Wien, Max
- Lebensdaten
- 1866 – 1938
- Geburtsort
- Königsberg (Preußen)
- Sterbeort
- Jena
- Beruf/Funktion
- Physiker ; Hochfrequenztechniker ; Hochschullehrer
- Konfession
- evangelisch
- Normdaten
- GND: 117362433 | OGND | VIAF: 5707043
- Namensvarianten
-
- Wien, Max Carl Werner
- Wien, Max
- Wien, Max Carl Werner
- Wien, Max Karl Werner
Vernetzte Angebote
- * Kalliope-Verbund
- Archivportal-D
- Mitglieder der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (SAW) [2003-]
- Mitglieder der Leopoldina [2006-]
- Mitglieder der Deutschen Physikalischen Gesellschaft 1845 bis 1945 (DPG) (eingestellt) [2006-]
- * Nachlass Sommerfeld beim Deutschen Museum
- * Nachlass Wien beim Deutschen Museum (eingestellt)
Verknüpfungen
Personen in der NDB Genealogie
- NDB 11 (1977), S. 661 (Kirchner, Fritz)
- NDB 15 (1987), S. 87 (Loewe, Siegmund)
- NDB 17 (1994), S. 179 (Merté, Willy)
- NDB 22 (2005), S. 618 in Artikel Scheibe (Scheibe, Adolf)
- NDB 23 (2007), S. 129 in Artikel Schmelzer (Schmelzer, Carl Christoph)
- NDB 23 (2007), S. 501 in Artikel Schottky (Schottky, Walter Hans)
- NDB 28 (2024), S. 81* (Wien, Wilhelm Carl Werner Otto Fritz Franz)
- NDB 28 (2024), S. 85* (Wien, Karl)
- NDB 28 (2024), S. 655 (Zenneck, Jonathan Adolf Wilhelm)
Orte
Symbole auf der Karte
Geburtsort
Wirkungsort
Sterbeort
Begräbnisort
Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.
-
Wien, Max Carl Werner
| Physiker, * 25.12.1866 Königsberg (Preußen), † 24.2.1938 Jena, ⚰ Gaffken (Ostpreußen), Familiengrab. (evangelisch)
-
Genealogie
V Otto Christian Ernst (1821–1882), aus Mierendorf b. Güstrow, Kaufm., Mitinh. e. Getreidefirma in K., S d. →Matthias Ernst (1781–1845), Gutspächter (s. Gen. 1), u. d. Friderike Franck (1795–1847), aus Leppin;
M Emma Friederike Caroline Cruse (1833–1904), aus Lübeck;
B Otto Theodor (* 1865);
– ⚭ Hamburg 1903 Johanna (Hanna) Friederike Clara Auguste (1875–1921), aus Hamburg, T d. →Carl August Voller (1842–1920), aus Elberfeld, Dr. phil., Dir. u. o. Hon.prof. d. physikal. Staatslaboratoriums in Hamburg, 1890 Mitgl. d. Leopoldina, 1907–13 Mitgl. d. Hamburg. Bügerschaft, u. d. Amalie Cramer, 4 K u. a. S Otto Fritz Max (1906–1978, ⚭ Marie-Luise Richard,* 1910);
E Renate (1937–2004);
Vt →Wilhelm (s. 1);
Verwandter →Karl (s. 3). -
Biographie
Nach dem Abitur am Altstädter Gymnasium in Königsberg 1884 studierte W. Mathematik und Physik an der Univ. Königsberg. Er wechselte nach zwei Semestern an die Univ. Freiburg (Br.). Nach W.s Verständnis fing sein ernsthaftes Studium erst im Wintersemester 1885/86 an der Univ. Berlin an, wo →Hermann v. Helmholtz (1821–94) 1887 sein Dissertationsprojekt zur quantitativen Bestimmung der Stärke des Schalls akzeptierte (Dr. phil. 1888). In der dafür von ihm konstruierten Apparatur benutzte er einen Resonator als Empfänger, der bei seiner Eigenfrequenz die Druckdifferenzen des Schalls verstärkte und auf eine daran gekoppelte und abgestimmte Barometerkapsel übertrug, deren Schwingungen ein mit einem Stift verbundener beleuchteter drehbarer Spiegel sichtbar machte.
Die Amplitude war ein Maß für die Schallstärke. Nach seinem einjährigen Militärdienst bei den Kürassieren in Königsberg kehrte er als Assistent an das Berliner Institut zurück und entwickelte aus dem für seine Dissertation als Tonquelle eingesetzten Telefon ein empfindliches Meßgerät für Wechselstrom. Daraus entstand ein neues Verfahren für die Bestimmung von Induktionskonstanten in Brückenschaltungen mit Wechselstrom. Die Apparatur ging als „Wien-Brücke“ in die Literatur ein. Seit Ostern 1892 Assistent bei →Conrad Wilhelm Röntgen (1845–1923) an der Univ. Würzburg, habilitierte W. sich 1893 mit der Arbeit „Über eine neue Form der Induktionswaage“ für Physik. In einer mathematisch-theoretischen Untersuchung leitete er 1896 her, daß erzwungene Schwingungen zweier gekoppelter Systeme bei schwacher Dämpfung zwei ausgeprägte Maxima zeigten, die sich bei stärkerer Dämpfung abflachten.
Zu Ostern 1899 nahm W. den Ruf auf eine Dozentur an der TH Aachen an, die noch in demselben Jahr mit dem Titel eines Professors verbunden wurde. Mit seiner für die Dissertation entwickelten Apparatur behandelte er 1902 auch Fragen der physiologischen Akustik, als er die frequenzabhängige Empfindlichkeit des menschlichen Ohrs untersuchte; sein 1905 publizierter Hinweis auf die Widersprüche in der Helmholtzschen Resonanztheorie des Hörens wird „Wienscher Einwand“ genannt. Erstmals beschäftigte ihn die drahtlose Telegraphie, als er seine Betrachtungen über gekoppelte Systeme auf den Sender von →Ferdinand Braun (1850–1918) anwandte. 1903 wurde er auf den Lehrstuhl für Physik an der neugegründeten TH Danzig berufen, die im Sommer 1904 ihren Lehrbetrieb aufnahm. Dort entdeckte er im Rahmen seiner Beschäftigung mit der starken Dämpfung des Braunschen Senders 1906 die „Löschwirkung“ bei kurzen Funkenstrecken in gekoppelten Schwingungskreisen und ermöglichte damit leistungsstärkere Löschfunkensender, die unter der Bezeichnung „der tönende Funke“ ab 1908 in Produktion gingen. Aufgrund der Entwicklung des Löschfunkensenders zählte W. zu den Pionieren der Funkentelegraphie, die während des Krieges von der drahtlosen Telephonie mit Röhrenverstärkern abgelöst wurde. Seit 1911 war W. Ordinarius für Physik und Leiter des physikalischen Instituts an der Univ. Jena, wo er mit umfangreichen technischen und organisatorischen Änderungen der Lehre und Forschung eine neue Qualität verschaffte und Jena zu einem Zentrum für drahtlose Telegraphie machte. Hier sollten z. B. alle Daten der|für die Sonnenfinsternis von 1914 in Deutschland geplanten Messungen gesammelt werden.
Nach Beginn des Kriegs unterzeichnete W. im Rahmen des „Kriegs der Geister“ eine Aufforderung seines Vetters →Wilhelm Wien (1864–1928), engl. Wissenschaftler nicht häufiger als dt. zu zitieren. Im Rang eines Rittmeisters war er an militärtechnischen Forschungen beteiligt und wurde im Sept. 1914 mit der Aufgabe betraut, die Möglichkeiten der Fernlenkung von Luftschiffen, Flugzeugen und Booten zu untersuchen. Allein die Boote kamen am Ende des Kriegs noch zum Einsatz.
Für die technische Abteilung der Funkertruppen prüfte und entwickelte W. mit Physikern wie Walther Gerlach (1889–1979), →Robert Wichard Pohl (1884–1976), →Gustav Hertz (1887–1975) und →Julius Herweg (1879–1936) die Ausrüstung für die drahtlose Nachrichtenübermittlung. Er untersuchte während der Weimarer Republik v. a. die Leitfähigkeit von Elektrolyten und entdeckte bei sehr hohen Spannungen Abweichungen vom Ohmschen Gesetz. Das dafür verantwortliche Verhalten der in den Elektrolyten gelösten Ionen wird auch als Wien-Effekt bezeichnet. 1924 wurde W. zum Vorsitzenden der Dt. Physikalischen Gesellschaft gewählt, trat aber aus Protest gegen eine englischsprachige Publikation in der „Zeitschrift für Physik“ nach einem knappen Jahr zurück, weil er darin einen „Mangel an nationaler Würde“ sah.
Angesichts der Entlassungen im Nationalsozialismus führte W. 1934 eine Umfrage nach dem Personalstand an allen dt. Instituten durch und wies in einer Eingabe an den Reichsminister für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung, →Bernhard Rust (1883–1945), darauf hin, daß die bestehenden Vakanzen mit dem vorhandenen Nachwuchs gefüllt werden könnten. 1935 mußte er aufgrund der neu abgesenkten Altersgrenze seine Tätigkeit als Professor in Jena beenden.
Mit →Werner Heisenberg (1901–1976) und →Hans Geiger (1882–1945) verfaßte er 1936 eine Denkschrift an Rust, die sich gegen die ideologisch bestimmten Angriffe auf die theoretische Physik wandte.
-
Auszeichnungen
|GHR (1912);
korr. Mitgl. d. Ak. d. Wiss. z. Göttingen (1907);
Mitgl. d. Sächs. Ak. d. Wiss (1921) u. d. Leopoldina (1934);
Ehrenmitgl. d. Dt. Physikal. Ges. (1937);
Dr.-Ing. E. h. (Danzig);
– M.-W.-Platz, Jena (seit 1958). -
Werke
|Ueber d. Messung d. Tonstärke, in: Ann. d. Physik 36, 1889, S. 834–57;
Das Telephon als optischer Apparat z. Strommessung, ebd. 42, 1891, S. 593–621 u. 44, 1891, S. 681–88;
Messung d. Inductionskonstanten mit d. „optischen Telephon“, ebd. 44, 1891, S. 689–712;
Ueber Widerstandsmessungen mit Hülfe d. Telephons, ebd. 47, 1892, S. 626–37;
Eine neue Form d. Inductionswaage, ebd. 49, 1893, S. 306–46;
Ueber d. Rückwirkung e. resonirenden Systems, ebd. 61, 1897, S. 151–89;
Ueber d. Verwendung d. Resonanz in d. drahtlosen Telegr., ebd. 8, 1902, S. 686–713;
Über d. Verstimmung gekoppelter Systeme, ebd. 25, 1908, S. 7–30;
Über d. Gültigkeit d. Ohmschen Gesetzes f. Elektrolyte b. sehr hohen Feldstärken, ebd. 73, 1924, S. 161–81;
Ueber d. Empfindlichkeit d. menschl. Ohres f. Töne verschiedener Höhe, in: Pflügers Archiv f. d. gesamte Physiol. d. Menschen u. d. Tiere 97, 1903, S. 1–57;
Ein Bedenken gegen d. Helmholtzsche Resonanztheorie d. Hörens, FS Adolph Wüllner gewidmet z. siebzigsten Geb.tage, 1905, S. 28–35;
Über d. Intensität d. beiden Schwingungen e. gekoppelten Senders, in: Physikal. Zs. 7, 1906, S. 871 f.;
Über e. neue Form d. Stoßerregung elektr. Schwingungen, ebd. 11, 1910, S. 76 f.;
Dem Andenken d. im Kriege gefallenen dt. Physiker Karl Vollmer, ebd. 20, 1919, S. 217–19;
Progr. d. radiotelegr. Ausbreitungsversuche b. Gelegenheit d. Sonnenfinsternis am 21. Aug. 1914, ebd. 15, 1914, S. 746–48 u. in: Elektrotechn. Zs. 35, 1914, S. 940 f.;
Schwingungen gekoppelter Systeme, in: Die Kultur d. Gegenwart, 1915, T. 3, Abt. 3, Bd. 1, S. 382–407;
– Qu Nachlaß Wilhelm Wien, Dt. Mus. München;
Aus meinem Leben, Meinen Kindern, um 1937 (unveröff. Autobiogr., Fam.bes.). -
Literatur
|H. W. Birnbaum, Die Fernlenkversuche d. Reichsmarine in d. Jahren 1916/18, in: Zs. f. Hochfrequenztechnik 32, 1928, S. 162–170;
H. Busch, M. W. z. seinem 70. Geb.tag, in: Elektr. Nachrr.-Technik 14, 1937, S. 1–5 (P);
K. W. Wagner, M. W. z. 70. Geb.tag, in: Die Naturwiss. 25, 1937, S. 65–67 (P);
G. Hoffmann, in: Berr. über d. Verhh. d. Sächs. Ak. d. Wiss. z. Leipzig 90, 1938, S. 225–34 (W);
A. Esau, in: Verhh. d. Dt. Physikal. Ges. 19, 1938, S. 118–21;
E. Grüneisen, in: Ann. d. Physik 31, 1938, S. 569;
J. Wittig, Zum Leben u. Wirken v. M. W., in: Feingerätetechnik 37, 1988, S. 516–19;
D. Hoffmann, Die Physikerdenkschrr. v. 1934/35 u. z. Situation d. Physik im faschist. Dtld., in: Wiss. u. Staat hg. v. Inst. f. Theorie, Gesch. u. Organisation d. Wiss. d. Ak. d. Wiss. d. DDR, 1989, S. 185–212;
St. L. Wolff, Physicists in the „Krieg der Geister“, W. W.s „Proclamation“, in: Hist. Studies in the Physical Sciences 33, 2003, H. 2, S. 337–68;
ders., The Establishment of a Network of Reactionary Physicists in the Weimar Republic, in: C. Carson, A. Kojevnikov u. H. Trischler (Hg.), Weimar Culture and Quantum Mechanics, 2011, S. 293–318;
ders., M. W. z. 150. Geb.tag, Ein pol. Wiss. zw. reiner u. techn. Physik, in: Physik-Journ. 15, 2016, S. 39–43;
ders., Der 1. Weltkrieg u. seine Auswirkungen auf d. dt. Physiker, in: C. Forstner u. G. Neuneck (Hg.), Physik, Militär u. Frieden, 2018, S. 11–27;
Pogg. IV–VI;
Lex. Naturwiss. -
Autor/in
Stefan L. Wolff -
Zitierweise
Wolff, Stefan L., "Wien, Max Carl Werner" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 83-84 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117362433.html#ndbcontent