Kießling, Günter
- Lebensdaten
- 1925 – 2009
- Geburtsort
- Booßen (heute Frankfurt an der Oder)
- Sterbeort
- Rendsburg bei Kiel
- Beruf/Funktion
- Offizier der Wehrmacht ; General der Bundeswehr ; Soldat ; General
- Konfession
- evangelisch
- Normdaten
- GND: 119125153 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Kießling, Günter Hans-Joachim Klaus
- Kießling, Günter
- Kießling, Günter Hans-Joachim Klaus
- Kiessling, Günther
- Kießling, Günter
- Kießling, Günther
- Cießling, Günter
- kießling, günther
- Cießling, Günter Hans-Joachim Klaus
- kießling, günther hans-joachim klaus
- Ciessling, Günther
- Cießling, Günter
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Kießling, Günter Hans-Joachim Klaus
1925 – 2009
Offizier der Wehrmacht, General der Bundeswehr
Günter Kießling war Offizier der Wehrmacht, trat 1954 in den Bundesgrenzschutz ein, wechselte 1956 in die Bundeswehr und hatte zwischen 1971 und 1984 verschiedene Verwendungen im Generalsrang, zuletzt als Stellvertreter des NATO-Oberbefehlshabers Europa (Deputy Supreme Allied Commander Europe). Der Öffentlichkeit bekannt wurde er durch seine Entlassung aufgrund der ihm unterstellten Homosexualität, die zur sog. Wörner-Kießling-Affäre 1984 führte und mit seiner Rehabilitierung endete.
Lebensdaten
Günter Kießling, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Heiner Möllers (Potsdam)
-
Zitierweise
Möllers, Heiner, „Kießling, Günter“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119125153.html#dbocontent
Kießling besuchte die Volksschule in Berlin, von 1936 bis 1940 die Nationalpolitische Lehranstalt in Berlin-Spandau und anschließend die Heeres-Unteroffizier-Vorschule der Wehrmacht in Dresden, später in Frankenstein (Niederschlesien, heute Ząbkowice Śląskie, Polen), wo ziviler und militärischer Unterricht erteilt wurde. Seit 1943 leistete er Kriegsdienst wechselweise als Ausbilder und als militärischer Vorgesetzter an der Front, wurde am 1. April 1943 Reserveoffizierbewerber, am 20. April 1945 zum Leutnant befördert und geriet bei Kriegsende in Eger (Böhmen, heute Cheb, Tschechien) in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Nach wenigen Wochen entlassen, kehrte Kießling Ende Juni 1945 nach Berlin zurück, lebte von Gelegenheitsarbeiten und besuchte daneben eine Abendschule. 1947 erhielt er in Berlin-Wilmersdorf das Abitur und studierte Volkswirtschaftslehre in Berlin-West, Bonn, Hamburg und Innsbruck (1953 Diplom-Volkswirt). 1958 wurde er an der Universität Bonn bei Oswald Schneider (1885–1965) mit der Arbeit „Die Neuordnung des Bundesfinanzwesens in der Schweiz“ zum Dr. rer. oec. promoviert.
Nach kurzer Tätigkeit im Bundesministerium der Justiz trat Kießling 1954 in den neu gegründeten Bundesgrenzschutz (BGS) und 1956 als Oberleutnant (1957 Hauptmann) in die Bundeswehr ein. Mit anderen BGS-Angehörigen stellte er den Kader für das Panzerbataillon 2 in Hemer (Sauerland). Er wurde nach wenigen Wochen in den Führungsstab der Bundeswehr im Bundesministerium für Verteidigung versetzt, war enger Mitarbeiter von Wolf Graf von Baudissin (1907–1993) und bearbeitete in dessen Umfeld die ersten Ideen für eine Truppeninformation. Er folgte 1958 dem nach Göttingen versetzten Baudissin, wurde hier Personaloffizier in der Kampfgruppe C 4 und, nach deren Umbenennung in Panzergrenadierbrigade 4, Chef der Stabskompanie dieser Brigade. Seit April 1961 nahm er am 4. Generalstabslehrgang (Heer) an der Führungsakademie der Bundeswehr teil, den er 1963 wegen seiner Beziehung zu einer damals 20jährigen und damit minderjährigen Frau vorzeitig verlassen musste. Kießling kam zur 1. Panzerdivision nach Hannover unter deren Kommandeur Generalmajor Wilhelm Meyer-Detring (1906–2002), der ihn im Dezember 1963 für einen Generalsstabslehrgang nach Camberley (Surrey, England) entsandte. Anschließend durchlief Kießling bis zu seiner Ernennung zum General im April 1982 eine schnelle Karriere mit teilweise nur sehr kurzen Stehzeiten in seinen Verwendungen und erwarb sich den Ruf eines strengen, nicht immer beliebten Vorgesetzten.
In Kießlings letzter Position als Deputy Supreme Commander Europe (DSACEUR) und Stellvertreter des US-amerikanischen Generals Bernhard W. Rogers (1921–2008) bei der NATO, einem Amt ohne klare Aufgaben, kam es zu Gerüchten über seine angebliche Homosexualität, die Kießling stets bestritt. Nach informellen und oberflächlichen Ermittlungen der Kölner Kriminalpolizei auf Veranlassung des Militärischen Abschirmdienstes im Juli 1983, die dieser an Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner (1934–1994) weitergab, vereinbarte der Minister mit Kießling dessen vorgezogene Ruhestandsversetzung zum 31. März 1984, die jedoch durch den Staatssekretär Joachim Hiehle (1926–2024) zum 31. Dezember 1983 als Entlassung exekutiert wurde. Die folgende Medienberichterstattung und Untersuchungen des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestags im Frühjahr 1984 machten die Ermittlungspannen und mangelnden Beweise deutlich, weshalb Kießling am 1. Februar 1984 als General wieder eingestellt, formell rehabilitiert und Ende März 1984 mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet wurde. Danach war Kießling in der Wirtschaft als Aufsichtsratsvorsitzender und als Publizist zu militärischen und deutschlandpolitischen Themen tätig.
Die sog. Wörner-Kießling-Affäre führte in den Folgejahren immer wieder zu Kontroversen, weil die Bundeswehr zunächst an der charakterlichen Nichteignung von Homosexuellen für Vorgesetztenverwendungen festhielt, trotz des Verbots der Benachteiligung aufgrund der sexuellen Orientierung nach Artikel 3 des Grundgesetzes. Die Wehrgerichtsbarkeit der Bundeswehr betrieb solche Benachteiligung in Urteilen bis zuletzt weiter mit. Erst 2000 änderte die Bundeswehr ihre Haltung und nach 2018 erfolgten einzelne Rehabilitationen für frühere homosexuelle Soldaten, die diskriminiert worden waren.
| 1944 | Eisernes Kreuz II. und I. Klasse |
| 1944 | Verwundetenabzeichen in Schwarz |
| 1944 | Infanteriesturmabzeichen in Silber |
| 1945 | Nahkampfspange in Bronze |
| 1977 | Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (1980 1. Klasse, 1983 Großes Verdienstkreuz) |
Nachlass:
Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, N 851. (weiterführende Informationen)
Weitere Archivmaterialen:
Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg im Breisgau, Pers. 1/100 206. (Personalakte)
Monografien und Sammelband:
Die Neuordnung des Bundesfinanzwesens in der Schweiz, 1957. (ungedr. Diss. oec., Universität Bonn)
Neutralität ist kein Verrat. Entwurf einer europäischen Friedensordnung, 1989.
NATO, Oder, Elbe. Modell für ein europäisches Sicherheitssystem, 1990.
Versäumter Widerspruch, 1993. (Autobiografie)
Staatsbürger und General. Günter Kießling, hg. v. Ortwin Buchbender, 2000. (Sammelband Reden u. Schriften)
Aufsätze und Beiträge:
Das Ende von Jalta, in: Wolfgang Venohr (Hg.), Ein Deutschland wird es sein, 1990, S. 137–160.
Die Personalführung der Bundeswehr zwischen dem Primat der Politik und der Forderung nach Effizienz der Streitkräfte, in: Mars. Jahrbuch für Wehrpolitik und Militärwesen 1 (1995), S. 17–31.
Bündnis oder Integration? Zur Frage der Organisation gemeinsamer Verteidigung im Rahmen der Europäischen Union, in: Mars. Jahrbuch für Wehrpolitik und Militärwesen 2 (1996), S. 91–106.
Bundeswehr und Wehrmacht. Zum Traditionsverständnis aus Sicht der Kriegsgeneration, in: Joachim F. Weber (Hg.), Armee im Kreuzfeuer, 1997, S. 27–37.
Die Überführung des Bundesgrenzschutzes in die Bundeswehr am 1. Juli 1956 als ein Versäumnis der Führung, in: Mars. Jahrbuch für Wehrpolitik und Militärwesen 3/4 (1997/98), S. 341–360.
Zivilcourage, eine zeitlose Forderung an den militärischen Führer, in: Siegfried Schönherr (Hg.), Streitkräfte, Ökonomie und Europäische Sicherheit. Generalmajor Dipl.-Kfm. Dr. rer. pol. Johannes Gerber zum 80. Geburtstag, 1999, S. 157–167.
Die Gründergeneration der Bundeswehr im Zwielicht, in: Mars. Jahrbuch für Wehrpolitik und Militärwesen 6 (2000), S. 78–85.
Geleitwort zu: Clemens Range, Die geduldete Armee. 50 Jahre Bundeswehr, 2005, S. 3.
Transformation und Innere Führung, in: Der Infanterist 17 (2005), S. 17 f.
Vorwort zu: 50 Jahre Panzertruppe der Bundeswehr 1956–2006, hg. v. Freundeskreis der Panzertruppe, 2006, S. 5–7.
Monografien:
Diskussionen und Feststellungen des Deutschen Bundestages in Sachen Kießling. Antrag, Bericht und Aussprache in der Angelegenheit des Bundesministers der Verteidigung, hg. v. Deutschen Bundestag, 1984.
Clemens Range, Die Generale und Admirale der Bundeswehr, 1990, S. 178–187.
Unternehmer und staatsbürgerliche Verantwortung. Grußwort zur Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland durch den Bundespräsidenten Johannes Rau an Moritz Hunzinger am 31.10.1999. (Onlineressouce)
Jürgen Reichardt, Hardthöhe Bonn. Im Strudel einer Affäre, 2008.
Heiner Möllers, Die Affäre Kießling. Der größte Skandal der Bundeswehr, 2019, Nachdr. in: Schriftenreihe der Bundeszentrale für Politische Bildung, Bd. 10459, 2020.
Klaus Storkmann, Tabu und Toleranz. Der Umgang der Bundeswehr mit Homosexualität von 1955 bis 2000, 2021.
Aufsätze und Beiträge:
Clemens Range, Dr. Günter Kießling, General, in: ders., Kriegsgedient. General und Admirale der Bundeswehr, 2013, S. 262–264.
Heiner Möllers, Am Anfang war ein Gerücht. Wie sich die Entlassung von General Kießling zur Krise für Wörner entwickelte, in: IF. Zeitschrift für Innere Führung 58 (2014), S. 39–45.
Heiner Möllers, Die Kießling-Affäre 1984. Zur Rolle der Medien im Skandal um die Entlassung von General Dr. Günter Kießling. in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 64 (2016), S. 517–550. (Onlineressource)
Klaus Storkmann, Der Generalverdacht. Wie das Bundesverteidigungsministerium 1983/84 einen General verfolgte, dem Homosexualität nachgesagt worden war, in: Gorch Pieken (Hg.), Gewalt und Geschlecht. Männlicher Krieg – Weiblicher Frieden? Essays, 2018, S. 294–307.
Heiner Möllers, Medien machen die Affäre. Die Entlassung von General Dr. Günter Kießling 1983/84, in: ders./Jörg Jacobs (Hg.), Bundeswehr und Medien. Ereignisse, Handlungsmuster, Mechanismen in jüngster Geschichte und heute, 2019, S. 197–218.
Heiner Möllers, Warum eine Generalsentlassung in einem Skandal mündete. Anmerkungen zur Kießling-Affäre 1983/84 und ihrer (Medien-)Geschichte, in: Joachim Werz/Ernst Henning Hahn (Hg.), Vor dem Skandal. Faktoren für die Skandalisierung, 2021, S. 199–216.
Klaus Storkmann, Eine Frage der Ehre. Vor 30 Jahren Wörner-Kießling Affäre, in: Auftrag. Zeitschrift der Gemeinschaft katholischer Soldaten (2014), H. 293, S. 47–51. (Onlineressource)
Klaus Storkmann, J’accuse en 1984. Le limogeage expéditif d'un général ouest-allemand a rappelé l'affaire Dreyfus et le scandale Fritsch en 1938, in: Gueres mondiales et conflits contemporains 260 (2015), S. 93–113.
Klaus Storkmann, "Moral Execution of a General". SHAPE’s General Kießling Dismissal Due to False Accusations 1983, in: International Journal of Military History and Historiography 37 (2017), S. 173–200.
Klaus Storkmann, Unter Verdacht. Die Bewertung der Homosexualität als Sicherheitsrisiko in der deutschen Bundeswehr (1955 bis 2000), in: Michael Mayer/Michael Schwartz (Hg.), Verfolgung, Diskriminierung, Emanzipation. Homosexualität(en) in Deutschland und Europa 1945 bis 2000, 2023, S. 177–189.
Festschrift:
Oswald Hahn (Hg.), Militärökonomie 1990 in Zentraleuropa. Eine Bestandsaufnahme. Festschrift zum 65. Geburtstag von General Günter Kießling, 1990.
Fotografien, 1984, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)