Lebensdaten
erwähnt 1473, gestorben 1529
Geburtsort
Schweinfurt
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Humanist ; Diplomat
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11867756X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spießhaymer, Johannes (nach einem Dorf bei Schweinfurt)
  • Cuspinian, Johannes
  • Cuspinianus, Johannes
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Zitierweise

Cuspinianus, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11867756X.html [26.06.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Hans Spießhaymer ( 1503), 1490 Bgm. der Reichsstadt Schweinfurt, stammte vermutlich aus dem Dorfe Spiesheim;
    M N. N. ( 1503);
    B Nikolaus ( n. 1532), in Diensten Kaiser Maximilians I.;
    1) um Neujahr 1502 Anna (1484–1513), T des kaiserlichen Kammerdieners Ulrich Putsch ( 1521) aus Feldkirch (Vorarlberg), 2) Wien 25.1.1514 Agnes ( 1525), T des Hippolyt Stainer, Bürger in Wiener Neustadt, 1498 Bgm.; Schwager Joh. Putsch ( 1516), Kanzler der Univ. u. Dompropst v. St. Stephan zu Wien, Alexius Funck ( 1521) aus Memmingen, 1514-17 Bgm. zu Wiener Neustadt;
    3 S, 4 T aus 1), u. a. Seb. Felix (1505–37), Humanist, nach dem C. seinen Landsitz in Schwechat „Foelicianum“ nannte;
    N Georg Spießheimer, wuchs b. C. in Wien auf, Stiftsherr bei St. Johann zu Haug in Würzburg, beschäftigte sich mit Feuerwerfen und Artillerie, rettete im Bauernkrieg die Reliquien seines Stifts;
    E Maria Magdalena Spießheimer ( 1582, 1564 Lorenz Ostermayr, niederösterr. Zeugskommissär, Erbe des C.schen Besitzes).

  • Leben

    C. begann seine humanistischen Studien an der Leipziger Universität, wo er, im SS. 1490 immatrikuliert, unter Matthaeus Lupinus Calidomius überraschende Fortschritte im Lateinischen machte. 1491-92 Gehilfe des Magisters Petrus Popon an der Würzburger Domschule, seit Herbst 1492 in Wien, richtete er als „miles Phoebi novus“ unter dem latinisierten Namen Cuspinianus ein Begrüßungscarmen an den kaiserlichen Rat Fuchsmagen und empfing bei der Leichenfeier für Friedrich III. am 7.12.1493 vom Kaiser Maximilian den Dichterlorbeer. Im Wintersemester 1493/94 an der Wiener Universität immatrikuliert, am 14.5.1494 an der medizinischen Fakultät inskribiert, erbat er gleichzeitig von der Artistenfakultät die venia legendi. Im April 1495 flüchtete er vor der Pest auf die Veste Ybbs, unternahm von dort eine Reise nach Süddeutschland, die ihn mit dem Heidelberger Humanistenkreis und Johann Trithemius in Verbindung brachte. Ende April 1496 heimgekehrt, nennt ihn zwar die Matrikel der rheinischen Nation bereits „lector ordinarius artis oratoriae“, doch mußte er diese Professur 1497 an K. Celtis abgeben und sich bis 1500 mit einem Lehramt an der Bürgerschule von Sankt Stephan begnügen. 1499 zum „doctor medicinae“ promoviert, erfolgte am 13.10.1500 seine Wahl zum Rektor der Universität, 1501, 1502, 1506 und 1511 auch zum medizinischen Dekan. 1501 wurde ihm überdies das Amt des landesfürstlichen Superintendenten der Universität übertragen, das er bis zu seinem Lebensende beibehielt. Am 2.8.1506 floh C. der Pest wegen mit Frau und Kindern nach Gmunden, traf dort im November mit Kaiser Maximilian zusammen und begleitete ihn im Dezember nach Innsbruck. Im März 1508 wurde er Celtis' Nachfolger auf dessen Lehrkanzel für Poetik und Rhetorik, doch entzog ihn seine im Sommer 1510 einsetzende Verwendung als kaiserlicher „Orator“ in Ungarn fast zur Gänze seinem Beruf als Arzt und Hochschullehrer. In den fünf Jahren bis zum Wiener Kongreß ist er nach eigener Aussage nicht weniger als 24mal an den ungarischen Hof gereist. Neben Fragen der hohen Politik stand vor allem das Projekt einer Doppelheirat zwischen den Enkeln des Kaisers und den Kindern König Wladislaws im Mittelpunkt der Verhandlungen, und es ist nicht zuletzt dem diplomatischen Geschick C. zuzuschreiben, daß dieser Plan in der denkwürdigen Monarchenzusammenkunft vom Juli 1515 und der im Wiener Stephansdom vollzogenen Doppelvermählung feste Gestalt gewann. C. hat den Verlauf dieses welthistorischen Ereignisses - es ist die Geburtsstunde der nachmaligen Habsburgischen Doppelmonarchie - in seiner Schrift „Congressus ac celeberrimi conventus Caesaris Maximiliani et trium regum Hungariae, Boemiae et Poloniae in Vienna .. anno MDXV. facti brevis ac verissima descriptio“ (Wien 1515) ausführlich geschildert. Der Kaiser hatte seine Verdienste schon 1512 durch die Ernennung zum kaiserlichen Rat, am 12.1.1515 durch die Bestellung zum Wiener Stadtanwalt gelohnt. Auch die Verehelichung mit der wohlhabenden Wiener Neustädter Bürgermeisterstochter verbesserte seine materielle Lage, so daß er sein Haus in der Singerstraße wesentlich vergrößern, mit einer stattlichen Bibliothek und einer Hauskapelle ausstatten konnte. Die unruhigen Verhältnisse im Osten zwangen ihn allerdings noch zu mehrfachen Fahrten nach Ofen. Im Januar 1518 begleitete er die mailändische Prinzessin Bona Sforza zur Hochzeit mit König Sigismund nach Krakau, im November 1518 überbrachte er König Ludwig II. von Ungarn die Insignien des Ordens vom Goldenen Vließ, im April und Mai 1519 entledigte er sich erfolgreich der schwierigen Aufgabe, dem König Karl für die bevorstehende Kaiserwahl die Stimme Ludwigs II. als König von Böhmen zu sichern. Im März 1521 übernahm C. nach dem Tode seines Schwiegervaters den Lehenshof zu Sankt Ulrich bei Wien. Im Juli nötigte ein neuerlicher Pestausbruch C. und seine Familie zur Flucht aus Wien. Über Graz, wo er Erzherzog Ferdinand den Treueid leistete, begab er sich nach Villach; im Februar 1522 wieder daheim, rief ihn ein dienstlicher Auftrag zu einer Zusammenkunft mit König Ludwig II. nach Brünn. Die drohende Türkengefahr bewog ihn noch im Juni zur Herausgabe einer Broschüre seines Freundes Felix Petantius „De itineribus in Turciam libellus“. Im März 1524 weilte er als Mitglied einer österreichischen Kommission zur Bereinigung von Grenzstreitigkeiten in Oedenburg, im Januar 1525 intervenierte er zugunsten des Markgrafen Albrecht von Brandenburg bei König Ludwig II., um ihn zu einer Vermittlungsaktion zwischen dem Deutschen Orden und der Krone von Polen zu bewegen. Während seiner Abwesenheit in Ofen starb seine Gattin. In der Nacht vom 18./19.7.1525 brach in Wien ein furchtbarer Brand aus, der auch C. Häuser ergriff und ihm einen Schaden von 6000 Gulden zufügte. Drei Tage danach verwüstete ein Unwetter C. Weingärten in Sievering, acht Tage später stürzte er und brach das linke Schienbein. Hierzu kam die Nachricht vom unglücklichen Ausgang der Schlacht bei Mohács (29.8.1526), die C. in der 1526 erschienenen „Oratio protreptica Joannis Cuspiniani ad Sacri Romani Imperii principes et proceres, ut bellum suscipiant contra Turcos“ zu einem flammenden Aufruf an die Fürsten des Reiches veranlaßte. Die in letzter Zeit erlittenen Schicksalsschläge mahnten ihn aber auch, energische Schritte zur endlichen Drucklegung seiner beiden Hauptwerke, der seit 1512 fast fertiggestellten „Geschichte der römischen Consuln bis auf Justinian“ („Consules“) und der gleichfalls der letzten Feile harrenden „Geschichte der römischen, griechischen und türkischen Kaiser“ („Caesares“), zu unternehmen. In einem an W. Pirckheimer gerichteten Briefe vom 25.11.1526 gab er eine genaue Inhaltsangabe der beiden Bände und bat, den Nürnberger Verleger Koberger hierfür zu interessieren. Als „Vorgeschmack“ veröffentlichte er als Neujahrsgabe (1527) für den Trienter Bischof Bernhard von Cles einen in Rollenform gehaltenen „Catalogus Caesarum ac Imperatorum Augustorum occidentalium“, dem auch die Reihe sämtlicher Päpste bis Leo X. beigegeben war. Trotz Kobergers ablehnender Antwort fand C. den Mut, im Winter 1527/28 ein neues Buch zu beginnen, die „Austria“, eine historisch-geographische Landeskunde von Niederösterreich, die auch mit einer von J. Stabius und G. Collimitius entworfenen Karte von Österreich versehen werden sollte. Das Werk ist Fragment geblieben, dagegen konnte C. 1528 bei Peter Apian in Ingolstadt eine unter seiner Mitwirkung zustande gekommene Karte von Ungarn herausbringen. Bis zu seinem Lebensende war er mit der Endredaktion seiner historischen Arbeiten beschäftigt, von denen die „Caesares“ erst 1540 bei Crato Mylius in Straßburg, die „Consules“ und die „Austria“ 1553 bei Johann Oporin in Basel das Licht der Öffentlichkeit erblickten.

    Nach dem Tode des „Erzhumanisten“ Celtis (1508) galt C. sowohl an der Universität als auch im Kreise der von Celtis begründeten Gelehrten-Akademie als der unbestrittene Führer des Wiener Humanistenkreises. Zu den meisten Publikationen seiner humanistischen Freunde steuerte er Empfehlungsgedichte bei, mit einer großen Zahl auswärtiger Humanisten stand er in regem Briefwechsel; gleich seinem Landsmanne Celtis war er unablässig bemüht, unbekannte Handschriften antiker und mittelalterlicher Autoren aufzustöbern und durch den Druck der Wissenschaft zugänglich zu machen. Er war einer der eifrigsten Benützer der Ofener Bibliothek des Matthias Corvinus, aus welcher er eine Reihe wertvoller Codices (wie den Zonaras und den von Attavante mit herrlichen Miniaturen geschmückten Philostratus) nach Wien brachte und dadurch vor der Vernichtung durch die Türken rettete. Die im Wiener Schottenkloster gefundene Chronik des Otto von Freising publizierte er noch selber (Straßburg 1515), andere Autoren überließ er, durch diplomatische Agenden in zunehmendem Maße überlastet, seinen Schülern und Kollegen zur Veröffentlichung. Vor allem war er auf die Erschließung noch unbenützter historischer Quellen wie Inschriften, Urkunden und Chroniken bedacht, die er in seinen Geschichtswerken erstmalig verwandte. So verdanken wir ihm die Erhaltung einer seither im Original verloren gegangenen Fassung der Chronik des Matthias von Neuenburg, aber auch mancher wichtiger Inschriftentexte. Daß er sich bei der Verwertung solcher Vorlagen bereits quellenkritischer Methoden bediente, erhöht den Wert seiner historiographischen Tätigkeit.

  • Werke

    Weitere W Liber hymnorum prudencij, Wien, Joh. Winterburger, 1494;
    Dionisij Allexandrini philozophi de situ orbis, ebd. 1494;
    Situs orbis Dionisij Ruffo auieno interprete, ebd. 1508;
    Libellus de Lapidibus Preciosis, Wien, Hieron. Vietor, 1511;
    Lucii Flori libri historiarum quator a Cuspiniano cistigati, Wien, Joh. Winterburger, 1511;
    Der namhaftigen kay. Ma. u. dreyer kunigen zu Hungern, Beham u. Poln zamenkumung u. Versamlung, Wien 1515;
    Ein außerleßne Chronicka von C. Julio Caesare … biß auff Carolum quintum …, dt. Übers. v. C. Hedion, Straßburg, Crafft Myller 1541;
    Opera Cuspiniani, ed. W. Hunger, Frankfurt a. M. 1601, Leipzig 1669.

  • Literatur

    ADB IV;
    C. Haselbach, J. C. als Staatsmann u. Gelehrter, in: 17. Jber. üb. d. k. k. Josefstädter Ober-Gymnasium, Wien 1867;
    J. v. Aschbach, Gesch. d. Wiener Univ. II, Wien 1877, S. 284-309;
    G. Bauch, Die Reception d. Humanismus in Wien, 1903, S. 48 f., 166 ff.;
    Das Tagebuch C.s, nach d. Original hrsg. u. erl. v. H. Ankwicz, in: MIÖG 30,|1909, S. 280-326;
    H. Ankwicz, J. C. u. d. Chron. d. Matthias v. Neuenburg, ebd. 32, 1911, S. 275-93;
    H. Ankwicz v. Kleehoven, Zwei unbekannte Briefe Joh. Ecks an J. C., ebd. 37, 1916, S. 69-77;
    ders., Ein unveröff. Ber. üb. d. Überreichung d. Ordens vom goldenen Vließe an Kg. Ludwig II. v. Ungarn, ebd. Erg.Bd. 11, 1929, S. 463-73;
    J. C.s Briefwechsel, ges., hrsg. u. erl. v. dems., = Veröff. d. Komm. z. Erforschung d. Gesch. d. Ref. u. Gegenref., Humanistenbriefe II, 1933;
    ders., Die Bibl. d. Dr. J. C., in: Die Österr. Nat.bibl., Festschr. f. J. Bick, Wien 1948, S. 208-27 (P);
    ders., Documenta Cuspiniana (Urkk., Akten, Inschriften u. Gedichte z. Gesch. C.s. Im Druck, erscheint im Archiv f. österr. Gesch.);
    W. Engel, Der Schweinfurter Humanist J. C., in: Altfränk. Bilder, 1951 (P). - Zu B Nikolaus: H. Ankwicz v. Kleehoven, Niklas Spießheimer, d. Bruder J. C.s, in: Jb. f. Landeskde. v. Nied.österr. 31, 1953/54, S. 91-94; zu Schwager A. Funck:
    ders., in: Unsere Heimat, Jg. 26, 1955, S. 44-52; zum Famulus J. Gremper:
    ders., in: Zbl. f. Bibl.wesen 30, 1913, S. 197-216; zu N Georg:
    W. Engel, s. o.; zu Lorenz Ostermayr:
    R. Steuer, Ein Blick in d. Leben u. Wirken e. Finanzmannes d. 16. Jh., in: Jb. f. Landeskde. v. Nd.österr. 31, 1953/54, S. 267-82 (mit Stammtafel d. Fam. Spießhaimer).

  • Portraits

    Hochzeitsbilder C.s u. s. Frau Anna v. L. Cranach d. Ä., 1502 (im Bes. v. O. Reinhart, Winterthur), Abb. b. H. Ankwicz v. Kleehoven, Cranachs Bildnisse d. Dr. C. u. s. Frau, in: Jb. d. preuß. Kunstslgen 48, 1927, S. 230-34;
    Fam.-Bild v. Bernh. Strigel, 1520 (im Bes. d. Gf. Hans Wilczek auf Schloß Kreuzenstein), Abb. b. H. Ankwicz v. Kleehoven, B. Strigel in Wien, in: Kunst u. Kunsthandwerk 19, 1916, S. 281-321, u. b. H. Kronberger-Frentzen, Das dt. Fam.bildnis, 1940; Über C.s Porträtexlibris: ders., Wiener Humanisten-Exlibris, in: 17. Jb. d. Österr. Exlibris-Ges., 1919, S. 13 ff. u. A. Treier, Alte Schweinfurter Bücherzeichen, 1951, = Mainfränk. Hh. 12.

  • Autor/in

    Hans Ankwicz von Kleehoven
  • Empfohlene Zitierweise

    Kleehoven, Hans Ankwicz von, "Cuspinianus, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 3 (1957), S. 450-452 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11867756X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Cuspinian: Johannes C. (eigentlich Spießhaymer), Diplomat und Gelehrter, geb. 1473 zu Schweinfurt in Franken, am 19. April 1529 zu Wien, studirte zuerst in der Vaterstadt, dann an der damals so ungemein besuchten Wiener Hochschule, die ja auch Zwingli, Watt, Glarean u. A. frequentirten. Hier waren es zuerst philosophische, dann aber die humanistischen Studien, denen er sich hingab; später betrieb er Medicin und wurde in dieser Facultät Doctor. Neben dem eindringendsten Eifer zeigte C. bald seine glänzende Beredsamkeit; bei Stabius' Dichterkrönung machte seine Eloquenz auf Alle einen hinreißenden Eindruck, in ihm, meint Gerbel, sei „Periclea illa πειϑώ“ gewesen. Längst ward Kaiser Maximilian auf ihn aufmerksam, auf ihn, der über Sallust, Vergil, Horaz und Cicero öffentliche Vorlesungen hielt, aber auch die Universität schmückte ihn mit Auszeichnungen, viermal wurde er Decan der medicinischen Facultät, 1500 Rector, nach Celtis' Tod 1508, dem er die Trauerrede hielt, übernahm er dessen Professur. Aber C. sollte nicht in dem Kreise der Gelehrten bleiben, des Kaisers klare Erkenntniß seiner Bedeutung|wies ihm andere Aufgaben an; er verwandte den beredten Mann zu diplomatischen Missionen nach Ungarn, Böhmen und Polen. Wie viel beschäftigt er durch diese Sendungen war, zeigen am besten sein Tagebuch in den Jahren 1502—27 (herausgegeben von Karajan im I. Band der Scriptores der Fontes Rerum Austriacarum, p. 398—417) und das „Diarium (Joannis Cuspiniani) Praefecti urbis Viennensis de Congressu Caesaris Maximiliani Augusti et trium Regum etc.“, 1515. Nicht gering waren die Mühseligkeiten und Fahrnisse auf diesen Reisen, der Kaiser erkannte dies auch an, er machte ihn zum Vorsitzenden seines geheimen Rathes und zum Anwalt der Stadt Wien (1515). Er liebte ihn so, daß, wie Gerbel erzählt, er halbe Nächte mit ihm durchsprach. Groß waren denn auch die Verdienste, die sich C., dessen schwunghafte Beredsamkeit und diplomatisches Geschick Alle rühmen und auch Ferdinand und Karl — z. B. bei Sendungen nach Ungarn und Brandenburg (1525) — benützten, um das Haus Oesterreich erwarb; jene bekannte Doppelheirath, durch die das Haus Habsburg die Anwartschaft auf Ungarn und Böhmen gewann, ist mit sein Werk. Durch die aufopfernden Dienste errang er aber auch für sich materielle Vortheile, der mit Kindern reich gesegnete eines glücklichen Familienlebens sich erfreuende Politiker erscheint von nun ab als sehr begütert. Aber die unermüdliche Thätigkeit des Mannes erschöpfte sich nicht in dem so anstrengenden diplomatischen Wirken, sein Name hat nicht blos im Kreise der Politiker, sondern auch in dem der Gelehrten einen guten Klang. Männer wie Reuchlin, Pirkheimer, Aventinus, Piërius Gracchus Stabius, Stiborius, Rosinus, standen mit ihm in Verbindung. Aber nicht diese Beziehung und seine Bedeutung für die Donaugesellschaft allein sind es, die ihn der gelehrten Welt bekannt machten; er ist auch ein außerordentlich fruchtbarer Schriftsteller. Anfänglich schien er sich philologischen Studien zuzuwenden; Classiker zu suchen und herauszugeben, war auch ihm die angenehmste Arbeit. Auch später ist er dem treu geblieben und hat auf seinen Reisen Manuscripten nachgeforscht, so hat er u. a. in Ofen ein Exemplar des Diodor, des Zonaras und des Philostratus gefunden (vgl. Denis, Die Merkwürdigkeiten der garollischen Bibliothek, I, 256 u. 265) und eine Reihe von Classikern edirt. So erschien 1508 zu Wien (Winterburger) seine Ausgabe der „Descriptio orbis“, welche Rufus Festus Avienus nach der „Περιήγησις“ des Dionysios verfaßte. Sie ist dem Bischofe Stanislaus von Olmütz gewidmet, auf Grundlage einer ihm von Aldus Manutius geschenkten alten Handschrift der Περιήγησις und anderen Uebersetzungen des Dionysius ist der übel zugerichtete Text des Avienus verbessert und am Schlusse bemerkt: „Cuspinianus neuos et verrucas sustulit“. Um 1511 edirte er zu Wien bei Joh. Winter(burg) den Florus unter dem Titel: „Lucii Flori Libri Historiarum Quatuor a Cuspiniano Castigati cum indice.“ Die Ausgabe, welche Joach. Watt und Joh. Marius gewidmet ist, wird durch Gedichte des Watt, des Petreius Aperbachius und Stephanus Taurinus empfohlen, welche den C. preisen, daß er sich des vergessenen Autors erbarmt und dessen „ulcera et vulnera“ abgewaschen. Das Vorwort Cuspinian's ist sehr interessant, es eifert gegen den Betrug jener Ausgaben, die sich fälschlich für emendirte ausgeben und gegen das Reclamewesen, das die Buchhändler treiben. (Seine Ausgabe der Hymnen des Prudenz konnte ich nicht erhalten.) Von den alten Classikern wandte sich C. zu den mittelalterlichen Autoren, um 1515 veranstaltete er mit Stabius zu Straßburg eine vortreffliche Ausgabe des Otto v. Freising mit der Fortsetzung des Ragewin. Hierauf erschienen mehrere Schriften gegen den Erbfeind der Christenheit, gegen die Türken in ähnlichem Stile wie die Invectiven Wimpfeling's, Bebel's, Celtis' u. A. gehalten, aber mit reichlichem und interessantem historischen Materiale über Religion, Sitte und Geschichte der Türken versehen. In dieser Richtung ist vor allem seine Schrift|„De Turcorum origine, religione ac immanissima eorum in Christianos tyrannide etc.“ zu nennen, die seinem Werke „De Caesaribus“ entnommen ist. Die Hauptwerke, seine großen geschichtlichen Arbeiten sind aber hiermit noch nicht genannt, sie erschienen erst nach seinem Tode. In dem umfassenden Werke: „De Caesaribus atque Imperatoribus Romanis Opus insigne“, das erst Gerbel 1540 zu Straßburg bei Crato Mylius herausgab, bewies C. an der ausführlichen Geschichte der Kaiser West- und Ostroms und der deutschen Herrscher seinen eminenten Sammlerfleiß und, wie Gerbel rühmt, seine gründliche Beherrschung der Genealogie. C. hat nach den üblichen Quellen gearbeitet, daß diese hier und da ganz allgemein genannt werden (z. B. Annales Boëmorum), darf uns so wenig überraschen, als die Benutzung des Hunibaldus (!), dagegen sind viele Irrthümer vermieden, die uns sonst begegnen, die Darstellung ist anziehend, das Material überreich. C. konnte sich, wie er sagt, nicht entschließen, das Beispiel des Plutarch oder Sueton nachzuahmen und schrieb deshalb in pietätvoller Weise auch die Geschichte Maximilians I., eine werthvolle Zugabe. Wie dieses Werk ansprach, zeigt die Uebersetzung desselben durch Caspar Hedio und Joh. Lenglin unter dem Titel: „Ein außerlesne Chronika“, Straßburg 1541, mit dem Vorworte Melanchthon's, in der sich dieser u. A. äußert: „Es hat C. under den newen u. letzten Chronikbeschreibern so viel herrlicher händell u. dings mit söllicher nutzbarkeyt u. liebligkeyt zusammen verfasset, das ich nit weiß, ob zu unsern zeiten je etwas vollkommeners u. reichlichers außgangen seie.“ Aehnliches Lob fanden seine Ausgaben und Noten zu Sextus Rufus und Cassiodors Chronicon, die in Hunger's Ausgabe, Frankfurt 1601, sich vorfinden mit einer Vorrede und Versen Gerbel's und einer Biographie des Cassiodor durch C. versehen sind. Ebendort findet sich Cuspinian's „Austria“ mit einem Gedichte des Caspar Brusch, ein sehr fleißig gearbeitetes Werk, das auch verschiedene Ansätze zur Kritik zeigt. Daß C. ein Werk über die römischen Consuln geschrieben, ist ein Mißverständniß, ebenso daß er Gouverneur (!) von Wien gewesen. Daß er Vorstand der Hofbibliothek war, ist eine absolute Unrichtigkeit, die ein Compendium dem anderen entlehnt; er so wenig wie Celtis oder Nidbruck waren Hofbibliothekare, der erste war Hugo Blotius. — In den letzten Zeiten seines Lebens traf ihn manch harter Schlag: Eigenthumseinbußen, Verlust von Freunden und Kindern, Krankheit und endlich die Sorge, die Alle beim Heranzuge der Türken erfüllte. — C. wurde im Dome zu St. Stephan begraben, wo sich sein Denkmal noch vorfindet.

    • Literatur

      Vgl. Vita Cuspiniani von Nic. Gerbelius vor der Ausgabe De Caesaribus, 1540 und der des W. Hunger, Frankfurt 1601, vor allem das treffliche Werk von Aschbach, die Wiener Universität und ihre Humanisten. Wien 1877; über die Gesandtschaften Cuspinian's: Programm des k. k. Josephstädter Gymnasiums zu Wien 1867.

  • Autor/in

    Horawitz.
  • Empfohlene Zitierweise

    Horawitz, Adalbert, "Cuspinianus, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 4 (1876), S. 662-664 unter Cuspinian [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11867756X.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA