Bruckner, Ferdinand / Künstlername seit 1926, bürgerlicher Name seit 1946
- Lebensdaten
- 1891 – 1958
- Geburtsort
- Sofia
- Sterbeort
- Berlin-West
- Beruf/Funktion
- Schriftsteller ; Dramatiker ; Theaterleiter ; Lyriker
- Konfession
- jüdisch,ab 1915 konfessionslos
- Normdaten
- GND: 118515802 | OGND | VIAF: 61588796
- Namensvarianten
-
- Tagger, Theodor / geboren
- Bruckner, Ferdinand / Künstlername seit 1926, bürgerlicher Name seit 1946
- Tagger, Theodor / geboren
- F.B.
- Bruckner, F.
- Bruckner, Ferdynand
- Bruckner, Fernando
- Brukner, Ferdinand
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Bruckner, Ferdinand (Künstlername seit 1926, bürgerlicher Name seit 1946; geborener Theodor Tagger)
1891 – 1958
Schriftsteller, Dramatiker, Theaterleiter
Ferdinand Bruckner ist insbeosndere für seine Zeitstücke „Krankheit der Jugend“ (1926) und „Die Verbrecher“ (1928) sowie für das Historiendrama „Elisabeth von England“ (1930) bekannt, mit denen er in der späten Weimarer Republik spektakuläre Theatererfolge erzielte. Darüber hinaus hinterließ er ein vielgestaltiges Werk, das neben Dramen erzählende Prosa, Essays und Gedichte umfasst und vom Expressionismus über die Neue Sachlichkeit zur antifaschistischen Exilliteratur und weiter zum Neoklassizismus der 1950er Jahre reicht.
Lebensdaten
-
Autor/in
→Joaquín Moreno (Berlin) Gunnar Szymaniak (Freiburg im Breisgau)
-
Zitierweise
Moreno, Joaquín / Szymaniak, Gunnar, „Bruckner, Ferdinand / Künstlername seit 1926, bürgerlicher Name seit 1946“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118515802.html#dbocontent
Leben
Tagger wuchs zunächst vermutlich im Komitat Pressburg (Ungarn, seit 1919 Bratislava, Tschechoslowakei) auf und nach der Trennung der Eltern bei seiner Mutter in Wien. Bezüglich seiner Schulzeit und eines eventuellen Studiums gibt es keine gesicherten Informationen. Die entsprechenden Angaben in diversen Nachschlagewerken haben sich entweder als falsch erwiesen oder konnten nicht bestätigt werden.
Seit 1911 betätigte sich Tagger in Wien u. a. mit Artikeln zur Musik als freier Journalist. 1931 absolvierte er ein Volontariat bei der „Breslauer Zeitung“, bevor er 1914 als Lektor bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) angestellt wurde. Aus gesundheitlichen Gründen, später aufgrund einer Bescheinigung der DVA vom Kriegsdienst zurückgestellt, gab er seit 1917 die bibliophile, expressionistische Zweimonatsschrift MARSYAS heraus, in der Autoren wie Franz Kafka (1883–1924), Alfred Döblin (1878–1957) und Hermann Hesse (1877–1962) Beiträge veröffentlichten, deren Exklusivität ihm aber Kritik von Ludwig Rubiner (1881–1920), Rudolf Borchardt (1877–1945), Franz Blei (1871–1942) und anderen Autoren eintrug. Nach scharfen Polemiken und persönlichen Angriffen zog er sich 1919 aus den spätexpressionistischen Zirkeln zurück.
1920 wurden Taggers Komödien „Harry“ am Stadttheater Halle an der Saale und „Annette“ am Deutschen Volkstheater uraufgeführt; auf Kritik stieß v. a. deren stilistische Abhängigkeit von Carl Sternheim (1878–1942). Im Berliner Renaissance-Theater, das er 1922 mit seiner Ehefrau gründete, inszenierte er bis 1927 auch von ihm übersetzte und bearbeitete französische Schauspiele. Unter seinem Pseudonym, zu dem er sich erst 1930 als Person öffentlich bekannte, startete er 1926 einen literarischen Neuanfang und verfasste im Stil der Neuen Sachlichkeit die Zeitstücke „Krankheit der Jugend“ (Uraufführung 1926, Kammerspiele Hamburg) und „Die Verbrecher“ (Uraufführung 1928, Deutsches Theater Berlin) sowie das Historiendrama „Elisabeth von England“ (Uraufführung 1930, Deutsches Theater Berlin), die auch über Deutschland hinaus Erfolge feierten.
Im März 1933 emigrierte Bruckner, dessen Werke im „Dritten Reich“ zur verbotenen Literatur zählten, über Wien, Zürich und Prag nach Paris. Dort schrieb er noch im selben Jahr das Schauspiel „Die Rassen“, das die unmittelbaren Folgen der nationalsozialistischen Machtübernahme aus Sicht eines studentischen Paares – sie ist Jüdin, er entwickelt sich zum Mitläufer der Nationalsozialisten – thematisiert und von Gustav Hartung (1887–1946) im November 1933 am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Im Juli 1936 folgte die Übersiedlung in die USA. Nach kurzer Tätigkeit für Paramount Pictures in Kalifornien lebte Bruckner ab 1937 in New York City. Hier übertrug er in den folgenden Jahren seine erfolgreichsten Stücke ins Englische, bearbeitete amerikanische Stoffe sowie Gotthold Ephraim Lessings (1729–1781) „Nathan der Weise“ (1779) für Erwin Piscators (1893–1966) Inszenierung am Studio Theatre in New York City 1942 und thematisierte den Kampf für Freiheit und Menschenrechte in Schauspielen wie „Simon Bolivar“ und „Denn seine Zeit ist kurz“ (beide 1945 publiziert). Bruckner engagierte sich in Vereinigungen von Exilschriftstellern, u. a. von 1938 bis 1940 neben Oskar Maria Graf (1894–1967) als Vorsitzender des Schutzverbands deutsch-amerikanischer Schriftsteller, und schrieb Beiträge für die Exil-Zeitschriften „Freies Deutschland“, „The German American“ und „Austro-American Tribune“.
Trotz vieler Bemühungen erreichte Bruckner in den USA kein Publikum und lebte in zunehmend prekären Verhältnissen. 1947 kehrte er nach Europa zurück, wo bereits im September 1945 seine Schauspiele „Die Befreiten“ (Schauspielhaus Zürich) und „Denn seine Zeit ist kurz“ (Städtische Bühnen Bern) uraufgeführt worden waren. Auf längeren Reisen setzte er sich für Aufführungen seiner Stücke ein und nahm Einfluss auf die Inszenierungen. Als Übersetzer übertrug er Arthur Millers (1915–2005) „Death of a Salesman“ (1949) 1949 ins Deutsche. 1953 ließ sich Bruckner in Berlin-West nieder, war weiter als Dramatiker produktiv und wirkte bis 1956 als Dramaturgischer Berater am Schiller-Theater und am Schloßpark-Theater.
Werk und Rezeption
Als Weltbürger mit einer idealistisch-humanistischen Haltung brachte Bruckner Stoffe aus den unterschiedlichen Kulturkreisen und Epochen zur Wirkung: In seinen Schauspielen thematisierte er die Nachkriegsjugend des Ersten Weltkriegs („Krankheit der Jugend“), das Rechtssystem der Weimarer Republik („Die Verbrecher“), die Kämpfe zwischen Königin Elisabeth I. von England (1533–1603) und König Philipp II. von Spanien (1527–1598) („Elisabeth von England“) sowie zwischen Germaine de Staël (1766–1817) und Napoleon Bonaparte (1769–1821) („Napoleon der Erste“, Uraufführung 1937, Tschechisches Nationaltheater Prag). Ebenso widmete er sich schriftstellerisch den Unabhängigkeitsbestrebungen eines Simón Bolívar (1783–1830) („Simon Bolivar“, Uraufführung 1948, Stadttheater Dresden) und den Gründungsvätern der USA („Die Namenlosen“ von Lexington“), dem norwegischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzungsmacht („Denn seine Zeit ist kurz“), Sujets der griechischen Antike („Pyrrhus und Andromache“, Uraufführung 1952, Schauspielhaus Zürich) und einem altindischen Drama (Das irdene Wägelchen“, Uraufführung Staatstheater Essen)
Neben seinem dramatischen Hauptwerk publizierte Bruckner Lyrik, Prosatexte und journalistische Texte und war als Herausgeber, Übersetzer, Dramaturg, Theaterdirektor und Förderer junger Autoren und Schauspieler tätig. In ausführlicheren Darstellungen und wissenschaftlichen Beiträgen wird Bruckner als ein Erneuerer des Theaters durch Simultandramatik und eine realistisch-psychologische Figurengestaltung sowie als eklektischer Theaterroutinier gewürdigt, der durch kalkulierte Effekte ein breites Publikum ansprach. Zudem erscheint er als Moralist, der Probleme seiner Zeit und der Geschichte auf der Bühne analysierte, indem er sie gespiegelt in der Psychologie seiner Figuren darstellte. Seit 2003 wird Bruckners Werk im Rahmen einer historisch-kritischen Ausgabe neu ediert.
| 1938–1940 | Vizepräsident der German American Writers Association |
| 1941 | Gründungsmitglied des European PEN in America |
| 1951 | Ehrenring der Stadt Wien |
| 1956 | Mitglied der Akademie der Künste, Berlin-West |
| 1957 | Dichterpreis der Stadt Wien |
| 1969 | Taggergasse, Wien-Donaustadt |
| Berliner Gedenktafel am Haus Kaiserdamm 102, Berlin-Charlottenburg |
Nachlass:
Ferdinand-Bruckner-Archiv, Akademie der Künste, Berlin. (weiterführende Informationen)
Deutsche Bibliothek, Frankfurt am Main, Deutsches Exilarchiv 1933–1945.
Werke unter dem Namen Theodor Tagger:
Von der Verheißung des Krieges und den Forderungen an den Frieden. Morgenröte der Sozialität, 1915. (Essay)
Die Vollendung eines Herzens, 1917. (Novelle)
Das Neue Geschlecht. Prgrammschrift gegen die Metapher, 1917.
Der Herr in den Nebeln, 1917. (Gedichte)
Über einen Tod, 1917. (Essay)
Der zerstörte Tasso. Ausgewählte Gedichte, 1918.
Psalmen Davids, 1918. (ausgewählte Übertragungen)
Größe und Nichtigkeit des Menschen, 1918 (ausgewählte Übertragungen von Texten Blaise Pascals)
Auf der Straße, 1920. (Erzählung)
1920 oder die Komödie vom Untergang der Welt. Ein Zyklus von Theodor Tagger, 1920. (Harry. Komödie in fünf Akten/Annette. Komödie in drei Akten)
Werke unter dem Namen Ferdinand Bruckner:
Krankheit der Jugend. Schauspiel in drei Akten, 1928.
Die Verbrecher. Schauspiel in drei Akten, 1928.
Die Kreatur. Schauspiel in drei Akten, 1930.
Elisabeth von England. Schauspiel in fünf Akten, 1930.
Timon. Tragödie, 1932.
Die Marquise von O. Schauspiel, 1933.
Die Rassen. Schauspiel in drei Akten, 1934.
Mussia. Erzählung eines frühen Lebens, 1935.
Die Befreiten. Schauspiel in zwei Teilen, 1945.
Denn seine Zeit ist kurz. Schauspiel, 1945.
Simon Bolivar, 1945. (Der Kampf mit dem Engel. Schauspiel in drei Akten und zwölf Szenen/Der Kampf mit dem Drachen. Schauspiel in zwei Teilen und 9 Szenen)
Fährten. Schauspiel in drei Akten, 1948.
Heroische Komödie. In drei Akten, 1955.
Zwei Tragödien 1956. (Der Tod einer Puppe. Tragisches Spiel/Der Kampf mit dem Engel. Tragödie in zwei Teilen)
Sammel- und Werkausgaben:
Dramen unserer Zeit, 1945. (Die Befreiten. Schauspiel in zwei Teilen/Denn seine Zeit ist kurz. Schauspiel)
Jugend zweier Kriege, 1947. (Krankheit der Jugend. Schauspiel in drei Akten/Die Verbrecher. Schauspiel in drei Akten/Die Rassen. Schauspiel in drei Akten)
Historische Dramen, 1948. (Elisabeth von England. Schauspiel in fünf Akten/Timon. Tragödie vom überflüssigen Menschen in fünf Akten/Heroische Komödie. In drei Akten)
Schauspiele. Nach historischen Stoffen, 1956 (Elisabeth von England. Schauspiel in fünf Akten/Timon und das Gold. Tragödie vom überflüssigen Menschen in fünf Akten/Pyrrhus und Andromache. Tragödie nach klassischen Motiven/Napoleon der Erste. Komödie/Heroische Komödie. In drei Akten).
Dramen, hg. v. Hansjörg Schneider, 1990. (Krankheit der Jugend/Die Verbrecher/Elisabeth von England/Die Rassen/Simon Bolivar)
Werke. Tagebücher. Briefe. Wissenschaftliche Ausgabe, hg. v. Hans-Gert Roloff, seit 2003, bislang 7 Bde. (weiterführende Informationen)
Übersetzungen:
Arthur Miller, Tod eines Handlungsreisenden, 1949.
Bibliografien:
Johannes G. Pankau, Ferdinand Bruckner. Bibliographie, in: John M. Spalek/Konrad Feilchenfeldt/Sandra H. Hawrylchak (Hg.), Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933, Bd. 4, Tl. 1, 1994, S. 331–347.
Renate Heuer (Red.), Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Archiv Bibliographia Judaica, Bd. 4, 1996, S. 169–196.
Joaquin Moreno/Gunnar Szymaniak/Almut Winter (Hg.), Ferdinand Bruckner 1891–1958, 2008, S. 347–355.
Monografien und Sammelbände:
Edith Rieder-Laska, Ferdinand Bruckner. Leben und Werk eines österreichischen Dramatikers bis zum Jahr 1949, 1949.
Sibylle Selbmann, Die dramaturgischen Prinzipien Ferdinand Bruckners, 1970.
Christiane Lehfeldt, Der Dramatiker Ferdinand Bruckner, 1971.
Eva Jurasz, Ferdinand Bruckner. Seine Stellung im Wiener Theaterleben 1927–1967, 1973.
Doris Engelhardt, Ferdinand Bruckner als Kritiker seiner Zeit, 1984.
Ingrid Reul, Aktualität und Tradition. Studien zu Ferdinand Bruckners Werk bis 1930, 1999.
Joaquín Moreno/Gunnar Szymaniak/Almut Winter (Hg.), Ferdinand Bruckner 1891–1958, 2008.
Aufsätze und Beiträge:
Gregor Gumpert, Lust an der Tora. Lektüren des ersten Psalms im 20. Jahrhundert, 2004, S. 45–73.
Kristina-Monika Kocyba, Nathan auf Reisen. Stationen einer transatlantischen Rezeptionsgeschichte, 2017, S. 99-152.
159 Fotografien, 1903–1958, Ferdinand-Bruckner-Archiv, Akademie der Künste, Berlin, Sign. 1428.
Fotografie v. Fred Stein (1909–1967), 1944, Deutsche Bibliothek, Frankfurt am Main, Deutsches Exilarchiv 1933–1945, EB autograph 1019.
Fotografie v. Jaro von Tucholka (1894–1978), 1954, Österreichische Nationalbibliothek Wien, Bildarchiv und Grafiksammlung, NB 508578-B.