Friedrich, Ernst

Lebensdaten
1894 – 1967
Geburtsort
Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)
Sterbeort
Le Perreux-sur-Marne (Département Val-de-Marne, Frankreich)
Beruf/Funktion
Pazifist ; Publizist ; Anarchosyndikalist ; Widerstandskämpfer ; Schriftsteller ; Politischer Flüchtling ; Schauspieler ; Politiker
Konfession
evangelisch-lutherisch, spätestens seit 1915 konfessionslos
Normdaten
GND: 118535897 | OGND | VIAF: 22932908
Namensvarianten

  • Friedrich, Ernst Paul
  • Friedrich, Ernst
  • Friedrich, Ernst Paul
  • Fleischack, Hermann

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Zitierweise

Friedrich, Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118535897.html [06.04.2026].

CC0

  • Friedrich, Ernst Paul

    1894 – 1967

    Pazifist, Publizist

    Ernst Friedrich war einer der bekanntesten und streitbarsten Pazifisten der Weimarer Republik. Er verstand sich als Anarchist und legte einen besonderen Schwerpunkt auf Friedenspädagogik. 1924 publizierte er mit „Krieg dem Kriege“ eines der zentralen pazifistischen Werke der Zwischenkriegszeit und gründete 1925 in Berlin das 1933 zerstörte Anti-Kriegsmuseum. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme inhaftiert, ging Friedrich Ende 1933 in das Exil, wo er sein pazifistisches Engagement fortsetzte.

    Lebensdaten

    Geboren am 25. Februar 1894 in Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)
    Gestorben am 2. Mai 1967 in Le Perreux-sur-Marne (Département Val-de-Marne, Frankreich)
    Grabstätte Friedhof in Perreux-sur-Marne
    Konfession evangelisch-lutherisch, spätestens seit 1915 konfessionslos
    Ernst Friedrich (InC)
    Ernst Friedrich (InC)
  • 25. Februar 1894 - Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)

    1900 - 1908 - Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen)

    Schulbesuch

    Volksschule

    1908 - ca. 1909 - Breslau

    Lehre als Buchdrucker (abgebrochen)

    1911 - 1916

    Mitglied

    SPD

    1911 - ca. 1914 - Österreich; Schweiz; Belgien; Frankreich; Dänemark; Norwegen; Schweden

    Reisen; Handwerker

    1918

    Mitglied

    Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands

    1919 - 1925 - Berlin

    Redakteur; Herausgeber

    Freie Jugend. Jugendschrift für herrschaftslosen Sozialismus (seit 1926 Beilage der Zeitschrift Schwarze Fahne)

    1925 - 1933 - Berlin

    Gründer; Leiter

    Anti-Kriegsmuseum

    Februar 1931 - Februar 1932 - Gollnow (Pommern, heute Goleniów, Polen)

    Inhaftierung

    Festung

    Februar 1933 - September 1933 - Berlin; Sonnenburg (heute Słońsk) bei Küstrin an der Oder (heute Kostrzyn nad Odrą, Polen); Berlin-Spandau

    Verhaftung; Inhaftierung

    Gefängnis; Konzentrationslager

    Dezember 1933 - Juli 1935 - Prag; seit Frühjahr 1934 Schweiz, u. a. Genf

    Emigration

    Juli 1935 - 1940 - Brüssel; Amsterdam

    Gründer; Leiter

    Eerste Vredesmuseum (Anti-Kriegsmuseum)

    29.2.1936

    Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft

    Mai 1940 - Oktober 1941 - St. Cyprien (Département Pyrénées-Orientales, Frankreich); seit August 1940 Gurs (Département Pyrénées-Atlantiques, Frankreich)

    Verhaftung; Internierung

    Internierungslager

    Frühjahr 1942 - August 1944 - Département Lozère (Frankreich)

    Pächter eines Bauernhofs; seit Februar 1943 untergetaucht

    1946 - Paris

    Übersiedlung

    1948

    französischer Staatsbürger

    1954 - 1967 - Marne-Insel bei Paris

    Gründer; Leiter

    Jugendferienlager

    2. Mai 1967 - Le Perreux-sur-Marne (Département Val-de-Marne, Frankreich)

    Friedrich besuchte bis 1908 die Volksschule in Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen) und begann anschließend eine Lehre als Buchdrucker, die er um 1909 abbrach. Früh in der sozialistischen Jugendbewegung engagiert, schloss er sich 1911 der SPD an, reiste bis 1914 als Handwerker durch Europa und lernte 1912 in Schweden den pazifistischen Pastor Per Gyberg (1888–1966) kennen, der ihn prägte und mit den Schriften Leo Tolstois (1828–1910) bekannt machte. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs wechselte Friedrich in das Schauspielfach mit Auftritten u. a. in Breslau und Potsdam. Er lehnte den Krieg und die Burgfriedenspolitik seiner Partei ab, verließ 1916 die SPD und leistete keinen Kriegsdienst; die mitunter kolportierte Behauptung, er habe in Fronttheatern gespielt, ist ebenso wenig belegt, wie Friedrichs Aussage, wegen eines 1917 verübten Sabotageakts inhaftiert worden zu sein.

    1918 schloss sich Friedrich der USPD an, nahm am Januaraufstand 1919 in Berlin teil und trat als Redner der anarchistisch-antimilitaristisch orientierten Jugendbewegung hervor. Von 1919 bis 1925 gab er die Zeitschrift „Freie Jugend. Jugendschrift für herrschaftslosen Sozialismus“ heraus, die eine Auflage von bis zu 40 000 Exemplaren erreichte; aufgrund ihrer Inhalte geriet er in Konflikt mit der Justiz und wurde in mehreren Prozessen – meist vertreten von dem mit ihm befreundeten Anwalt Hans Litten (1903–1938) – zu Geld- und Freiheitsstrafen verurteilt. 1921 veröffentlichte Friedrich mit „Proletarischer Kindergarten“ ein sozialkritisches Lesebuch, das u. a. dem Kampf gegen Kinderarmut gewidmet und mit Werken von Karl Holtz (1899–1978), Käthe Kollwitz (1867–1945) und Otto Nagel (1894–1967) illustriert war.

    Neben Carl von Ossietzky (1889–1938), Ludwig Quidde (1858–1941) und Kurt Tucholsky (1890–1935) zählte Friedrich zu den bekanntesten Pazifisten der Weimarer Republik. Anfang 1925 eröffnete er das Anti-Kriegsmuseum in Berlin, das u. a. durch Zuwendungen des Geschäftsmanns Wilfrid Israel (1899–1943) finanziell abgesichert und mehrfach von rechtsradikalen Kräften attackiert wurde; im März 1933 wurde es durch SA-Einheiten zerstört. Friedrichs bedeutendste Publikation ist das in deutscher, englischer, französischer und niederländischer Sprache gedruckte Werk „Krieg dem Kriege“ (2 Bde., 1924/26), das zahlreiche Neuauflagen erlebte und – seit 1929 stark gekürzt – in Kooperation mit dem Internationalen Gewerkschaftsbund herausgegeben wurde. In dem aufsehenerregenden Buch kombinierte Friedrich schockierende Fotografien der entstellten Körper von Kriegstoten und -versehrten mit provokant-schlagwortartigen Sätzen und präsentierte „Vorher“-„Nachher“-Abbildungen mit klarer antimilitaristischer Botschaft. Die Fotografien entstammten teils älteren Veröffentlichungen, v. a. der USPD-Wochenzeitung „Freie Welt“, teils erhielt Friedrich sie von Privatpersonen, etwa von dem Schriftsteller Armin Wegner (1886–1978).

    Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme war Friedrich von Februar bis September 1933 inhaftiert, wurde während seiner Gefangenschaft misshandelt und ging im Dezember 1933 in das Exil. Nach Aufenthalten in Prag und in der Schweiz übersiedelte er im Juli 1935 nach Brüssel, wo ihm – mit finanzieller Unterstützung u. a. der Belgischen Arbeiterpartei – im Oktober 1936 die Gründung eines neuen Anti-Kriegsmuseums (Eerstes Vredesmuseum) gelang; 1937/38 gastierte Friedrich mit einer Wanderausstellung seines Museums u. a. in Aalst, Antwerpen, Gent und Ostende.

    Im Zuge des Einmarschs der Wehrmacht in Belgien wurde Friedrich im Mai 1940 verhaftet und war bis Oktober 1941 Häftling zweier südfranzösischer Internierungslager. Seit dem Frühjahr 1942 bewirtschaftete er mit seinem Sohn Ernst einen kleinen Bauernhof im Département Lozère, ehe er nach einer Durchsuchung des Hofs von Februar 1943 bis zum Einmarsch der Alliierten im August 1944 untertauchte. 1946 übersiedelte Friedrich nach Paris, wo sein Versuch einer Neugründung des Antikriegsmuseums scheiterte. Seit 1948 französischer Staatsbürger, leitete er von 1954 bis 1967– in Kooperation mit der deutschen Gewerkschaft Öffentliche Dienste Transport und Verkehr – ein Ferienlager auf einer Marne-Insel bei Paris, das als Begegnungsstätte deutscher und französischer Jugendlicher diente. 1965 wurde Friedrich für seinen Einsatz zur deutsch-französischen Versöhnung in der deutschen Botschaft in Paris durch den späteren Bundeskanzler Willy Brandt (1913–1992) geehrt.

    Nach seinem Tod geriet Friedrich in Vergessenheit. Seit den 1970er Jahren erfolgte im Kontext der Neuen Friedensbewegung und der historischen Forschung zu Anarchismus und Jugendbewegungen seine Wiederentdeckung. Der seit 1980 im Verlag Zweitausendeins vertriebene Nachdruck von Friedrichs „Krieg dem Kriege“ avancierte zu einem Bestseller.

    Teilnachlass:

    Anti-Kriegs-Museum, Berlin.

    Weitere Archivmaterialien:

    Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, R 3001/12 140 (Reichsjustizministerium); R 3003 (Oberreichsanwalt beim Reichsgericht, Prozesse gegen Ernst Friedrich); R 58/9 679 u. R 58/3347a (Reichsicherheitshauptamt).

    International Institute of Social History, Amsterdam, ARCH00 675 (Henry Jacoby Papers, Mappe „Ernst Friedrich“) u. Coll00 272 (Switzerland, Social and Political Development Collection).

    Monografien:

    Proletarischer Kindergarten. Ein Märchen- und Lesebuch für Groß und Klein, 1921.

    Oskar Kanehl, der proletarische Dichter. Sein Leben, Auszüge aus seinen Werken, 1924.

    Krieg dem Kriege, Bd. 1, 1924, 101926, Bd. 2, 1926; Nachdr. 1980, 231991, Nachdr. 2004, Nachdr. mit Einl. v. Gerd Krumeich 2015, 22016.

    Festung Gollnow, 1932.

    Vom Friedens-Museum zur Hitler-Kaserne. Ein Tatsachenbericht über das Wirken von Ernst Friedrich und Adolf Hitler, hg. v. Internationalen Komitee für die Wiedererrichtung des Ersten Internationalen Anti-Kriegs-Museums, 1935, Neuaufl. 1978, Nachdr. 2007.

    Be Kind of Heart! Sei Herzlich! Sois cordial!, 1948.

    Herausgeberschaften:

    Freie Jugend. Jugendschrift für herrschaftslosen Sozialismus, 1919–1925.

    Die Waffen nieder. Organ der Internationalen Anti-Militaristischen Vereinigung. Deutsche Sektion, 1921/22.

    Die Schwarze Fahne, 1925–1929. (Onlineressource, lückenhaft)

    Man flüstert in Deutschland. Die besten Witze über das Dritte Reich, 1934.

    Bordbrief, 1950–1953.

    Ulrich Linse, Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung. 1918–1933, 1976.

    Andreas W. Mytze (Hg.), Ernst Friedrich zum 10. Todestag, 1977.

    Thomas Kegel, Ernst Friedrich. Anarchistische Pädagogik in Aktion, in: Ulrich Klemm (Hg.), Anarchismus und Pädagogik. Studien zur Rekonstruktion einer vergessenen Tradition, 1991, S. 126–137.

    Tommy Spree, Ich kenne keine „Feinde“. Der Pazifist Ernst Friedrich. Ein Lebensbild, 2000.

    Gerd Krumeich, Ein einzigartiges Werk. Einführung zur Neuausgabe von „Krieg dem Kriege“, in: Ernst Friedrich, Krieg dem Kriege, Neuausg. 2015, S. VII–XXXVII. (Onlineressource)

    Tommy Spree/Patrick Oelze, Ich kenne keine Feinde. Zur Biographie Ernst Friedrichs (1894–1967), in: ebd., S. XXXIX–LXXII.

    Christian Bartolf/Dominique Miething, Ernst Friedrich (1894–1967), in: Thomas Friedrich (Hg.), Handbuch Anarchismus, 2023, S. 1–7.

    Jens Jäger, Die Einsamkeit des Pazifisten. Ernst Friedrich als Emigrant in Frankreich, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 72 (2024), Nr. 5, S. 419–433.

    Agnes Imhof, Ein Brennglas des Jahrhunderts. Der Friedensrebell Ernst Friedrich, 2025. (P)

    Fotografien, 1914–1967, Abbildungen in: Agnes Imhof, Ein Brennglas des Jahrhunderts. Der Friedensrebell Ernst Friedrich, 2025, S. 35, 197, 202, 302 u. 327.

  • Autor/in

    Jens Jäger (Köln)

  • Zitierweise

    Jäger, Jens, „Friedrich, Ernst“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.04.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118535897.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA