und über europäisch Staatenkunde. Zugleich arbeitete er an Cottas neu gegründeten Zeitschriften „Inland“ und „Ausland“ (bei dieser|leitete er den literarischen Teil) mit. Wegen seiner im „Inland“ erschienenen, äußerst kritischen Beiträge „Übersicht über die periodische Literatur in Bayern“ wurde er heftig angegriffen (1831 gesammelt als 1. Heft der nicht fortgesetzten „Freien Blätter für Bayern und Deutschland"). Er hat darin Gedanken über das Wesen der Presse formuliert, die nach O. Groth „Gemeingut des Denkens im Kampfe um die Pießfreiheit“ wurden und später „der Untersuchung des Zeitungs- und Zeitschriftenwesens … Impuls und Ziel“ gaben. Als dann die Aufführung des von H. bearbeiteten Stücks „Hernani“ von Victor Hugo Skandal erregte, konnte sich H. nicht mehr in Bayern halten. Er ging 1831 nach Leipzig und 1832 nach Braunschweig, wo er für die zeitweilig vielgenannte „Deutsche Nationalzeitung aus Braunschweig und Hannover“ als einer der ersten deutschen Journalisten regelmäßig vielbeachtete Leitartikel schrieb. Nach Eingehen dieser Zeitung (1840) wurde er 1842 von J. Du Mont an dessen liberale „Kölnische Zeitung“ verpflichtet; als ihr Redakteur hat er sich an der heftigen Polemik gegen die radikal-demokratische „Rheinische Zeitung“ beteiligt. Als H. dann 1843 aufhörte, im liberalen Geist zu schreiben, und nach seiner Entlassung aus der „Kölnischen Zeitung“ einen Posten an der reorganisierten preußischen Staatszeitung (Allgemeine Preußische Zeitung) annahm, kam die bösartige Legende auf, er habe sich von dem preußischen Zensor W. von Saint-Paul bestechen lassen, im Sinne der Regierung zu schreiben. In apologetischer Haltung gegenüber Friedrich Wilhelm IV. behauptete Treitschke, daß der gleichen „in Preußen ganz unerhört und sicherlich auch ohne Vorwissen des Monarchen geschehen war.“ Über die wahren Gründe der Wandlung H.s vom Liberalen zum Konservativen sagte K. Buchheim, daß H. zwischen Publikum und Regierung gestanden habe und daß er „zu wenig politischer Charakter“ gewesen sei; deshalb „richtete er seine politische Gesinnung nach äußeren Gründen ein“. Deshalb „schrieb er so, wie es gewünscht wurde“. H. sei weder konservativ noch liberal gewesen, sehr früh habe sich bei ihm gouvernementale Gesinnung gezeigt. Doch ist es ungerecht, diesen beizeiten regierungsfromm gewordenen Leitartikler, der unter dem Druck der politischen Macht und zugleich unter dem der materiellen Abhängigkeit von seinem Verleger stand, schlicht als „Mietling“ (ADB) zu bezeichnen, wenn er auch als Mitarbeiter rechtsgerichteter Blätter wie der „Neuen Bremer Zeitung“, des „Staatsanzeigers“ (Berlin) und der „Norddeutschen Zeitung“ (Stettin) endete.

  • Werke

    Weitere W Die Gründe u. Folgen d. Verfalls u. Untergangs v. Polen, 1831;
    Die Entdeckung v. America durch d. Isländer im 10. u. 11. Jh., 1844;
    Blicke aus d. Zeit in d. Zeit, 1845;
    Gesch. d. letzten 25 J. (Suppl. v. Rottecks Allg. Gesch.), 1846, 61853 u. d. T. Gesch. d. neuesten Zeit v. 1815-52;
    Gesch. d. neuesten Zeit v. d. Stiftung d. hl. Bundes b. z. Wahl Louis Napoleons, 5 Bde., 1855.

  • Literatur

    ADB XII;
    H. v. Treitschke, Dt. Gesch. im 19. Jh. V, 41899, S. 211;
    L. Salomon, Gesch. d. dt. Ztg.wesens III, 1906;
    W. Lempfrid, Die Anfänge d. parteipol. Lebens u. d. pol. Presse in Bayern unter Ludwig I. (1825–31), 1910;
    K. Buchheim, Die Stellung d. Köln. Ztg. im vormärzl. rhein. Liberalismus, 1914;
    ders. Gesch. d. Köln. Ztg., ihrer Besitzer u. Mitarbeiter II: Von d. Anfängen J. Dumonts b. z. Ausgang d. dt. bürgerl. Rev. 1831–50, 1930;
    E. Dovifat, Die Zeitungen, 1925;
    O. Groth, Die Gesch. d. dt. Ztg.wiss., 1948, S. 87 ff.;
    W. Haacke, Die pol. Zeitschr. I, 1968, S. 101 f.

  • Autor/in

    Wilmont Haacke
  • Empfohlene Zitierweise

    Haacke, Wilmont, "Hermes, Karl Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 672 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116744359.html#ndbcontent

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  • Leben

    Hermes: Karl Heinrich H., ein bekannter Publicist, wurde am 12. Febr. 1800 zu Kalisch in Polen geboren. Sein Vater, der dort als preußischer Beamter lebte und in Folge des Krieges 1806 nach Schlesien auswanderte, hatte ihn sorgfältig vorbilden lassen, sodaß er 1812 in das katholische Gymnasium, obgleich Protestant, in Breslau eintreten konnte. Er studirte darauf in Berlin und Breslau Theologie und Philologie und begeisterte sich als Burschenschafter für Urdeutschthum und teutonische Freiheit. Ein Nachklang dieser seiner urdeutschen Zeit in seine Doctordissertation: „Rerum galaticarum specimen“. Breslau 1822. Im Frühling 1823 begab er sich nach Dresden, um auf der dortigen Bibliothek Studien zu machen. Auf einer Reise nach den Niederlanden schloß er Bekanntschaft mit van Niel in Deventer und trat in dessen Privatinstitut als Lehrer ein. In van Niel's reicher Privatbibliothek war er in der Lage, sich mit der holländischen, englischen und französischen Litteratur näher bekannt zu machen. Hier in Holland vollendete er seine lateinische Uebersetzung und kritische Bearbeitung des altnordischen Gedichtes Völuspa. arbeitete auch an einer friesischen Grammatik, die aber nie im Druck erschienen ist. — Nach Breslau im Jahre 1824 zurückgekehrt, wollte er sich als Lehrer an der dortigen Hochschule niederlassen, wurde aber als „Demagog und früherer Burschenschaftler“ nicht zugelassen und so blieb ihm denn keine Wahl mehr, als sein Leben als Schriftsteller zu verbringen. Sein Freund und Studiengenosse, Wolfgang Menzel, berief ihn zu sich nach Stuttgart, wo H. dann für das „Morgenblatt" und „Das Litteraturblatt" arbeitete. Doch bald überwarf er sich mit jenem und nun übernahm er die „Brittannia“, die er von 1825—27 leitete. Seine um diese Zeit erschienene Schrift: „Ueber Shakespeare's Hamlet“, welche alles, was Goethe, Schlegel und Tieck über Hamlets Charakter gesagt hatten, umstoßen wollte, blieb gänzlich unbeachtet. Er verweilte nun ein Jahr in Paris, mit Correspondenzen für eine der größten deutschen Zeitungen und mit Studien über die gälische und baskische Sprache, sowie über die französischen Dichter des Mittelalters beschäftigt. Cotta in Stuttgart beauftragte ihn im J. 1827 mit der Begründung des „Auslandes“, doch verzögerte sich die Herausgabe der neuen Zeitung so lange, daß H. unterdessen|noch eine Reise nach Italien unternehmen konnte. Die litterarischen und geschichtlichen Schätze der Bibliotheken zu Venedig, Padua und Mailand beschäftigten und zogen ihn vorzugsweise an. 1828 nahm das „Ausland“ unter seiner Leitung seinen Anfang. Diese Zeitung wurde gegründet, um, neben dem von Wirth redigirten „Inland“ der allgemein verbreiteten Theilnahmlosigkeit entgegen zu arbeiten; ihre Richtung war eine durchaus politische, welche zu dem Wesen Hermes' ganz vorzüglich paßte. In München, wo er sich unterdessen niedergelassen hatte, konnte er sogar neben der Redaction noch Vorlesungen halten, die von der damals freisinnigen Regierung ihm gestattet und sehr zahlreich besucht wurden. Er hätte sich auf diese Weise leicht eine sehr angenehme Existenz gründen können, allein seine Neigung unberufener Einmischung, sein doctrinäres Absprechen und sein verletzender Hohn zogen ihm viele Feinde zu. Nach vielen unangenehmen Begegnungen bereitete man ihm bei der Aufführung seiner Uebersetzung von Victor Hugo's „Hernani“ im Theater einen öffentlichen Skandal, so daß seine Stellung unhaltbar wurde und er München verlassen mußte. — Hierauf wandte er sich nach Leipzig, wo er von Ostern 1831 an Mitarbeiter an den „Blättern für litterarische Unterhaltung“ war und manches Andere schrieb: „Geschichte von Polen“, „Freie Blätter für Baiern und Deutschland", „Ueber die politische Frage“, „Napoleon“ etc. Später veranlaßte ihn der Buchhändler Vieweg in Braunschweig, dorthin zu ziehen, um die Leitung der „Deutschen Nationalzeitung aus Braunschweig und Hannover“ zu übernehmen. Diese Zeitung war eine der ersten, welche regelmäßige Leitartikel an der Spitze jedes Blattes brachte. Er schrieb diese meistens selbst und verstand durch geschickte Wahl des Stoffes die Aufmerksamkeit zu fesseln, während er den übrigen Theil der Zeitung dürftig ausstattete. In Braunschweig verweilte er bis zum Jahre 1840, doch blieben die fatalen Begegnungen und Konflikte auch hier nicht für ihn aus. Man achtete seine Kenntnisse und seine Gewandtheit, aber seine Persönlichkeit stieß ab. Theils an allgemeiner Theilnahmlosigkeit, theils wegen ihrer Haltung in der orientalischen Frage (1840) ging die Nationalzeitung zu Grunde und H. wandte sich nun nach Köln, um der „Kölnischen Zeitung“ seine Leitartikel zu widmen. Ihnen trat die „Rheinische Zeitung“, das Organ des jungen Rheinlandes, mit heftiger, zum Theil sehr persönlicher Polemik entgegen. H. ließ sich dadurch nicht beirren; ja als die „Rheinische Zeitung" eingegangen war, bemühte er sich, ihren Leserkreis dem „gemäßigten Liberalismus“ der „Kölnischen Zeitung“ zuzuführen. Es wurde jedoch dieser Liberalismus, trotz seiner Mäßigung, in Berlin übel vermerkt und H. mußte mit seinen Leitartikeln innehalten. Im Mai 1843 gab er die Erklärung ab, daß er nur nothgedrungen schweige und nach kaum drei Monaten finden wir ihn im Solde des Ministeriums zu Berlin, von dem er eben noch gesagt hatte, es treibe die allgemeine Unzufriedenheit auf eine Höhe, die man in Preußen nie zuvor erlebt habe. Er wurde zwar schlecht behandelt, aber gut bezahlt. Wie es ihm zu jener Zeit ergangen, Zeigt seine Schrift: „Blicke aus der Zeit in die Zeit“. Durch J. B. Rousseau, einen rheinischen Publicisten ähnlicher Art, wurde er später an der Redaction der Staatszeitung ersetzt, erhielt aber jetzt eine Directorenstelle an einer Eisenbahn. Dabei verdiente er sich durch Speculationen mit Actien viel Geld und wurde nun ein vollständiger Lebemann. Weiber und Wein hatten ihn um die Früchte seiner Speculationen schon gebracht, als das plötzliche Weichen der Kurse auch den Rest seines Vermögens noch verschlang. Im J. 1848 traf ihn auch noch ein Schlaganfall. Er trat nun gänzlich zur äußersten Rechten über, redigirte zuerst in Bremen die „Neue Bremer Zeitung“, dann in Berlin den „Staatsanzeiger“, die „Norddeutsche Zeitung“ in Stettin. Er war zum vollständigen Miethling geworden. Er schrieb nur noch matt und|nicht selten plump und sogar oft geistlos. Es mag für eine Erlösung gelten, daß er am 19. October 1856 zu Stettin an einer Gehirnentzündung starb. So ging ein Mann von großen Gaben und vielseitigen Kenntnissen an den Schwächen seines Charakters zu Grunde. Von seinen zahlreichen Schriften sind wol die besten die: „Blicke aus der Zeit in die Zeit“ und die „Geschichte der Entdeckung von Amerika durch die Isländer“.

  • Autor/in

    Kelchner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Kelchner, Ernst, "Hermes, Karl Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 199-201 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116744359.html#adbcontent

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