Lebensdaten
1780 bis 1866
Geburtsort
Beromünster (Kanton Luzern)
Sterbeort
Aarau (Kanton Aargau)
Beruf/Funktion
Philosoph ; Arzt ; Publizist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118624148 | OGND | VIAF: 56628552
Namensvarianten
  • Troxler, Ignaz Paul Vital
  • Troxler, Ignaz Paul Vitalis(ADB)
  • Troxler, Iganz Paul
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Zitierweise

Troxler, Iganz Paul, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624148.html [21.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Leopold (1748–86), Schneider u. Tuchhändler in B.;
    M Katharina Brandstetter (1750–1834);
    Wien 1809 Wilhelmine (1792–1859), T d. Johann Gottlieb Polborn, aus Potsdam, Bildhauer;
    2 S u. a. Theodat (Teodoro) (1819/22–1911), Arzt, seit 1873 in San Carlos (Argentinien) (s. Nuevo Diccionario Biográfico Argentino), 4 T.

  • Leben

    T. besuchte die Stiftsschule in Beromünster, seit 1792 das Gymnasium in Solothurn und seit 1795 das Lyzeum in Luzern. Die Wirren der Franz. Revolution setzten seiner Schullaufbahn 1798 ein Ende. T. trat in den Dienst der Helvet. Republik und war zuletzt Privatsekretär des Regierungsstatthalters Vinzenz Rüttimann (1769–1844). Seit 1800 studierte er Philosophie und Medizin in Jena, wo ihn Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775– 1854) und der Augenarzt Karl Himly (1772– 1837) prägten. Nach Abschluß seines Studiums 1803 folgte T. Himly nach Göttingen. 1804 bildete er sich medizinisch in Wien bei Johann Malfatti (1775–1859) weiter.

    1805 eröffnete T. eine Arztpraxis in Beromünster. Als er das rückständige Medizinalwesen in seinem Heimatkanton scharf kritisierte, stellte die Luzerner Regierung einen Haftbefehl aus. T. setzte sich 1807 nach Wien ab. Hier schloß er eine lebenslange Freundschaft mit dem preuß. Diplomaten Karl August Varnhagen v. Ense (1785–1858). Ende 1809 kehrte T. nach Beromünster zurück und wurde wegen seiner ehemaligen Kritik am Medizinalwesen in einen Gerichtsprozeß mit der Kantonsregierung verwickelt; weitere sollten folgen. 1812 veröffentlichte T. seine anthropologische Schrift „Blicke in das Wesen des Menschen“, in der er sich von Schelling und der Naturphilosophie distanzierte. Goethe erachtete die als T.s philosophisches Hauptwerk geltende Untersuchung als „problematisch“ und eher verwirrend.

    Nach dem Sturz Napoleons trat T. als Publizist hervor und setzte sich vehement für das Selbstbestimmungsrecht des Schweizer Volkes ein. 1814 versuchte er, als Sondergesandter seines Kantons Einfluß auf die Entscheidungen des Wiener Kongresses zu nehmen. Zukunftsweisende staatstheoretische Abhandlungen T.s über das Wesen der Volksvertretung, die Pressefreiheit und die Grundbegriffe des Repräsentationssystems erschienen in der 1816 von ihm begründeten Zeitschrift „Schweizerisches Museum“. 1819 erhielt T. einen Lehrstuhl für Philosophie und Geschichte am Lyzeum in Luzern, wurde aber auf Druck reaktionärer patrizisch-klerikaler Kreise 1821 wieder entlassen. Er wählte das freiheitlich gesinnte Aarau als neuen Lebensmittelpunkt, wo Heinrich Zschokke (1771– 1848) ein enger Vertrauter wurde. Als Lehrer am Aarauer „Lehrverein“, einer Art politischer Volkshochschule, prägte T. künftige freiheitlich eingestellte Eliten. 1830 erfolgte seine Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Univ. Basel, doch machten ihn seine Sympathien für die nach der Julirevolution gärende demokratische Bewegung auf der Basler Landschaft politisch verdächtig; 1831 floh T., seines Lebens nicht mehr sicher, aus Basel und wurde – zurück in Aarau – zum Wortführer des schweizer. Radikalismus. 1832–34 war er Mitglied des aargau. Großen Rats. 1834 erhielt T. den Lehrstuhl für Philosophie an der neu gegründeten Berner Hochschule, von dem er 1853 zurücktrat, um sein gesammeltes wissenschaftliches Material in einer nie fertiggestellten philosophischen Anthropologie (Anthroposophie) zu verarbeiten. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf seinem Landgut in Aarau.

    Neben Paul Usteri (1768–1831) und Zschokke zählt T. zu den prominentesten schweizer. Publizisten seiner Zeit. Er war ein vehementer Verfechter der Bundesstaatsidee mit Zweikammersystem. Seine Schrift „Die Verfassung der Vereinigten Staaten Nordamerikas als Musterbild der Schweizerischen Bundesreform“ (1848) beeinflußte die Mitglieder der Verfassungskommission nachhaltig und ließ T. zum Geburtshelfer des neuen Bundesstaates von 1848 werden. Parteipolitisch betrachtet, darf man T. als Vater des Radikalismus bezeichnen. Er ist zudem der bedeutendste schweizer. Repräsentant der romantischen Philosophie und gilt auch als herausragender Vertreter der romantischen Medizin. Entdeckt hat T. den nach ihm benannten „Troxler-Effekt“ (1804), ein Phänomen aus der visuellen Wahrnehmung.

  • Auszeichnungen

    A u. a. Mitgl. d. bern. Ärzteges., d. Zofingerver., d. Nat.ver. u. d. Helvet. Ges.

  • Werke

    W u. a. Ideen z. Grundlage d. Nosol. u. Therapie, 1803;
    Einige Worte über d. grassierende Krankheit u. Arzneikde. im Kt. Luzern, 1806;
    Elemente d Biosophie, 1807;
    Über d. Schweiz, Von e. Schweizer. Vaterlandsfreunde, 1815;
    Philos. Rechtslehre d. Natur u. d. Gesetzes mit Rücksicht auf d. Irrlehren d. Liberalität u. Legitimität, 1820;
    Fürst u. Volk nach Buchanans u. Miltons Lehre, 1821;
    Luzern’s Gymn. u. Lyzeum, Ein Btr. z. Gesch. u. Philos. öff. Erziehung u. ihrer Anstalten, 1823;
    Naturlehre d. menschl. Erkennens, oder Metaphysik, 1828;
    Logik, d. Wiss. d. Denkens u. Kritik aller Erkenntnis z. Selbststudium u. f. Unterr. auf höhern Schulen, 3 Bde., 1829/30;
    Der Atheismus in d. Pol. d. Za. u. d. Weg z. Heil, Progr. e. bessren Zukunft, 1850;
    Fragmente, Erstveröff. aus seinem Nachlasse, hg. v. W. Aeppli, 1936;
    Philos. Enz. u. Methodol. d. Wiss., zus.gest. durch I. Belke, 1953;
    Der Briefwechsel zw. I. P. V. T. u. Karl August Varnhagen v. Ense 1815–|1858, veröff. u. eingel. v. ders., 1953;
    Pol. Schrr. in Ausw., hg. v. A. Rohr, 2 Bde., 1989 (P);
    vollst. Bibliogr.: Furrer, 2010 (s. L), S. 593;
    Verz. d. hsl. u. gedr. Qu: E. Spiess, Bibliogr. T., 1962/66;
    Nachlaß: Univ.bibl. Basel (Depositum d. Allg. Anthropos. Ges., Dornach);
    Univ.bibl. Luzern (Sonderslg.);
    StA Aarau.

  • Literatur

    L ADB 38;
    J. L. Aebi, Dr. I. P. V. T., Ein Nekrol., 1866;
    J. Gamper, P. V. I. T.s Leben u. Philos., Diss. Bern 1907;
    A. Goetz, I. P. V. T. als Pol., 1915;
    F. Bucher-Heller, Prof. Dr. I. P. V. T. u. seine Zeit, 1920;
    I. Belke, I. P. V. T., Sein Leben u. sein Denken, 1935;
    E. Fueter, in: Gr. Schweizer, hg. v. M. Hürlimann, 1939, S. 497–502;
    P. Schneider, I. P. V. T. u. d. Recht, Eine Stud. z. Nachweis d. Bedeutung d. romant. Gedankengutes f. d. Entwicklung d. Schweizer. Bundesstaates, Diss. iur. Zürich 1948;
    E. Spiess, I. P. V. T., Der Philos. u. Vorkämpfer d. Schweizer. Bundesstaates, 1967 (P);
    A. Güntensperger, Die Sicht d. Menschen b. I. P. V. T., 1973;
    M. Widmer u. H. E. Lauer, I. P. V. T., 1980;
    P. Heusser, Der Schweizer Arzt u. Philos. I. P. V. T. (1780–1866), Seine phil. Anthropol. u. Med.theorie, Diss. med. Basel 1983;
    A. Dollfus, I. P. V. T., Geistiger u. pol. Erneuerer d. Schweiz, 2005; D. Furrer, I. P. V. T. (1780–1866), Der Mann mit Eigenschaften, 2010 (W, L
    , P);
    M. Winiger, Evolution u. Repräsentation, I. P. V. T.s Rechtslehre im Kontext d. dt. Idealismus, 2011 (P);
    BLÄ;
    Kosch, Lit.-Lex. 3 (W, L);
    Killy;
    Biogr. Lex. Aargau; HLS.

  • Portraits

    P Kupf. v. F. Buser, 1830 (Univ.bibl. Luzern, Bildarchiv); Lith. „T. als Prof. d. Phil. an d. Univ. Bern“, Abb. in: F. Haag, Die Sturm- u. Drang-Periode d. Bern. Hochschule 1834–1854, 1914, S. 28.

  • Autor/in

    Daniel Furrer
  • Empfohlene Zitierweise

    Furrer, Daniel, "Troxler, Iganz Paul" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 459-461 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624148.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Troxler: Ignaz Paul Vitalis T., schweizerisch-deutscher Philosoph, wurde am 17. Aug. 1780 zu Münster im Kanton Luzern geboren, erhielt seine Schulbildung auf den Gymnasien in Solothurn und in Luzern, worauf er Secretär des Regierungsstatthalters wurde. Nach dem Einsall des französischen Revolutionsheeres in die Schweiz ging er, um in Ruhe Philosophie und Medicin zu studiren, nach Deutschland und hörte von 1800 an in Jena Vorlesungen bei Schelling, dessen naturphilosophische Ideen er mit Enthusiasmus in sich aufnahm. Nachdem er in Göttingen den Doctortitel erworben und sich kurze Zeit in Wien aufgehalten hatte, ließ er sich 1805 in Luzern als praktischer Arzt nieder, während er zugleich eine rege wissenschaftliche Schriftstellerthätigkeit entfaltete. Seine „Ideen zur Grundlage der Nosologie und Therapie", die Schelling's lebhaften Beifall fanden, erschienen 1803; seine „Versuche in der organischen Physik" 1804; der „Grundriß einer Theorie der Medicin“ folgte 1805; die „Elemente der Biosophie“ 1807. Nach größeren Reisen lebte T. in seiner Geburtsstadt Münster und verfaßte seine „Blicke in das Wesen des Menschen“ (Aarau 1811), worin er sich von der Schelling'schen Naturphilosophie abwendete, um von nun an, auf eigenen speculativen Pfaden wandelnd, die Anthropologie als Mittelpunkt und Fundament aller Welterkenntniß hinzustellen. Im Jahre 1815 vertrat er als Abgesandter der Schweiz auf dem Wiener Congreß die Interessen der Demokratie, lebte dann, mit der Herausgabe des „Schweizerischen Museums“ und eines „Archivs für Medicin und Chirurgie“ beschäftigt, in Aarau und Münster, und erhielt 1820 eine Professur für Geschichte und Philosophie an dem Lyceum in Luzern. Aus diesem Lehramt wurde er jedoch von der jesuitischen Partei, mit der er zeitlebens auf Kriegsfuß gestanden hat, sehr bald wieder verdrängt, und zwar im Hinblick auf seine Schrift „Fürst und Volk nach Buchanan's und Milton's Lehre“ (Aarau 1821). Nun verließ er seinen Heimathskanton für immer und wendete sich nach Aarau, wo er als praktischer Arzt wirkte, ein eigenes Erziehungsinstitut begründete und wiederum zwei größere philosophische Werke ausarbeitete: „Naturlehre des menschlichen Erkennens oder Metaphysik“ (Aarau 1828) und „Logik, Wissenschaft des Denkens und Kritik aller Erkenntniß“ (3 Bde., Stuttgart 1829—30). Im Jahre 1830 wurde er als Professor der Philosophie an die Universität Basel berufen. Schon im folgenden Jahre aus politischen Gründen seiner Stelle entsetzt, erhielt er endlich 1834 an der neubegründeten Universität in Bern eine ordentliche Professur, die er bis 1850 verwaltet hat. An größeren Schriften veröffentlichte T. noch „Vorlesungen über Philosophie“ (Bern 1835) und „Der Atheismus in der Politik des Zeitalters und der Weg zum Heil“ (Bern 1850). Seine letzten Lebensjahre brachte er auf seinem Landgut bei Aarau zu, wo er am 6. März 1866 starb. — Was den metaphysischen Standpunkt anbetrifft, den der vielseitige, als Arzt, Politiker, Pädagoge und Philosoph thätige Mann nach seiner Abwendung von Schelling einnahm, so schloß er sich mehr an F. H. Jacobi an, erblickte, wie schon oben bemerkt, in der Anthropologie oder „Anthroposophie“ die philosophische Fundamentalwissenschaft und hat, nicht ohne eine gewisse weitschweifige Ruhmredigkeit, den Versuch gemacht, aus der Natur des menschlichen Geistes, der eigentlich nichts Anderes als sich selbst wahrnehme und erkenne, alles menschliche Wissen, aber auch die religiösen Glaubensvorstellungen, abzuleiten.

  • Autor/in

    O. Liebmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Liebmann, Otto, "Troxler, Iganz Paul" in: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 667 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624148.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA