Dietrich, Charlotte
- Lebensdaten
- 1887 – 1976
- Geburtsort
- Leipzig
- Sterbeort
- Berlin-Wedding
- Beruf/Funktion
- Sozialpädagogin ; Leiterin sozialer Frauenschulen ; Frauenrechtlerin ; Sozialpädagogin
- Konfession
- evangelisch-lutherisch
- Normdaten
- GND: 135721792 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Dietrich, Charlotte Elise
- Dietrich, Charlotte
- Dietrich, Charlotte Elise
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Dietrich, Charlotte Elise
1887 – 1976
Sozialpädagogin, Leiterin sozialer Frauenschulen, Frauenrechtlerin
Die Sozialpädagogin Charlotte Dietrich war eine Vertreterin der bürgerlich-nationalen Frauenbewegung. Sie gilt als Pionierin der Sozialen Arbeit und Wegbereiterin der Sozialen Frauenschulen sowie der beruflichen Bildung von Frauen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Aufgrund ihrer sozialen und akademischen Tätigkeiten während des „Dritten Reichs“ ist Dietrich umstritten.
Lebensdaten
Charlotte Dietrich, Alice Salomon Archiv (InC) -
Autor/in
→Sabine Toppe (Berlin)
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Zitierweise
Toppe, Sabine, „Dietrich, Charlotte“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd135721792.html#dbocontent
Dietrich entstammte einem sozial engagierten und streng religiösen Elternhaus und besuchte bis 1903 eine Höhere Schule für Mädchen in Leipzig. Anschließend lebte sie als Haustochter sowie in einem Mädchenpensionat in der Romandie. Nach ihrem Abitur als Externe 1914 an der Petrischule in Leipzig absolvierte Dietrich bis Juli 1919 ein Lehramtsstudium (Geschichte, Deutsch, Französisch) an den Universitäten Marburg an der Lahn und Leipzig. Hier wurde sie im November 1918 mit der von Erich Brandenburg (1868–1946) und Gerhard Seeliger (1860–1921) betreuten Studie „Die politischen Anschauungen Metternichs“ zur Dr. phil. promoviert. Zu ihren mündlichen Prüfern zählte u. a. Eduard Spranger (1882–1963).
Nach ihrem im Juli 1919 bestandenen Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen unterrichtete Dietrich an der II. Höheren Mädchenschule in Leipzig unter Direktor Hugo Gaudig (1860–1932) und wurde zum 1. Februar 1920 Leiterin der neu gegründeten Sozialen Frauenschule in Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen). Ihre Entscheidung, Psychologie und Pädagogik zusammenhängend zu unterrichten, wirkte vorbildgebend für andere Soziale Frauenschulen in Deutschland. Auf Initiative von Alice Salomon (1872–1948) wechselte Dietrich 1925 als zweite Leiterin an die Soziale Frauenschule nach Berlin-Schöneberg, die sie nach dem Ausscheiden Salomons von Dezember 1927 bis Juni 1945 allein leitete. Von 1925 bis 1933 wirkte sie zudem als zweite Vorsitzende und Studienleiterin für die Ausbildung von Schwestern für leitende Positionen an der u. a. von Salomon, Marie Baum (1874–1964), Gertrud Bäumer (1873–1954) und Siddy Wronsky (1883–1947) gegründeten Deutschen Akademie für Soziale und Pädagogische Frauenarbeit. Nach deren Selbstauflösung infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 setzte sie ihren Unterricht bis 1944 an der Werner-Schule des Deutschen Roten Kreuzes fort.
1933 bot Dietrich der Reichsleitung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt unter Erich Hilgenfeldt (1897–1945) an, die Leitung der Sozialen Frauenschule niederzulegen, was abgelehnt wurde. Anschließend passte sie sich den neuen Machtverhältnissen an. 1933 wurde Dietrich Vorsitzende der Konferenz Sozialer Frauenschulen Deutschlands und übernahm im Frühjahr 1934 die kommissarische Leitung des Kindergärtnerinnenseminars im Pestalozzi-Fröbel-Haus in Berlin-Schöneberg. Im November 1935 erklärte Dietrich den Austritt der Sozialen Frauenschule aus dem von Salomon mitgegründeten Internationalen Komitee sozialer Schulen und trat im Mai 1937 der NSDAP bei.
In Kooperation mit dem Leiter des Landeswohlfahrts- und Jugendamts der Stadt Berlin, Eduard K. Spiewok (1892–1951), führte Dietrich im „Dritten Reich“ die Soziale Frauenschule im Sinne der NS-Ideologie, reduzierte im Unterricht juristische Inhalte zugunsten des Aspekts der Familienfürsorge und veranlasste die Zusammenfassung der Gebiete Psychologie und Pädagogik zu „Menschenkunde“ und „Menschenführung“. Im September 1943 votierte sie in einem Vortrag für die Einführung der Berufsbezeichnung „Volkspflegerin“, da nicht das „Wohlbefinden des Einzelnen“, sondern die „Stärke und Kraft des ganzen Volkes“ Ziel aller Maßnahmen sei. Der Vortrag fand anschließend als offizieller „Schulungsbrief für die Volkspflegerinnen im öffentlichen Dienst“ Verbreitung. Dietrich stand der NS-Rassenideologie und dem Antisemitismus ambivalent gegenüber, begrüßte aber klar den Volksgemeinschaftsgedanken und votierte im „Dritten Reich“ dafür, soziale Hilfen nicht mehr auf individuelle Nöte, sondern auf den „gesunden Volkskörper“ zu beziehen.
Im Juni 1945 verlor Dietrich die Leitung der Sozialen Frauenschule, arbeitete danach u. a. in der Flüchtlings- und Heimkehrerfürsorge und wurde im Oktober 1946 in ihrem Spruchkammerverfahren als „Mitläuferin“ eingestuft. Anschließend verdiente sie bis 1952 ihren Lebensunterhalt bei der Schwesternschaft des Evangelischen Diakonievereins in Berlin-Zehlendorf und als Dozentin für Pädagogik und Psychologie des Zehlendorfer Verbands für evangelische Diakonie. Bis Mitte der 1950er Jahre publizierte Dietrich Artikel zu Themen der Altersforschung und zu führenden Persönlichkeiten der Frauenbewegung und Sozialen Arbeit, darunter Salomon und Elisabeth Gnauck-Kühne (1850–1917), und zog sich anschließend aus der Öffentlichkeit zurück.
| 1924–1938 | Vorstandsmitglied des Deutschen Fröbelverbands |
| 1933–1937 | Zweite Vorsitzende der Konferenz Sozialer Frauenschulen Deutschlands |
Nachlass:
nicht bekannt.
Weitere Archivmaterialien:
Ida-Seele-Archiv zur Erforschung der Sozialpädagogik/-arbeit und ihrer Bezugswissenschaften, Dillingen an der Donau. (Akte Charlotte Dietrich)
Alice Salomon Archiv der Alice Salomon Hochschule Berlin. (Dokumentation Charlotte Dietrich)
Universitätsarchiv Leipzig, Phil. Fak. Prom. 2723. (Promotionsakte)
Archiv des Evangelischen Diakonievereins Berlin. (Lebenslauf v. 20.2.1947)
Monografien:
Die politischen Anschauungen Metternichs, 1918. (ungedr. Diss. phil., Universität Leipzig)
Die Volkspflegerin als Volkserzieherin. Schulungsbrief für die Volkspflegerinnen im öffentlichen Dienst, hg. v. d. Verwaltung des oberschlesischen Provinzialverbandes, 1943.
Aufsätze und Artikel:
Die Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit, in: Deutsche Zeitschrift für Wohlfahrtspflege 1 (1925), H. 7, S. 302–307.
Die Ausbildungsfrage der Wohlfahrtspflegerinnen, in: Soziale Berufsarbeit 9/10 (1926), S. 2–5.
Psychologie und Pädagogik in der Wohlfahrtsschule, in: Grundsätzliche Fragen zur Ausbildung der staatlich anerkannten Wohlfahrtsschulen, hg. v. d. Preußischen Ministerium für Volkswohlfahrt, 1926, S. 86–94.
Die Entwicklung der sozialen Ausbildung in Deutschland, in: Die Erziehung 4 (1927), S. 217–226.
Das soziale Ausbildungswesen in Österreich, in: Deutsche Zeitschrift für Wohlfahrtspflege 3 (1927/28), S. 441–447.
Frauenbewegung, in: Werden und Wirken. Oberinnen-Vereinigung vom Roten Kreuz, hg. v. d. Deutschen Roten Kreuz, 1930, S. 438–447.
Zur Gestaltung der Wohlfahrtsschulen, in: Die Erziehung. Monatsschrift für den Zusammenhang von Kultur und Erziehung in Wissenschaft und Leben 5 (1930), S. 684–693.
Die Sinngebung der Wohlfahrtspflege, in: Die Frau 39 (1932), H. 7, S. 387–391.
Altwerden als Lebenserfüllung, in: Die Diakonieschwester 46 (1950), S. 101 f.
Psychologische Probleme bei der Erziehung Taubstummer und Blinder, in: Die Diakonieschwester 46 (1950), S. 168–171 u. 182–184.
Ein Beitrag zum Verständnis der Tiefenpsychologie, in: Die Diakonieschwester 47 (1951), S. 134–136.
Agnes Sapper, in: Die Diakonieschwester 48 (1952), S. 56–58.
Die Bethesdamutter. Ein Lebensbild Elise Averdiecks, in: ebd., S. 104–107.
Die Problematik des Alters, in: Die Diakonieschwester 49 (1953), S. 84–87.
Elisabeth Gnauck-Kühne als Soziologin, in: Die christliche Frau 42 (1953), S. 134–145.
Agnes Miegel, in: Die Diakonieschwester 50 (1954), S. 33–35.
Alice Salomon, in: Mädchenbildung und Frauenschaffen 4 (1954), S. 433–443.
Susanne Zeller, Geschichte der Sozialarbeit als Beruf. Bilder und Dokumente (1893–1939), 1994, S. 219–224.
Peter Reinicke, Art. „Dietrich, Charlotte. Leiterin von Wohlfahrtsschulen“, in: Hugo Maier (Hg.), Who is who der Sozialen Arbeit, 1998, S. 140 f.
Manfred Berger, Wer war... Charlotte Dietrich?, in: Sozialmagazin 28 (2003), S. 6–9.
Manfred Berger, Art. „Dietrich, Charlotte Elise“, in: Traugott Bautz (Hg.), Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 22, 2003, Sp. 256–263.
Peter Reinicke (Hg.), Von der Ausbildung der Töchter besitzender Stände zum Studium an der Hochschule. 100 Jahre Evangelische Fachhochschule Berlin, 2004, S. 219 f.
Adriane Feustel, Die Soziale Frauenschule (1908–1945), in: dies./Gerd Koch (Hg.), 100 Jahre Soziales Lehren und Lernen. Von der Sozialen Frauenschule zur Alice Salomon Hochschule Berlin, 2008, S. 29–103.