Havemann, Robert
- Lebensdaten
- 1910 – 1982
- Geburtsort
- München
- Sterbeort
- Grünheide bei Berlin
- Beruf/Funktion
- DDR-Dissident ; Chemiker ; Politiktheoretiker ; Naturwissenschaftler ; Physiker ; Philosoph ; Widerstandskämpfer
- Konfession
- konfessionslos
- Normdaten
- GND: 118547240 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Leitz
- Havemann, Robert
- Leitz
- Havemann, Robert Hans Günther
- Havemann, Robert H.
- Havemann, Robert Hans Günter
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Havemann, Robert
Pseudonym: Leitz (Deckname des Ministeriums für Staatssicherheit)
1910 – 1982
DDR-Dissident, Chemiker
Robert Havemann war Chemiker und einer der bekanntesten DDR-Dissidenten. In seiner Jugend engagierte er sich im Widerstand gegen das NS-Regime und wurde deshalb zum Tod verurteilt. In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und frühen DDR vertrat er systemkonforme Ansichten, entfernte sich aber sukzessive davon und wurde in den 1960er Jahren zu einem der schärfsten Regimekritiker. Havemann trat für einen demokratischen, freiheitlichen Sozialismus ein.
Lebensdaten
Robert Havemann, BArch / Bildarchiv (InC) -
Autor/in
→Ines Weber (Kiel)
-
Zitierweise
Weber, Ines, „Havemann, Robert“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118547240.html#dbocontent
Studium und Widerstandstätigkeit bis 1945
Nach dem Schulbesuch und Abitur in Bielefeld 1929 studierte Havemann bis 1933 Chemie an den Universitäten in München und Berlin. 1932/33 war er Praktikant am Kaiser-Wilhelm-Institut (KWI) für Physikalische Chemie und von 1933 bis 1935 Forschungsstipendiat der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft am Robert-Koch-Krankenhaus in Berlin-Moabit, 1935 wurde er mithilfe eines Notstipendiums an der Universität Berlin bei Herbert Freundlich (1880–1941) und Georg Ettisch (geb. 1890) über Eiweißverbindungen zum Dr. phil. promoviert. Von 1936 bis 1943 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Gastherapeutischen Abteilung der Militärärztlichen Akademie, seit 1937 am Pharmakologischen Institut der Universität unter Leitung von Wolfgang Heubner (1877–1957) , wo er sich 1943 mit einer Arbeit über ein Derivat des Blutfarbstoffs Hämoglobin für Chemie habilitierte. Havemanns weitere Forschungsschwerpunkte waren die Magneto- und Fotochemie, außerdem entwickelte er chemische Messgeräte.
Neben seinem Studium beschäftigte er sich mit philosophischen und politischen Texten. Abgestoßen von Adolf Hitler (1889–1945) und den nationalsozialistischen Ideen, arbeitete er seit 1932 für die Komintern, wurde politisch geschult und beherbergte von Ende Februar bis 7. März 1933 als Mitglied der Widerstandsgruppe Neu Beginnen mit seiner späteren Ehefrau Antje Hasenclever (1909–1985) einen der Hauptangeklagten im Reichstagsbrand, Vasil Tanev (1897–1941). 1935 entdeckte die Gestapo den Kreis um die Widerstandsgruppe, auch Havemann wurde festgenommen und verhört, seine Mitgliedschaft blieb aber unentdeckt. Im Juli 1943 gründete Havemann mit Georg Groscurth (1904–1944), Paul Rentsch (1898–1944) und Herbert Richter-Luckian (1901–1944), mit denen er seit 1938 konspirativ zusammengearbeitet hatte, die Widerstandsgruppe Europäische Union, die u. a. von der Deportation bedrohte jüdische Menschen versteckte und ihnen falsche Pässe organisierte. Nach der Entdeckung der Gruppe im September 1943 wurden Havemann und weitere Mitglieder verhaftet und im Dezember 1943 zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung des Urteils wurde für Havemann aufgrund des Einsatzes befreundeter Wissenschaftler, v. a. Wolfgang Wirths (1898–1996), sowie der Relevanz seiner Forschungsarbeiten für die NS-Rüstungsindustrie und das Heereswaffenamt, die er im Zuchthaus Brandenburg-Görden fortsetzte, mehrfach aufgeschoben. Hier erlebte er Ende April 1945 die Befreiung durch die Rote Armee.
Wissenschaftliche und politische Tätigkeit nach 1945
Seit Juli 1945 war Havemann Leiter des KWI für Physikalische Chemie und Elektrochemie. Zur selben Zeit setzten die Sowjets auf Beschluss des Leiters der Abteilung für Volksbildung des Berliner Magistrats, Otto Winzer (1902–1975), und des Berliner Oberbürgermeisters Arthur Werner (1877–1967) Havemann als kommissarischen Leiter der in Berlin-Dahlem verbliebenen Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ein, wogegen mehrere Wissenschaftler, darunter Max Planck (1858–1947), u. a. wegen Havemanns Nähe zu den Sowjets protestierten. Seit 1946 war Havemann Professor für Kolloidchemie an der Universität Berlin. Gleichzeitig arbeitete er für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft, u. a. als Mitglied des Hauptausschusses der Opfer des Faschismus, Mitgründer des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands und Delegierter des Deutschen Volkskongresses. Er stellte die stalinistische Linie der SED nicht infrage, als Geheimer Informator des sowjetischen Geheimdienstes von 1946 bis 1952 bespitzelte er u. a. Werner Heisenberg (1901–1976) und Max Born (1882–1970).
1948 setzte die US-amerikanische Militärregierung Havemann als Leiter der Berliner KWI ab, da seine Ernennung als nicht statutengerecht angesehen wurde. Nach seinem kritischen Artikel im „Neuen Deutschland“ über die Entwicklung der Wasserstoffbombe durch die USA wurde er im Februar 1950 fristlos aus dem KWI entlassen. Er übersiedelte in die DDR, wurde 1950 ordentlicher Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor des Physikalisch-Chemischen Instituts.
In den 1950er Jahren hatte Havemann seine wissenschaftlich produktivste Zeit, genoss durch seine NS-Widerstandsarbeit und seine kommunistischen Ansichten viele Privilegien, war seit 1951 SED-Mitglied und über den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands seit 1949 Abgeordneter der Volkskammer. Er unterhielt Kontakte zu vielen renommierten Wissenschaftlern wie Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007) und Albert Schweitzer (1875–1965).
Dissident in der DDR
Seit der zweiten Hälfte der 1950er Jahre hinterfragte Havemann immer lauter und grundsätzlicher stalinistische Positionen der SED. Die Rede Nikita Chruschtschows (1894–1971) „Über den Personenkult und seine Folgen“ („Geheimrede“) auf dem XX. Parteitag im Februar 1956 regte ihn an zu dem Artikel „Meinungsstreit fördert die Wissenschaften“, publiziert im Juli 1956 im „Neuen Deutschland“. In einem Vortrag in Leipzig 1962 bezeichnete Havemann die Parteilinie als Dogma und plädierte für freien Meinungsstreit in den Wissenschaften und für demokratische Reformen. Im Wintersemester 1963/64 hielt er erneut eine Vorlesung über naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme vor ca. 1250 Hörern. Darauf durfte er keine weiteren Vorlesungen halten, wurde bis 1966 aus sämtlichen Ämtern entlassen, 1964 aus der SED ausgeschlossen und erhielt 1966 an der Akademie der Wissenschaften Hausverbot. Es folgten Vernehmungen und Repressionen bis zu seinem Tod, u. a. ständige Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit, 1976 ein über 30monatiger Hausarrest nach seinem Protest gegen die Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann (geb. 1936) und eine Hausdurchsuchung mit Beschlagnahmung von Manuskripten, Briefen und Büchern im April 1979. Im Juni 1979 wurde er in einem Verfahren wegen Devisenvergehen, verteidigt von Gregor Gysi (geb. 1948), schuldig gesprochen und zu 10 000 Mark Geldstrafe verurteilt.
Während des faktischen Berufsverbots studierte Havemann autodidaktisch politische Ideen und entfaltete seit den 1960er Jahren seine dissidentischen Vorstellungen, publiziert in der Bundesrepublik in Form kürzerer Texte zu Themen wie einem wiedervereinten Deutschland mit politischen Freiheits- und Mitbestimmungsrechten, Wissenschaftsfreiheit und Arbeiterselbstverwaltung in der Wirtschaft, später auch zu Ökologie, Friedenspolitik und militärischer Abrüstung. Die friedenspolitischen Forderungen, die auch in der bundesdeutschen Friedensbewegung Wirkung entfalteten, erarbeitete Havemann mit Rainer Eppelmann (geb. 1943) im sog. Berliner Appell („Frieden schaffen ohne Waffen“, 1982); er entwickelte auch die Initiative „Schwerter zu Pflugscharen“ mit.
Havemann blieb zeitlebens Marxist, setzte sich jedoch mit seinen stalinistischen Ansichten 1965 öffentlich selbstkritisch auseinander. Sein vehementer Einsatz für eine Demokratisierung der DDR-Institutionen einschließlich der SED gründete auch auf seiner Überzeugung, dass die DDR der bessere deutsche Staat sei. Die von Havemanns Witwe Annedore (Katja) Havemann (geb. 1947) im September 1989 mitgegründete Bürgerrechtsbewegung Neues Forum bezog sich nicht ausdrücklich auf Havemanns Ideen, forderte jedoch wie er freie demokratische Wahlen. Havemann wurde im November 1989 postum von der Akademie der Wissenschaften der DDR sowie vom Zentralkomitee der SED rehabilitiert.
| 1950–1962 | Mitglied des Deutschen Friedenskomitees und Vorsitzendes des Berliner Friedenskomitees |
| 1955 | Vaterländischer Verdienstorden in Silber |
| 1958 | Medaille der Kämpfer gegen den Faschismus |
| 1959 | Nationalpreis II. Klasse der DDR |
| 1961 | korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften, Berlin-Ost |
| 1961 | Johannes-R.-Becher-Medaille des Kulturbunds der DDR |
| 1958–1964 | ständiges Mitglied im Forschungsrat der DDR |
| 1958–1964 | Wissenschaftlicher Beirat für Chemie beim Staatssekretariat für Hochschulwesen |
| 1990 | Robert-Havemann-Gesellschaft der Bürgerbewegung Neues Forum, Berlin |
| 1999 | Ehrenbürger der Gemeinde Grünheide bei Berlin |
| 2005 | „Gerechter unter den Völkern“, Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, Jerusalem |
| Straßenbenennungen, u. a. in Gera (1991), Frankfurt an der Oder (1992), Berlin-Marzahn (1992) und Bonn (2018) |
Nachlass:
Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft. (weiterführende Informationen)
Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, Stasi-Unterlagen-Archiv. (weiterführende Informationen)
Ideale und reale Eiweißlösungen, 1935. (Diss. phil.)
Hämoglobin-Verbindungen (Methämoglobinverbindungen), 1943. (Habilitationsschrift)
Dialektik ohne Dogma? Naturwissenschaft und Weltanschauung. Hat Philosophie der modernen Naturwissenschaft bei der Lösung ihrer Probleme geholfen? Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme, 1964, 71979, Neudr. 2018, dän. 1965, ital. 1965, niederl. 1966, norweg. 1967, portugies. 1967, japan. 1967, span. 1971.
Ja, ich hatte Unrecht. Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde, 1965.
Die Partei ist kein Gespenst. Plädoyer für eine neue KPD, 1965.
Sozialismus und Demokratie, 1968.
Der Sozialismus von morgen, in: Claus Großner/Arend Oetker/Hans-Hermann Münchmeyer/Carl Christian von Weizsäcker (Hg.), Das 198. Jahrzehnt. Eine Team-Prognose für 1970–1980, 1969, S. 199–212.
Fragen, Antworten, Fragen. Aus der Biographie eines deutschen Marxisten, 1970, 31990, ital. 1971, japan. 1971, finn. 1971, franz. 1971, dän. 1971, norweg. 1971, niederländ. 1971, engl. 1973, span. 1974.
Hartmut Jäckel (Hg.), Rückantworten an die Hauptverwaltung „Ewige Wahrheiten“, 1971, Neudr. 1990, ital. 1975, span. 1981.
Andreas Mytze (Hg.), Robert Havemann. Berliner Schriften, 1976, 41977, span. 1979.
Manfred Wilke (Hg.), Robert Havemann. Ein deutscher Kommunist. Rückblicke und Perspektiven aus der Isolation, 1978, franz. 1979, dän. 1979, ital. 1980, japan. 1980, span. 1980.
Morgen. Die Industriegesellschaft am Scheideweg. Kritik und reale Utopie, 1980, Neudr. 2019, schwed. 1981, dän. 1981, ital. 1982. (zugangsbeschränkte Onlineressource)
Der „Berliner Appell – Frieden schaffen ohne Waffen“, in: Wolfgang Büscher/Peter Wensierski/Klaus Wolschner (Hg.), Friedensbewegung in der DDR. Texte 1978–1982, 1982, S. 242–244.
Rüdiger Rosenthal (Hg.), Robert Havemann. Die Stimme des Gewissens. Texte eines deutschen Antistalinisten, 1990.
Dieter Hoffmann/Hubert Laitko (Hg.), Robert Havemann. Warum ich Stalinist war und Antistalinist wurde. Texte eines Unbequemen, 1990. (Aufsatzsammlung)
Dieter Hoffmann (Hg.), Dialektik ohne Dogma? Aufsätze, Dokumente und die vollständige Vorlesungsreihe zu naturwissenschaftlichen Aspekten philosophischer Probleme, 1990.
Dieter Hoffmann (Hg.), Robert Havemann. Dokumente eines Lebens, 1991.
Bibliografien:
Bernd Florath/Werner Theuer (Hg.), Robert Havemann. Bibliografie. Mit unveröffentlichten Dokumenten aus dem Nachlass, 2007.
Bernd Florath (Hg.), Annäherungen an Robert Havemann. Analysen und Dokumente, 2016, S. 547–651.
Monografien:
Silvia Müller/Bernd Florath (Hg.), Die Entlassung. Robert Havemann und die Akademie der Wissenschaften 1965/66, 1996.
Clemens Vollnhals, Der Fall Havemann. Ein Lehrstück politischer Justiz, 1998.
Christof Geisel/Christian Sachse, Wiederentdeckung einer Unperson. Robert Havemann im Herbst 89. Zwei Studien, 2000.
Simone Hannemann, Robert Havemann und die Widerstandsgruppe „Europäische Union“. Eine Studie, 2001.
Katja Havemann/Joachim Widmann, Robert Havemann oder Wie die DDR sich erledigte, 2003.
Christian Sachse, Die politische Sprengkraft der Physik. Robert Havemann zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Sozialismus 1956–1962, 2006.
Hubert Laitko. Denkwege aus der Konformität. Bausteine zu Robert Havemanns intellektueller Biographie in den 1950er und frühen 1960er Jahren, 2010.
Harold Hurwitz. Robert Havemann. Eine persönlich-politische Biographie, T. 1, 2012.
Alexander Amberger, Bahro, Harich, Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR, 2014.
Ines Weber, Sozialismus in der DDR. Alternative Gesellschaftskonzepte von Robert Havemann und Rudolf Bahro, 2015.
Dokumentarfilme:
Nachdenken über Robert Havemann, Bayerischer Rundfunk 1991, Buch u. Regie: Hans-Dieter Rutsch.
Widerspruch. Havemann und der Kommunismus, Bayerischer Rundfunk 2014, Buch u. Regie: Ute Bönnen/Gerald Endres.
Fotografien, 1943–1960, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)