Lebensdaten
vor 750 bis 802
Geburtsort
vermutlich Friaul
Sterbeort
Cividale
Beruf/Funktion
Patriarch von Aquileja ; Heiliger ; Gelehrter ; Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118882252 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Paulinus
  • Paulinus der Heilige
  • Paulinus von Aquileja
  • mehr

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Zitierweise

Paulinus von Aquileja, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118882252.html [14.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus vornehmer langobard. Fam., vermutl. aus Friaul.

  • Leben

    P. war Grammatiklehrer und wohl bereits Kleriker in Cividale, dem Sitz des Patriarchen von Aquileja, als Karl d. Gr. 774 das Langobardenreich einnahm. Als fränk. Parteigänger trat er 776 in Erscheinung durch eine Urkunde, mit der Karl ihm den Besitz eines gefallenen Gegners übereignete Für ein Jahrzehnt schloß sich P. dem Hof Karls an, wo er sich mit Alkuin (730/35-804) und Arn (740/41-821) befreundete und Lehrer Angilberts (um 750–814) wurde.

    Auch nach der Übernahme der Patriarchenwürde in seiner Heimat 787 blieb er Karl und dessen kirchen- und bildungspolitischen Bestrebungen eng verbunden; P. wurde neben Paulus Diaconus zum wichtigsten Vermittler des italischen Kulturerbes an die sog. Karolingische Renaissance. An der Zurückweisung des span. Adoptianismus war er 792 auf dem Konzil zu Regensburg in direkter Konfrontation mit Felix von Urgel ( 818), später durch theol. Denkschriften beteiligt, die in sein Hauptwerk „Contra Felicem libri tres“ (800) mündeten. Auf der Synode von Cividale (796/97) begründete er die Aufnahme des „Filioque“ ins Glaubensbekenntnis der lat. Kirche. Sein „Liber exhortatorius“ an den Mgf. Erich von Friaul ( 799) stützt sich ganz auf patristische Vorlagen und ist der älteste bekannte Laienspiegel des Mittelalters. Überliefert sind ferner einige Briefe und formvollendete Gedichte, darunter eine metrische|„Regula fidei“, die ganz dem didaktischen Impuls der karolingischen Bildungserneuerung entspricht. Als Patriarch festigte P. mit Karls Hilfe die materielle Basis seiner Kirche und betrieb von Aquileja aus die Christianisierung der Awaren und Slawen, wobei er ausdrücklich für den Vorrang der Unterweisung vor rascher Taufe eintrat.

  • Werke

    Gesamtausg. v. J. F. Madrisius (1737), nachgedr. v. J. P. Migne, Patrologia latina 99, Sp. 1-684, teilweise ersetzt durch MGH Epp. 4, S. 516-27, MGH Conc. 2, S. 130-42, 172-95, D. Norberg, L’œuvre poétique de P. d’Aquilée, 1981, ders., P. Aquileiensis Contra Felicem libri tres, 1990.

  • Literatur

    ADB 25;
    F. Brunhölzl, Gesch. d. lat. Lit. d. MA I, 1975, S. 250-57, 545 f.;
    H. Krahwinkler, Friaul im Frühma., 1992, S. 158-66;
    D. Schaller, Stud. z. lat. Dichtung d. Frühma., 1995, S. 313-31, 361-98;
    S. Piussi (Hg.), XII Centenario del Concilio di Cividale (796–1996), Convegno storico-teologico, 1998;
    Vf.-Lex. d. MA2;
    Lex. MA;
    LThK3;
    BBKL.

  • Autor/in

    Rudolf Schieffer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schieffer, Rudolf, "Paulinus von Aquileja" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 125 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118882252.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Paulinus, der Heilige, Patriarch von Aquileja g. 730—40, 11. Januar (?) 802. Dieser namhafte Kirchenfürst, Zeitgenosse und Landsmann eines Paulus S. des Warnefrid (Paulus Diaconus), des Geschichtschreibers der Longobarden, war zunächst Lehrer ("Grammaticus") an der ihrer Zeit trefflichen Schule zu Cividale (Forum Julii). Als nach dem Falle des Longobardenreiches (774) der Friauler Herzog Hrodgaud den erfolglosen Erhebungsversuch mit blutiger Schlappe und schwerer Bestrafung seiner Anhänger gebüßt (776), erhielt P. von dem Frankenkönige Karl die Güter des Walando (Sohn des Immo von Luberiana); die erste, urkundlich bezeugte Gunstbezeugung des mächtigen Herrschers, dem nunmehr P. immer näher trat. Er kam nämlich an Karls Hof und theilte sich hier mit Alcuin in die Erziehung Angilberts, des Königssohnes, wie uns die Correspondenz des berühmten Angelsachsen bezeugt, der fortan in Freundschaft und brieflichem Verkehre mit P. beharrte. Entscheidend für das weitere Leben des Letzteren war die vom Frankenkönige veranlaßte Erhebung Paulin's zum Patriarchen von Aquileja. Früher bezeichnete man das J. 776 als Zeitpunkt dieses Ereignisses; Jaffé hat jedoch mit Grund erst 787 dafür angesetzt. Sein Vorgänger, der zweite in der Reihe der sog. „orthodoxen“ Patriarchen war Sigwald von Cividale, aus dem Hause der Herzoge von Benevent, während die Tradition|unsern Paulinus von Premeriaco herstammen läßt und mit ihm das Geschlecht der Saccavini in Verbindung bringt, welches noch in unsern Tagen den Festtag des heilig gesprochenen Mannes feierlich begeht und sich uralter Freiheiten seitens des Patriarchates rühmte. Karl der Große, der Freund der Gelehrsamkeit und der gewiegte Politiker, der eines streng kirchlich gesinnten, eines loyalen Kirchenfürsten an den Südostmarken seines anschwellenden Reiches bedurfte, zog den Patriarchen nicht selten bei seinen Kirchenversammlungen zu Rathe, so bei dem Concil zu Aachen (789), zu Regensburg (792) und Frankfurt (794). Zu Regensburg erlangte P. von seinem königlichen Gönner die Befreiung des Patriarchates vom Fodrum (Naturalleistungen) und Abgaben bei einer Heerfahrt in Istrien ausgenommen den Fall, daß der König oder dessen Sohn Pippin dabei persönlich anwesend seien, desgleichen erhielt er eine Bestätigung seiner Güter. Bei der Frankfurter Synode handelte es sich um Stellungnahme zu den sog. Felicianischen Streitigkeiten, die durch den Widerruf des Felix und die dritte päpstliche Aechtung dieser Kirchenlehre in ihr vorletztes Stadium getreten waren. Karl der Große hatte veranlaßt, daß die bezüglichen Ansichten des Papstes und Geistlichkeit seines Reiches in eine für den heterodoxen Reichsprimas Spaniens. Helipandus von Toledo, und die übrige Geistlichkeit daselbst bestimmte Declaration zusammengefaßt wurden. Die zweite der darin verbundenen Schriften gegen den „Felicianismus“ oder „Adoptianismus“ stammte von P. u. d. T. „Libellus episc. Italiae contra Elipandum“ oder „Libellus sacrosyllabus“. — Um 795 finden wir den Patriarchen wieder in seiner friauler Residenz (Cividale). Damals verfaßte er für seinen Freund Erich, Markgrafen von Friaul, den „libellus exhortationis, vulgo de salutaribus documentis ad Henricum comitem seu ducem Forojuliensem“, dessen Inhalt großentheils dem Buche des Pomerius „de vita contemplativa“ entnommen ist. Es wird darin von der Tugend und von der Meidung der Laster gehandelt. Das 20. Cap. ist mit „miles spiritualis et terrenus“ überschrieben. Ursprünglich schrieb man das Buch dem h. Augustinus zu. 796 hielt der Patriarch eine Synode mit 15 Bischöfen seines Sprengels ab, in welcher gegen den Nestorianismus Stellung genommen wurde. Andrerseits finden wir angedeutet, daß als K. Pippin, Karls Sohn, den Heereszug gegen die Avaren antrat (796), derselbe an der Donau lagernd, Bischöfe, darunter auch den Patriarchen P., zu Berathungen einberief, bei denen „in vertraulicher Weise“ über die Christianisirung der Avaren berathen wurde. Alcuin selbst habe sich in dieser Angelegenheit an P. gewandt. Als der tapfere und beliebte Markgraf-Herzog von Friaul, Erich, bei Tersate in „Liburnien“ (in der Nähe des heutigen Fiume), an der Grenze der eigenen Mark, im Hinterhalte der Feinde einen vorzeitigen Tod erlitt, war es allem Anscheine nach P., der dem befreundeten und allgemein bedauerten Helden eine uns erhaltene Todtenklage in Versen widmete, die den Ruhm dieses Kriegsführers, Staatsmannes und Kirchenfreundes der Nachwelt vor Augen halten sollen. In dieses Jahr fällt auch der Abschluß der felicianischen Streitigkeiten. Auf der Synode zu Aachen (Mai, Juni) 799 disputirte Alcuin mit Felix, und die große Streitschrift des Ersteren gegen Helipandus und Felix sollte sich anschließen. Auch P. hatte für diesen Zweck seine „libri tres contra Felicem Urgelitanum episcopum“ abgefaßt. Die letzte bedeutsamere Thatsache im Leben unseres Kirchenfürsten ist dessen Concilversammlung in Altino (um 800). Sie war die Folge der gewaltsamen Haltung Venedigs und zwar des damaligen Dogen Johannes und dessen Sohnes Mauritius gegen den Patriarchen van Grado, Johannes, da dieser sich den Franken zuneigte und deshalb von den mit Byzanz zusammengehenden Venetianern in Grado angegriffen, gefangen genommen und getödtet wurde. Die besondere Veranlassung hiezu bot die Weigerung den gewählten Bischof von Olivolo, Christophorus, zu bestätigen. Offenbar bezweckte diese Synode, deren Abhaltung P. dem Frankenkaiser auch|anmeldete, eine Manifestation gegen die Venetianer. Paulinus' Tod fällt, wie schon angegeben, in das Jahr 802. Außer den weiter oben angeführten Schriften werden ihm noch 11 geistliche Gedichte (Hymnen) zugeschrieben.

    • Literatur

      Biographie: Madrisius, (Ausg. der Werke des h. Paulinus, Venedig 1737, IX ff. als Einleitung). — Liruti, Notizie de' letter. del Friuli (1760) I.
      de Rubeis, Monum. eccl. Aquilejensis (1740).
      Manzano (Conte Franc.), Ann. del Friuli I. (1858). Udine. —
      Dümmler, Poetae lat. medii aevi. I (1880).
      Das Urkundliche: Sickel, Acta Karolin. (1867—8). —
      Mühlbacher, Die Regesten des Kaiserreiches unter den Karolingern 1. 2. H. (1880—1). —
      Jaffé, monum. Alcuina.
      Insbesondere Sig. Abel und Bernh. Simson, Jahrb. des fränkischen Reiches unter Karl d. Gr., II. Bd. (1883). — Miscellanea pubbl. dalla Deputazione Veneta di storia patria (1883) I. Abth. h. v. C. Cipolla.

  • Autor/in

    Krones.
  • Empfohlene Zitierweise

    Krones, Franz von, "Paulinus von Aquileja" in: Allgemeine Deutsche Biographie 25 (1887), S. 277-279 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118882252.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA