Brauer, Alfred

Lebensdaten
1894 – 1985
Geburtsort
Charlottenburg (heute Berlin)
Sterbeort
Chapel Hill (North Carolina, USA)
Beruf/Funktion
Mathematiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 117708542 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Brauer, Alfred Theodor
  • Brauer, Alfred
  • Brauer, Alfred Theodor
  • Brauer, A. T.

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Zitierweise

Brauer, Alfred, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd117708542.html#indexcontent [02.07.2026].

CC0

  • Brauer, Alfred Theodor

    1894 – 1985

    Mathematiker

    Alfred Brauer trug zu mehreren Gebieten der Mathematik Bedeutendes bei: In Deutschland lagen seine Schwerpunkte in der elementaren Zahlentheorie und Klassischen Algebra. Einige Jahre nach seiner Emigration in die USA wandte er sich auch der Theorie der Matrizen zu, insbesondere den Abschätzungen für die Eigenwerte quadratischer Matrizen. An seinen Wirkungsstätten verbesserte er die universitäre Lehre in der Mathematik und sorgte für einen Ausbau der Fachbibliothek.

    Lebensdaten

    Geboren am 9. April 1894 in Charlottenburg (heute Berlin)
    Gestorben am 23. Dezember 1985 in Chapel Hill (North Carolina, USA)
    Grabstätte Chapel Hill Memorial Cemetery in Chapel Hill
    Konfession jüdisch
    Alfred Brauer, MFO (InC)
    Alfred Brauer, MFO (InC)
  • 9. April 1894 - Charlottenburg (heute Berlin)

    1900 - März 1912 - Charlottenburg (heute Berlin)

    Schulbesuch (Abschluss: Reifeprüfung)

    Kaiser-Friedrich-Schule

    April 1912 - März 1913 - Berlin

    kaufmännische Tätigkeit

    Sommersemester 1913 - Sommersemester 1914 - Heidelberg; seit Wintersemester 1913/14 Berlin

    Studium

    Universität

    August 1914 - Januar 1919 - Westfront; Ostfront; Balkan

    freiwilliger Kriegsdienst; Verwundung; Kriegsgefangenschaft

    Deutsches Heer

    Januar 1919 - 1928 - Berlin

    Studium der Mathematik, Physik und Philosophie

    Universität

    1.12.1926 - 1928 - Berlin

    Hilfsassistent

    Mathematisches Seminar der Universität

    19.12.1928 - Berlin

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1928 - 1935 - Berlin

    Universität

    2.3.1932 - Berlin

    Habilitation für Mathematik

    Universität

    1.10.1935 - Berlin

    Entzug der Lehrbefugnis; Entlassung aufgrund der „Nürnberger Gesetzen“

    Universität

    1936 - 1939 - Berlin

    Lehrer für Mathematik

    Privatschule

    Juni 1939 - USA

    Emigration

    Sommer 1939 - 1942 - Princeton (Massachusetts, USA)

    Institute for Advanced Study

    1940 - 1941 - New York City

    Lecturer für Mathematik

    New York University

    Frühjahr 1942 - Chapel Hill (North Carolina, USA)

    Instructor für Mathematik

    University of North Carolina

    1942 - 1959 - Chapel Hill

    Assistant Professor für Mathematik; seit 1943 Associate Professor für Mathematik; seit 1947 Full Professor für Mathematik

    University of North Carolina

    1959 - 1966 - Chapel Hill

    Kenan Professor für Mathematik; seit 1966 Kenan Professor emeritus für Mathematik

    University of North Carolina

    1965 - 1975 - Winston-Salem (North Carolina, USA)

    ständiger Gastprofessor für Mathematik

    Wake Forest University

    23. Dezember 1985 - Chapel Hill (North Carolina, USA)

    Nach seiner Reifeprüfung 1912 an der Kaiser-Friedrich-Schule in Charlottenburg (heute Berlin) war Brauer ein Jahr kaufmännisch tätig, ehe er in Heidelberg ein Studium begann, das er in Berlin fortsetzte. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst und war in Maschinengewehrkompanien zuletzt Zugführer und Unteroffizier. Beim Einsatz auf dem Balkan wurde er verwundet.

    Seit 1919 studierte Brauer Mathematik, Physik und Philosophie in Berlin. An der Universität in Berlin verwandte er einen großen Teil seiner Zeit auf die Mathematisch-Physikalische Arbeitsgemeinschaft, die Studierende der Mathematik unterstützte. Daneben veröffentlichte er seit 1925 Beiträge, in denen sich sein Interesse an elementarer Zahlentheorie und Klassischer Algebra zeigte. Erst 1928 wurde Brauer bei Issai Schur (1875–1941) an der Universität Berlin zum Dr. phil. promoviert. In seiner Dissertation „Über diophantische Gleichungen mit endlich vielen Lösungen“ untersuchte er algebraische Gleichungen daraufhin, ob die Anzahl ihrer ganzzahligen Lösungen endlich ist. Dieser Mittelweg zwischen konkreter Berechnung von Lösungen und abstrakten Existenzaussagen für Lösungen zeigt sich auch in seinen späteren Arbeiten, so bei Abschätzungen des kleinsten quadratischen Nichtrests modulo einer gegebenen Primzahl (Über den kleinsten quadratischen Nichtrest, in: Mathematische Zeitschrift 33 (1930), S. 161–176) und der kleinsten Primitivwurzel (Elementary Estimates for the Least Primitive Root, in: Studies in Mathematics and Mechanics Presented to Richard von Mises, 1954, S. 20–29), ebenso bei den Abschätzungen für Eigenwerte quadratischer Matrizen.

    Seit Anfang 1926 als Hilfsassistent im Mathematischen Seminar beschäftigt, erhielt Brauer 1928 die Assistentenstelle bei Schur und übernahm neben Lehraufgaben die Betreuung der Bibliothek des Seminars. 1932 wurde er mit einem Thema aus der elementaren Zahlentheorie in Berlin für Mathematik habilitiert. Aufgrund der Ausnahmeregelung für Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs waren trotz Brauers jüdischer Konfession weder seine Assistentenstelle noch seine Tätigkeit als Privatdozent 1933 durch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ betroffen, jedoch wurde er nach den „Nürnberger Gesetzen“ zum 1. Oktober 1935 entlassen und ihm die Lehrbefugnis entzogen. Die folgenden Jahre arbeitete er als Mathematiklehrer an einer Berliner Privatschule.

    Eine Einladung Hermann Weyls (1885–1955) in die USA 1937 lehnte Brauer ab; die Novemberprogrome von 1938 änderten seine Einschätzung, und mithilfe seines Bruders Richard Brauer (1901–1977) und Weyls emigrierte er mit seiner Familie im Juni 1939 in die USA. Dort war er bis 1942 Weyls Assistent am Institute for Advanced Study in Princeton (Massachusetts, USA), wo er sich auch dem Aufbau der mathematischen Bibliothek widmete. Weiterhin war Brauer 1940/41 Lecturer für Mathematik an der New York University und im Frühjahr 1942 Instructor für Mathematik an der University of North Carolina in Chapel Hill (North Carolina, USA). Aufgrund seiner Lehrerfolge wurde er dort dauerhaft angestellt: 1942 wurde er Assistant Professor, 1943 Associate Professor, 1947 Full Professor und 1959 Kenan Professor, jeweils für Mathematik. Die Kenan Professur behielt er nach seinem Eintritt in den Ruhestand 1966 bei.

    Brauer publizierte an der University of North Carolina mehr als die Hälfte seiner mathematischen Arbeiten. Um im Sommersemester 1946 seinen Kollegen Edward Tankard Browne (1894–1959) bei einem Kurs über Matrizen vertreten zu können, studierte er zur Vorbereitung Brownes Publikationen mit Abschätzungen für die Eigenwerte quadratischer Matrizen, ohne dass man diese zuvor berechnen musste. Brauer gelang es, ein Ergebnis Brownes zu verbessern. Seit Mitte der 1950er Jahre befasste er sich speziell mit Matrizen, die nur positive Einträge haben.

    Von 1965 bis 1975 war Brauer Gastprofessor an der Wake Forest University in Winston-Salem (North Carolina, USA). Hier und in Chapel Hill widmete er sich der Verbesserung der Lehre und dem Ausbau der mathematischen Bibliothek, was dazu führte, dass die Mathematik- und Physik-Bibliothek der University of North Carolina seit 1976 als Alfred T. Brauer Library firmiert. Zu seinen Schülern und Schülerinnen zählen Emilie Virginia Haynsworth (1916–1985) und Leo Moser (1921–1970).

    Zeitlebens verstand sich Brauer als Theoretischer Mathematiker, so untersuchte er etwa im Bereich der Klassischen Algebra in mehreren seiner Publikationen, ob sich gegebene Polynome als Produkt von Polynomen kleineren Grads darstellen lassen. In der elementaren Zahlentheorie widmete er sich neben den bereits genannten Problemen seit seiner Zeit in Berlin der Frage, wie sich die Reste verteilen, wenn man die 2. bzw. 3. bzw. … Potenzen aller ganzen Zahlen durch eine fest gegebene Zahl teilt. (Im Falle der 2. Potenzen handelt es sich dabei um die klassische Situation quadratischer Reste.) Zugleich waren seine Ergebnisse über die Abschätzungen der Eigenwerte von Matrizen so nützlich für die numerische Lösung angewandter Probleme mittels Rechenmaschinen, dass er Forschungsstipendien des Air Force Office of Scientific Research erhielt.

    Eisernes Kreuz 2. Klasse
    1946 Mitglied der North Carolina Academy of Science
    1949 Science Research Award des Oak Ridge Institute of Nuclear Studies
    1959 Kenan Professor für Mathematik an der University of North Carolina, Chapel Hill (North Carolina, USA)
    1965 Tanner Award for Excellence in Undergraduate Teaching der University of North Carolina
    1971 G. W. F. Hegel-Medaille, Humboldt-Universität, Berlin-Ost
    1972 Ehrendoktor (Legal Letters Degree), University of North Carolina
    1975 Alfred T. Brauer Instructorship in Mathematics an der Wake Forest University, Winston-Salem (North Carolina, USA)
    1976 Alfred T. Brauer Library an der University of North Carolina
    1984 Alfred Brauer Gift Trust Fund, u. a. Verleihung des Alfred T. Brauer Algebra Prize an der University of North Carolina
    1985 Alfred T. Brauer Lectures am Department of Mathematics der University of North Carolina (jährlich)

    Nachlass:

    nicht bekannt.

    Gedruckte Quellen:

    Gedenkrede auf Issai Schur vom 8. November 1960, in: Alfred Brauer/Hans Rohrbach (Hg.), Issai Schur. Gesammelte Abhandlungen. Bd. 1, 1973, S. V–XIV. (autobiografische Bemerkungen zu Brauers Zeit an der Universität Berlin)

    Über diophantische Gleichungen mit endlich vielen Lösungen, in: Journal für die reine und angewandte Mathematik 160 (1928), H. 2, S. 70–99 u. 161 (1929), S. 1–13. (Diss. phil.)

    Über Sequenzen von Potenzresten, in: Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Physikalisch-Mathematische Klasse (1928), S. 9–16 u. (1931), S. 329–341. (Habilitationsschrift)

    Über den kleinsten quadratischen Nichtrest, in: Mathematische Zeitschrift 33 (1930), S. 161–176.

    Alfred Brauer/Richard Brauer, Über die Irreduzibilitätskriterien von I. Schur und G. Pólya, in: Mathematische Zeitschrift 40 (1935), S. 242–265.

    Limits for the Characteristic Roots of a Matrix, in: Duke Mathematical Journal 13 (1946), H. 3, S. 387–395.

    Elementary Estimates for the Least Primitive Root, in: Studies in Mathematics and Mechanics Presented to Richard von Mises, 1954, S. 20–29.

    Combinatorial Methods in the Distribution of the K th Power Residues, in: Combinatorial Mathematics and its Applications, 1969, S. 14–36.

    Bibliografie:

    Richard H. Hudson/Thomas L. Markham, Alfred T. Brauer as a Mathematician and Teacher, in: Linear Algebra and its Applications 59 (1984), S. 9–15.

    Richard D. Carmichael, Alfred T. Brauer. Teacher, Mathematician, and Developer of Libraries, in: The Journal of the Elisha Mitchell Scientific Society 102 (1986), H. 3, S. 96–102.

    Hans Rohrbach, Alfred Brauer zum Gedächtnis, in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 90 (1988), H. 3, S. 151–154.

    J. C. Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften, Bd. 6, 1936, S. 312 f., Bd. 7a, 1956, S. 248 f. u. Bd. 8, 1998, S. 511.

    Richard H. Hudson/Thomas L. Markham, Alfred T. Brauer as a Mathematician and Teacher, in: Linear Algebra and its Applications 59 (1984), S. 1–17. (W)

    Richard D. Carmichael, Alfred T. Brauer. Teacher, Mathematician, and Developer of Libraries, in: The Journal of the Elisha Mitchell Scientific Society 102 (1986), H. 3, S. 88–106. (W, P) (Onlineressource)

    Hans Rohrbach, Alfred Brauer zum Gedächtnis, in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 90 (1988), H. 3, S. 145–154. (W)

    John J. O’Connor/Edmund F. Robertson, Art. „Alfred Theodor Brauer“, in: MacTutor History of Mathematics Archive, 2000. (P) (Onlineressource)

  • Autor/in

    Peter Ullrich (Koblenz)

  • Zitierweise

    Ullrich, Peter, „Brauer, Alfred“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd117708542.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA