Lebensdaten
1531 bis 1596
Geburtsort
Basel
Sterbeort
Köln
Beruf/Funktion
Mediziner ; Alchemist ; Chemiater ; Montanist ; Goldschmied ; Buchdrucker
Konfession
reformiert,katholisch
Normdaten
GND: 118622447 | OGND | VIAF: 84808376
Namensvarianten
  • Thurneisser, Leonhard
  • Thurneysser, Leonhard
  • Dornesius
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Zitierweise

Thurneisser zum Thurn, Leonhard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622447.html [21.09.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Jacob Thurneyyser (Thurneysser), Hptm. in savoy. Diensten, Schlosser, Goldschmied in B.;
    M Ursula Penner;
    B Alexander (1521–1601), Messerschmied, Ger.amtmann;
    1) Basel 1546/47 oder|1556/57 vor 1558 Margaretha Müller, 2) Kreuzlingen 1558 Anna ( 1575), T d. Heinrich oder Conrad Hüetlin (Huetlin), Goldschmied in Konstanz, 3) Basel 1580 1582/84 Marina, T d. Matthäus Herbrott, Junker in Ravensburg;
    1 S aus 2) Hans Jacob (* 1559), 2 T aus 2), wohl 2 K aus 3); Verwandter Eduard Thurneysen (s. 2).

  • Leben

    T. begann eine Goldschmiedelehre bei seinem Vater, diente aber bald bei dem Basler Medizinprofessor und Paracelsisten Johannes Huber (1507–71) als Famulus. T. bürgte für einen höheren Geldbetrag, worauf er und sein Vater gepfändet wurden. Nachdem sein Versuch fehlschlug, die Schuld mit gefälschtem Gold zu begleichen, mußte T. Basel verlassen. Er ging 1548 nach England und im folgenden Jahr nach Frankreich. 1552 ließ er sich als Schütze bei Mgf. Albrecht Alcibiades v. Brandenburg (1522–57) anwerben und nahm am 2. Markgrafenkrieg teil. In der für Albrecht vernichtenden Schlacht bei Sievershausen am 9. 7. 1553 geriet T. verwundet in Gefangenschaft. In der Folge erwarb er montanistische Kenntnisse in norddt. Bergwerken und Schmelzhütten. 1555 bewarb er sich erfolglos um das Straßburger Bürgerrecht, ließ sich dann in Konstanz als Goldschmied nieder und kam bald zu Ansehen. Aufgrund seiner montanistischen Kenntnisse wurde T. von den Gewerken des Bergwerksgebietes zu Ehrwald in Tirol, wo silberreiche Blei- und Zinkerze (Galmei) gefördert wurden, als Verwalter berufen. 1558 zog er nach Tarrenz (Tirol), wo er auch auf eigene Kosten Bergwerke mit einer Schmelz- und Schwefelhütte einrichtete. Diese technischen Anlagen erregten die Aufmerksamkeit vieler Gelehrter sowie die Ks. Ferdinands I. und seines Sohnes Ehzg. Ferdinand II. von Tirol. Der Erzherzog nahm T. daraufhin 1559/60–70 in seine Dienste und schickte ihn auf ausgedehnte, montanistisch und naturkundlich orientierte Forschungsreisen, so 1560 nach Schottland und die orkadischen Inseln, 1561–65 zu einer Rundreise, die über Spanien, Portugal, Nordafrika, Ägypten, Äthiopien, Arabien, Palästina und Syrien und zurück über Italien und Ungarn führte, sowie 1567–68 nochmals nach Ungarn und Böhmen. Während seiner Reisen erweiterte T. stetig sein med. Wissen, schrieb an seinen Werken und verlagerte seinen Schwerpunkt in Richtung der paracelsistischen Medizin. Nach der Verlegung seines Druckorts von Münster nach Frankfurt/Oder 1571 erregte er das Interesse des Kf. Johann Georg v. Brandenburg (1525–98), dessen Gemahlin er heilte. Zum kfl. Leibarzt ernannt, zog T. im selben Jahr nach Berlin. Im Grauen Kloster errichtete er eine eigene Druckerei und ein Laboratorium, legte eine Naturaliensammlung an und betrieb einen schwunghaften Arzneihandel auf der Basis seiner umstrittenen Harnferndiagnose. Außerdem stellte er Horoskope und gab jährlich einen vielbeachteten astronom. Kalender mit Prophezeiungen heraus. Die Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der Scheidung von seiner dritten Frau 1582 führten zum Verlust seines Vermögens und seines Ansehens. Nach 1584 floh T. aus Berlin, hielt sich in Rom auf und wurde Leibarzt des Bischofs von Konstanz, Kard. Marcus Sitticus v. Hohenems.

    In seinen Werken (insbes. „Archidoxa“, „Quinta Essentia“, „Historia“, „Magna Alchymia“) entwickelte T. eine alchemische Theorie der Naturstoffe, die er anhand der Signaturenlehre des Paracelsus mit Sterneinflüssen in Beziehung setzte und für die med. Praxis auswertete. Von den erwähnten Werken beschäftigte sich die „Historia Vnnd Beschreibung Jnfluentischer Elementischer vnd Natürlicher Wirckungen…“ (1577, 3 1587, Nachdrr. 1922, 1978) ausschließlich mit Pflanzen. Während „Kai Hermeneia, Das ist ein Onomasticum, interpretatio oder erklerunge …“ (1. T., 1574, 2 1587, 2. T., 1583) ein Lexikon paracelsistischer Fachausdrücke darstellt, entwarf T. im „Pison“ (1572, 2 1612) eine alchemisch-paracelsistische Mineralwasserlehre. Als einer der ersten Chemiater überhaupt setzte T. die paracelsische Medizin und Pharmazie konsequent um und erweiterte sie durch eine systematische Beschreibung des Arzneischatzes und eine ausgeklügelte Signaturenlehre. Dadurch wurde T. insbesondere zum Vorläufer Oswald Crolls, aber auch vieler anderer Paracelsisten. T.s umfangreiche hinterlassene Korrespondenz mit Gelehrten und hochrangigen Persönlichkeiten beweist, daß er trotz seines Drangs nach Besitz und Selbstdarstellung bei seinen Zeitgenossen großen Eindruck hinterließ.

  • Werke

    W u. a. Archidoxa Dorin der recht war Motus, Lauff vnd Gang auch heymlikait wirkung vnd krafft der Planeten (…) vnd ausziechung aller Suptiliteten, vnd das Finfte wesen auss den Metallen (…) an Tag gebn, 1569, 2 1575;
    Qvinta Essentia. Das ist die Hoechste Subtilitet/Krafft vnd Wirkung Beider der Furtrefelichisten (…) Koensten der Medicina vnd Alchemia (…), 1570, 2 1574;
    Prokatalepsis Oder Praeoccupatio, Durch zwoelff verscheidenlicher Tractaten gemachter Harm Proben (…), 1571;
    Pison, Das erst Theil, Von Kalten Warmen Minerischen vnd Metallischen Wassern sampt der vergleichunge der Plantarum vnd Erdgewechsen (…), 1572, 21612;
    Quinta Essentia, Das ist Die hoechste subtilitet krafft vnd wirckung beyder der fuertrefflichsten vnd menschlichem geschlecht am nuetzlichsten Kuensten der Medicin vnd Alchemy (…), 1574, Nachdr. 2007;
    Hermeneia, Das ist ein Onomasticum, interpretatio oder erklerunge (…) Uber die frembden und unbekanten Wörter, Caracter und Namen, welche in den Schrifften Theophrasti Paracelsi v. Hohenheim gefunden werden, Das erst teil, 1574, 21587, T. 2, 1583;
    Historia Vnnd Beschreibung Jnfluentischer Elementischer vnd Natürlicher Wirckungen Aller fremden vnnd Heimischen Erdgewechssen auch jrer Subtiliteten sampt warhafftiger vnd Künstlicher Conterfeitung derselbigen (…), 1577, 3 1587, Nachdrr. 1922, 1978;
    Megale Chymia, vel Magna Alchymia. Das ist ein Lehr vnd vnterweisung von den offenbaren vnd verborgenlichen Naturen Arten vnd Eigenschafften allerhandt wunderlicher Erdtgewechssen als Ertzen Metallen Mineren Erdsaefften Schwefeln Mercurien, Saltzen vnd Gesteinen (…), 1583, 21587;
    Ein durch Noth gedrungens Auszschreiben Mein: Leonhardt Thurneyssen zum Thurn, der Herbrottischen Blutschandsverkeufferey, Falschs vnd Betrugs auch der mir vnd meinen Kinndern zu Basel beschehenen Injurien, Gewaldthat, Spolirung vnd Rechtsversahung halber, 1584;
    Reise- u. Kriegs-Apotecken (…), 1602;
    Methodus Brevis Et Dilucida, Von Rechter u. warhaffter Extraction d. eelischen u. Spiritualischen Kräfften aus allerley Kräutern Baumfrüchten Blumen Samen Mineren u. Edelgesteinen (…), 1619;
    W-Verz.: VD 16 u. VD 17.

  • Literatur

    L ADB 38;
    J. K. W. Moehsen, Leben L. T.s, Ein Btr. z. Gesch. d. Alchemie, wie auch d. Wissenschaften u. Künste in d. Mark Brandenburg, 1783, Nachdr. 1976 (wichtigste biogr. Qu.);
    J. Ferguson, Bibliotheca Chemica, Bd. 2, 1906, 450–55;
    P. Diergart, Mitt. z. Wertung d. Paracelsisten L. T., in: Btrr. aus d. Gesch. d. Chemie, 1909, S. 306–13;
    G. Bugge, Der Alchimist, Die Gesch. L. T.s d. Goldmachers v. Berlin, 1939;
    J. R. Partington, A History of Chemistry, Bd. 2, 1961, S. 152–55;
    P. H. Boerlin, L. T. als Auftraggeber, Kunst im Dienste d. Selbstdarst. zw. Humanismus u. Barock, in: Öff. Kunstslg. Basel, J.ber. 1967–1973, S. 219–429;
    F. Juntke, Über L. T. u. sein dt. Kal., in: Archiv f. d. Gesch. d. Buchwesens 19, 1978, S. 1349–1400;
    ders., Über L. T. u. s. Schrr. nach seiner Flucht aus Berlin, ebd. 21, 1980, S. 679–718;
    P. Morys, Med. u. Pharmazie in d. Kosmologie L. T.’s zum Thurn, 1982;
    J. Büchi, Die Entwicklung d. Rezept- u. Arzneibuchlit., T. 2, Die Autoren, ihre Werke u. d. Fortschritte im 16. Jh., 1984, S. 218–53 (W-Verz.);
    G. Spitzer, L. T. zum Thurn u. d. v. ihm gegründete Berliner Druckerei (1574–1591), 3 Bde., Diss. HU 1987;
    dies., “… und die Spree führt Gold“, L. T., Astrologe, Alchimist, Arzt u. Drucker im Berlin d. 16. Jh., 1996;
    R. Schmitz, Med. u. Pharmazie in d. Kosmologie L. T.s, in: Zwischen Wahn, Glaube u. Wiss., hg. v. J.-F. Bergier, 1988, S. 141–66;
    T. Hofmeier, L. T.s Quinta Essentia 1574, Ein alchem. Lehrb. in Versen, 2007;
    D. Eikermann u. G. Kaiser, Die Pest in Berlin 1576, Eine wiederentdeckte Pestschr. v. L. T. zum Thurn (1531–1596), 2012;
    D. Eikermann, Die Druckwerke v. L. T. zum Thurn (Basel 1531 – Köln 1596), in: Gutenberg-Jb. 87, 2012, S. 171–98;
    ders., Köln im J. 1596 u. L. T. zum Thurn (1531–1596), in: Jb. d. Köln. Gesch.ver., 81, 2012, S. 85–126;
    L. T. zum Thurn (1531–1596), Persönlichkeit u. Fam.leben, in: Bär v. Berlin 61, 2012, S. 37–57;
    W.-D. MüllerJahncke, in: Alchemie, Lex. e. hermet. Wiss., hg. v. C. Priesner u. K. Figala, 1998;
    Killy;
    Complete DSB;
    HLS;
    LGB2 2 ; Reske, Buchdrucker.

  • Autor/in

    Urs Leo Gantenbein
  • Empfohlene Zitierweise

    Gantenbein, Urs Leo, "Thurneisser zum Thurn, Leonhard" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 232-234 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622447.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Thurneisser: Leonhard Th. zum Thurn, ein Hauptvertreter der medicinischen Theorieen des Paracelsus im 16. Jahrhundert, war der Sohn eines Goldschmieds zu Basel und geboren 1530. Er erlernte früh die Kunst seines Vaters, übernahm aber bald die Stellung eines Famulus bei dem Arzte Dr. Johann Huber in Basel, welchem er Arzeneien bereiten und die Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Erst 17 Jahre alt verheirathete er sich mit einer Wittwe; mittellos jedoch und unerfahren, wie er war, gerieth er in Schulden und Wucherern in die Hände, welche ihn so bedrängten, daß er 1548 heimlich seine Frau und seine Vaterstadt verließ, um zehn Jahre hindurch ein abenteuerndes Wanderleben als Goldschmied, Wappenstecher und Soldat zu führen. 1558 erschien er in Konstanz, wo er sich nach Auflösung seiner ersten Ehe wiederum verheirathete. Er zog mit seiner Frau nach Tarenz bei Imst in Tirol, legte hier ein Bergwerk und eine Schmelz- und Schwefelhütte an und sah seine Unternehmungen von solchem Erfolge gekrönt, daß er die Aufmerksamkeit des Erzherzogs Ferdinand von Oesterreich auf sich lenkte. Auf Wunsch desselben unternahm er 1560 zum Zwecke seiner weiteren Ausbildung im Bergbau und Hüttenwesen eine Reise nach Schottland, Spanien und Portugal und schließlich nach dem Orient, von welcher er 1565 über Griechenland und Italien wieder heimkehrte. Seine bergmännischen Unternehmungen in Tirol waren inzwischen in Verfall gerathen. Er gab sie daher auf und wandte sich dem Studium der|Medicin, Alchymie und Astrologie im Sinne des Paracelsus zu. Ohne solide wissenschaftliche Vorbildung, vielmehr von Mystik und Aberglauben erfüllt, unternahm er es, jene Disciplinen in umfassenden Schriften zu bearbeiten. 1569 veröffentlichte er zu Münster in Westfalen seine Archidoxa, „in Summa alle verborgenen Mysteria der Alchemy und der 7 freien Künste“ und 1570 sein Quinta Essentia, „d. i. die Höchste Subtilität, Kraft und Wirkung — der Medicina und Alchemia“. Beide Schriften sind erfüllt von wirren Speculationen und seltsamen Absurditäten und dazu in einer schwer verständlichen Sprache geschrieben. Ihnen ließ er 1571 ein Werk mehr realistischen Inhaltes folgen, „Pison“ genannt, welches in Frankfurt a. O. gedruckt wurde. Es handelte von „kalten, warmen, mineralischen und metallischen Wassern“, im besonderen von den Flüssen und Mineralien in der Mark Brandenburg und war ganz dazu angethan, den Kurfürsten von Brandenburg Johann Georg, welcher es las, für den Verfasser einzunehmen, welcher von ungewöhnlichen mineralischen Schätzen in den Flüssen und dem Boden der Mark Kunde besaß. Dem Pison zufolge führte die Spree in ihrem Sande Gold, gab es in der Umgegend von Küstrin Alaun, Salpeter, Rubinen und Granaten, bei Bernau Saphire, bei Oderberg Schwefel und Blei und dergleichen mehr. Den Flüssen wurden nicht nur medicinische, sondern auch moralische Wirkungen zugeschrieben. Das Havelwasser z. B. sollte schwer und ungesund sein und Frauen, die davon tränken, böse und klatschsüchtig machen. Neben solchen phantastischen Behauptungen enthielt der Pison andererseits verständige Angaben über die Pflanzen und Gesteine der Mark. — Nachdem Th. der leidenden Kurfürstin Sabina durch eine von ihm verordnete Cur Linderung verschafft hatte, wurde er von dem Kurfürsten als Leibarzt mit einem damals sehr hohen Gehalte von 1352 Thalern in Dienst genommen und ihm ein Theil des leer stehenden grauen Klosters in Berlin zur Wohnung eingeräumt. Nun begann für ihn eine Periode ungewöhnlicher Erfolge durch seine Thätigkeit als Heilkünstler, Alchymist, Astrologe, Naturforscher und vor allem als Geschäftsmann. Sein Hauptbestreben ging dahin, seinen Ruf als Arzt durch gelehrte Schriften zu begründen und zu verbreiten. Zur correcten Herstellung derselben gründete er in Berlin sogleich eine Buchdruckerei mit einem gut gewählten und gut besoldeten Personal. Es war die beste seiner Schöpfungen, welche auch fortbestand, nachdem er Berlin längst verlassen hatte. Seine medicinische Praxis dagegen beruhte auf unwissenschaftlichen Lehren und willkürlichen Voraussetzungen und war Quacksalberei im übelsten Sinne des Wortes. 1571 verkündete er der Welt in einer Schrift „Praeoccupatio“ die großen Erfolge seiner ärztlichen Diagnosen aus Harnproben. Die Schrift, welche jenen Titel mit dem Zusatze „das 59. Buch“ führte, erzählte von Kranken in Frankfurt und Berlin, welche durch seine neue Heilmethode ihre Gesundheit wieder erlangt hätten, und deutete an, daß die vorhergehenden 58 Bücher mit ähnlichen Krankenberichten im Drucke bald nachfolgen würden. Sie sind jedoch niemals erschienen. Die neue Heilmethode, welche auch entfernt wohnenden Kranken die Möglichkeit gewährte, medicinische Diagnosen von Th. zu erlangen, rief, wie er vorausgesehen und gewünscht hatte, einen umfangreichen Briefwechsel fürstlicher und adliger Personen mit ihm hervor, zu dessen Bewältigung er 10 bis 12 Secretäre beschäftigte. Die Rathschläge, welche er ertheilte, ließ er sich theuer bezahlen, und nicht minder die den Kranken mitgesandten Arzeneien, welche unter seiner Aufsicht in einem von ihm gegründeten Laboratorium angefertigt worden waren und die seltsamsten Namen trugen. Nimmt man dazu, daß er sich auch auf das Nativitätsstellen verlegte, Talismane und Amulette verfertigte und verkaufte, alljährlich einen Kalender mit Prophezeiungen in die Welt sandte und endlich in der Archidoxa sich die Kunst zuschrieb, unedle Metalle in edle zu verwandeln und den Stein der Weisen herzustellen, so begreift es sich, daß er in wenigen Jahren nicht nur ein sehr berühmter, sondern auch ein sehr reicher Mann wurde. Nach dieser Seite seines Wirkens ist er den berüchtigten Wunderdoctoren und Wunderthätern beizuzählen, welche sich nicht scheuten, die Unwissenheit und Leichtgläubigkeit ihrer Zeitgenossen zum eigenen Vortheile auszubeuten. Indessen würde man ihm doch nicht gerecht werden, wenn man in ihm nichts weiter sähe als einen Thaumaturgen und ärztlichen Charlatan. Er war ohne Zweifel auch bemüht, sein Wissen auf dem Wege der Naturbeobachtung zu vermehren, denn er betrieb anatomische und botanische Studien und legte Sammlungen von Mineralien, Pflanzen und Sämereien an. Sogar geographische und Sprachstudien beschäftigten ihn zeitweise, wie er sich denn nach 1578 von dem Berliner Propste Jakob Coler in der lateinischen Syntax unterrichten ließ. Von seinen mannichfachen Studien zeugen mehrere für seine Zeit bemerkenswerthe Schriften, vor allem seine „Historia sive descriptio plantarum omnium tam domesticarum quam exoticarum“, ein mit vortrefflichen Pflanzenabbildungen ausgestattetes, leider unvollendet gebliebenes Werk, von welchem der erste Theil 1578 erschien. 1574 gab er ein „Onomasticon polyglosson“ heraus, welches 1583 in einer umfassenderen Bearbeitung unter dem Titel „Melizah ϰαὶ Ἑρμηνεία“ veröffentlicht wurde. Sogar eine Chronik und eine Karte der Mark Brandenburg sind von ihm vorbereitet, aber nicht vollendet worden. Man ersieht daraus, wie seine Thätigkeit mit den Jahren eine mehr nüchterne Richtung einschlug und wissenschaftlich berechtigte Ziele verfolgte, aber zu einer vollen geistigen Gesundung brachte er es nicht mehr. Das Schwindelhafte seiner medicinischen Praxis war schließlich doch erkannt worden. Ein Mitglied der Frankfurter Universität Dr. Kaspar Hofmann griff 1576 sein Heilverfahren in einer später auch gedruckten Rede: De barbarie imminente mit überzeugender Kritik an und 1579 bezeichnete der Professor Franz Joel in Greifswald in einer Schrift: De morbis hyperphysicis et rebus magicis Th. geradezu als Betrüger und Zauberer. In einer heftigen schmähsüchtigen Gegenschrift suchte dieser sich zu vertheidigen, allein die öffentliche Meinung in Berlin war wider ihn. Er fühlte den Boden unter sich wanken und dachte an eine Uebersiedelung nach Basel. Im Herbste 1579 besuchte er seine Vaterstadt nach langer Abwesenheit wieder, erwarb hier das Bürgerrecht und durch Kauf eine umfangreiche Besitzung und verheirathete sich hier sogar zum dritten Male, da seine zweite Gattin inzwischen gestorben war. Diese dritte Frau indeß, die Tochter eines Baseler Patriciers Herbrott, führte seinen Ruin herbei. Nachdem er mit ihr nach Berlin zurückgekehrt war, um durch Auflösung seiner Geschäftsbetriebe seinen Abzug vorzubereiten, erwies sich, daß sie ebenso sittenlos wie ungebildet und ein Zusammenleben mit ihr für ihn unmöglich war. Er sandte sie daher ihrem Vater nach Basel zurück und sah sich bald in einen kostspieligen und langwierigen Eheproceß verwickelt, der mit seiner Verurtheilung und der Ueberweisung seines in Basel befindlichen Besitzes an seine frühere Gattin endete. Sein Wohlstand war dadurch zerrüttet, und nun konnte auch die unveränderte Zuneigung des Kurfürsten ihn nicht bewegen, noch länger in Berlin zu bleiben. Als er diesen im Sommer 1584 auf einer Reise nach Dresden begleiten sollte, benutzte er diese Gelegenheit zur Flucht nach Prag und dann nach Italien. Ueber ein Decennium hinaus führte er abermals ein unruhiges Wanderleben, dessen Verlauf sich jedoch der geschichtlichen Kunde entzieht, da fast jede sichere Nachricht darüber fehlt. Ein in Frankfurt am Main von ihm veröffentlichter Kalender auf das Jahr 1591 mit einer Vorrede über die Magie und „was davon zu halten sei“, ist das letzte von ihm bekannte Werk. In einem Kloster zu Köln soll er 1595 oder 1596 sein Leben beschlossen haben.

    • Literatur

      Eine quellenmäßige Darstellung seines Lebens und ein Verzeichniß seiner Schriften lieferte J. C. W. Moehsen in seinen Beiträgen zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark Brandenburg, S. 55—198.

  • Autor/in

    J. Heidemann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Heidemann, J., "Thurneisser zum Thurn, Leonhard" in: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 226-229 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118622447.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA