Lebensdaten
1807 bis 1868
Sterbeort
Alfeld/Leine
Beruf/Funktion
Revolutionär
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116366435 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rauschenplat, Johann Ernst Armin von
  • Rauschenplat, Hermann von
  • Rauschenplat, Johann Ernst Armin von

Quellen(nachweise)

Verknüpfungen

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Zitierweise

Rauschenplat, Hermann von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116366435.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus seit 1346 erw., ursprüngl. hildesheim. Adelsfam.;
    V Friedrich (1769–1841), Erb- u. Ger.herr auf Sellenstedt, Landrat in A., preuß. Rittmeister, S d. Friedrich (1731–99), auf Sellenstedt, anhalt-zerbst. Gen.brigadier, u. d. Antoinette v. Crone a. d. H. Westerbrak (1735–76);
    M Dorothea Berghoff (1782–1872);
    B Hans (1806–75), hann. Forstmeister in Winzenburg (Kr. Alfeld); – ledig; Verwandter Hellmuth (s. 2).

  • Leben

    R. besuchte die Schule in Ilfeld und studierte seit 1825 Rechtswissenschaft in Berlin und Göttingen, wo er 1829 mit der Arbeit „De onere probandi in negatoria“ promoviert wurde und nach der Habilitation 1830 als Privatdozent tätig war. Ende des Jahres gerieten R. und seine Kollegen Heinrich Ahrens (1808–74) und Theodor Schuster (* 1808) mit dem Dekan der Universität, Gustav Hugo (1764–1844), in Konflikt, dem sie Knebelung der wissenschaftlichen Freiheit vorwarfen. Ein gegen die drei eingeleitetes akademisches Disziplinarverfahren löste am 8.1.1831 den von R. mitangeführten Göttinger Aufstand aus, nach dessen Niederschlagung er nach Straßburg floh. 1832 nahm R. am Hambacher Fest teil und bereiste anschließend Süddeutschland. Im März 1833 bereitete er gemeinsam mit Gustav Bunsen (1804–36) und Gustav Körner (1809–96) den Frankfurter|Wachensturm (3./4.4.1833) vor, nach dessen Scheitern R. in die Schweiz ging. Seit dem 29.1.1834 wurde er zum zweiten Mal nach 1831 steckbrieflich wegen der „Teilnahme an dem hochverrätherischen Attentate zu Göttingen und Frankfurt am Main“ gesucht. In der Schweiz gehörte er zunächst zu den Anhängern Giuseppe Mazzinis (1805–72) und nahm am Savoyenzug teil. R. distanzierte sich jedoch wieder von Mazzinis Idee eines „Jungen Europas“ als europ. Gesamtverband der Radikalen und trat für eine unabhängige und freie dt. Revolutionsbewegung ein. In Zürich übernahm er Anfang 1835 die Führung des Handwerkervereins, verließ aber nach wenigen Wochen die Schweiz in Richtung Paris. Im Herbst 1835 kämpfte R. in Barcelona, im Mai 1836 wurde er in der Schweiz verhaftet, konnte aber bei Konstanz fliehen, im Sept. 1837 war er in Brüssel, in den folgenden Monaten abwechselnd in Arton und Straßburg, wo er 1839-42 im Stadtarchiv tätig war. Seit 1843 wirkte R. als Mittelsmann und Informant für Franz Stromeyer ( 1847), einen Spitzel Metternichs. 1848 kehrte er amnestiert nach Deutschland zurück, wo er im Polizeidienst des Reichsverwesers gegen die bad. Revolution kämpfte. 1851 siedelte R. in seine hann. Heimat zurück.

    Seit den 30er Jahren war R. als Übersetzer tätig, v. a. von Werken Felicité de Lamennais' (1782-1854), in denen er die naturrechtliche und christliche Begründung seiner Forderungen nach Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit fand. Seine Übersetzung von Lamennais' „Paroles“ (u. d. T.: Worte eines Gläubigen, 1834) zählte zu den wichtigsten Lektüren der dt. Arbeitervereine, aller Sektionen des Jungen Deutschlands, des Bundes der Geächteten und später des Bundes der Gerechten. 1838 folgte R.s Übersetzung des Werks „Livre du peuple“ (Das Buch d. Volkes).

  • Werke

    (Hg.) Die geh. Beschlüsse d. Wiener Kab.-Konferenzen v. J. 1834, Nebst Anhang: Die geh. preuß. Denkschr. v. J. 1822, 1834. |

  • Quellen

    Qu: Haus-, Hof- u. StA Wien, Allg. Verw.archiv 151/1843 (Abschr. Franz Stromeyer an Clannern v. Engelshofen); Univ.archiv Heidelberg; Gen.landesarchiv Karlsruhe.

  • Literatur

    ADB 27;
    L. F. Ilse, Gesch. d. pol. Unterss., welche durch d. neben d. Bundesverslg. errichteten Commissionen, d. Central-Unters.-Commission zu Mainz u. d. Bundes-Central-Behörde zu Frankfurt in d. J. 1819 bis 1827 u. 1833 bis 1842 geführt sind, 1860;
    K. Glossy (Hg.), Lit. Geh.berr. aus d. Vormärz, 1912, Nachdr. 1975;
    W. Schieder, Anfänge d. dt. Arbeiterbewegung, Die Auslandsvereine im J.zehnt nach d. Julirev. v. 1830, 1963;
    E. R. Huber, Dt. Vfg.gesch. seit 1789, II, 1988, S. 88, 132, 142, 164 ff.;
    Cat. Professorum Gottingensium, 1962;
    Drüll, Heidelberger Gel.lex. I;
    Pätzold, Biogrr. z. dt. Gesch., 1991.

  • Autor/in

    Barbara Gant
  • Empfohlene Zitierweise

    Gant, Barbara, "Rauschenplat, Hermann von" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 208-209 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116366435.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Rauschenplat: Johann Ernst Arminius v. R., geboren am 6. Oct. 1807 in Alfeld, besuchte die Schule in Ilfeld und die Universitäten Berlin und Göttingen. An der letztern promovirte er auf Grund einer Dissertation: de onere probandi in negatoria 1829 und habilitirte sich im Jahre darauf. Um dieselbe Zeit siedelten sich in Göttingen an: die Doctoren Ahrens und Schuster, gleichen Alters mit R., Hannoveraner und Privatdocenten der juristischen Facultät wie er, alle drei bekannt durch ihre Theilnahme an dem Göttinger Aufstande vom Januar 1831. Aber während die letztern die Jugendverirrung durch ihr späteres Wirken und Schassen sühnten, bleibt für R. die Göttinger Revolution die bemerkenswertheste Thatsache seines Lebens. Ein Conflict mit dem Decan, Hugo, machte seinen und seiner Genossen Namen zum erstenmal bekannter. Die Beanstandung einer von Ahrens verfaßten Abhandlung: de confoederatione germanicarum civitatum durch Hugo rief den Zorn der jungen Hitzköpfe wach, sie protestirten dagegen im „Eremiten“, und wurden infolge dessen und wegen Veranstaltung eines uncensirten Druckes der Schrift im Auslande in akademische Untersuchung gezogen. Ein Martyrium gewiß nicht schwerer Art, aber in Tagen wie jenen ausreichend, um Anhang zu verschaffen. Die Studirenden sammelten sich zu einer Lesegesellschaft um die drei, und mit den unzufriedenen Elementen in der Göttinger Bürgerschaft wie in der von Osterode, die sich theils durch locale Uebelstände, theils durch die politischen Zustände des Landes bedrückt fühlten, wurden Anknüpfungen gewonnen. Als der Aufstand am 8. Januar ausbrach, stand R. mit seinen Adjutanten, größtentheils Angehörigen der Landsmannschaft der Hildesen, deren Mitglied er selbst als Student gewesen war, an der Spitze. Ohne Widerstand zu finden, setzte man den Magistrat und den Polizeicommissar Westphal ab und bildete einen Gemeinderath, aus einer großen Anzahl von Rechtsanwälten, Privatdocenten und Bürgern bestehend, und bewaffnete die Bürgerschaft und die Studenten. R. war Mitglied des Gemeinderaths und der Chef der bewaffneten Macht. Ein Versuch des akademischen Senats, die Studirenden von den Bürgern zu trennen und in eine unter Langenbeck's (s. A. D. B. XVII, 664) Commando stehende Sicherheitswache zu vereinigen, mißlang durch Rauschenplat's energische und revolutionäre Rhetorik, der der berühmte Mediciner nicht gewachsen war. Das war aber auch alles: Proklamationen, Reden, Umzüge durch die Stadt, bei denen die|akademische Jugend zur Melodie des Marsches aus der Stummen von Portici, der Revolutionsoper, sang: Rauschenplat geh Du voran, Du hast die großen Stiefeln an; die Göttinger wußten in der That mit ihrer siegreichen Revolution nichts anzufangen. Gin bestimmtes Ziel hatte man nicht; das Abzeichen der Aufständischen war die kalenbergische Cocarde roth-grün-lilla. Als der General v. d. Bussche zur Unterwerfung aufforderte, bedrohte R. die Muthlosen mit seinen Waffen und verbreitete unter seinen Anhängern das Gerücht, die Franzosen seien an zwei Stellen über den Rhein gegangen. Am 16. Januar rückte das Heer in die Stadt ein; die akademischen Führer waren größtentheils in der Nacht zuvor entflohen, während die bürgerlichen Häupter verhaftet wurden und ihre Betheiligung durch langjähriges Gefängniß zu büßen hatten. R. ging wie seine Genossen nach Frankreich, hatte er doch schon vor dem Ausbruch der Göttinger Revolution sich mit seinen Collegen an den französischen Gesandten in Cassel mit der Bitte gewandt, da sie durch öffentlichen Protest gegen eine Censurverfügung und durch freisinnige Lehren sich mißliebig gemacht und eine Ausweisung aus Göttingen zu befürchten hätten, ihnen eine Anstellung als Lehrer des Staats- oder Civilrechts in Frankreich zu verschaffen. R. begab sich zunächst nach Straßburg, durchstreifte die Länder Westeuropas, betheiligte sich an dem sog. Savoyerzuge, einem Einfalle von Polen, Italienern und Deutschen, der im Februar 1834 aus dem Genfergebiet versucht wurde, ging im Herbst 1835 nach Barcelona, überall bei Aufständen und Unruhen thätig. Ein Mann der revolutionären That, scheint er nur selten zur Feder gegriffen zu haben. Ref. ist nur eine Schrift von wenigen Seiten unter dem Titel: „Briefe über Frankreich und Deutschland“ bekannt geworden, die nichts weiter als ein Abdruck von vier Artikeln der Neuen Basler Zeitung von 1840 und 1841 sind und die Bestimmung haben, den „Eroberungsprahl“ von 1840 als vereinzelt, die Mehrzahl der Franzosen als frei von allen Rheingelüsten darzustellen. Die Amnestie des J. 1848 verschaffte ihm die Freiheit der Rückkehr ins Vaterland; er kämpfte gegen die republikanischen Freischaaren in Baden, trat in den Polizeidienst des Reichsverwesers und kam etwa 1851 in seine hannoversche Heimath zurück, eine Zeitlang in Hildesheim, dann wieder in seinem Geburtsorte lebend. Hier starb er am 21. Dec. 1868; seine Mutter, die Landräthin von R. dankte öffentlich denen, die ihren „unglücklichen“ Sohn zu Grabe geleitet hatten.

    • Literatur

      Pütter-Oesterley, Göttinger Gel.-Gesch. IV 361. — G. W. Böhmer, der Aufstand im Kgr. Hannover im J. 1831 S. 13 ff. —
      Conversationslexikon der Gegenwart IV 1 (1840) S. 1054: Art. Seidensticker. —
      Oppermann, Herm. Forsch S. 187 ff.; hundert Jahre VI 117; zur Gesch. der Entwicklung u. Thätigkeit der allg. Stände des Kgr. Hannover (1842) S. 167 ff. —
      Gewinns, Gesch. des 19. Jahrh. VIII 710. —
      Unger, Göttingen u. die Georgia Augusta S. 110. —
      Ebers, Richard Lepsius S. 354 (mit unrichtigem Jahres- u. Tagesdatum). — Alfelder Wochenblatt v. 23. und 30. Dec. 1868.

  • Autor/in

    F. Frensdorff.
  • Empfohlene Zitierweise

    Frensdorff, Ferdinand, "Rauschenplat, Hermann von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 27 (1888), S. 446-447 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116366435.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA