Lebensdaten
1798 bis 1866
Geburtsort
Stettin
Sterbeort
Nietleben bei Halle (Cholera)
Beruf/Funktion
Psychiater ; Arzt
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116019948 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Damerow, Heinrich Philipp August
  • Damerow, Heinrich
  • Damerow, Heinrich Philipp August

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Zitierweise

Damerow, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116019948.html [15.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Pfarrer ( 1810);
    M Henriette (1767–1842), T des Kaufm. Daniel Willett (1724–81) in Stettin u. der Helene Johanette Leipziger aus Stettin;
    Om Gottfr. Martin Willett (1765–1830), Staatskassendirektor in Wiesbaden;
    ⚭ Franziska;
    1 S.

  • Leben

    D. wuchs in der Atmosphäre des Stettiner Johannisklosters auf, in dem Geisteskranke versorgt wurden; von schwächlicher, verträumter Natur liebte er Wanderungen. 1815 wurde er freiwilliger Jäger des Regiments Kolberg und kehrte nach 7 Monaten auf die Schulbank zurück. Ostern 1817 bezog er als Mediziner die Universität Berlin, überarbeitete sich bis zu Ausnahmezuständen, hörte Schleiermacher, Hegel, studierte Psychiatrie bei Anton Ludwig E. Horn und arbeitete in der Stettiner Anstalt bei K. G. Neumann. 1821 promovierte er, bereiste vor dem Staatsexamen Deutschland und Frankreich (Paris); er lernte das Würzburger Juliusspital und die Salpétrière kennen (Esquirol). François Magendies Experimentalphysiologie sagte ihm wenig. Oktober 1822 kehrte er nach Berlin zurück, befaßte sich mit Medizingeschichte und Philosophie. 1826 bestand er das Staatsexamen, ein Jahr später habilitierte er sich. Großen Einfluß übten Schelling, Henr. Steffens und Hegel auf ihn aus. 1829 entstand „Die Elemente der nächsten Zukunft der Medizin…“. Durch Vertrauen des Kultusministers von Altenstein wurde er zu Fachfragen herangezogen, besuchte in amtlichem Auftrag die Anstalten Colditz, Leubus, Brieg, Wien, Sonnenstein, Plagwitz, kam nach Berlin zurück und erhielt weitere ministerielle Aufträge. Ostern 1836 übernahm er interimistisch die alte Irrenanstalt in Halle, deren Leitung er 1838 erhielt. In eigenwilligem Memorandum bot er sich als ministerieller Hilfsarbeiter für Psychiatrie an und trat nach Langermanns Tode an dessen Stelle (1839). 1840 erschien seine Schrift „Über die relative Verbindung von Irrenheil- und -pflegeanstalten“. In der Berliner medizinischen Zeitung verfaßte er „Pro memoria“ über die Herausgabe einer „Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie“, die 1844 entstand. In Beibehaltung seiner ministeriellen Stellung ging er 1842 abermals nach Halle, beteiligte sich an der Reorganisation der Irrenabteilung der Berliner Charité und eröffnete 1844 die neue Anstalt Nietleben. Er erhielt den Titel Geheimrat, wurde aber erst 1852 beamteter Direktor. Die Leitung der Zeitschrift übergab er 1857 seinem Schüler Heinrich Laehr. 1853 schrieb er eine Pathographie über den Königs-Attentäter „Sefeloge“. D.s Bedeutung liegt neben der psychiatrischen Pionierarbeit organisatorischer Art auf problemgeschichtlichem Gebiet. Er übernahm das Dogma Schellings von der Einheit von Geist und Natur, die die Geschichte frei setzt und deren Idee in künstlerischer Vollendung dargestellt werden muß. Damit legitimiert er sich als echter Spätromantiker, der den reinen Somatismus seiner Zeitgenossen Carl F. Flemming, K. W. M. Jacobi ablehnt. Er will weder bei einer empirischen Fachgeschichte, noch|bei pragmatischem Subjektivismus stehenbleiben; so gelangt er zu einem spätidealistischen Denksatz, der in der Geschichte die Offenbarung der Taten des Weltgeistes im Sinne einer großen Anthropologie erblickt. Die Psychiatrie wurde ihm zu einer fast chiliastischen Leitidee.

  • Werke

    Weitere W Über d. Grundlagen d. Mimik u. Physiognomik als freier Btr. z. Anthropol. u. Psychiatrie, 1850;
    Zur Kretinen- u. Idiotenfrage, 1858;
    Irrengesetze u. Verordnungen in Preußen, 1863;
    Zahlreiche Arbb. in d. Med. Ver.zs. u. Allg. Zs. f. Psychiatrie.

  • Literatur

    ADB IV;
    M. Viszanik, Die Irren- u. Pflegeanstalten, Wien 1845;
    M. Leupoldt, Gesch. d. Med., 1867;
    O. Müller, H. D., e. Lb., in: Festschr. anläßlich d. 50j. Bestehens d. Prov.Irrenanstalt zu Nietleben, 1897, S. 1-6;
    H. Laehr, in: Kirchoffs Dt. Irrenärzte I, 1921, S. 165-75 (P);
    W. Leibbrand, in: Nervenarzt 1955, S. 390 ff.;
    ders., Die spekulative Medizin d. Romantik, 1956;
    BLÄ.

  • Autor/in

    Werner Leibbrand
  • Empfohlene Zitierweise

    Leibbrand, Werner, "Damerow, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 498 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116019948.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Damerow: Heinrich Philipp August D., Irrenarzt, Sohn eines Geistlichen zu Stettin, geb. daselbst am 28. Decbr. 1798, 22. Sept. 1866; bezog nach Absolvirung des Stettiner Gymnasiums zu Ostern 1817 die Universität Berlin, um sich dem Studium der Medicin zu widmen. Schon hier bewies er große Vorliebe für Psychiatrie und besuchte mit Eifer die Vorträge Neumann's in der Charité. Nach seiner Promovirung im Frühjahre 1821 suchte er für diese Neigung auf einer Reise durch Deutschland und Frankreich weitere Nahrung, welche er denn auch besonders zu Paris bei Esquirol fand, der damals in der Salpêtrière lehrte. Im folgenden Jahre (1822) habilitirte er sich sodann zu Berlin als Privatdocent; von da 1830 als außerordentlicher Professor der Medicin nach Greifswald versetzt, stellte ihn endlich einige Jahre später die Reformirung des Irrenwesens in der preußischen Provinz Sachsen auf|seinen richtigen Posten, indem er berufen wurde, an die Spitze der neuzugründenden Provincialanstalt zu treten. Zunächst (1836) zum Leiter des provisorischen Irrenheilinstitutes zu Halle ernannt, fiel ihm zugleich die Aufgabe zu, die neue relativ-verbundene Irrenheil- und -pflegeanstalt dortselbst zu erbauen, welche er auch 1844 eröffnete und bis zu seinem Tode dirigirte. Er starb 1866 an der in der Anstalt herrschenden Cholera, welche er, da wegen des Krieges zwei seiner Assistenten als Militärärzte eingezogen waren, mit verdoppelten Anstrengungen zu bekämpfen suchte. Seine litterarische Thätigkeit eröffnete D., abgesehen von seiner ganz tüchtigen Dissertation ("Quomodo et quanto medicinae theoria vera“, Berol. 1821), mit: „Die Elemente der nächsten Zukunft der Medicin, entwickelt aus der Vergangenheit und Gegenwart", 1829, einer allgemeinen Entwicklungsgeschichte der Medicin mit besonderer Würdigung der Psychiatrie. Diesem Erstlingsproducte folgte nach verschiedenen Journalartikeln in den Jahrgängen 1833—38 der „Medicinischen Vereinszeitung“ sein Hauptwerk: „Ueber die relative Verbindung der Irrenheil- und -pflegeanstalten in historisch-kritischer, sowie in moralischer, wissenschaftlicher und administrativer Beziehung“, 1840, in welchem er gegenüber dem damals allgemein angestrebten Ziele, die Institute für die heilbaren Kranken von den Pflegeanstalten vollständig zu trennen, für die relative Verbindung beider plaidirte. Reich an Erfahrungssätzen, wenn auch zuweilen von philosophischer Phraseologie überwuchert, war diese Arbeit, obwol die hier verlangte Form des Anstaltswesens nur an einzelnen Orten zur wirklichen Ausführung kam, dennoch von weittragender Bedeutung. Noch größere Verdienste erwarb sich D. durch die in Verbindung mit Flemming und Roller 1844 gegründete „Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie“, welche als Sammelpunkt für die deutsche Psychiatrie sehr fördernd auf die Entwicklung dieser Specialität einwirkte. Dieselbe enthält fast in jedem Bande treffliche Arbeiten von D., insbesondere behandelte er hierin in so ausgezeichneter Weise die praktischen Fragen der Psychiatrie, daß er bei seinen Fachgenossen eine fast unbestrittene Autorität genoß und auf die Entwicklung des deutschen Irrenwesens einen maßgebenden Einfluß gewann. Unter seinen übrigen Schriften verdient noch Erwähnung die durch das bekannte Attentat Sefeloge's gegen Friedrich Wilhelm IV. veranlaßte Wahnsinnsstudie „Sefeloge“, 1853.

    • Literatur

      Callisen, Med. Schriftstellerlexikon, Bd. IV, S. 501.

  • Autor/in

    Bandorf.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bandorf, "Damerow, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 4 (1876), S. 716-717 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116019948.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA