Wagner, Horst

Lebensdaten
1906–1977
Geburtsort
Posen (Preußen, heute Poznań, Polen)
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Diplomat ; SS-Standartenführer ; Nationalsozialist
Konfession
unbekannt
Normdaten
GND: 128645989 | OGND | VIAF: 37977087
Namensvarianten

  • Wagner, Horst Kurt Arnold
  • Ludwig, Peter
  • Wagner, Horst
  • Wagner, Horst Kurt Arnold
  • Ludwig, Peter
  • Wagner, Horst Curt Arnold
  • Ludwig, Pether

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Zitierweise

Wagner, Horst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd128645989.html [02.04.2026].

CC0

  • Wagner, Horst Kurt Arnold

    Deckname: Dr. Peter Ludwig (seit 1948)

    1906 – 1977

    Diplomat, SS-Standartenführer

    Der Diplomat Horst Wagner war seit 1943 Leiter der Referatsgruppe Inland II im Auswärtigen Amt und persönlicher Verbindungsführer zwischen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (1893–1946) und Reichsführer-SS Heinrich Himmler (1900–1945). In diesen Funktionen verantwortete er die Kooperation des Auswärtigen Amts mit der SS bei der Judenverfolgung und -vernichtung in Europa.

    Lebensdaten

    Geboren am 17. Mai 1906 in Posen (Preußen, heute Poznań, Polen)
    Gestorben am 13. März 1977 in Hamburg
    Konfession evangelisch-lutherisch
    Horst Wagner (InC)
    Horst Wagner (InC)
  • 17. Mai 1906 - Posen (Preußen, heute Poznań, Polen)

    1912 - 1923 - Steglitz (seit 1920 Berlin)

    Schulbesuch (mit Unterbrechung von Ostern 1918–1920) (ohne Abschluss)

    Paulsen-Realgymnasium

    1924 - 1927 - Berlin

    Ausbildung zum Turn- und Sportlehrer (wahrscheinlich ohne Abschluss)

    Deutsche Hochschule für Leibesübungen

    1928 - ca. 1932

    wechselnde Tätigkeiten, u. a. Tennisspieler und Sportjournalist

    1932 - 1934 - Berlin

    Reitlehrer

    Reichskuratorium für Jugendertüchtigung

    März 1934 - Ende 1934 - Berlin

    Hilfsausbilder

    Reiter-SA

    Anfang 1936 - Berlin

    kurzzeitig Hilfskraft im Pressereferat

    Reichsluftfahrtministerium

    1936 - August 1938 - Berlin

    Referent

    Dienststelle Ribbentrop

    September 1936 - 1945 - Berlin

    Mitglied (Januar 1944 SS-Standartenführer)

    SS

    Herbst 1938 - 1945 - Berlin

    Mitglied (vordatiert auf 1.5.1937)

    NSDAP

    September 1938 - 1945 - Berlin

    Legationssekretär; seit Januar 1940 Legationsrat; seit 1942 Legationsrat I. Klasse; seit April 1943 Leiter Referatsgruppe Inland II; seit September 1943 Vortragender Legationsrat

    Auswärtiges Amt

    Mai 1943 - 1945 - Berlin

    alleiniger Verbindungsführer zum Reichsführer-SS Heinrich Himmler (1900–1945)

    Auswärtiges Amt

    1945 - August 1948 - u. a. Nürnberg

    Internierung

    August 1948 - Februar 1951 - Rom

    nach Flucht untergetaucht

    Februar 1951 - Mai 1952 - Lima (Peru); Chile; Buenos Aires

    Ausreise; wechselnde Tätigkeiten

    Mai 1952 - Juni 1953 - Rom

    Rückkehr; Enttarnung; März–Juni 1953 Auslieferungshaft

    ca. Mai 1954 - 1956 - Madrid

    Ausreise; keine Tätigkeiten bekannt

    Ende 1956 - Essen

    Übersiedlung

    Februar 1958 - Januar 1962 - Essen

    Festnahme; Inhaftierung; Anklage wegen Beihilfe zum Mord an dem französischen General Maurice Mesny (1886–1945) (Verfahren eingestellt)

    Landgericht

    1962 - 1972 - Essen; Erkrath bei Düsseldorf

    keine Tätigkeiten bekannt

    1972 - 1974 - Essen

    Prozess wegen Beihilfe zum Holocaust (Verfahren verschleppt und eingestellt)

    Landgericht

    13. März 1977 - Hamburg

    alternativer text
    Horst Wagner (links im Hintergrund), BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Hoffmann (InC)

    Wagner besuchte seit 1912 das Paulsen-Realgymnasium in Steglitz bei Berlin, das er 1923 ohne Abschluss verließ. 1924 begann er eine Ausbildung zum Turn- und Sportlehrer an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin, die er laut Eigenaussage Ende 1927 abschloss; wahrscheinlich fälschte er jedoch sein Zeugnis. Anschließend versuchte sich Wagner erfolglos als Tennisspieler und Sportjournalist und war seit März 1934 unter Friedrich-Wilhelm Krüger (1894–1945) Hilfsausbilder der Reiter-SA; zwei 1935 begonnene Studiengänge an der Universität Berlin, u. a. für Zeitungswissenschaften, blieben ohne Abschluss.

    Anfang 1936 erhielt Wagner – wahrscheinlich auf Vermittlung seines Schwagers – eine Stelle als Hilfskraft im Pressereferat des Reichsluftfahrtministeriums. Im selben Jahr wurde er Referent der mit außenpolitischen Angelegenheiten befassten „Dienststelle Ribbentrop“, in der er nur mit niederen Arbeiten betraut, jedoch Teil der Entourage Joachim von Ribbentrops (1893–1946) wurde. Seit September 1936 Mitglied der SS, wurde Wagner im September 1938 nach Ribbentrops Ernennung zum Reichaußenminister in das Auswärtige Amt (AA) übernommen, ohne die hierfür vorgesehene zweijährige Ausbildung absolviert zu haben.

    Im Stab Ribbentrops war Wagner mit verschiedenen Sonderaufträgen – u. a. dem Aufbau eines Gestüts – betraut. Nachdem im Frühjahr 1943 der Leiter der Abteilung Deutschland im AA, Martin Luther (1895–1945), entlassen worden war, übernahm Wagner die Leitung der neu geschaffenen Referatsgruppe Inland II, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Zusammenarbeit mit der SS koordinierte. Als seinen Stellvertreter forderte Wagner den Juristen Eberhard von Thadden (1909–1964) an, den er in der Dienststelle Ribbentrop kennengelernt hatte.

    Wagners Referatsgruppe koordinierte mit dem Referat Adolf Eichmanns (1906–1962) im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Erfassung möglichst vieler Jüdinnen und Juden im deutschen Einflussbereich sowie deren Freigabe zur Deportation in die NS-Vernichtungslager. Neben Griechenland lag dabei ein besonderer Fokus auf Ungarn; allein hier wurden von Mai bis Juli 1944 unter Mithilfe der Gruppe Inland II mindestens 300 000 Jüdinnen und Juden nach Auschwitz deportiert. Zugleich konzentrierte sich die Referatsgruppe Inland II zur diplomatischen Absicherung des Holocaust auf die Separierung von Juden aus neutralen Staaten oder westlichen Feindstaaten, die nicht deportiert werden sollten.

    Im Mai 1943 gelang es Wagner, zum alleinigen Verbindungsführer zwischen Ribbentrop und dem Reichsführer-SS, Heinrich Himmler (1900–1945), ernannt zu werden. So hatte er direkten Zugang zu beiden Ministern, hielt sich oft in den Führerhauptquartieren auf und überließ Thadden in Berlin weitgehend die Geschäftsführung, dessen Maßnahmen er meist billigte und gegenüber höheren Stellen im AA und dem RSHA vertrat. Wagner nahm am 4. Oktober 1943 bei der SS-Gruppenführertagung in Posen (heute Poznań, Polen) teil, bei der Himmler offen über die Judenvernichtung sprach.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Wagner in Nürnberg interniert und 1946/47 als Zeuge im Wilhelmstraßen-Prozess gegen die NS-Verwaltung und das AA vernommen. Im August 1948 gelang ihm die Flucht aus der Haft nach Rom, wo er – unter Mithilfe des Vatikans, wahrscheinlich des Theologen Alois Hudal (1885–1963) – untertauchte und im Februar 1951 nach Peru ausreisen konnte. Wagner hielt sich hier, in Chile sowie in Buenos Aires auf, ehe er im Mai 1952 unter dem Decknamen Peter Ludwig nach Rom zurückkehrte und sich als Journalist ausgab, jedoch bald von deutschen Pressevertretern enttarnt wurde. Seit März 1953 befand er sich in Auslieferungshaft, aus der er nach drei Monaten mit Unterstützung des Anwalts Vittorio Marotti freikam und sich etwa im Mai 1954 nach Spanien absetzte.

    Ende 1956 kehrte Wagner nach Deutschland zurück und wurde im Februar 1958 in Essen festgenommen. Ein Verfahren vor dem Landgericht Essen wegen Beihilfe zum Mord an dem kriegsgefangenen französischen General Maurice Mesny (1886–1945), in dem Wagner von dem ehemaligen Diplomaten im AA, Ernst Achenbach (1909–1991), vertreten wurde, scheiterte im Januar 1962. Anschließend lebte Wagner ohne geregelte berufliche Tätigkeit in Essen und Erkrath bei Düsseldorf. Ein weiteres Verfahren gegen ihn wegen Beihilfe zum Holocaust wurde 1972 nach umfangreichen Vorermittlungen ebenfalls in Essen eröffnet. Wagners Anwälte forcierten erfolgreich eine Verschleppung des Verfahrens aus gesundheitlichen Gründen, sodass der Prozess im Juli 1974 vorläufig eingestellt wurde. An Darmkrebs erkrankt, starb Wagner 1977 in Hamburg, ohne juristisch zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.

    1939–1945 Kriegsverdienstkreuz I. Klasse
    1939–1945 Sudetenmedaille
    1939–1945 Ostmarkmedaille
    1939–1945 Ungarisches Kreuz II. und I. Klasse

    Nachlass:

    Bundesarchiv, Koblenz, N 2320. (Splitterbestand) (weiterführende Informationen)

    Weitere Archivmaterialien:

    Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin. (Personalakte, Akten Gruppe Inland II)

    Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde. (u. a. SS-Offiziersakte)

    Christopher Browning, The Final Solution and the German Foreign Office. A Study of Referat D III of Abteilung Deutschland 1940–1943, 1978.

    Hans-Jürgen Döscher, SS und Auswärtiges Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der „Endlösung“, 1991, bes. S. 262–305.

    Sebastian Weitkamp, Braune Diplomaten. Horst Wagner und Eberhard von Thadden als Funktionäre der „Endlösung“, 2008. (P)

    Gisela Heidenreich, Geliebter Täter. Ein Diplomat im Dienst der „Endlösung“, 2011.

    Fotografien, 1936 u. 1972, Abbildung in: Sebastian Weitkamp, Braune Diplomaten. Horst Wagner und Eberhard von Thadden als Funktionäre der „Endlösung“, 2008, S. 55 u. 437.

  • Autor/in

    Sebastian Weitkamp (Esterwegen)

  • Zitierweise

    Weitkamp, Sebastian, „Wagner, Horst“ in: NDB-online, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd128645989.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA