Bergman, Stefan
- Lebensdaten
- 1895 – 1977
- Geburtsort
- Czentstochau (Russland, heute Częstochowa, Polen)
- Sterbeort
- Palo Alto (Kalifornien, USA)
- Beruf/Funktion
- Mathematiker ; Ingenieur
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 118656074 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Bergmann, Stefan / bis 1940
- Bergman, Stefan
- Bergmann, Stefan / bis 1940
- Bergmann, Stefan
- Bergmann, S.
- Bergman, S.
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-
Bergman, Stefan (bis 1940 Stefan Bergmann)
1895 – 1977
Mathematiker
Stefan Bergman arbeitete auf dem Gebiet der Reinen und Angewandten Mathematik und wurde v. a. durch Arbeiten zur Komplexen Analysis mehrerer Veränderlicher bekannt. Er beschäftigte sich mit der Theorie der Lösung linearer partieller Differentialgleichungen durch Integraloperatoren und führte den Begriff der Bergmannschen Kernfunktion ein. Zudem arbeitete er an Problemen der Elektrotechnik, der Elastizitätstheorie, der Potentialtheorie sowie der Hydrodynamik, besonders von Überschallströmungen.
Lebensdaten
Stefan Bergman (InC) -
Autor/in
→Tilman Sauer (Mainz)
-
Zitierweise
Sauer, Tilman, „Bergman, Stefan“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118656074.html#dbocontent
Bergman absolvierte ein staatliches achtklassiges philologisches Jungengymnasium in Czentstochau (Russland, heute Częstochowa, Polen) und studierte seit 1913 zwei Semester Elektrotechnik an der TH in Breslau (Niederschlesien, heute Wrocław, Polen). Nach einer Unterbrechung seines Studiums nach Beginn des Ersten Weltkriegs setzte er dieses von 1915 bis 1918 an der TH Wien fort, wo er im April 1919 das Diplom als Elektrotechniker erwarb. Nebenher studierte Bergman an der Universität Wien Mathematik. Zum Sommersemester 1920 an der Universität Berlin immatrikuliert, wurde er hier im Sommer 1921 am neu gegründeten Institut für Angewandte Mathematik bei Richard von Mises (1883–1953) mit einer Arbeit über die Entwicklung harmonischer Funktionen der Ebene und des Raumes nach orthogonalen Funktionensystemen zum Dr. phil. promoviert.
In den 1920er Jahren arbeitete Bergman als Ingenieur, seit 1926 wieder wissenschaftlich an Fragen der Praktischen und Angewandten Mathematik, u. a. mit Hans Reissner (1874–1967), im Auftrag des Reichsverkehrsminsteriums an Untersuchungen über Festigkeitsfragen im Flugzeugbau. Auch auf dem Gebiet der Reinen Mathematik arbeitete Bergman, verallgemeinerte Ergebnisse seiner Doktorarbeit über analytische Funktionen mehrerer komplexer Variablen und wurde damit Mitbegründer des neuen Gebiets der komplexen Analysis mehrerer Veränderlicher. Er führte u. a. die später sog. Bergmann-Kernfunktion (Bergman Kernel) ein, eine fundamentale Funktion in der komplexen Analysis, die mit einer ebenfalls von Bergman entwickelten speziellen Metrik wesentliche geometrische Information über ihre Definitionsbereiche kodiert.
1932 habilitierte Bergman sich für Reine und Angewandte Mathematik bei Mises‘ an der Universität Berlin, wo er als Privatdozent mit Mises und Hilda Geiringer (1893–1973) lehrte. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde Bergman im September 1933 die Venia Legendi entzogen, und es folgte eine Zeit vielfacher Ortswechsel als Emigrant: 1933/34 hielt sich Bergman, unterstützt u. a. von Jacques Hadamard (1865–1963) und Marie Curie (1867–1934), längere Zeit in Paris auf. Von Herbst 1934 bis Sommer 1936 bekleidete er eine Professur an der Universität in Tomsk (Sowjetunion, heute Russland) und anschließend am Mathematischen Institut der Universität Tbilissi (Sowjetunion, heute Georgien). Aus Furcht vor den Stalinschen Verfolgungen kehrte Bergman im Sommer 1937 nach Paris zurück, wo er am Institut Henri Poincaré seine Arbeiten unter schwierigen materiellen Bedingungen fortsetzte. In Dokumenten aus dieser Zeit änderte Bergman – ähnlich wie Geiringer – sein Geburtsjahr auf 1897, um bessere Aussichten auf Unterstützung oder Anstellung zu haben.
Auf Einladung der Harvard Engineering School reiste Bergman im Mai 1939 in die USA, lehrte seit Dezember 1939 ein Jahr am Massachusetts Institute of Technology als Lecturer, danach zwei Jahre am Yeshiva College in New York City, von 1941 bis 1945 an der Brown University in Providence (Rhode Island, USA) und war dann von 1946 bis 1951 an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts, USA) tätig. Bergman, der seit 1940 diese Schreibweise seines Namens verwendete, unterstützte während des Zweiten Weltkriegs die US-amerikanische Kriegsführung durch mathematische Forschung und Lehre, etwa durch die Ausbildung Angewandter Mathematiker auf den Gebieten der Aeronautik, Aerdoynamik, Akustik, U-Boot-Kommunikation, finanziert aus Drittmitteln.
Bergman publizierte auf dem Gebiet der Reinen und Angewandten Mathematik, v. a. auf dem Gebiet der komplexen Analysis und der Theorie der linearen partiellen Differentialgleichungen. Neben der mathematischen Bearbeitung konkreter Ingenieursprobleme und der Lösung konkreter Differentialgleichungsprobleme entwickelten seine Arbeiten das Gebiet der mehrdimensionalen komplexen Analysis weiter, u. a. mit dem Begriff der Distinguished Boundary, nach dem für eine große Klasse von Gebieten eine analytische Funktion mehrerer komplexer Veränderlicher bereits vollständig durch ihre Werte auf einem relativ kleinen Teil des Randes bekannt sind (Bergman-Shilv-Berandung). Bergman bemühte sich auch um populäre Darstellungen der Mathematik, etwa mit Visualisierung des vierdimensionalen Raumes durch Filme.
| 1951 | Mitglied der American Academy of Arts and Sciences (USA) |
| 1989–2020 | Stefan Bergman Prize der American Mathematical Society |
| 2023 | Stefan Bergman Fellowship der American Mathematical Society |
Nachlass:
Stanford University Libraries, Department of Special Collections and University Archives, Stanford (Kalifornien, USA), Stefan Bergman Papers, ca. 1940–1972, ID: SC0404.
Weitere Archivmaterialien:
Bodleian Archives, Archive of the Society for the Protection of Science and Learning, Oxford (Großbritannien), File Stefan Bergman MS. S.P.S.L. 277/5.
Archiv der Humboldt-Universität zu Berlin, Phil. Fak. 01, Nr. 605 (Promotionsakte) u. Nr. 1245. (Habilitationsakte)
Monografien:
Sur les fonctions orthogonales de plusieurs variables complexes avec les applications à la théorie des fonctions analytiques, 1947.
Sur la fonction-noyau d'un domaine et ses applications dans la théorie des transformations pseudo-conformes, 1948.
The Kernel Function and Conformal Mapping, 1950.
Stefan Bergman/Menahem Schiffer, Kernel Functions and Elliptic Differential Equations in Mathematical Physics, 1953.
Integral Operators in the Theory of Linear Partial Differential Equations, 1961, 21969.
Aufsätze:
Über die Entwicklung der harmonischen Funktionen der Ebene und des Raumes nach Orthogonalfunktionen, in: Mathematische Annalen 86 (1922), S. 238–271. (Diss. phil.)
Zur Theorie der algebraischen Potentialfunktionen des dreidimensionalen Raumes I, in: Mathematische Annalen 99 (1928), S. 629–659.
Zur Theorie der algebraischen Potentialfunktionen des dreidimensionalen Raumes II, in: Mathematische Annalen 101 (1929), S. 534–558.
Über die Kernfunktion eines Bereiches und ihr Verhalten am Rande I, in: Journal für die reine und angewandte Mathematik 169 (1933), S. 1–42.
Über die Kernfunktion eines Bereiches und ihr Verhalten am Rande II, in: Journal für die reine und angewandte Mathematik 172 (1935), S. 89–128.
Werkverzeichnisse:
Maciej Skwarczyński, Stefan Bergman (1895–1977), in: Wiadomości Matematyczne. Seria II 23 (1981), S. 196–204.
Tilman Sauer, Stefan Bergman (1895–1977). Anmerkungen zur Bio- und Bibliographie, in: Hans Fischer/Michael Friedman/Henning Heller/Hannes Junker/Rainer Kaenders (Hg.), (im Erscheinen). (Ergänzungen)
Monografien und Beiträge:
Maciej Skwarczyński, Stefan Bergman (1895–1977), in: Wiadomości Matematyczne. Seria II 23 (1981), S. 189–204. (P)
Steven G. Krantz, Bergman, in: The Mathematical Intelligencer 12 (1990), H. 4, S. 32–34. (P)
Philip J. Davis, Mathematical Encounters of the Second Kind, 1997, S. 137–158. (P)
Birgit Bergmann/Moritz Epple (Hg.), Jüdische Mathematiker in der deutschsprachigen akademischen Kultur, 2009.
Tilman Sauer, Stefan Bergman (1895–1977). Anmerkungen zur Bio- und Bibliographie, in: Hans Fischer/Michael Friedman/Henning Heller/Hannes Junker/Rainer Kaenders (Hg.), (im Erscheinen). (englische Onlineressource)
Lexikonartikel:
J. C. Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften, Bd. 6, 1936, S. 187, Bd. 7b, 1967, S. 319–322 u. Bd. 8, 1997, S. 344.
Annette Vogt, Art. „Stefan Bergman“, in: Siegfried Gottwald/Hans-Joachim Ilgauds/Karl-Heinz Schlote (Hg.), Lexikon bedeutender Mathematiker, 1990, S. 44 f.
John J. O’Connor/Edmund F. Robertson, Art. „Stefan Bergman“, in: MacTutor History of Mathematics Archive, 2009. (P) (Onlineressource)
Andrzej Kuśnierczyk, Art. „Stefan Bergman“, in: Juliusz Setkowski (Hg.), Żydzi Częstochowsky. Słownik Biograficzny, 2020, S. 42 f. (Onlineressource)
Nachrufe:
Menahem Schiffer/Hans Samelson, Dedicated to the Memory of Stefan Bergman, in: Applicable Analysis 8 (1979), S. 195–199.
Menahem Schiffer, Stefan Bergman (1895–1977) in memoriam, in: Annales Polonici Mathematici 39 (1981), S. 5–9. (P)
Fotografie, 1952, Massachusetts Institute of Technology, Cambridge (Massachusetts, USA), Abbildung in: Philip J. Davis, Mathematical Encounters of the Second Kind, 1997, S. 158.