Lebensdaten
1832 bis 1908
Geburtsort
Wiedensahl (Hannover)
Sterbeort
Mechtshausen am Harz
Beruf/Funktion
Dichter ; Zeichner ; Maler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118517880 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Busch, Guglielm
  • Busch, Guilelmus
  • Busch, Guilielmus
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Zitierweise

Busch, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118517880.html [26.09.2017].

CC0

  • Genealogie

    V Frdr. B (1801-68), Kaufm. in Wiedensahl, S der Bauern-T u. Erbin Sophie Ilse Marie Dor. Busch (1779–1821) aus Ilvese ( 1802 Wolrath Emme, Bauer in Ilvese, der 1827 ihren Sohn, um ihm den Eintritt in die Kramergilde zu ermöglichen, der Form halber anerkannte, ohne ihm aber seinen Namen zu erteilen); M Henr. Dorothee Charl., verw. Stümke (1803–70), T des Baders Gg. Ambrosius Kleine in Wiedensahl u. der Amalie Wiederhold; ledig.

  • Leben

    B. hat die dörfliche Welt seiner Kindheit und seines Elternhauses in seiner knappen Selbstbiographie „Was mich betrifft“ dichterisch geschildert. Er hat, nach seiner eigenen Aussage ein „fast beständiger Dorfbewohner“, den größten Teil seines Lebens in seinem Heimatort Wiedensahl zugebracht. Die ersten Bildungseindrücke empfing er bei seinem Onkel, Dorfpastor Georg Kleine in Ebergötzen bei Göttingen (1841–46), dann in Lüthorst. Während späterer Aufenthalte bei Pastor Kleine, der Imker war, interessierte sich B. für die Bienenzucht. Aus dieser Beschäftigung sind drei kleine Abhandlungen und eine der schönsten Bildergeschichten, „Schnurrdiburr oder Die Bienen“ (1869), hervorgegangen. 1847-51 besuchte B. die TH Hannover, wendete sich im Frühjahr 1851 der Malerei zu und studierte zunächst ein Jahr lang an der Akademie in Düsseldorf, 1852 in Antwerpen und von 1854 an in München. Der Aufenthalt in Antwerpen war für seine Entwicklung vor allem durch das erste Erlebnis der großen altholländischen Malerei von entscheidender Bedeutung. In München wurde er Mitglied der Künstlervereinigung „Jung-München“, der unter anderem die Maler Heinrich von Angeli, Theodor Pixis, Wilhelm Diez und B.s späterer Verleger Otto Bassermann angehörten. 1859-71 war er regelmäßig für die „Fliegenden Blätter“ und die „Münchener Bilderbogen“ tätig. 1864 erschienen die „Bilderpossen“ als erste selbständige Veröffentlichung, 1865 „Max und Moritz“ und von da an in rascher Folge die berühmten Bildergeschichten. Seit 1867 hielt sich B. häufig in Frankfurt/Main bei der Familie Keßler auf, wo sein Bruder Otto Erzieher war. Hier entstanden die wenigen Plastiken, die er modelliert hat. Seit 1872 lebte er bei seiner Schwester Fanny, der Frau des Pastors Hermann Nöldeke im Pfarrhaus von Wiedensahl, übersiedelte 1878 mit ihr und deren drei Söhnen Adolf, Hermann und Otto, seinen späteren|Biographen, in das Pfarrwitwenhaus und 1898 zu dauerndem Aufenthalt nach Mechtshausen. Während dieses letzten Lebensjahrzehnts hat B. nur noch Gedichte geschrieben, aber nicht mehr gezeichnet noch gemalt. Dieses Verhalten ist bezeichnend für seine weltanschauliche Grundhaltung, die entscheidend vom philosophischen Pessimismus bestimmt war. Sie klang in eine gelassene Kontemplation und Resignation aus. Über B.s Verhältnis zu den allgemeinen großen Fragen der Philosophie und Religion ist außer in den Gedichten und den drei Prosadichtungen verhältnismäßig vieles in seinen Briefen ausgesprochen, sein Privatleben aber verbarg er hinter Distanziertheit und Verschlossenheit, betonte seinen Hang zur Einsamkeit und war stets darauf bedacht, seine künstlerische Arbeit in möglichster Abgeschiedenheit zu verrichten.

    B. ist in die Literatur- und in die Kunstgeschichte als einzigartige Doppelbegabung eingegangen, einzigartig im strengen Sinn, da kein anderer Fall einer so völligen Gleichwertigkeit und Zusammengehörigkeit der dichterischen und der bildkünstlerischen Ausdrucksweise bekannt ist. Diese Vereinigung wie überhaupt der Stil B.s war um die Mitte der 60er Jahre voll entwickelt und hat sich von da ab nur mehr verhältnismäßig wenig geändert. Die anfänglichen Anklänge an den Holzschnittstil der deutschen Buchillustration von der Art Ludwig Richters waren bald überwunden, eine Verwandtschaft mit der Zeichenkunst der von B. zeitlebens bewunderten holländischen Maler des 17. Jahrhunderts blieb bis ans Ende seines Schaffens, aber in einer durchaus persönlichen Umprägung.

    Als Zeichner war B. einer der größten Virtuosen der Bewegungsdarstellung. Diese ist das naturalistischste Element in seiner Gestaltungsweise. Im übrigen gehört zum Wesen der von ihm geprägten Gattung der „Bildergeschichte“ eine naturferne Phantastik und ein Märchencharakter, die trotz der satirischen Schärfe ständig wirksam bleiben. B.s charakteristische graphische Form, ein überaus lebendiger, fetter, schnörkeliger Strich, ist in gleichem Maß Ausdruck dieser Mischung aus Realistik und Phantastik und damit des für B. spezifischen Humors wie die dazugehörigen Verse. In diesen ist das Sprachkünstlerische mindestens ebenso eigenartig innerhalb der zeitgenössischen Literatur wie seine Zeichnung im Vergleich mit der Graphik der Zeitumgebung. Im Gesamtkunstwerk der „Bildergeschichte“ sind Bildkunst und Sprachkunst zu einer besonderen Höhe gesteigert. Die Thematik dieser Hauptwerke ist verhältnismäßig eng beschränkt auf kleine tragikomische Begebenheiten aus der bäuerlichen und kleinbürgerlichen Alltagswelt. An ihnen exemplifizierte B. seine Weltanschauung, die sich auf weite Strecken mit dem Schopenhauerschen Pessimismus deckt (mit der Philosophie Schopenhauers hat sich B. eingehend befaßt; seine Stellung zu ihr ist auch aus vielen Briefen, vor allem aus der Korrespondenz mit der holländischen Schriftstellerin Maria Anderson, zu erkennen). Der blinde Lebenstrieb, das Radikal-Böse in der Natur und die Tücke des Objekts bilden die unerschöpflichen, immer wieder variierten Ideeninhalte der Werke B.s. Sie treten vor allem an drei Gattungen von Lebewesen in Erscheinung: am Tier, am Kind und am Spießer. In den Hauptwerken sind diese Typen zu einzelnen rasch populär und schließlich unsterblich gewordenen Einzelgestalten verdichtet, in Hans Huckebein (1867), Fipps dem Affen (1879) und dem Hundepaar Plisch und Plum (1882) als Personifikationen der animalischen Bosheit und Schlauheit, in Max und Moritz und vielen anderen Lausbuben als Vertretern der kindlichen Amoralität und Grausamkeit und in einer Reihe von Dorfleuten und Spießbürgern, an denen eine reiche Skala der Schwächen des Durchschnittsmenschen demonstriert wird. Innerhalb dieser letzten Gattung hat B. einige gedrängte „Lebensläufe in abstracto“, wie er es selbst nannte, dargestellt, wie | mit der Frommen Helene Tobias Knopp, Balduin Bählamm, Maler Klecksel.

    Trotz dieser relativen Einfachheit und Einheitlichkeit der moralisierenden Grundhaltung ist der Humor B.s, der sich im Ideologischen allein nicht erschöpft, von komplizierter Art. Jener Märchengeist, das Groteske und vielerlei dichterische Stimmungsinhalte haben an ihm Anteil. Dementsprechend lassen sich trotz der durchgehenden Eigentümlichkeiten des graphischen Stils Abwandlungen feststellen. So zum Beispiel entspricht der höhnischen Schärfe in der Schilderung der „Frommen Helene“ (1872) eine stellenweise dämonische Unruhe der zeichnerischen Form, der gemäßigteren, kühler ironischen Betrachtungsweise der letzten Bildergeschichten („Balduin Bählamm“ 1883, „Maler Klecksel“ 1884) eine gelassenere, glatte Strichführung. Was außer den im Druck veröffentlichten Zeichnungen - bis 1876 in Holzschnitt, nachher in Zinkographie - noch an selbständigen Graphiken B.s erhalten ist, sind zum Teil Naturstudien, zum Teil Entwürfe für nicht veröffentlichte „Bildergeschichten“ und Einzelzeichnungen von gleicher Vollendung wie die Zeichnungen der Bücher. Hier ragt vor allem einzelnes aus dem nachgelassenen Band|„Hernach“ (1908) hervor. Der Spätstil dieser Werke nähert sich in manchem der graphischen Form der ersten Reife aus der Zeit der Entstehung von „Max und Moritz“ und „Hans Huckebein“.

    Von den selbständigen Dichtungen B.s bleiben die meisten lyrischen und humoristischen Gedichte (gesammelt in den Bänden: „Kritik des Herzens“, 1874, „Zu guter Letzt“, 1904, „Schein und Sein“, 1909) hinter der Sprachkunst der „Bildergeschichten“ erheblich zurück. Von gleicher sprachschöpferischer Eigenart wie die Verse der „Bildergeschichten“ sind hingegen die drei Prosawerke, die B. veröffentlicht hat: die kurze Selbstbiographie, die in mehreren Fassungen mit den Titeln „Was mich betrifft“ und „Von mir über mich“ erschien, und die beiden Traumdichtungen „Der Schmetterling“ (1895) und „Eduards Traum“ (1891). Diese auch heute noch zu wenig bekannten Dichtungen zählen zu den merkwürdigsten Sprachkunstwerken in der deutschen Literatur des späteren 19. Jahrhunderts. In diesen Prosadichtungen, wie übrigens auch in den „Bildergeschichten“, spielt die niedersächsische Volksdichtung thematisch wie sprachlich eine wichtige Rolle als Anregung. B. hat sich von früher Zeit an mit dem Plattdeutsch seiner Heimatlandschaft um Wiedensahl befaßt, eine von ihm schon in den 50er Jahren begonnene Sammlung von Volksmärchen, Sagen und Liedern dieser Gegend wurde postum mit dem Titel „Ut ôler Welt“ (Aus alter Zeit) 1910 veröffentlicht.

    Zeit seines Lebens hat B. auch gemalt. Hunderte von Bildern sind erhalten, die erst nach seinem Tode der Öffentlichkeit bekannt geworden sind. In ihrer Abhängigkeit von der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, insbesondere von Franz Hals und Adriaen Brouwer, steht seine Malerei neben der Graphik an zweiter Stelle. Während des größeren früheren Zeitabschnitts dieser malerischen Tätigkeit, in deren Anfängen auch der Einfluß Lenbachs erkennbar ist, überwiegen Genrebilder aus dem dörflichen Leben; manche von ihnen sind Paraphrasen niederländischer Genrestücke. Allmählich entwickelt sich aus oft monochromer Tonigkeit ein persönlicher, allerdings zumeist etwas stereotyper Kolorismus. Aus der letzten Phase, den frühen 90er Jahren, in der die Landschaft die beherrschende Rolle spielt, sind einige Werke erhalten, mit denen B. auch in der Malerei der Meisterschaft seines zeichnerischen Altersstils nahegekommen ist.

  • Werke

    Weitere W Btrr. f. Braun & Schneiders „Fliegende Bll.u. „Münchener Bilderbogen“, 1859-71, ges. erschienen in: Schnaken u. Schnurren, I-III, u.: Kunterbunt, I-III; Der hl. Antonius v. Padua, 1870; Bilder z. Jobsiade, 1872; Pater Filucius, 1872; Der Geburtstag od. Die Partikularisten, 1873; Dideldum!, 1874; Abenteuer eines Junggesellen, 1875; Herr u. Frau Knopp, 1876; Julchen, 1877; Die Haarbeutel, 1878. In Kleines W. B.- Album, um 1911, u. Neues W. B.- Album, 1912, ein großer Teil d. angeführten W, in d. v. O. Nöldeke hrsg. Gesamtausg., 1943, sämtl. gedr. W. - Ausw. d. Briefe: ebenda u. in: W. B., Ist mir mein Leben geträumet?, 1935; W. B. an Maria Anderson, 70 Briefe, 1908. - Handzeichnungen u. Gem. in musealem u. privatem Besitz, eine bes. große Slg. im W.B.-Mus., Hannover (Eigentümer: W- B.-Ges.).

  • Literatur

    E. Daelen, Üb. W. B. u. seine Bedeutung, 1886; R. Schaukal, W. B., 1905, = Die Dichtung, Bd. 21; W. B., Künstlerischer Nachlaß, 1908; H., A. u. O. Nöldeke, W. B., 1909; A. Vanselow, Die Erstdrucke u. Erstausgg. d. Werke v. W. B., 1913; A. Rümann, W. B.-Bibliogr., in: Die ill. dt. Bücher d. 19. Jh., 1926, = Taschenbibliogr. f. Büchersammler IV, Nr. 194-232; R. Dangers, W. B., Sein Leben u. sein Werk, 1930; ders., W. B., der Künstler, 1937; F. Bohne, W. B. u. d. Geist seiner Zeit, 1931; H. Glockner, W. B., Der Mensch - Der Zeichner - Der Humorist, 1932, = Philos. u. Gesch., Bd. 41; A. Dorner, W. B., d. Maler u. Zeichner, Kat. d. W. B.-Jubiläumsausstellung in Hannover, 1932; W. Kramer, Das graph. Werk v. W. B., Diss. Frankfurt a. M. 1933; H. Cremer, Die Bildergesch. W. B.s, 1937; H. Balzer, W. B.s Buch d. Lebens, 1949; ders., W. B.s Wesen u. Werk im Spiegel seiner Spruchweisheit, o. J.; F. Novotny, W. B. als Zeichner u. Maler, 1949, = Slg. Schroll; Ch. Lumpe, Das Groteske im Werk W. B.s, Diss. Göttingen 1953; H. Balzer, Nur was wir glauben, wissen wir gewiß, Der Lebensweg d. lachenden Weisen W. B., 1954; O. F. Volkmann, in: BJ XIII, S. 74-97 (W, L u. Tl. 1908, L); laufende Bibliogr. in: Mitt. d. W. B.-Ges., Hannover; Frels.

  • Portraits

    Selbstbildnisse (Hannover, Prov.-Mus., München, Staatl. Gem.-Slgg.); Gem. v. F. v. Lenbach (Abb. in: Lenbachwerk I); Hschn. in: LIZ 74, 1880, S. 8.

  • Autor

    Fritz Novotny
  • Empfohlene Zitierweise

    Novotny, Fritz, "Busch, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 65-67 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118517880.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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