Bernstein, Felix

Lebensdaten
1878 –1956
Geburtsort
Halle an der Saale
Sterbeort
Zürich
Beruf/Funktion
Mathematiker ; Statistiker
Konfession
unbekannt
Normdaten
GND: 116147423 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Bernstein, Felix

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Zitierweise

Bernstein, Felix, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd116147423.html#indexcontent [01.07.2026].

CC0

  • Bernstein, Felix

    1878 – 1956

    Mathematiker

    Der Mathematiker Felix Bernstein lehrte und forschte zur Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik, für die er neue Anwendungsgebiete in der Vererbungslehre und im Versicherungswesen erschloss. Seine statistischen Untersuchungen waren grundlegend für Hinterbliebenenversorgung und Risikoabsicherung bei Lebensversicherungen. Zudem korrigierte bzw. erweiterte er Kenntnisse der Vererbung der Blutgruppen.

    Lebensdaten

    Geboren am 24. Februar 1878 in Halle an der Saale
    Gestorben am 3. Dezember 1956 in Zürich
    Konfession jüdisch; seit 1887 evangelisch-lutherisch
    Felix Bernstein, SUB Göttingen (InC)
    Felix Bernstein, SUB Göttingen (InC)
  • 24. Februar 1878 - Halle an der Saale

    1883 - 1896 - Halle an der Saale

    Schulbesuch (Abschluss: Abitur)

    Vorschule; seit 1886 Stadtgymnasium

    30.4.1896 - 5.8.1896 - München; seit Wintersemester 1896/97 Halle an der Saale

    Studium der Mathematik

    Universität

    26.10.1897 - 18.10.1899 - Berlin

    Studium der Philosophie

    Universität

    3.5.1899 - 15.8.1899 - Halle an der Saale

    Studium der Mathematik

    Universität

    30.4.1900 - März 1902 - Göttingen

    Studium der Mathematik

    Universität

    1901 - Göttingen

    Promotion (Dr. phil.)

    Universität

    1901 - 1902

    einjährig-freiwilliger Militärdienst

    1903 - 1907 - Halle an der Saale

    Habilitation für Mathematik; Privatdozent

    Universität

    Oktober 1907 - Göttingen

    Dozent für Versicherungsmathematik

    Universität

    1907 - 1934 - Göttingen

    Umhabilitation; Privatdozent; Titularprofessor und Leiter; seit April 1911 planmäßiger außerordentlicher Professor für Versicherungswissenschaft und mathematische Statistik; seit 1921 persönlicher Ordinarius; 25.4.1933 Beurlaubung

    Mathematische Klasse des deutschen Seminars für Versicherungswesen der Universität; seit 1918 Institut für Mathematische Statistik und Versicherungs-mathematik

    1915 - 1917 - Berlin

    Dienst als Administrator für die Lederverteilung an Kriegs- und Zivilbehörden

    1919

    Gründungsmitglied

    Deutsche Demokratische Partei

    Ende der 1920er Jahre - 1933 - USA

    Gastaufenthalte; Gastvorlesungen

    1933 - 1936 - New York City

    Littauer Visiting Professor

    Columbia University

    1936 - 1943 - New York City

    Professor für Biometrie (Biostatistik)

    zahnärztliches und medizinisches Institut der Columbia University

    1946 - 1949 - Endicott (New York, USA)

    Lecturer

    Triple Cities College der Syracuse University

    1949 - Göttingen

    Übersiedlung; 1949 Rehabilitierung; Professor emeritus

    Universität

    1949 - 1950 - Rom

    Fulbright Professor

    Internationales Statistisches Institut der Universität

    3. Dezember 1956 - Zürich

    Bernstein besuchte seit 1886 das Stadtgymnasium in Halle an der Saale, das er zu Ostern 1896 mit dem Abitur beendete. Sein Vater war mit dem Mathematiker Georg Cantor (1945–1918) befreundet, sodass Bernstein als Schüler Cantors Seminar besuchen konnte und dessen Mengenlehre kennenlernte. 1896 fand er bei Korrekturarbeiten für Cantors Buchmanuskript über transfinite Zahlen den Beweis des Äquivalenzsatzes über die Mächtigkeit von Mengen, der besagt, dass Menge A äquivalent zu Menge B ist, wenn jede der beiden Mengen A und B äquivalent zu einer Teilmenge der anderen Menge ist. Diesen Satz hatte Cantor zehn Jahre zuvor ohne Beweis aufgestellt. Unabhängig von Bernstein hatte 1895 der Mathematiker Ernst Schröder (1841–1902) eine (später als falsch erwiesene) Beweisskizze publiziert; heute wird der Satz meist als Cantor-Bernstein-Schröder-Theorem bezeichnet.

    Seit April 1896 studierte Bernstein Mathematik an der Universität in München, seit Oktober 1896 an der Universität in Halle an der Saale. 1897/98 wechselte er für das Fach Philosophie nach Berlin, studierte aber im Sommersemester 1899 wieder Mathematik in Halle an der Saale und von April 1900 bis Juli 1902 an der Universität Göttingen. In diesen Jahren fertigte er seine von Cantor angeregte Dissertation „Untersuchungen aus der Mengenlehre“ an, mit der er 1901 bei David Hilbert (1862–1943) in Göttingen zum Dr. phil. promoviert wurde. 1903 habilitierte sich Bernstein mit der Arbeit „Über den Klassenkörper eines algebraischen Zahlkörpers“ in Halle an der Saale für Mathematik. Als Privatdozent lehrte er v. a. Reine Mathematik und publizierte bis 1907 zu Mengenlehre und Elementargeometrie. Bis 1906 arbeitete er zudem im Institut seines Vaters zu physiologischen Problemen.

    1907 erhielt Bernstein einen Lehrauftrag für Versicherungsmathematik als Leiter der Mathematischen Klasse des 1895 an der Universität Göttingen gegründeten ersten deutschen Seminars für Versicherungsmathematik und wurde 1911 zum außerordentlichen Professor für Versicherungswissenschaft und mathematische Statistik ernannt. Vom Kriegsdienst in der Armee aus gesundheitlichen Gründen freigestellt, arbeitete er von 1915 bis 1917 als Administrator für Lederverteilung an Kriegs- und Zivilbehörden bei der Kriegsorganisation in Berlin, hielt Statistikkurse für kriegsversehrte Akademiker und knüpfte neue Kontakte, u. a. zu dem Bankier und späteren Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht (1877–1970).

    Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Bernstein zum Gründerkreis der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), für deren Göttinger Sektion er einige Zeit den stellvertretenden Vorsitz übernahm. Wohl auf dieses politische Engagement hin entwarf er im Herbst 1919 im Auftrag des Finanzministeriums von Matthias Erzberger (1875–1921), die Deutschen Sparprämienanleihen, die eine Teilnahme an halbjährlichen Auslosungen von Geldgewinnen vorsahen, aber mangels Erfolgs bald eingestellt wurden.

    1918 wurde Bernstein an der Göttinger Universität die Leitung des Instituts für Mathematische Statistik übertragen, nach großen Widerständen wurde ihm 1921 ein persönliches Ordinariat für Versicherungsmathematik und Mathematische Statistik eingerichtet. Während er klassische Themen aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung, Statistik sowie Bio- und Versicherungsmathematik und seit Mitte der 1920er Jahre mathematische Erblichkeitslehre unterrichtete, forschte er zu deren Anwendungsmöglichkeiten, z. B. bei der Hinterbliebenenversorgung und Risikoabsicherung in Lebensversicherungen. Hierunter fallen auch seine Versuche, die Lebenserwartung aus dem Grad der Alterssichtigkeit zu ermitteln oder die Suche nach „rassischen“ Merkmalen wie etwa die Tonlage der menschlichen Singstimme und der Drehsinn des menschlichen Kopfhaarwirbels sowie seine Hypothese zum Erbgang der Krebserkrankung.

    Bernstein, der wegen seiner Kenntnisse der menschlichen Physiologie von Göttinger Medizinern bei statistischen Auswertungen konsultiert wurde, arbeitete an mathematischen Zugängen zur Vererbungslehre, u. a. zur Korrektur des Vererbungsmechanismus der menschlichen Blutgruppen A, B und 0. 1924 fand er mit seinen statistischen Analysen die Grundlage für den AB0-Blutgruppen-Erbgang und 1925 eine Schätzfunktion für die Allel-Häufigkeit. Seine „Variations- und Erblichkeitsstatistik“ (1929) fasste die Ergebnisse zusammen.

    Ende der 1920er Jahre reiste Bernstein in die USA, forschte im Sommer 1928 zur Epidemiologie an der Harvard University und am Marine Biological Laboratory der University of Chicago in Woods Hole (Massachusetts, USA). Der an der Columbia University in New York City lehrende Anthropologe Franz Boas (1858–1942) ermöglichte ihm 1932/33 einen einjährigen Aufenthalt dort, um Gastvorlesungen zu halten. Währenddessen wurde Bernstein im April 1933 in Göttingen in den Ruhestand versetzt, erhielt im selben Jahr eine Gastprofessur an der Columbia University und von 1936 bis 1943 eine Professur für Biometrie am dortigen zahnärztlichen und medizinischen Institut. Von 1946 bis 1949 war er Lecturer am Triple Cities College der Syracuse University in Endicott (New York, USA). 1948 kehrte Bernstein nach Göttingen zurück, wo er im selben Jahr rehabilitiert und als emeritierter Professor der Universität Göttingen wieder eingesetzt wurde. 1949/50 war er Fulbright-Professor an dem von Corrado Gini (1884–1965) geleiteten Statistik-Institut der Universität Rom.

    Bernsteins Arbeiten zur Anwendung von Mathematik und Statistik in den Lebenswissenschaften trugen zur Öffnung dieser Bereiche in wichtige Forschungsrichtungen bei.

    1951 Mitglied des International Statistical Institute
    1954 Ehrenmitglied der Royal Statistical Society
    2014 Felix-Bernstein-Institut für Mathematische Statistik in den Biowissenschaften, Universität Göttingen (weiterführende Informationen)

    Nachlass:

    Universitätsbibliothek Göttingen, Zentralarchiv deutscher Mathematiker-Nachlässe.

    Universitätsbibliothek Basel, NL 6.

    Untersuchungen aus der Mengenlehre, 1901, erneut abgedr. in: Mathematische Annalen 61 (1905), S. 117–155. (Diss. phil.)

    Über den Klassenkörper eines algebraischen Zahlkörpers. Erste Mitteilung. (vorgelegt von D. Hilbert in der Sitzung vom 21. Februar 1903), in: Nachrichten von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse (1903), S. 46–58.

    Über den Klassenkörper eines algebraischen Zahlkörpers. Zweite Mitteilung, in: ebd., S. 304–311.

    Über unverzweigte Abelsche Körper (Klassenkörper) in einem imaginären Grundbereich, in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 13 (1904), S. 116–119.

    Über die Begründung der Differentialrechnung mit Hilfe der unendlich kleinen Größen, in: ebd., S. 241–246.

    Erklärung zu dem Aufsatz von K. Geißler: „Zur Auffassung der unendlich kleinen Größen“, in: ebd., S. 346.

    Das Leuchtturmphänomen und die scheinbare Form des Himmelsgewölbes, in: Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane 34 (1904), S. 132–140.

    Über die isoperimetrische Eigenschaft des Kreises auf der Kugeloberfläche und in der Ebene, in: Mathematische Annalen 60 (1905), S. 117–136.

    Über die Reihe der transfiniten Ordnungszahlen, in: ebd., S. 187–193.

    Zum Kontinuumproblem, in: ebd., S. 463 f.

    Die Theorie der reellen Zahlen in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 14 (1905) S. 447–449.

    Über eine neue geometrisch-mechanische Erzeugungsweise des Kreises und der sphärischen Kegelschnitte, in: Zeitschrift für Mathematik und Physik 52 (1905), S. 330–335.

    Sur la théorie des ensembles, in: Comptes Rendus Hebdomadaires des Séances de l’Académie des Sciences 143 (1906), S. 953–955.

    Über eine Funktionalgleichung und eine erweiterte Begründung des Gaußschen Fehlergesetzes, in: Berichte über die Verhandlungen der königlichen sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig 58 (1906), S. 228–236.

    Zur Theorie der trigonometrischen Reihe, in: Journal für die reine und angewandte Mathematik 132 (1907), S. 270–278.

    Über konvexe Kurven mit einer überall dichten Menge von Ecken, in: Archiv der Mathematik und Physik 12 (1907), S. 285 f.

    Über das Gaußsche Fehlergesetz, in: Mathematische Annalen 64 (1907), S. 417–448.

    Das Hilfskassengesetz und die Pflege der Versicherungswissenschaft auf den deutschen Universitäten, in: Allgemeine Zeitung München, Beilage Nr. 99 v. 15.5.1907, S. 196 f.

    Über eine Anwendung der Mengenlehre auf ein aus der Theorie der säkularen Störungen herrührendes Problem, in: Mathematische Annalen 71 (1909), S. 417–439.

    Über den letzten Fermatschen Lehrsatz, in: Nachrichten von der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse (1910), S. 482–488.

    Zur Theorie der konvexen Funktionen, in: Mathematische Annalen 76 (1915), H. 4, S. 514–526.

    Die Mengenlehre Georg Cantors und der Finitismus, in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 28 (1919), H. 1/6, S. 63–78.

    Die Theorie der gleichsinnigen Faktoren in der Mendelschen Erblichkeitslehre vom Standpunkt der mathematischen Statistik, in: Zeitschrift für induktive Abstammungs- und Vererbungslehre 28 (1922), S. 295–323.

    Zusammenfassende Betrachtungen über die erblichen Blutstrukturen des Menschen, in: Zeitschrift für induktive Abstammungs- und Vererbungslehre 37 (1925), H. 1, S. 237–270.

    Über Mendelistische Anthropologie, in: Hans Nachtsheim (Hg.), Verhandlungen des V. Internationalen Kongresses für Vererbungswissenschaft 1927, Bd. 1, 1928, S. 422–430

    Über die Erblichkeit der Blutgruppen, in: Zeitschrift für induktive Abstammungs- und Vererbungslehre 54 (1930), S. 400–426.

    Fortgesetzte Untersuchungen aus der Theorie der Blutgruppen, in: Zeitschrift für induktive Abstammungs- und Vererbungslehre 56 (1930), S. 233–273.

    Principles of Probability in Natural Science, in: Journal of Mathematics and Physics 14 (1935), S. 28–35.

    The Continuum Problem, in: Proceedings of the National Academy of Sciences 24 (1938), H. 2, S. 101–104.

    Felix Bernstein/Marianne Bernstein, Law of Physiologic Aging as Derived from Long Range Data on Refraction of the Human Eye, in: Archives of Ophthalmology 34 (1945), S. 378–388.

    Monografien:

    Reinhard Siegmund-Schultze, Rockefeller and the Internationalization of Mathematics Between the Two World Wars, 2001, S. 116 u. 202.

    Malte Bismarck/Siegfried Schmerling, Felix Bernstein. Ein ehemaliger Privatdozent der Vereinigten Friedrich-Universität Halle-Wittenberg, 2007. (Onlineressource)

    Artikel:

    Magdalena Frewer, Felix Bernstein, in: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 83 (1981), S. 84–95.

    Renate Tobies, Bemerkungen zur Biographie von Felix Bernstein und zur „angewandten Mathematik“ in Göttingen, in: Panem & Circensis. Mitteilungsblatt des Fördervereins für Mathematische Statistik und Versicherungsmathematik, Göttingen, Beilage zu H. 4 (1992), S. 1–34.

    James F. Crow, Felix Bernstein and the First Human Marker Locus, in: ders./William F. Dove (Hg.), Genetics. Anecdotal, Historical and Critical Commentaries on Genetics, 1993, S. 4–7.

    Norbert Schappacher, Das Mathematische Institut der Universität Göttingen 1929–1950, in: Heinrich Becker/Hans-Joachim Dahms/Cornelia Wegeler (Hg.), Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus, 21998, S. 523–551.

    Norbert Schappacher, Felix Bernstein, in: International Statistical Review 73 (2005), H. 1, S. 3–7.

    Norbert Schappacher, Felix Bernstein. A Failure in Emigration because He Was Old and Difficult?, in: Oberwolfach Report 51 (2011), S. 2922–2925.

    Nachrufe:

    Corrado Gini, Felix Bernstein, in: Revue de l’Institut international de statistique 25 (1957), S. 1–3.

    Wilhelm Ludwig, Felix Bernstein, in: Zeitschrift für induktive Abstammungs- und Vererbungslehre 88 (1957), S. 161 f.

    Lexikonartikel:

    J. C. Poggendorffs biographisch-literarisches Handwörterbuch der exakten Naturwissenschaften, Bd. 5, 1925, S. 99 f., Bd. 6, 1936, S. 195, Bd. 7a, 1956, S. 160 u. Bd. 8, 1997, S. 365. (W, L)

    Henry Nathan, Art. „Bernstein, Felix“, in: Charles Coulston Gillispie (Hg.), Dictionary of Scientific Biography, Bd. 2, 1970, S. 58 f.

  • Autor/in

    Rudolf Seising (München)

  • Zitierweise

    Seising, Rudolf, „Bernstein, Felix“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd116147423.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA