Lebensdaten
1900 bis 1957
Geburtsort
Wien
Sterbeort
New York
Beruf/Funktion
Kunsthistoriker
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 116546344 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kris, Ernst
  • Kris, Ernst W.
  • Kris, Ernst Walter
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Zitierweise

Kris, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116546344.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Leopold, Dr. iur., Rechtsanwalt;
    M Rosa N. N.;
    Wien 1927 Marianne (* 1900), Psychoanalytikerin, T d. Oscar Rie (1863–1931), Kinderarzt, Freund u. Mitarbeiter S. Freuds (s. L);
    1 S, 1 T.

  • Leben

    Bereits als Gymnasiast hörte K. 1917/18 an der Univ. Wien bei J. v. Schlosser und E. Loewy Kunstgeschichte und Klassische Archäologie. Entscheidenden Einfluß gewann dabei Schlosser, der K. selbst gerne als seinen „Urschüler“ bezeichnete. Von dessen Betrachtungsweise war auch K.s Dissertation über Naturabgüsse lebender Tiere aus der Zeit des Manierismus (1922) deutlich geprägt, desgleichen sein anschließendes Wirken an|der Sammlung für Plastik und Kunstgewerbe des Kunsthistorischen Museums, wo er sich vor allem mit den Steinschneide- und Goldschmiedearbeiten beschäftigte. Die dabei entstandenen Inventar-Publikationen – die ersten nach modernen Gesichtspunkten überhaupt – ließen K. schon nach kurzer Zeit als den führenden jüngeren Fachmann auf diesem Gebiet erkennen, so daß er u. a. bereits 1929 den Auftrag erhielt, die „Milton Weil Collection“ des New Yorker Metropolitan Museum zu bearbeiten. In Wien nahm er 1934/35 gemeinsam mit L. Planiscig eine für viele Jahre maßgebende Neuaufstellung der „Plastiksammlung“ nach kulturhistorischen, an Sammlerpersönlichkeiten und Kunstzeitaltern orientierten Gesichtspunkten vor.

    Für seinen weiteren Lebensverlauf wurde schließlich die Begegnung mit Sigmund Freud bedeutungsvoll, dem er ursprünglich nur als Helfer und Berater bei dessen Sammlung antiker und altorientalischer Kleinkunst assistierte, um sodann zunehmend in den Bannkreis der Psychoanalyse selbst zu geraten. Seit 1927 Mitglied des Wiener Psychoanalytischen Instituts, von 1930 an auch als Angehöriger des Lehrausschusses, begann er 1931 neben seinen bisherigen Verpflichtungen auch noch ein Medizinstudium, unterbrach dieses jedoch bereits nach einem Semester, um auf Bitten Freuds zusammen mit Robert Waelder die Redaktion von „Imago“, der damals wichtigsten psychoanalytischen Zeitschrift, zu übernehmen. Als die wohl wesentlichste unter den bereits stark psychoanalytisch bestimmten Veröffentlichungen K.s aus dieser Periode und zugleich als der eigentliche Wendepunkt in seiner Doppelexistenz als Kunst- und Seelenforscher ist sein großer Aufsatz über „Die Charakterköpfe des Franz Xaver Messerschmidt. Versuch einer historischen und psychologischen Deutung“ (Jb. d. kunsthist. Slgg. in Wien NF 6, 1932, S. 169-228) zu bezeichnen. Er ist die erste einer Reihe von Studien, in denen die Ergebnisse der Psychoanalyse systematisch auf die Erhellung des künstlerischen Schaffensprozesses, durchaus auch unter Einschluß des psychopathischen Moments und unter Berücksichtigung geisteskranker Künstlerpersönlichkeiten, angewandt wurden.

    1938 emigrierte K. mit seiner Familie nach London und war zunächst am dortigen Psychoanalytischen Institut sowie als Lehranalytiker tätig. 1939/40 baute er sodann als „Senior Research Officer“ für die BBC ein eigenes staatliches Ressort zur Analyse und Auswertung der feindlichen Rundfunkpropaganda auf, um bald darauf zur Gründung ähnlicher Einrichtungen auch nach Kanada und in die USA gesandt zu werden. Seit 1940 in New York lebend, wirkte K. nunmehr als Visiting Professor für Psychologie an der New School for Social Research, wo er gemeinsam mit dem Psychologen Hans Speier und anderen Fachleuten das „Research Project on Totalitarian Communication“ (1941-44) ins Leben rief. Daneben lehrte er seit 1942 am New Yorker Psychoanalytischen Institut sowie bald darauf auch am College of the City of New York, von 1945 an als Professor von dessen Graduate Division für Psychologie. 1949 wurde er aufgrund seiner großen Verdienste auch auf dem Gebiet der Kinderpsychoanalyse nach Yale berufen, um im dortigen „Child Study Center“ an einem interdisziplinären Großprojekt zur Erforschung der frühkindlichen Entwicklungsstadien mitzuwirken. 1951 wurde er an derselben Universität zum Professor für Psychologie, 1953 für Psychiatrie ernannt.

    Obwohl K. nach dem Zeugnis seines Freundes E. H. Gombrich, der ihn als einen der wenigen Zeitgenossen rühmt, die in unseren Tagen dem Ideal des „uomo universale“ noch einmal nahe gekommen wären, in späteren Jahren ein Erinnertwerden an seine Vergangenheit als Kunsthistoriker nicht sonderlich geschätzt zu haben scheint, muß es für die allgemeine Kunstwissenschaft als erheblicher Verlust bezeichnet werden, daß er sich schon so früh von ihr abwandte, auch wenn dies zu einem großen Gewinn für die Psychoanalyse geführt haben mag.|

  • Auszeichnungen

    Ehrenmitgl. d. New York Psychoanalytic Institute and Society (1942) u. d. American Psychoanalytic Association (1954).

  • Werke

    Weitere W u. a. Der Stil „Rustique“, Die Verwendung d. Naturabgusses b. Wenzel Jamnitzer u. Bernard Palissy, in: Jb. d. kunsthist. Slgg. in Wien, NF I, 1926, S. 137-208;
    Über e. got. Georgs-Statue u. ihre nächsten Verwandten, Ein Btr. z. Kenntnis d. österr. Skulptur im frühen 15. Jh., ebd. IV, 1930, S. 121-54;
    Der österr. Erzhzg.hut im Stifte Klosterneuburg, Hist. u. kunsthist. betrachtet, ebd. VII, 1933, S. 229-48 (mit W. Pauker);
    Die Arbb. d. Gabriel de Grupello f. d. Wiener Hof, ebd. VIII, 1934, S. 205-24;
    Die Kameen im Kunsthist. Mus., Beschreibender Kat., 1927 (mit F. Eichler);
    Georg Hoefnagel u. d. wiss. Naturalismus, in: A. Weixlgärtner u. L. Planiscig (Hrsg.), Festschr. f. Jul. Schlosser z. 60. Geb.tage, 1927, S. 243-53;
    Meister u. Meisterwerke d. Steinschneidekunst in d. ital. Renaissance, 2 Bde., 1929 (Nachdr. 1979);
    Goldschmiedearbb. d. MA, d. Renaissance u. d. Barock, 1. T.: Arbb. in Gold u. Silber, Beschreibender|Kat., 1932 (mehr nicht ersch.);
    Cat. of Postclassical Cameos in the Milton Weil Collection, 1932;
    Die Legende v. Künstler, Ein geschichtl. Versuch, 1934, Neudr. 1980 (mit O. Kurz);
    Aufsatzslg. in: Psychoanalytic Explorations in Art, 1952, dt. Textauswahl: Die ästhet. Illusion, Phänomene d. Kunst in d. Sicht d. Psychoanalyse, 1977;
    Papers on Psychoanalytic Psychology, 1964 (mit H. Hartmann u. R. M. Loewenstein);
    Selected Papers of E. K., hrsg. v. L. M. Newman, 1975 (Sammelbd. d. wichtigsten psychoanalyt. Aufsätze). - Hrsg. (mit H. Speier): German Radio Propaganda, Report on Home Broadcasts During the War, 1944. - W-Verz.
    in: The Index of Psychoanalytic Writings, hrsg. v. A. Grinstein, II, 1957, S. 1130-34;
    The Psychoanalytic Study of the Child 13, 1958, S. 562-73.

  • Literatur

    E. H. Gombrich, A mind of distinction, in: The Times, Nr. 53 797 v. 23.3.1957, S. 11;
    H. Hartmann, in: The Psychoanalytic Study of the Child XII, 1957, S. 9-15;
    W. Hoffer, in: The Internat. Journal of Psycho-Analysis 38, 1957, S. 359-62;
    R. M. Loewenstein, in: Journal of the American Psychoanalytic Association 5, 1957, S. 741 ff.;
    S. u. L. B. Ritvo, in: Psychoanalytic Pioneers, hrsg. v. F. Alexander, S. Eisenstein u. M. Grotjahn, 1966, S. 484-500. Enc. Jud.

  • Autor/in

    Nikolaus Mikoletzky
  • Empfohlene Zitierweise

    Mikoletzky, Nikolaus, "Kris, Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 48-50 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116546344.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA